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Duftnote -- Lob des Nischenparfums
© Fabienne Boldt
Verunstaltete Klassiker, vorlauter Celebrity-Tand, langweilige Nachahmer – die Parfumliebhaber klagen und hoffen auf Nischendüfte.
Von Luca Turin
Wie – zumindest in Italien – jeder weiss, begreift das Opfer einer Verwünschung nicht, was mit ihm los ist, bis ihm ein hilfreicher Bote sagt: «Es ist der böse Blick!» Von dem Moment an erhält, was zuvor als sinnloses Unglück erschien, mit einem Mal Struktur.
Ich finde jedoch, dass diese Wahrheit viel eher auf glückliche Ereignisse zutrifft: Nach meiner Erfahrung ist es das Glück, auf das man mit der Nase gestossen werden muss. Letzte Woche hatte ich ein solches Aha-Erlebnis: In der «Los Angeles Times» las ich in einem Interview mit dem Parfumhistoriker und Taxonomen Michael Edwards, dass die Nischenparfums «ein neues goldenes Zeitalter des Parfums» eingeläutet hätten. Viele Parfumliebhaber, die wie ich die zunehmende Verunstaltung der Klassiker, den Aufstieg des Celebrity-Tands und die endlose Plage von Nachahmer- und Nachfolgedüften mit verfolgt haben, wissen ihr trostloses Klagelied anzustimmen.
Unbestritten, die Nischenparfums vermochten, seit Jean-François Laporte 1978 L’Artisan Parfumeur gründete, immer wieder unsere Tränen zu trocknen und ein Lächeln auf unsere Lippen zu zaubern. Doch die Nischendüfte hatten stets etwas gewollt Marginales; es waren exotische (Lutens), dadaistische (Etat Libre d’Orange) oder minimalistische (CdG) Antworten auf ein klassisches Establishment, das gar nicht mehr gestürzt zu werden brauchte.
Mit anderen Worten, es gab viele Gauguins, Picabias und Reinhardts, aber keinen Botticelli oder Vermeer und schon gar keinen Gerhard Richter mehr. Nur die wenigsten Nischenfirmen wagten sich an klassische Düfte, obschon manche der Sache recht nahe kamen: Lutens’ La Myrrhe beispielsweise ist ein unter einer Fasnachtslarve verstecktes Chanel No 5, und MDCIs Enlèvement du Sérail hält allem stand, was in den letzten hundert Jahren hervorgebracht wurde.
Aber die Parfumeure Chris Sheldrake und Francis Kurkdjian, die hinter diesen Düften steckten, waren Fremdgänger grosser Duftimperien und verfügten über umfangreichen technischen Rückhalt. Im Grunde veröffentlichten sie in der Nische ein persönlicheres Skript, das nicht ins Programm der Grossen passen wollte.
Am Tag, als ich das optimistische Interview mit Michael Edwards las, brachte der Postbote mir Ormond Jaynes neuesten Duft, Tiaré. Diese kleine Londoner Firma ist seit je bescheiden im Wort und kühn in der Tat, und es war von Anfang an klar, dass Linda Pilkington den Ehrgeiz hatte, Guerlain auf eigenem Terrain zu schlagen, statt Neuland zu erobern. Ormonde (Man und Woman) und Tolu sind Parfums grossen Stils, von zeitloser Anmut, Ausgewogenheit und Komplexität.
Tiaré geht noch einen Schritt weiter und versucht sich an der unbezwingbarsten aller klassischen Kompositionen: dem Zitrusfloral für Damen. Zu dieser Kategorie gehören Wunderwerke wie Alpona von Carons, Diorella und Cristalle von Chanel – Düfte, die Diana, die Göttin der Jagd, zu ihrer grossen Nacht auflegt. Tiaré orientiert sich unverkennbar an Cristalle: eine hochmütige, seidene Frische, die allmählich eine grüne, säuerliche, olivenölhafte Fruchtigkeit freigibt.
Aber Linda Pilkington weiss nicht, wo ihr Platz ist, denn Tiaré ist besser – reicher, komplexer, interessanter – als sein Vorbild. Es enthält viele natürliche Ingredienzien und duftet, als koste es ein Vermögen. Nach allem, was ich höre, verfügt OJ zurzeit nur über Rohstoffe für 160 Flaschen. Da dürfte sie sich selbst unterschätzt haben…
Luca Turin ist Duftforscher bei MIT; er lebt in Boston.
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Wer ist Luca Turin?
"The Emperor of Scent" von Chandler Burr ist eine spannende Darstellung von Leben und Arbeit Luca Turins, der eine faszinierende Theorie entwickelt hat, wie unser Geruchssinn eigentlich funktioniert.
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Interview mit Luca Turin
NZZ-Format, das Fernsehmagazin der NZZ, hat im November 2006 einen Special zum Thema Parfum ausgestrahlt. Die Sendung ist auf DVD erhältlich und enthält als Bonusmaterial unter anderem ein Interview mit Luca Turin (in Englisch).
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Der Parfumführer von Luca Turin.
Soeben ist im Viking-Verlag "Perfumes. The Guide" erschienen. Der NZZ-Folio-Duftkolumnist Luca Turin hat zusammen mit der Parfumkritikerin Tania Sanchez fast 1500 Parfums getestet und in pointierten Kurzkritiken beurteilt.
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