|
|
NZZ Folio 02/10 - Thema: Das Ehrenamt Inhaltsverzeichnis
Schlaglicht -- Selbstmordattentate – wie lange noch?
© Angelo Boog
Die Geschichte kennt sie unter vielen Namen: Berserker, Assassinen, Kamikaze – alle haben sie sich selbst umgebracht und andere mit in den Tod gerissen; sie sind die ideale Waffe des Terrors.
Von Wolf Schneider
Nie und nirgends sonst kann ein Einzelner mit so geringem Aufwand so viel Schrecken verbreiten, als wenn er zusammen mit anderen sich selbst umbringt. Die Methode ist alt – seit 2001 schreibt sie Weltgeschichte. Was treibt den an, der sich tötet, um möglichst viele in den Tod zu reissen? Und wie lange soll der Spuk noch weitergehen?
Wer tat es?
Berserker, «Krieger im Bärenfell», hiess im nordischen Mythos ein Held, der jäh die Rüstung von sich warf und seine Feinde niedermetzelte, bis er selber fiel. Unter den Wikingern gab es solche Amokläufer. Assassinen, «Haschischraucher», nannten sich die Mitglieder eines islamischen Geheimbundes, der im 12. und 13. Jahrhundert Morde an Kreuzfahrern, aber auch an einheimischen Fürsten verübte, des eigenen Todes sicher. «Assassin» ist noch heute auf englisch und französisch der Meuchelmörder.
Kamikaze, «göttlicher Wind»: So hatten die Japaner den Taifun getauft, der sie 1281 vor einer mongolischen Invasionsflotte rettete – und so nannten sie das Korps der Selbstmordflieger, das sie im Oktober 1944 ins Leben riefen: Rund 1100 Piloten stürzten sich auf amerikanische Kriegsschiffe und versenkten 34 von ihnen, 3 Flugzeugträger darunter.
Das war rational insofern, als das ganze Flugzeug besser traf und mehr Schaden stiftete als seine Bomben allein. Zugleich war es irrational, weil die Militärs längst wussten, dass der Krieg verloren war. Human war es insofern, als niemals Zivilisten dabei ums Leben kamen.
Wer tut es?
Den heutigen Selbstmordattentätern sind gerade Zivilisten die willkommene Beute. Den ersten Anschlag im Nahen Osten verübte 1982 der Hizbullah in Libanon. 1983 detonierte ein mit Sprengstoff beladener Lastwagen auf dem Gelände der amerikanischen Botschaft in Beirut. 1987 brach im Westjordanland und im Gazastreifen die Intifada gegen Israel aus. Am 11. September 2001 fand in New York jenes Attentat statt, das Amerika und die halbe Welt verändert hat. Am 8. Oktober begannen die USA mit der Invasion Afghanistans, weil es als die Brutstätte der Terroristen galt.
Schon im Dezember hatten sie das Land grösstenteils erobert – seit 2003 schlagen die Taliban zurück, und Selbstmordattentate sind ihre schlimmste Waffe: Hunderte von Toten jedes Jahr, und am 15.?Dezember 2009 brachten sie mitten im Regierungsviertel acht Menschen um.
Die Invasion des Iraks begann am 20. März 2003 – am 1. Mai rief Präsident George W. Bush sein törichtes «Mission accomplished!» in die Welt hinaus. Die Stunde der Guerrilla hatte geschlagen. Allein 2009 mindestens 400 Tote durch Autobomben und Sprengstoffgürtel. Inzwischen haben die Selbstmordattentate auf Pakistan übergegriffen: 95 Tote am Neujahrstag.
Warum tun sie’s?
Den Selbstmord verbietet der Koran; aber wer im Kampf gegen die Ungläubigen den Tod findet, der ist ein Märtyrer und kommt sofort ins Paradies (Sure 47), den «Garten der Ewigkeit», wo schwarzäugige Jungfrauen (nach einer anderen Lesart: saftige Trauben) ihn erwarten. Es scheint, dass die Mehrzahl der Täter diese Verheissung wörtlich nimmt – und an 25 Stellen ruft der Koran dazu auf, die Ungläubigen zu töten.
Nicht alles aber muss mit dem Koran erklärt werden. Hass auf die Besatzer wäre ein sogar uns halbwegs einleuchtendes Motiv, und im Islam lauert im Hintergrund der Hass auf die Übermacht des Abendlands. Märtyrern huldigt auch das Christentum, und zum Helden verklärt wird in den meisten Kulturen, wer für sein Land, seine Sache kämpft bis in den Tod.
Zum Kamikaze drängten anfänglich die Freiwilligen. Die Palästinenser ehren den Todgeweihten und feiern ein Fest, wenn ihm die Tat gelang. Mohammed Atta muss ein Machtrausch ergriffen haben, als er die Türme des World Trade Center auf sich zurasen sah: «Dies ist die Stunde, da du Allah treffen wirst!» war ihm mit auf den Weg gegeben worden. «Engel rufen deinen Namen.»
Wie lange noch?
Die Versuchung bleibt: Für Materialkosten ab etwa 150 Dollar kann der Ohnmächtige die Mächtigen ins Verderben stürzen. Die haben «dem Terror» den Krieg erklärt, aber finden können sie ihn nicht. Ihnen bleibt nur die Hoffnung, dass entweder der Grund entfällt wie beim Kamikaze durch Japans Kapitulation oder dass die Mörder nach und nach niedergerungen werden wie die Assassinen – nach mehr als hundert Jahren.
Wolf Schneider ist Schriftsteller; er lebt in Starnberg (D).
Leserbriefe:
Zu Schlaglicht -- Selbstmordattentate – wie lange noch? - NZZ-Folio Das Ehrenamt (02/10)
Die Selbstmordattentate muslimischer Menschen, auf deren Konto die Ermordung Tausender von Unschuldigen gehen, dürften mit keinem Gedanken mit dem Sterben christlicher Märtyrer verbunden werden. Diese – die Namen Dietrich Bonhoeffers und Maximilian Kolbes stehen für viele – haben sich unschuldig töten lassen und damit die Glaubwürdigkeit ihres Gottvertrauens unter Beweis gestellt, während jene in verbrecherischer Art andere auf ihrem eigenen Irrweg umkommen liessen. Bitte respektieren Sie in Zukunft die Grösse des Begriffs «Märtyrer»! Jakob Gehring, Davos
Teilen
Für 94 Franken pro Jahr gibt es NZZ Folio auch im Abonnement. Näheres hier.
Urheberrecht gilt auch im Internet: Verlinken erlaubt, Kopieren verboten.
|
|
|