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NZZ Folio 06/09 - Thema: Am Schwarzen Meer   Inhaltsverzeichnis

Duftnote -- Magische Momente

© Fabienne Boldt
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Das grosse Geld in der Parfumindustrie machen die Fabrikanten von Haushaltdüften – sie ringen um jedes Prozent Marktanteil.

Von Luca Turin

Zu den vielen Dingen, die ich an den USA liebe, gehört die majestätische Grösse der Haushaltgeräte: Europäische Augen sehen in amerikanischen Waschmaschinen und Wäschetrocknern Exemplare einer Gattung von freundlichen Riesen, die einen stets daran erinnern, welch ein Luxus es ist, Platz zu haben, auch wenn man ihn nur mit schmutziger Wäsche füllt.

Die Giganten bewohnen weite, offene Räume im Keller der Häuser, wo im übrigen ausrangiertes Spielzeug aufbewahrt wird, Gartenwerkzeug, voreilig angeschaffte Dinge, deren Kauf längst bereut wurde, und, zumindest in meiner Gegend, Schneeräumgerät für jene Tage, an denen man morgens aufwacht und das Auto vor der Tür nicht mehr findet.

Wenn man an den bemerkenswert klapprigen Häusern vorbeigeht, in denen die Amerikaner wohnen und die offenbar nicht dazu gedacht sind, ihre Bewohner zu überleben, blasen einem auf Strassenhöhe Abluftventilatoren überwältigende Schwaden von Waschmittel- und Weichspülerdunst ins Gesicht. Man glaubt nicht mehr, dass man sich im Freien aufhält, sondern wähnt sich in einem mysteriösen Raum von der Grösse einer Stadt. Die Verbindung von Deftigkeit und Masse schlägt einem aufs Herz wie ein Fetzen allzu lauter Musik aus einem vorbeifahrenden Wagen. Haushaltdüfte besitzen die poetische Schönheit überdimensionierter Objekte wie Claes Oldenburgs Riesentelefon, sein monumentales Apfelbütschgi oder seine Wäscheklammer im Lastwagenformat. Diese Düfte sind nicht dazu gedacht, in solcher Vergrösserung goutiert zu werden, und wirken rauh und haarig wie Zeitungslettern, wenn man sie durchs Mikroskop betrachtet.

In angemessener, lesbarer Grösse sollen die den Waschmitteln und Weichspülern beigegebenen Parfums die Kundentreue verstärken. Man entscheidet sich letztlich für eine Marke, weil man gern Aprilfrische oder Sommerwiese riecht. Aber dahinter steckt System. Die Waschmittelhersteller sind die politischen Parteien der Parfumindustrie: Ein Gewinn von nur wenigen Prozenten Marktanteil ist schon ein gewaltiger Sieg.

Tausende von freiwilligen Versuchspersonen tragen emsig kleine Testpakete mit neuen Duftkompositionen und Fragebogen nach Hause, die sie an kritischen Zeitpunkten ausfüllen: wenn sie die Wäschetrommel öffnen, während sie die Wäsche zum Trocknen aufhängen und wenn sie sie zusammenfalten. Diese Zeitpunkte werden in der Branche, ohne jede Ironie, «magische Momente» genannt.

Trotz den geringen Kosten der Kompositionen wird hier das grosse Geld gemacht. Die wöchentlichen Ausgaben für das Duftöl von Procter & Gambles Flaggschiff Tide dürften gut und gerne dem Zehnjahresumsatz von Patou entsprechen, und doch wird jeder Cent, den die Seifenfabrikanten für ihre Duftkompositionen ausgeben, behandelt, als sei er ein Goldvreneli. Muss das so sein?

Warum stellt Guerlain keinen Luxusweichspüler her? Wahrscheinlich, weil wir ihn nicht kaufen würden. Auch Waren haben ihr Kastensystem, und anscheinend wollen wir es nicht anders: Telefone müssen die menschliche Stimme mehr schlecht als recht wiedergeben, Hamburger müssen vor Fett triefen, Armaturenbretter müssen aus Plastic sein, das so tut, als sei es Leder, und Waschmittel müssen angenehm riechen, aber dabei gehorsam und schmucklos – in einem Wort: fügsam bleiben. Oder um ein viktorianisches Bild zu benutzen: Sie müssen wissen, wo sie hingehören. Unter die Treppe.

Luca Turin ist Forschungsleiter bei Flexitral Inc.; er lebt in London.



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