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Lass mich nicht im Stich
© Peter Elser, Winterthur
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| Sandro Büchler |
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Auf dem Hochseil, im Raubtiergehege, bei einer Geiselbefreiung, im Operationssaal, im Cockpit, im Bordell – welche Sinne bei welchen Berufen besonders gefordert sind.
Aufgezeichnet von Thierry Carrel, Matthias Daum, Mikael Krogerus und Daniel Weber.
Den Blick immer auf den Händen des Täters
«In meinem Job ist eindeutig der Sehsinn der wichtigste: Die Waffe in der Hand meines Gegenübers bestimmt mein Handeln. Uns ruft man ja dann, wenn Waffen im Spiel sind. Wenn zum Beispiel jemand durchdreht und Leute bedroht, umstellt die Polizei das Gebäude, und dann kommen wir, die Spezialeinheit. Das Hören steht an zweiter Stelle, es beeinflusst meine Lagebeurteilung. Sobald ich den Täter sehe, sieht er mich auch, darum ist es oft von Vorteil, wenn ich ihn zuerst nur höre, durch die Tür etwa. Ziel ist es, den Täter mit dem Zugriff zu überraschen. Meist sind wir so schnell, dass er nicht reagieren kann. Wenn wir zu fünft oder sechst maskiert eine Wohnung stürmen, haben wir das Schreckmoment auf unserer Seite.
Natürlich sind bei einem solchen Einsatz alle Sinne angespannt, man spürt das Adrenalin, man achtet auf jedes Geräusch. Entscheidend ist dabei einerseits die körperliche Verfassung: Die Kampfmontur wiegt über zwanzig Kilo, wenn ich da ausser Atem komme, kann ich mich nicht auf meine Sinne konzentrieren. Andererseits muss ich in der Ausbildung gelernt haben, möglichst viel zu automatisieren. Wenn ich zu meiner Waffe runterblicken muss, verliere ich den Blick auf die Situation, das kann verhängnisvoll sein. Ausserdem spielen wir endlos verschiedene Szenarien durch: Was machst du, wenn der andere das macht?
Auf meine Sinne kann ich mich besser verlassen als auf die der Betroffenen und der Zeugen. Oft wird ein Täter unzureichend oder ungenau beschrieben, in der Aufregung gibt man uns falsche Informationen über die Örtlichkeit. Da ist es schon vorgekommen, dass wir reingingen und dort, wo wir eine Tür erwarteten, vor einer Wand standen.
Beim Zugriff praktizieren wir den standardisierten Ablauf: Lokalisieren, Identifizieren, Lagebeurteilung. Dafür hat man nicht mehr als zwei, drei Sekunden Zeit. Zentral ist für uns, dass etwa bei einer Geiselnahme das Opfer keinen Schaden nimmt. Wenn ein Täter das Opfer bedroht, können wir nicht auf ihn losgehen, dann sprechen wir ihn an. Entscheidend ist, was der Täter macht. Wir haben unsere Waffen auf ihn gerichtet, den Blick immer auf seine Hände. Das Wort ist zwar immer noch die stärkste Waffe, wie es bei uns in der Ausbildung heisst, aber wenn einer seine Waffe nicht fallen lässt, machen wir bei einer günstigen Gelegenheit den Zugriff. Im extremsten Fall müssen wir auch von der Schusswaffe Gebrauch machen. Wir müssen einfach immer schneller sein.
Solche Situationen üben wir intensiv. Aber wenn es um Sekundenbruchteile geht, muss man sich auch auf sein Bauchgefühl verlassen können. Das wäre dann wohl der sechste Sinn, der Instinkt. Der ist übrigens beim normalen Patrouillendienst, den ich ja früher auch gemacht habe, nicht weniger wichtig. Kommt die Meldung aus der Zentrale: geht mal nachsehen, weiss man nicht, was einen erwartet, da können alle möglichen Gefahren lauern. Unser Auftrag als Spezialeinheit ist dagegen eindeutig: Wir gehen rein und nehmen den Täter fest.
Einmal bin ich auf einem Glasdach eingebrochen. Darunter ging ein Liftschacht elf Meter in die Tiefe. Glücklicherweise bin ich auf einen Träger unter dem Dach gestürzt, und ein Kollege konnte mich wieder hochziehen. Aber da hatte mich nicht ein Sinn verlassen, sondern die Vorsicht: Ich hatte den Täter gesehen und wollte hinterher.»
Sandro Büchler, 35, ist Instruktor und Einsatzleiter der Spezialeinheit Skorpion der Stadtpolizei Zürich.
Den Horizont im Visier
«Vor dem Start zu einem Wettbewerbsflug gehe ich zuerst am Boden mein Programm durch. Ich präge mir die Figuren und den Ablauf ein, versuche alle Steuerinputs in Gedanken auszuführen und stelle mir vor, wie die Flugzeugbewegungen auf mich einwirken. Dann kontrolliere ich den Flieger, visuell und mit den Händen. Ich rüttle an den Ruderflossen und achte darauf, wie sich das Geräusch anhört.
Festgezurrt im Flugzeugcockpit, checke ich die Instrumente und fühle mit den Händen, wie sich der Steuerknüppel bewegt. Mit den Füssen prüfe ich die Seitensteuerpedale: Alles okay? An seinem Sound erkenne ich, ob der Motor rundläuft. Je nach Headset tönt er anders – darob wurde ich auch schon mal etwas nervös. Einmal in der Luft, spüre ich das Flugzeug am ganzen Körper. Anhand der Vibrationen merkt man, ob der Motor sich ‹anstrengen› muss oder ob er eher ‹unterfordert› ist. Viel stärker spürbar sind aber die g-Kräfte, die auf den Körper einwirken. Positive g-Belastungen drücken einen in den Sitz, negative ziehen einen raus. Eine ‹gerissene Rolle› fühlt sich völlig anders an, als eine normale Rollenfigur.
Je mehr man das Flugzeug fliegt, desto besser spürt man es. Man merkt, wie die Ruder betätigt werden müssen, um die Figuren am elegantesten zu fliegen. Man muss dem Flugzeug auf den Zahn fühlen. Orientierung verschaffe ich mir während eines Flugs mit den Augen. Ich muss abschätzen, wo ich mich in der Box befinde – so nennt man den Luftraum, in dem die Figuren geflogen werden müssen. Wie hoch fliege ich? In welcher Lage fliege ich? Und mit welcher Geschwindigkeit bin ich unterwegs? Die Höhe wird zusätzlich über das Instrument im Cockpit kontrolliert, die Lage durch den Vergleich der Visiere an den Flügelenden mit dem Horizont.
Ja, die eigenen Sinne können einen beim Kunstfliegen täuschen. Zum Beispiel endete mein erster Rückenrollenkreis nach fünf anstatt nach vier Rollen. Selber habe ich das aber nicht gemerkt. Meine Sinne waren überfordert. Darum machten meine Hände nicht, was mein Kopf dachte. Andere Piloten fliegen nach einer Figur sogar in die falsche Richtung weiter, weil sie die Figur falsch geflogen sind – oder sie vergessen haben. Schöner sind aber die Erfolgserlebnisse. Wenn etwa eine Figur wie der ‹Tumble› endlich mal so richtig abgeht. Und dies nur, weil man den Steuerinput ein wenig verändert hat. Übel? Nein, das wird es mir beim Kunstfliegen nie. Aber auf einem hohen Gerüst wird mir schwindlig. Dort oben bin ich machtlos, im Flieger habe ich alles unter Kontrolle.»
Susanne Vogelsang, 40, ist Kunstflugpilotin. Sie lebt in Wohlen AG.
Hand aufs Herz
«Als Herzchirurg arbeite ich meist mitten im menschlichen Herzen, eine Tätigkeit, die ein perfektes Zusammenspiel von intellektuellen und manuellen Fertigkeiten verlangt, aber auch Ausdauer und Kompromisslosigkeit. Was meinen Beruf ausserdem spannend macht, ist der Einsatz von Hochtechnologie, die Begegnung mit unterschiedlichen Menschen und die Tatsache, dass gelegentlich auch die Grenzen des Lebens erreicht werden. Und alles dreht sich um das Herz, ein emotionales Organ, das metaphysische Gedanken weckt.
Trotz der grossen Erfahrung, die ich in zwanzig Berufsjahren gesammelt habe, spielt die Intuition eine grosse Rolle. Dieses ‹Bauchgefühl› ist eine Eigenschaft, die ich kaum definieren kann. Aber es ist häufig vorhanden. Ich spüre oder vermute im voraus, wie eine Situation sich entwickeln wird. Oder ich ahne eine sich anbahnende Komplikation, lange bevor diese tatsächlich eintrifft.
Der Beruf hat meine Sinne geschärft, kein Zweifel. Bei einer Operation bin ich auf glasklare Sicht angewiesen und reagiere deswegen im Alltag gelegentlich etwas penibel: Eine unsaubere Brille oder eine schmutzige Fensterscheibe im Auto kann ich nicht ertragen! Bei allen Herzoperationen trage ich eine spezielle Lupenbrille. Damit sehe ich alle Strukturen glasklar, was mir erlaubt, Handgriffe im Millimeterbereich präzis auszuführen.
Als ich vor einigen Jahren wegen einer Glaskörperblutung innert Minuten erblindete – auch wenn nur ein Auge betroffen war –, wurde mir plötzlich sehr bewusst, was es bedeuten würde, das Leben in unendlicher Dunkelheit verbringen zu müssen. Beim Nachdenken über das Augenlicht fiel mir Schillers ‹Wilhelm Tell› ein. Als Melchthal erfuhr, dass die Landsknechte seinem Vater aus Rache die Augen ausgestochen hatten, sagte er: ‹Eine edle Himmelsgabe ist das Licht des Auges! Alle Wesen leben vom Lichte, jedes glückliche Geschöpf. (…) Und er muss sitzen, fühlend in der Dunkelheit, im ewig Finstern. Sterben ist nichts, doch leben und nicht sehen, das ist ein Unglück!› Nach mehreren Eingriffen sehe ich heute besser und klarer denn je. Dafür bin ich sehr dankbar. Ich bin aber auch anspruchsvoller geworden.
Die operative Korrektur eines komplexen Herzfehlers beim Neugeborenen (das Herz eines Säuglings hat etwa die Grösse einer Pflaume) verlangt vom Chirurgen ein dreidimensionales Vorstellungsvermögen. Das Herz wird bei der diagnostischen Voruntersuchung mittels Ultraschalls zweidimensional abgebildet. Während des Eingriffs sehe ich das Herz dreidimensional, aber schlaff und blutleer. Die Kunst des Operierens besteht darin, sich vorstellen zu können, wie die Strukturen am gefüllten und schlagenden Herzen aussehen. Darin liegt das Geheimnis perfekter Operationsresultate.
Bei video-assistierten Eingriffen sehe ich das Herz nicht direkt vor mir, sondern nur auf einem Bildschirm. Bei solchen Eingriffen wird das Zusammenspiel mehrerer Sinne auf den Prüfstand gestellt. Eine Operation am Bildschirm zu verfolgen und die passenden komplexen Bewegungen ausserhalb der Brusthöhle des Patienten durchzuführen, verlangt ein perfektes Zusammenspiel von Sehen, Berühren, Spüren, Bewegen und ein besonderes Fingerspitzengefühl. Mit den Jahren lernte ich Skalpell, Nadelhalter und Pinzette zu beherrschen wie ein Musiker sein Instrument.
Vor allem mein Tastsinn hat sich dank der täglichen manuellen Arbeit wesentlich weiterentwickelt. Mit dem Finger kann ich den Blutdruck in der grossen Körperschlagader recht genau abschätzen. Verkalkungen in den Gefässen werden auch durch Betasten gesucht und entdeckt, dies ist sogar mit Latexhandschuhen problemlos möglich. Das Spüren der Pumpkraft des Herzmuskels ist für mich etwas Einmaliges. Am Schluss einer offenen Herzoperation wird in der Regel mit einer Nadel die Herzspitze angestochen, um die verbleibende Luft aus dem Herzen zu evakuieren. Zu diesem Zeitpunkt muss ich das Herz auf die Hand nehmen. Dabei spüre ich seine Bewegungen ganz speziell und kann meistens im voraus abschätzen, ob es die Kraft haben wird, den Kreislauf wieder ohne Herz-Lungen-Maschine anzutreiben.»
Thierry Carrel, 48, ist Direktor der Klinik und Poliklinik für Herz- und Gefässchirurgie am Inselspital in Bern.
Ein Fehler kann tödlich sein
«Sobald ich an das Löwengehege trete, merke ich, ob es gefährlich werden kann: Wenn sich die Löwen unruhig bewegen, nicht an ihrem Stammplatz liegen, muss ich aufpassen. Unsere Löwen sind Wildfänge. Sie kamen im Alter von 11 Monaten zu uns und haben nie vergessen, dass ich es war, der sie geimpft hat, ihnen Blut abnahm, sie untersuchte – für die bin ich der Feind. Sie halten den Kopf tief und machen den Rücken rund, strecken die Vorderbeine durch wie Katzen, die versuchen, sich grösser zu machen, als sie sind. Ihr ganzer Körper sagt: ‹Hier bin ich.› Sie fauchen. Dann weisst du, es wird gefährlich. Das ist gut so, dadurch halten wir eine natürliche Distanz zueinander.
Die im Zoo geborenen Raubtiere sind aber gefährlicher. Ich erinnere mich gut an ein Tigerweibchen, das wir mit der Flasche aufgezogen hatten. Die war so zutraulich! Morgens, wenn ich an ihr Gehege trat, hat die freudig geschnurrt, ist am Gitter hochgesprungen – und keine Sekunde später versuchte sie, mich zu packen! Meistens erahne ich, wie es den Tieren geht. Ich habe ein Gefühl für sie. Ich kann das schlecht beschreiben, aber wenn du die Tiere täglich siehst, dann lernst du, ihre Bewegungen zu lesen. Wenn sie aber zutraulich werden, täuschen dich deine Instinkte.
Ich habe vor keinem Tier Angst. Aber einen Riesenrespekt. Wenn du einen Fehler machst, kann es tödlich sein. Am gefährlichsten sind die Wildhunde, die zerreissen dich. Aber auch Jaguar, Leopard und Tiger sind aggressiv. Einmal wollte ich einen Tiger füttern und habe einen Moment nicht aufgepasst. Mit dem Fleisch in der Hand öffnete ich einen der Schieber, weil ich dachte, der Tiger sei im Aussengehege und nicht in der Box, und dann stand das Tier direkt vor mir und starrte mich an. Ich starrte zurück. Du darfst keine Panik kriegen! Das sind Raubtiere, die spüren alles. Wenn du Angst hast, sind deine Bewegungen ungelenk, hastig, und die Tiere werden nervös. Ich starrte den Tiger an – aber nicht in die Augen, du darfst Raubtieren nie in die Augen schauen! Und du darfst ihnen nie den Rücken zudrehen! Ich sagte ihm ruhig, er solle zurückgehen, legte vorsichtig das Fleisch hin. Die Situation entspannte sich. Und dann, als ich den Schieber wieder hinunterlassen wollte, setzte er zum Sprung an. Das wäre das Ende gewesen. Da habe ich ihn instinktiv angeschrien, er ist erschrocken zurückgewichen, und ich hab den Schieber zugeknallt. Danach musste ich mich hinsetzen und durchatmen.»
Max Christe, 58, ist Raubtierpfleger im Zoo Basel.
Hand in der Hose
«Ich besuche meine Kunden bei ihnen zu Hause oder im Hotel. Wenn ich einen neuen Kunden habe, weiss ich vorab nur, was seine Wünsche und Vorlieben sind (Bekleidung, Spielzeug), ansonsten weiss ich nichts. Aber sobald er vor mit steht, ist mir klar, wie ich ihn einschätzen muss. Ich achte auf die Körperhaltung und Körperspannung, daran kann ich schnell ablesen, ob er eher dominant oder schüchtern ist. Das ist wichtig zu wissen, denn wenn er schüchtern ist, übernehme ich die Führung, wobei das spielerisch geschieht.
Wir trinken Champagner, plaudern ein wenig, ich höre zu, frage vorsichtig nach, dann ein wenig Streicheln, Petting, manchmal Sonderwünsche, meistens kommt es zum Sex. Es gibt aber auch Kunden, die vor allem ihre Sorgen im Privatleben los werden möchten, da bin ich ein bisschen wie der Coiffeur. Und viele, glaube ich, wollen einfach mal einen jungen Körper anschauen und anfassen.
Der Tastsinn ist mein wichtigstes Werkzeug. Ich kann Männer mit meinen Händen lesen, spüre schnell, was sie anmacht. Auch kann ich Hauttypen mit der Hand erkennen. Man könnte meinen, dass mich die vielen intimen Berührungen abgehärtet hätten, aber ich bin mit den Jahren eher empfindlicher geworden. Im Freundeskreis habe ich seltsamerweise Hemmungen, Menschen anzufassen, zum Beispiel, wenn ich eine Freundin massieren soll. Ich weiss nicht, woher das kommt. Meine Kunden massiere ich ja oft, und damit habe ich kein Problem.
Ich arbeite seit sieben Jahren im Escort, und inzwischen habe ich eine Art Röntgenblick. Ich kann den Männern ansehen und spüren, wie gut sie im Bett sind, und sogar, wie viele Zentimeter dieser oder jener hat. Das ist natürlich ein Vorteil fürs Privatleben: in der Disco kann ich bei Männern die Ausstattung erahnen und auch, ob ich mit ihnen Spass haben werde. Ich weiss nicht genau, woran ich das festmache, ich bin nicht hellsichtig, aber meine Intuition hat mich noch nie getäuscht. Auch mein Geruchssinn ist über die Jahre sensibler geworden, ich erkenne zum Beispiel sehr schnell Parfummarken. Umgekehrt muss ich bei den Verheirateten immer vorher abklären, ob ich Parfum auflegen soll. Mir ist schon gesagt worden: ‹Bitte ohne Parfum und Deo kommen.› Ich darf keine Spuren hinterlassen.»
Sylvia, 27, arbeitet als Callgirl für Noble Escort in Luzern.
Auf dünnen Sohlen
«Auf dem Seil trage ich Schuhe mit ganz dünnen Sohlen. So spüre ich die Rundung und die Struktur des Seils. Der Drall, die Verflechtung des Seils, fühlt sich je nach Material anders an. Meistens benütze ich trocken hergestellte, verzinkte Seile. Sie sind etwas rauher. Plane ich draussen einen Seillauf, strecke ich wie eine Schnecke zuerst die Fühler aus dem Häuschen: Ist es nass? Ist es kalt? Ist es windig? Wenn ja, wie windet es? Die Gratwanderung beim Seiltanzen ist so diffizil, da kommt es auf kleinste Nuancen an – auch mit dreissig Jahren Erfahrung.
Wenn ich 200 Meter auf dem Seil gehe, muss ich zwischendurch anhalten und mich fragen: Ist der Fuss noch da, wo er sein soll? Jeder Schritt auf dem Hochseil muss überlegt sein. Denn jedermann stolpert – aber ich darf es in diesem Moment nicht! Trotzdem: auch ich bin schon vom Seil abgerutscht. Bei einem relativ einfachen Sprung auf dem 2-Meter-Seil. Ich hatte die Beine verkreuzt, da schmierte mir der Fuss ab. Es drehte mich um das Seil, ich wurde zu Boden geschleudert und landete auf den Füssen.
Kürzlich habe ich mir bei einer Nummer auf dem Kunstrad eine Zehe gebrochen. Mit dieser ‹Behinderung› musste ich mich auf dem Seil zuerst zurechtfinden. Man muss dabei ganz grundsätzliche Dinge wieder entdecken. Etwa: Wie ist der Fuss auf dem Seil zu positionieren? Eigentlich sollten meine 68 Kilogramm Körpergewicht auf der Kontaktfläche meiner Füsse mit dem Seil, also von 2 mal 20 Zentimeter mal 1,62 Zentimeter (so dick ist das Seil), möglichst mittig verteilt sein. Die gebrochene Zehe musste ich aber etwas abspreizen. Das wirft einen aus dem Gleichgewicht. Das Ausgleichen der Bewegungen auf der Achse hinten/vorne über den Druck des Fussgelenks wird schwierig – für das Links/rechts-Gleichgewicht benutzt man die Arme beziehungsweise die Balancierstange. Ich musste mich daher stärker auf meinen visuellen Sinn konzentrieren. Der ganze Körper musste neu justiert werden.
Manchmal gilt es, einige Sinne auszuschalten. Das habe ich schon als Kind im Zirkus gelernt, wo Zuschauer mit ihren Fotoapparaten einem direkt ins Gesicht blitzen. Mein trainierter Gleichgewichtssinn macht sich auch im Alltag bemerkbar: Mir fällt sofort auf, wenn ein Bild schräg an der Wand hängt. Und mit den Statikern, die die Konstruktionen für meine Hochseilnummern berechnen, habe ich schon viel über Kräfteübertragungen gestritten. Für die Befestigung einer Metallplatte, die die Seilverankerung trägt, an einer Betonmauer braucht es vier, nicht zwei Schrauben… Ich habe den Sinn dafür, ob etwas im Lot ist.»
David Dimitri, 45, ist Seiltänzer und lebt in Lindau ZH.
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