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Geschenk für Götter
© Richard T. Nowitz/Corbis
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| Offiziell wurde die Mitgift verboten. Doch inoffiziell ist es immer noch Pflicht des Brautvaters, seine Tochter zu schmücken. |
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Die Inder pflegen eine besonders innige Beziehung zu Gold. Für sie bedeutet das Edelmetall mehr als Wohlstand und Sicherheit. Doch neuerdings zeigt die Jugend andere Vorlieben.
Von Shobhaa Dé
Zu meinem achtzehnten Geburtstag schenkte mir meine Mutter vier massive, 23-karätige Goldarmreifen. Ich steckte sie an mein linkes Handgelenk und habe sie nie wieder abgelegt. Viele Jahre sind inzwischen vergangen, aber die Reifen sind immer noch dort, zusammen mit einem weiteren, den mir mein Mann als Symbol unseres Ehebunds geschenkt hat. Diese fünf Schmuckstücke sind das Liebste und Kostbarste, was ich besitze. Meine Sammlung an Goldschmuck wurde um einige aussergewöhnliche antike Stücke erweitert, aber jene Armreifen haben in meinem Herzen einen einzigartigen Platz. Was Wunder, dass auch ich, wie meine Mutter, meine Töchter mit einem eigenen Satz von Goldbangles ausgestattet habe.
Ich bin dieser altehrwürdigen indischen Tradition gefolgt, weil sie auf vernünftigen Überlegungen beruht. Wahrscheinlich ist Indien das Land mit den grössten privaten Goldreserven und führt im globalen Wettrennen um das kostbare Metall noch vor China und Amerika. Laut der letzten Verlautbarung rühmt sich das Land des Besitzes von 18 000 Tonnen. Es ist keine Übertreibung zu behaupten, dass Indien – Finanzkrise hin oder her – von einem unersättlichen Hunger getrieben jedes Jahr mehr Gold verschlingt, trotz den gegenwärtig astronomischen Preisen.
Meine Mutter zahlte im Jahr 1966 zwischen 800 und 1000 Rupien für zehn Gramm; inzwischen sind die Goldpreise durch die Decke gegangen, und man muss für dieselbe Menge 15 650 Rupien auf den Tisch legen. Am1. Januar 2008 kosteten zehn Gramm Gold noch 10 200 Rupien, im März 2009 hat der Preis 15 000 Rupien überschritten, die Analysten sagen einen weiteren Anstieg bis 16 000 voraus. Doch diese fast beängstigende Wertsteigerung hält niemanden davon ab, weiter Gold zu kaufen. Und das liegt daran, dass Gold während der gesamten indischen Geschichte im Leben der Leute eine besondere Stellung eingenommen hat. Fast jeder hierzulande, unabhängig von Klasse, Kaste oder ethnischer Zugehörigkeit, besitzt einen Batzen Gold – und seien es nur wenige Gramm.
Es ist eine Mischung aus Schmusedecke und Sicherheitsnetz, eine Wette auf die Inflation und eine Absicherung gegen sie. Diese konservative Einstellung zum Gold hat uns in der gegenwärtigen globalen Geldschmelze eine satte Dividende beschert, und das Gold, das die meisten Familien besitzen, hat ihnen einen gewissen Schutz geboten. Selbst die Ärmsten der Armen borgen sich Geld, um ihren Töchtern zur Hochzeit Gold zu kaufen. Weshalb? Um ihnen in ihrem neuen Leben ein Quentchen persönliche Sicherheit mit auf den Weg zu geben.
Die alte Unsitte der Mitgift, die 1961 von der Regierung verboten wurde, legte einst fest, wie viel Gold die Braut mit in die Ehe zu bringen hatte. Aber selbst heute, da die Mitgift offiziell abgeschafft ist, gehört es unabhängig vom sozialen Status zu den wichtigsten Pflichten jeden Brautvaters, seiner Tochter Goldschmuck mitzugeben – ein Vater aus der Mittelschicht gibt vielleicht hundert Gramm, bei reicheren Leuten können es schon mal fünf Kilo sein.
Eine Dame aus meinem Bekanntenkreis hat ihrer Tochter zu jedem Geburtstag einen britischen Goldsovereign gekauft. Inzwischen ist das Mädchen fünfundzwanzig, und über die Jahre ist eine erkleckliche Menge Gold zusammengekommen.Die junge Frau ist Modeverkäuferin in einer Boutique und sagt, dass sie für das Gold keine rechte Verwendung habe, Diamanten oder ein Wellnessurlaub in der Schweiz wären ihr lieber als diese sorgfältig gehorteten Goldmünzen aus der britischen Kolonialzeit. Ihre Mutter schüttelt weise den Kopf und sagt: «Eines Tages wirst du mir dankbar sein.» Ich bin völlig ihrer Meinung. Aber auch meine Kinder, besonders meine Tochter Avantikka, können meine Vorliebe für Gold nicht begreifen. Kürzlich hat Avantikka geheiratet, und als ihr Verlobter ihr erzählte, dass seine Mutter ihr Fusskettchen und einen Gürtel aus Gold schenken wolle (zwei in den Augen der heutigen Generation höchst altmodische und uncoole Accessoires), rümpfte sie die Nase. Die heutige indische Jugend investiert lieber in Goldoptionsscheine, als das Metall selbst zu besitzen.
Für meine Generation war es wichtig, das Gold zu sehen, es zu berühren und bei sich zu tragen. Niemand wäre auf die Idee gekommen, ein Wertpapier zu kaufen. Für uns ist und bleibt Gold mit Prosperität verknüpft, mit Reinheit und günstiger Vorsehung. Unsere Tempelgottheiten werden mit kostbarem, kunstvoll geschmiedetem Goldschmuck überschüttet. Von Geburt an lernten wir, auf Gold zu vertrauen und es mit derselben Wertschätzung zu behandeln, die ihm schon unsere Grossmütter entgegenbrachten. Gold hat den Segen der Religion und der Medizin, seine zahlreichen Vorzüge wurden bereits in den klassischen, bis zu 5000 Jahre alten Texten gepriesen.
Es war das am besten gehütete Geheimmittel zur Erlangung von Schönheit und das beliebteste Aphrodisiakum der Maharajas: die Betelnusspäckchen, die sie nach dem Essen kauten, waren in Blattgold gewickelt, weil sie glaubten, es steigere ihre Potenz. Aus demselben Grund unterzogen sich auch ihre Frauen einer Gesichtsbehandlung mit Blattgold und Massagen. Noch heute werden bestimmte Süssigkeiten in eine feine Goldfolie eingeschlagen – für Gourmets, für die der Preis keine Rolle spielt, eine hoch geschätzte Delikatesse.
In unserer Mythologie besitzt Gold einen hohen Stellenwert, denn unsere Götter erscheinen stets in königlich goldenem Licht. Lakshmi, die Göttin des Reichtums, steht auf einem rosa Lotus und wird von einem Elefanten mit Wohlgeruch eingesprüht, während sie Goldmünzen unter den Gläubigen verteilt. Es ist ein schönes und anregendes Bild, und Lakshmi wird traditionell während des indischen Lichterfests Diwali angerufen. Als Kinder warnte man uns, es niemals an Respekt ihr gegenüber fehlen zu lassen, aus Angst, sie könnte sich beleidigt fühlen. Die Älteren donnerten uns an: «Wenn Lakshmi die Stirne runzelt, kannst du dein Gold vergessen!» Welches junge Mädchen wäre ein solches Risiko eingegangen?
Die Goldgeschenke der Gläubigen an die zahllosen Tempelstiftungen haben zum immensen Reichtum dieser Körperschaften beigetragen. Ihre Sachwalter sind verpflichtet, die Gaben alljährlich zur Schau zu stellen oder zu versteigern. Ich bin jedes Mal aufs neue überrascht, wenn ich diese Ausstellungen besuche, oft ist es ein ganzer Raum voller hochkarätiger Gegenstände, mit denen sich die Leute für die Segnungen der Gottheit bedankt haben – die Kinderlosen für das Kind, die Kranken für die Genesung, die Unverheirateten für den Ehepartner, die Obdachlosen für eine Bleibe. Die Goldmenge, die innert zwölf Monaten gesammelt wurde, ist atemberaubend.
Kurzum: Wir Inder lieben Gold. Und keiner käme auf den Gedanken, dass er genug davon habe. Ich lebe in der Nähe eines jahrhundertealten Fischerdorfs. Die Kolis, die dort leben, sind die Ureinwohner von Mumbai. Es ist faszinierend, die Frauen zu beobachten, wenn die Fischerboote mit ihrem Fang zurückkehren. Sie sind von Kopf bis Fuss in Gold gehüllt! Während die Männer, die mehrere Tage auf See verbracht haben, sich ausruhen, holen die Frauen die Fischernetze ein, sortieren den Fang und tragen ihn auf den Markt – all das mit mehreren Kilo Goldschmuck am Körper, vom Nasen- bis zum Zehenring. Als ich sie einmal fragte, weshalb sie so viel Schmuck trügen, lachten sie: «Es ist unser ganzes Vermögen. Wir trauen den Banken nicht. Im Unterschied zu dir verstecken wir unseren Schmuck nicht im Tresor. Was wir besitzen, tragen wir mit uns herum. Wenn es zu einer Katastrophe kommt – zu einem Erdbeben, einer Feuersbrunst oder Flutwelle –, können wir alles liegen lassen und davonlaufen. Kannst du das auch?»
Doch trotz alledem hege ich dem Gold gegenüber gemischte Gefühle. Silber, beispielsweise, gefällt mir besser, es ist vielfältiger einsetzbar. Ich liebe auch Holz und andere Materialien. Mit diesen exzentrischen Vorlieben habe ich meine verstorbene Schwiegermutter zur Weissglut getrieben. Jedes Mal, wenn sie mich mit einem solch unorthodoxen Accessoire sah, putzte sie mich herunter und sagte: «Du siehst aus wie eine verarmte, verwahrloste Zigeunerin.» Nach einer Weile gab sie schliesslich auf. Aber wann immer ich mit ihr zu einer Familienfeier ging, behängte ich mich mit so viel Gold wie nötig, um der Familie meines Mannes keine Schande zu machen.
Denselben rebellischen Zug sehe ich an meiner Tochter. Als sie das Bargeld zählte, das sie von den Verwandten zu ihrer Hochzeit erhalten hatte, immerhin eine stattliche Summe, schlug ich vor: «Kauf Gold!» Sie aber machte sich schnurstracks auf den Weg zu Burberry. Im Augenblick unterhält das urbane Indien eine Liaison mit internationalen Markenprodukten. Doch wie lange wird diese Affäre vorhalten? Ich denke, sobald der erste Zauber verblasst ist und die Marken von den Massen getragen werden, kehren die Leute zu ihren Wurzeln zurück und entscheiden sich wieder für Gold. Das Metall hat etwas Rätselhaftes an sich, das auch in Zukunft die Phantasie von einer Milliarde Indern gefangen halten wird. Zumal sein Wesen die Beständigkeit ist.
Shobhaa Dé ist Kolumnistin; sie lebt in Mumbai, Indien.
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