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Kapitel 1: Der richtige Style
© Giorgio von Arb
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| Möglich, dass die Hamsterkäfige bald aus seinem Zimmer verschwinden. Marc braucht Platz für die neue Xbox. |
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Spätsommer im Döltschischulhaus in Zürich. Mit dem ersten Schultag beginnt für siebzig 13-Jährige ein neuer Lebensabschnitt: Ab heute sind sie Sekundarschüler.
Von Reto U. Schneider, Gudrun Sachse und Brigitte Hürlimann
Cayu nimmt Abschied von seiner Baseballkappe
«Herzlich willkommen!» hat der neue Lehrer an die Wandtafel geschrieben, doch für Cayu Hasler beginnt der erste Tag an der Sekundarschule mit einer fürchterlichen Enttäuschung. Die Baseballkappe, seit drei Jahren wichtigster Bestandteil seines sorgfältig inszenierten Outfits, ist im Schulzimmer verboten: «Eine Frage von Respekt und Anstand», findet Daniel Kohli, der nicht gesichtslose Wesen unterrichten will. Mit dieser Auffassung ruiniert er Cayus Outfit, den Cayu-Style.
Am Morgen seines ersten Oberstufentags ist der 13-Jährige wie fast immer als erster der Familie aus dem Bett gekrochen, hat sich eines seiner übergrossen, kurzärmligen Puma-Shirts und eine verwaschene Jeans angezogen, hat im Badezimmer Puma-Deodorant aufgetragen, bunte Gummibänder ums Handgelenk gestreift, sorgfältig seine knapp schulterlangen, dunkelbraunen Haare frisiert – und sich anschliessend die Mütze aufgesetzt. Die hellblau-weisse ist derzeit sein Favorit, an zweiter Stelle kommt jene mit dem Tarnmuster, ein Geschenk seiner älteren Schwester Chandra. Aufschriften oder Werbesprüche auf der Baseballkappe findet er doof, «das wirkt so billig». Die hellblau-weisse hat er sich selbst geleistet, für zwanzig Franken – ein halbes Vermögen für Cayu, der mit dreissig Franken Sackgeld pro Monat auskommen muss.
Wenn er coole Jungs und Mädchen kennenlernen, sich in einer Clique behaupten will, muss er vom ersten Tag an richtig angezogen sein. Sonst landet er womöglich in einer Streber- oder Aussenseitergruppe, und das ist fast das Schlimmste, was einem 13-Jährigen passieren kann. Während der Zehnuhrpause mustert Cayu draussen auf dem Schulhausplatz die Schüler. Jungs, die ihre Jeans in die Socken stecken, mit Irokesenfrisuren und riesigen Dolce-&-Gabbana-Gürtelschnallen. Cayu-Style trägt nur er.
Lehrer Kohli hat vor der ersten Stunde Namensschilder auf die Pulte gestellt: Orlando neben Sonja, Philipp neben Florentina, Dragan neben Claudine. Daniel Kohli ist 51 Jahre alt und unterrichtet seit zehn Jahren am Döltschischulhaus. Er hat vier Kinder und wohnt in der Gegend. Aus Erfahrung weiss er, dass die Disziplin im Klassenzimmer besser ist, wenn Buben neben Mädchen sitzen.
Einige der Buben kichern nervös, als sie sich neben das zugewiesene Mädchen setzen, Cayu nicht. Er kennt seine Banknachbarin Carmen schon lange, wie die meisten der zwanzig neuen Mitschüler im Klassenzimmer: aus dem Quartier, dem Hort oder von der Primarschule. Carmen ist eines der reifsten und frechsten Mädchen der Klasse, einen guten Kopf grösser als der filigrane Bub. Die Parties bei ihr zu Hause sind legendär.
Kurz nach der Begrüssung verliest Lehrer Kohli eine nicht enden wollende Liste von Verboten: Kein Kaugummi! Keine Mützen, Kappen und Kapuzen auf dem Kopf! Kein Handy, MP3-Player, Gameboy oder Ähnliches im Schulhaus und draussen auf dem Schulareal, das durch ausgewaschene, gelbe Linien am Boden markiert wird. Es drohen Strafaufgaben und Nachsitzen. Selbst wer die gelben Linien nicht sieht, weiss sofort, wo sie verlaufen: dort, wo die Schüler beim Eintreffen in der Schule kurz anhalten und ihr Handy im Rucksack verstauen, und dort, wo sie auf dem Heimweg stehen bleiben, um es unverzüglich wieder auszupacken.
Auch Cayu hat sein Telefon stets dabei und kontrolliert noch auf dem Nachhauseweg die Nachrichtenlage. Er kennt nun die Regeln und weiss, welche Möglichkeiten er hat: sich an die Vorschriften halten oder sich nicht erwischen lassen. Im Leben eines Sekundarschülers, das stellt Cayu sorgenvoll fest, weht ein anderer, ein harter Wind.
Anika möchte ans Gymnasium
Es ist fünf Uhr morgens. Der Wecker hat nur kurz gepiept. Anika Islam schlägt vorsichtig die Bettdecke zur Seite, damit Priya nicht aufwacht. Priya ist ihre zweieinhalbjährige Schwester, die jede Nacht um zwei vom Bett der Mutter in das von Anika wechselt. Anika setzt sich an den Bettrand und reibt sich das Kreuz. Da hinten zieht es, und der Bauch fühlt sich an, als hätte ihr jemand in den Unterleib getreten. Hoffentlich ist es nicht die Periode, fleht sie leise. Viele ihrer Kolleginnen rennen trotz Periode auf dem Pausenplatz umher, spielen Fussball. Anika hat einfach nur Schmerzen. Sie denkt an die vielen Treppenstufen, die sie von ihrer Wohnung im obersten Stock des Genossenschaftsblocks hinunter in den Keller gehen muss, um die Waschmaschine zu füllen, oder – schlimmer noch – an die Schule: wenn das Ziehen im Bauch und die plötzliche Hitze im ganzen Körper die Worte des Lehrers undeutlich werden lassen. Es gibt Mädchen an der Schule, die regelmässig ein Publikum aus fasziniert-erschreckten Jungs mit Details zu ihrer Monatsblutung unterhalten. Anika gehört nicht zu ihnen.
Sie geht in die Küche und kocht sich einen Kamillentee, setzt sich an ihr Pult, schlägt das Französischbuch auf: «La monnaie, das Kleingeld; la marchandise, die Ware; la pile, die Batterie.» Es bleibt ihr noch eine Stunde, ehe Priya aufwacht und von ihr gewaschen und angezogen werden möchte. Anika nutzt die Ruhe zum Lernen, sie hat grosse Pläne, möchte weg aus der Sekundarschule, möchte ans Gymnasium, Ärztin werden. Sie hasst die Sek, allein das Wort: Sek.
Das Döltschischulhaus ist ein verschachtelter Bau aus rotem Backstein auf drei Etagen aus dem Jahr 1964. Die zwei über eine Treppe verbundenen geteerten Plätze werden in der grossen Pause von rund 300 Schülern bevölkert, die eine der 15 Klassen von der 1. bis zur 3.Sek besuchen. Sich während der Pause in den Schulzimmern oder den Gängen des Schulhauses aufzuhalten, ist schon wiederholt für einige Monate verboten worden. Viele der Knaben rennen in der Pause so wild umher, dass die Lehrer finden, sie seien draussen besser aufgehoben.
Das Schulhaus liegt im Friesenbergquartier am Fuss des Üetlibergs in Zürich. Es gibt hier Schrebergärten, Felder und Friedhöfe. Die Schüler leben mit ihren Familien in Genossenschaftshäuschen mit Garten aus den 1930er Jahren oder in städtisch subventionierten Wohnungen. Die meisten Familien im Friesenberg haben untere und mittlere Einkommen. In keinem anderen Zürcher Quartier gibt es mehr Kinder und Jugendliche. Obwohl der Ausländeranteil im Quartier mit 23 Prozent unterdurchschnittlich ist, sind im Döltschischulhaus fast die Hälfte der Jugendlichen Ausländer.
Mit dem Eintritt in die Sek beginnt für die Schüler ein neuer Lebensabschnitt. Die Primarschulklassen wurden auseinandergerissen und auf drei Leistungsniveaus verteilt: Sek A, Sek B und Sek C. In der ersten Sek sind die Schüler 13 Jahre alt und in einem merkwürdigen Schwebezustand zwischen Kindsein und Erwachsensein. Sie bestreichen den Stuhl des Lehrers mit Leim und müssen sich langsam überlegen, was sie einmal werden wollen. Sie besitzen fast ausnahmslos ein Handy, das mit SMS wie «chunsch au?» oder «was machsch?» ihr Taschengeld auffrisst. Sie reden von «ficken» und «blasen» und schwärmen für Mädchen oder Buben, die sie nicht anzusprechen wagen.
In anderen Kulturen würden sie durch einen Initiationsritus auf einen Schlag vom Mädchen zur Frau oder vom Knaben zum Mann. Am Döltschischulhaus hingegen verläuft die Metamorphose schleppend langsam. Für Cayu und Anika, für Marc, Anja und Jonas hat sie eben erst begonnen.
Marc plant seine Zukunft ohne Hamster
Es ist Montag zwischen Schulschluss und Fussballtraining, als Marc Mischler seine Zukunft zeichnet. Er setzt sich ans Pult, blickt einen Moment gedankenverloren zu seinen Hamsterkäfigen unter dem GC-Poster und kritzelt dann vier Linien auf ein kariertes Blatt Papier – die Wände seines Zimmers –, darin kraklige Rechtecke für Kasten, Bett, Pult. Es ist ein grober Plan – bis auf ein Detail: In der linken oberen Ecke führen zwei geschwungene Linien von einem kleinen Rechteck zu zwei noch kleineren: die neue Spielkonsole Xbox 360 mit zwei Joysticks, die er sich zu Weihnachten wünscht und die seine alte Xbox ersetzen soll. Auch Fernseher und Computer zeichnet er an ihren neuen Positionen ein.
Einen Termin für das Umstellen des Zimmers gibt es noch nicht. Der hängt auf delikate Weise von der Lebenserwartung von Sweepy und Yupee ab. Ihre Käfige sucht man auf der Skizze vergeblich. Marc hat die Hamster vor einem Jahr bekommen. Da war er zwölf. Eigentlich wollte sein Vater nicht noch mehr Tiere – es gab schon zwei Kaninchen im Haushalt –, aber Marc schrieb ihm einen Brief, mit all den Argumenten, die er von seinen Eltern über den erzieherischen Wert von Haustieren gehört hatte. Zum Beispiel, dass er für etwas Verantwortung tragen wolle und gerne mit jemandem sprechen würde, wenn er wütend sei. Kurze Zeit später traten die Hamster in sein Leben, und Marc hängte ein Schild an seine Tür. «Komm rein!! Der Hamster ist im Terrarium», steht auf der einen Seite. «Achtung. Hamster frei, bitte klopfen und warten, bis Tür aufgeht», auf der anderen.
Jetzt ist Marc dreizehn und dreht das Schild nur noch selten. Seine Prioritäten haben sich verschoben. Er besucht seit kurzem die 1. Sek im Döltschi, hat viel Hausaufgaben, ist Goalie beim FC Wiedikon, geht am Freitagabend in die Jugidisco und sieht gern in seinem Zimmer fern. Sehr gern. An seinem Kasten hängt ein Zettel:
Fernsehregeln 1. Zuerst fragen, bevor Fernsehschauen. 2. Kein Fernsehen am Morgen. 3. Zuerst Aufgaben machen. Falls es nicht klappt: 1. Ein Tag Fernsehverbot. Falls es immer noch nicht klappt: 2. Eine Woche Fernsehverbot.
Es ist mehr als ein Jahr her, seit Marc seine Unterschrift unter diese Regeln gesetzt hat. In dieser Zeit sind sie sowohl auf dem Papier als auch in seinem Gedächtnis etwas verblasst. In der sechsten Klasse spielte das noch keine grosse Rolle: Seine Noten waren gut, es reichte für den Übertritt in die leistungsstärkste A-Klasse der 1. Sek. Aber jetzt verlangt die Schule mehr.
Um die Hamster Sweepy und Yupee kümmert sich Marc trotz Fernsehen noch gewissenhaft. Doch für den Fall, dass sie mal nicht mehr da sind, sieht sein Plan anstelle der zwei Terrarien zwei bequeme Sessel vor – einen für jeden Joystick der neuen Xbox 360. Nicht dass er ihnen den Tod wünschte, aber es ist klar, dass die Hamster-Ära langsam zu Ende geht, genau so wie zuvor die Playmobil-Ära und die DJ-Bobo-Ära.
Anja weint ihrem Handy nach
Zehn vor vier. In wenigen Minuten wird Anja nach Hause kommen und im Wohnzimmer ihr geliebtes pinkfarbenes Handy aus dem Regal holen wollen, um die SMS zu lesen, die ihr die Kolleginnen geschrieben haben, während sie in der Schule sass. Aber heute wird sie kein Handy finden. Es ist kaputt, und das ist die Schuld von Anjas Mutter. Sie gab das Handy Anjas 18 Monate alter Schwester Vida zum Spielen, um sie in Ruhe füttern zu können, und anschliessend vergass sie, es ins Regal zurückzulegen. Vida schnappte es sich, warf es in die Toilette und drückte die Spülung – weil es nicht verschwinden wollte, gleich mehrmals. Anna Nikolic blieb nur, sich hinzuknien und das Telefon aus der Toilettenschüssel zu angeln. Sie hatte wenig Hoffnung, dass es noch funktionieren würde, dennoch rief sie ihren Mann an. «Versuch es zu föhnen», riet er. Sie föhnte es. Es blieb tot. Und jetzt ist Frau Nikolic nervös. Wie soll sie das ihrer Tochter nur erklären?
Nach der Schule setzt sich Anja oft neben ihre Mutter aufs Sofa, schmiegt sich an sie und lässt sich von ihr über die Haare streicheln. Sie ist dann nicht mehr die Älteste von vier Geschwistern, sondern Mamas kleines Mädchen. Ihre Mutter ist dann nur für sie da. Das geniesst Anja, so lange, bis ihr einfällt, dass eine 13-Jährige Wichtigeres zu tun hat, und sie aufsteht und geht.
Als Anja durch die Haustür tritt, kommt ihr die Mutter entgegen und sagt: «Es tut mir leid, dein Handy ist kaputt.» Ihre Begründung geht in einem schrillen Schrei unter. Anja will nichts wissen, sie will sich die Wut von der Seele kreischen, und zwar lange und gleichmässig. Für die nächsten zehn Minuten steht für Anja fest: Diese Mutter liebt sie nicht. Sie rennt die Treppenstufen zu ihrem Zimmer hoch, lässt den Rucksack unterwegs fallen.
Das Handy hat Anja von ihrer Grossmutter zum Geburtstag bekommen, es ist Teil ihres Lebens geworden, es hat sie erwachsener gemacht, ihr eine Privatsphäre gegeben. Sie schlägt die Tür hinter sich zu und brüllt: «Alles deine Schuld.»
«Du hast recht, es ist meine Schuld. Es tut mir leid. Du bekommst ein neues», antwortet die Mutter, die vor der Zimmertür steht.
«Ja, und wann? Das dauert immer ewig.»
Anja braucht das Telefon, wenn ihre Kolleginnen vom Eiskunstlauf nach der Schule schreiben: «Chunsch au?» Da muss sie antworten können, und zwar sofort. Spätestens braucht sie es in einem Monat, wenn sie mit Lisa und Shayenne an das Konzert ihrer Lieblingsband Pussycat Dolls ins Hallenstadion geht. Könnte ja sein, dass sie sich im Gewühl verlieren oder das Konzert früher fertig ist, dann muss sie ihre Eltern anrufen können und sagen: «Ihr könnt mich jetzt abholen, schnell.»
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