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NZZ Folio 09/08 - Thema: Traumreisen   Inhaltsverzeichnis

«Natürlich gibt es Ausserirdische!»

© Nasa
«Ich träume von der Kühle der Nacht nach einem Regen»: Sergei Krikaljow in seiner Zweiraumwohnung im Orbit. Linktext
Der Kosmonaut Sergei Krikaljow war länger im Orbit als jeder andere Mensch. Als er von seiner längsten Reise zurückkehrte, war in der Zwischenzeit die Sowjetunion untergegangen. Wovon träumt einer, dessen Traum von der Reise ins All in Erfüllung ging?

Von Ulrich Schmid

Wir sind auf der Erde hier, in Russland. Das Loch im Fenster der Pförtnerloge am Eingang zum Raumfahrtgebäude an der Chowanskaja Uliza 3 ist mit Schaumgummi ausgestopft, auf dem WC fehlen Kacheln, der Fernseher erzählt zwanzig riesigen Topfpflanzen im Empfangsraum feierlich von der Erhabenheit des Putinschen Russland. Auf dem Tisch liegt eine Tennisbroschüre: «Federer finishes France», sie stammt aus dem letzten Jahrhundert. Es ist in diesem Raumfahrtzentrum ein wenig, wie es einst in Wandlitz war, dem Sitz der DDR-Nomenklatur: still, abgeschieden und privilegiert, aber nur ein bisschen. Raum und Helligkeit im Übermass, aber sonst ist alles sehr sowjetisch: knarrendes, stellenweise brechendes Kunstleder, abgewetzte Polstergruppen, bröckelnder Putz. Viel vom Ölgeld Putins scheint den Weg hierher nicht gefunden zu haben. Doch die Menschen sind nett, freundlicher jedenfalls als sonst in solchen staatlichen Einrichtungen. Die Empfangsdame hat den Hörer niedergelegt und mir ein Getränk angeboten. Ein paar Menschen kommen und gehen – bilde ich mir das nur ein, oder leuchtet aus ihren Augen das stolze Bewusstsein, einem ganz besonderen Club anzugehören?

Behende wie ein Junge tritt Sergei Krikaljow in den Raum. Länger als jeder andere Mensch hat er die Erde als Ganzes betrachten können. Über 800 Tage, weit mehr als zwei Jahre also, weilte er im All: in der stickigen Enge einer Kapsel meist, ab und zu aber auch schwebend in der schwarzen Unendlichkeit. Krikaljow ist ein überaus jung aussehender, freundlicher 50-Jähriger mit einem vergnügten und gleichzeitig versonnenen Lächeln. Er hat etwas Verspieltes, Neugieriges. Das Gespräch führen wir in einem eiskalten, hohen Saal, an dessen Wänden Bilder sowjetischer Kosmonauten prangen.

Herr Krikaljow, wie riecht das All?

Unvergleichlich. Nichts auf der Erde riecht so. Verstehen Sie mich richtig: Ich spreche nicht vom Geruch der Kapsel, nicht vom Raumanzug. Ich spreche vom All. Ich weiss, das ist eigentlich unmöglich. Man kann das Vakuum des Weltraums nicht riechen. Aber eigenartigerweise geht es allen Kosmonauten so. Wir sehnen uns nach diesem seltsamen, metallischen Geruch. Ich kann es nur schwer beschreiben. Vielleicht sind es bestimmte Gase, bestimmte Ionen, die im Vakuum ihre Struktur ändern. Es ist faszinierend.

Sie liegen in der Kapsel, unter Ihnen schwebt unsere Erde – träumen Sie da von Grossem, Erhabenem?

Eher von Profanem. Man träumt von dem, was man nicht hat. Im All haben wir die Erde und ihre himmlischen Annehmlichkeiten nicht. Ich träume von einem Steak, aber noch mehr von der Schwerkraft, von diesem wunderbaren Zustand, der einem das Essen auf dem Teller hält. Uns fliegt ja immer alles davon, es ist zum In-die-Luft-Gehen!

Was isst man dort oben eigentlich?

Tubennahrung. Eher fade im Geschmack.

Ihre Lieblingstube?

Quark mit Nüssen!

Haben Sie es manchmal satt da oben?

Natürlich! Ich träume dann von einem gemütlichen Bett, gutem Essen, meiner Frau, einer langen Dusche, der Kühle der Nacht nach einem Regen. Alles ist künstlich dort oben – o ja, ich sehne mich manchmal sehr nach der Erde.

Wie hält man 800 Tage ohne Sex aus?

Darüber möchte ich nicht sprechen.

Wovon träumten Sie als kleiner Junge?

Fliegen, das war mein Traum. Ich wurde in eine intellektuelle Familie geboren, las viel, studierte Raketentechnik. So bin ich nach und nach den Kosmonauten nähergekommen. Und schliesslich wurde ich selber einer. Das hat mir alles sehr gefallen. Aber geträumt habe ich nicht davon.

Und wie war das, als Sie zum ersten Mal da oben waren – so, wie Sie es sich vorgestellt hatten?

Als Junge? Nein. Da hat man keine klaren Gedanken. Man träumt viel, man macht sich phantastische Vorstellungen. Mit der Realität aber hat das nicht viel zu tun. Sehen Sie, es ist ein Prozess: Je mehr man über das All weiss, je mehr Kurse man besucht, desto konkreter werden die Vorstellungen. Man trainiert jeden Handgriff, jeden Bewegungsablauf, man weiss genau, wie die Kapsel aussieht. Aber dann, als ich das erste Mal die Welt von oben als Ganzes betrachtete, war ich doch sehr überrascht.

Worüber?

Dass die Erde eine Kugel ist. Das hat mich tief berührt. Natürlich wusste ich, dass die Erde eine Kugel ist. Aber als ich sie dann das erste Mal so gesehen habe, konnte ich es kaum glauben. Es passt halt letztlich doch nicht in unsere Vorstellung. Wir erleben die Erde nie als Kugel.

Sind sie gläubig geworden im All? Oder haben Sie Ihren Glauben, falls Sie einen hatten, verloren?

Über Religion spreche ich nicht.

Ich habe mir ein Raumschiff immer gemütlich vorgestellt. Hier bin ich, da unten ist die Erde, hier sind die Armaturen, hier ist die Scheibe – und gleich dahinter ist das Nichts, der Abgrund, der Tod.

Ich weiss, was Sie meinen. Ja, das All ist lebensfeindlich. Absolut tödlich. Schrecklich. Der Vergleich zur Lage auf der Erde fällt schwer: Auf der Erde gibt es Stürme, Hitze, Kälte, alles. Die Lebensfeindlichkeit ist fühlbar, immer und überall. Aber im All fühlst du nichts, du weisst nur, dass es gefährlich ist. Alles ist absolut, es gibt keine Steigerung mehr. Entweder du lebst, oder du bist tot. Das Raumschiff schützt uns, erlaubt uns das Überleben. Dafür sind wir – wie soll ich sagen? – irgendwie dankbar. Aber gemütlich? Nein. Weder an Bord eines Raumschiffs noch an Bord einer Raumstation ist es bequem oder gemütlich. Im Gegenteil. Alles ist klein und beengt.

Lebt man in der Gefahr intensiver?

Ach, nicht unbedingt. Was heisst das schon, intensiver leben? Man lebt anders, sicher. Das Bewusstsein verändert sich, man nimmt anderes wahr, setzt andere Prioritäten. Aber es gibt viele gefährliche Berufe. Wir sind sehr konzentriert auf unsere Arbeit, so wie unzählige andere Menschen in anspruchsvollen Berufen auch.

Haben Sie im All manchmal unter Klaustrophobie gelitten?

Nein. Klaustrophobie ist eine Krankheit. Das gibt es bei uns nicht. Wir sind getestet, wir sind Kosmonauten!

Wovon träumt einer, der seine Träume erfüllt hat?

Von der nächsten Reise. Ich stelle mir die Aufgaben vor, denke über Details nach, auch über die kleinsten.

Ich meine etwas anderes. Ein Wunsch könne durch nichts mehr verlieren als dadurch, dass er in Erfüllung gehe, sagte der Schriftsteller Peter Bamm. Sie haben erlebt, was nur ein winziger Bruchteil der Menschen erleben kann. Können Sie da noch träumen? Und wenn ja, wovon?

Ich träume doch immer noch! Ich habe nie aufgehört zu träumen und auch nie meinen Enthusiasmus verloren. Ich will wieder hinausgehen ins All, will wieder fliegen. Träumenkönnen hängt davon ab, ob man sein Ziel erreicht hat. Ich habe es nicht erreicht und werde es nie erreichen. Nachts träume ich manchmal vom All. Es ist wie mit anderen Dingen, mit Freunden, dem Sport: Du tust es immer wieder, aber den Spass daran verlierst du nicht. Der Wunsch ist lebendig.

Kennen Sie die Weltraumkrankheit? Dieses zehrende, fast panische Verlangen, wieder zu den Sternen fliegen zu können?

Nein. Das ist ein Missverständnis. Um manche Dinge, die einmal gesagt und oft genug wiederholt werden, spinnen sich rasch Mythen. Nehmen Sie das dumme Märchen, man könne vom Weltraum aus die Chinesische Mauer sehen. Man kann sie nicht sehen – wie sollte man auch? Sie ist schmal und aus Stein, also von der gleichen Farbe wie die Berge, über die sie sich hinwegzieht. Dass Kosmonauten auf der Erde deprimiert seien, habe ich noch von keinem Kollegen gehört. Wir sind eher wie Matrosen: Auf hoher See sehnen sie sich nach dem Festland – haben sie festen Boden unter den Füssen, können sie es kaum erwarten, wieder an Bord zu gehen. So sind wir Menschen eben: Wir wollen stets das, was wir nicht haben. Mit Depression hat das aber nichts zu tun.

Kolumbus war kühner, er fuhr ins Unbekannte. Er hatte Amerika nicht vor Augen wie Sie den Mond. Er hatte keinen permanenten Kontakt zu einer Bodenstation, keine hochmotivierten Kollegen, sondern kranke, zur Meuterei neigende Matrosen zur Seite. Einverstanden?

Das ist richtig – fast richtig. Wir kennen unsere Route, und wir haben oft Kontakt zur Erde. Aber nicht immer. Es gibt lange Phasen, in denen die Kommunikation unterbrochen ist. Und es gibt auch immer wieder unerwartete Situationen, sehr oft sogar. Immer wieder kommt es zu bösen Überraschungen, und dann braucht es den Menschen. Sonst könnte man ja die Maschine fliegen lassen. Wir planen viel, aber wir wissen auch, dass es immer anders kommt. Fast immer.

Was macht man den ganzen Tag im Raumschiff?

Wenn wir nicht arbeiten, versuchen wir, uns zu entspannen. Hören Musik. Einmal haben wir auch versucht, in einer Raumstation zu joggen wie die Helden des Kubrick-Films «Odyssee im Weltraum». Aber es ging nicht.

Gibt es Fernsehen an Bord?

Nein, wir passieren zwar in weniger als 10 Minuten alle Fernsehsatelliten, empfangen aber keine Signale. Über einen bestimmten Kanal werden Video- und Radionachrichten übermittelt. Inzwischen kann man auch Computerfiles senden und empfangen.

Sie flogen im Mai 1991 aus der Sowjetunion ins All und landeten im April 1992 in einem neuen Staat, Russland. Sie waren «der letzte Sowjetbürger». Wie war das für Sie?

Kurios. Aber letztlich bedeutet es mir wenig. «Der letzte Sowjetbürger» – das sind leere Worte. Ein Gag für die Medien. Ich habe meine Arbeit gemacht, und ich hatte nachher mit denselben Menschen zu tun wie vorher, mein Raumschiff war dasselbe, die Dinge hatten dieselben Namen. Das war nichts Besonderes.

Gibt es ausserirdische Lebewesen?

Aber natürlich! Getroffen habe ich keine. Mit grösstem Vergnügen würde ich Vertreter anderer Zivilisationen kennenlernen. Das ist nun wirklich ein Traum. Und eine grosse Hoffnung. Dafür fliegen wir doch! Es ist im Grunde gar keine wissenschaftliche Frage, ob es die Ausserirdischen gibt: Es gibt sie bestimmt, irgendwo. Die Frage ist nur, wo.

Manche – die Autoren gewisser Fernsehfilme zum Beispiel – sagen, sie seien schon hier. Hier, auf der Erde.

Könnte durchaus sein, dass jemand unser Gespräch belauscht.

Nennen Sie mir drei Dinge, die Sie auf Ihre Abenteuerfahrten mitgenommen haben.

Auf die erste Reise nichts. Ich hatte schlicht keine Zeit. Zudem war ich noch nicht verheiratet. Auf die zweite Reise nahm ich einen USB-Stick mit Fotos meiner Frau und meiner Kinder mit. Und dann hängt bei uns in der Kapsel oft ein kleiner Tscheburaschka aus Plüsch (eine in der ehemaligen Sowjetunion populäre Film- und Romanfigur des Kinderbuchautors und Politikers Eduard Uspenski).

Wo sind Sie am glücklichsten? Auf der Erde? Im All? Auf dem Flug dahin?

Auf der Erde, unmittelbar nach einem Flug. Nichts ist schöner.

Ulrich Schmid ist Deutschlandkorrespondent der NZZ; er lebt in Berlin.

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