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NZZ Folio 06/09 - Thema: Am Schwarzen Meer   Inhaltsverzeichnis

Liebesgrüsse aus Odessa

© Arid Ocean (Reliefkarten)
Odessa ist mit 1 Million Einwohnern die wichtigste Hafenstadt der Ukraine. Wahrzeichen Odessas ist die Potemkinsche Treppe, die von der Innenstadt zum Hafen führt. Francesco Boffo erbaute sie um 1840. Bekannt wurde die Freitreppe mit den 192 Stufen durch Sergei Eisensteins Film «Panzerkreuzer Potemkin» (1925). Die bekannteste Szene des Films ist das Massaker auf den Stufen der Richelieu-Treppe. Linktext
Die ukrainische Stadt ist eine Hochburg der Partnervermittlung. Hier atme man Europa, schrieb der russische Nationaldichter Puschkin. Die Wahrheit ist, wie die Liebe, komplizierter.

Von Lorenz Schröter

Der Flughafen von Odessa ist ein karger Kasten in blassem Gelb. Er begrüsst die Reisenden zweisprachig: zuerst auf ukrainisch, da wird Odessa mit einem s geschrieben. Dann auf russisch, mit Doppel-s.

Dieser feine Unterschied zieht sich wie ein Riss durch das ganze Land. Zwei Drittel der Odessiten sprechen zwar im Alltag russisch, amtliche Bekanntmachungen aber werden auf ukrainisch ausgegeben. Nur die Aufforderung, Steuern zu bezahlen, wird sicherheitshalber auf russisch verschickt. Das verstehen alle. Wie in allen Nachfolgestaaten der UdSSR stehen sich in der Ukraine ältere, russisch schreibende Literaten und eine neue Generation, die ihre Sprache, in diesem Fall Ukrainisch, wiederbeleben will, in einem Kulturkampf gegenüber. Beide benutzen die kyrillische Schrift. Dem Aussenstehenden bleiben die Differenzen in den Sprachen ebenso verborgen wie die Unterschiede in den Küchen, den angeblich verschiedenen Gesichtszügen und den Familiennamen.

Vom Flughafen bringt mich mein Fahrer Oleg, ein smarter junger Mann, in die Stadt, genauer: ins Zentrum, eigentlich beginnt die Stadt gleich hinter dem Flughafen. Eine holprige Strasse führt unter Brücken hindurch. Bahnschwellen, Kopfsteinpflaster, Schlaglöcher und Tramgeleise entschleunigen den Verkehr. Feinstaub der Kohleöfen und Dieselabgase der Lastwagen liegen in der Luft. An den buntscheckigen Mietsblöcken kleben Satellitenschüsseln und ranken sich Wäscheleinen, es sieht aus, als hätte einer angefangen, die Fassade an einer Stelle blau, an anderer Stelle beige zu streichen.

Das Durchschnittseinkommen im Verwaltungsbezirk Odessa beträgt 1690 Hrywna, rund 250 Franken, damit liegt es 10 Prozent unter dem Landesdurchschnitt und ist etwa halb so hoch wie in der Hauptstadt Kiew. Die Ukraine hat die höchste HIV-Quote Europas. Über 1,5 Prozent der Bevölkerung zwischen 15 und 49 Jahren sind infiziert, schätzt die Weltgesundheitsorganisation WHO. In Odessa sind es über 4 Prozent. Liebe ist ein gefährliches Geschäft. Wir durchqueren die Vorstadt und kommen ins blühende Zentrum. Man erkennt es zuerst an den Platanen­alleen, dann an den Boutiquen: Mango, Gucci, Prada, Escada.

Nachdem Katharina die Grosse die Schwarzmeerküste zwischen Donau und Don in zwei Kriegen gegen die Türken erobert und ihr Liebhaber, der einäugige Feldmarschall Fürst Grigori Potemkin, Neurussland zu einer reichen Provinz gemacht hatte, liess die Zarin 1794 Odessa gründen. Wie viele andere Neugründungen wurde die Stadt in einem Schachbrettmuster angelegt. Nach gut zweihundert Jahren haben sich Edelboutiquen, Hinterhöfe, Prachtbauten, McDonald’s, Kirchenkuppeln und Strassenbahnen vom steifen Schachbrett der Stadtgründer befreit und führen ein beschwingtes Eigenleben. Odessa ist, zumindest in den mit Platanen gesäumten Strassen des Zentrums, eine reiche Stadt. Geschäftsleute aus Russland haben sich Apartments in neuen Hochhäusern gekauft, die russische Mafia soll hier ihr Geld waschen, rechtschaffene Odessiten verdienen ihren Unterhalt mit Handel und Dienstleistungen.

Wie in Zürich, London oder Paris kann man hier sein Augenmerk auf die Tristesse oder auf das hoffnungsvolle Blühen richten. Man kann die Krise erleben – oder sie als diffusen Schatten wahrnehmen. In Odessa befinden sich die Enterbten der sozialistischen Vergangenheit und die Gewinner der Marktwirtschaft nur wenige Busstationen voneinander entfernt.

Manchmal auch nur wenige Meter: Mein Apartment liegt an einer belebten Kreuzung im Zentrum. Die Fassade ist frisch gestrichen. Im lichten Treppenaufgang aber blättert schon die Farbe. Hinter der schweren Eisentür im zweiten Stock wird es finster; hier gibt es keinen Lichtschalter, im Flur hat jemand seine Wohnung mit einem Sperrholzverschlag erweitert, ein stummer Raucher steht in der Ecke, Kabelbündel quellen aus der Wand. Doch hinter meiner Wohnungstür ist alles wieder tiptop. Ein grosses Bett, ein riesiger Spiegel, eine Discokugel an der Decke. Gasherd, Wasserkocher, buntes Geschirr.

Ein Amerikaner, der auf erfolgloser Brautsuche hier war, hat mir dieses Apartment empfohlen. Es ist ein beliebtes Geschäft: Glückliche Mieter zentraler Wohnungen verdienen sich ihren Lebensunterhalt, indem sie ihre Bleibe für 50 Dollar pro Nacht vermieten und bei Verwandten auf der Couch schlafen. Seit einem Jahr allerdings sind die Übernachtungspreise um einen Drittel gesunken. Die Krise hat den privaten Wohnungsmarkt Odessas erreicht.

Mein Fahrer Oleg bringt mich zu seiner Mutter Wictoria. Sie führt ein kleines Familienunternehmen in einem Hinterhof, das typisch ist für diese Stadt: versteckt, pittoresk, heruntergekommen. In solchen Höfen kann sich alles verbergen: Schmuckdesigner, Tierpräparatoren, Schönheitschirurgen oder Bordelle.

Beim Öffnen der Tür erklingt ein metallenes Glockenspiel. «Das Geräusch von Geld», sagt Wictoria verschmitzt. Die Rothaarige betreibt «Odessa Love», eine der zahllosen Heiratsagenturen Odessas. Man braucht nur «Ukraine» zu googeln, schon erscheinen «Sexy Ukrainian Woman» und «Single Ukraine Ladies». Frauen sind ein wichtiges Exportgut. Zahlen gibt es keine. Nicht einmal Dunkelziffern.

«Odessa Love» ist ein fensterloses Büro. An der Wand hängen die Fahnen von Kanada, Deutschland, Griechenland und Hochzeitsbilder glücklicher Paare, die sich über die Agentur kennengelernt haben. Auf einem Schreibtisch stehen selbstgebackene Kekse, warme Pelmeni – mit Fleisch gefüllte Teigtaschen, ein russisch-ukrainisches Nationalgericht –, rosé Krimsekt und eine Torte mit neonfarbigem Zuckerguss: Tanja, eine von Wictorias Frauen, hat ihr amerikanisches Visum bekommen, das gilt es zu feiern. Ihr Bräutigam steht etwas ungelenk in der Tür. Wictoria stellt mir Irina vor, die gerade einen Schweizer Arzt geheiratet hat. Die Braut sieht erstaunlich normal aus, aschblond, aber nicht blondiert, hübsch, aber ihr Kleid nicht übertrieben dekolletiert. Sie schiebt heute auch nicht ihre Schulter vor wie die Kandidatinnen auf den Fotos. Als wäre Irina aus ihrer verführerischen Pose herausgeschlüpft und hätte sich zurück in eine Frau aus Fleisch und Blut verwandelt.

«Das Wichtigste ist eine Familie», sagt sie. «Gefühle zählen mehr als Geld oder ein reicher Mann.» Fünf Dollar pro Briefseite musste der Bräutigam bezahlen, «Arial Schriftgrösse 12», wie die Geschäftsbedingungen von «Odessa Love» vorschreiben. «Vielleicht bleiben wir auch in der Ukraine, und er arbeitet hier als Arzt», sagt Irina.

Ein halbstündiges Telefongespräch kostete den Mediziner 20 Dollar, Wictoria und Oleg halfen bei Verständigungsschwierigkeiten. Später wurde ihm ein Foto der drei am Gespräch beteiligten Personen gemailt, damit er sicher sein konnte, dass seine potentielle Braut wirklich existiert. «Ich habe keinen Mann aus dem Ausland gesucht, sondern Liebe», sagt Irina. Sie ist eine stolze Frau. Zögerlich, aber bestimmt wehrt sie sich gegen Vorurteile gegenüber Katalogbräuten. «Wir kommen vielleicht aus tristen Mietskasernen oder vom Land mit Plumpsklo. Aber wir lassen uns nicht mit ein bisschen Sushi oder Unterwäsche bestechen», sagt sie. «Wir sind keine Opfer.» In der Ukraine seien es die Frauen, die sich entscheiden würden. Die Strassen Odessas seien voll von abgelehnten Männern.

Bei «Odessa Love» treffen sich die ukrainischen Gegensätze: Arm und Reich, Westeuropa und ehemalige Sowjetrepublik, Aussenbezirk und Innenstadt. Die Agenturchefin Wictoria nickt heftig: «Wir sind alle gleich. Wir wollen alle Glück und eine Familie. Da kommt es nicht darauf an, woher man kommt.» Fragen nach möglichen Problemen – unterschiedliche Erwartungen, Anpassungsschwierigkeiten, Heimweh – wehrt sie energisch ab. «Das Wichtigste ist doch die Liebe», wiederholt sie beschwörend. «Wir haben fast jeden Monat eine Hochzeit, und in neun Jahren hatten wir nur zwei Scheidungen.» Neun Monate dauert es üblicherweise vom ersten Brief bis zur Hochzeit.

«Die Deutschen zögern am längsten», sagt Wictoria. Sie war selbst einige Jahre mit einem Amerikaner verheiratet, ist aber wieder Single. «In der Ukraine gibt es ein Sprichwort: Der Schuster selbst hat keine Schuhe», sagt sie.

Die Nationalfarben der Ukraine sind Blau und Gelb. Sie stehen für Meer und Weizen. Früher war die Ukraine die Kornkammer der Sowjetunion, sie verfügt über einen Drittel der fruchtbarsten Schwarzerde der Welt. Seit den 1990er Jahren schrumpfen die Ernten Jahr für Jahr um 5 bis 6 Prozent. Schuld daran sind Trockenheit, Erosion, Tschernobyl, Landflucht, Misswirtschaft.

Die Farben Blau und Gelb stehen auch für den politischen Riss, der das zweitgrösste Land Europas entzweit. Blau ist die Farbe der prorussischen Opposition; die Partei der Regionen gewann bei den letzten Wahlen 34 Prozent der Wählerstimmen. Im Westteil der Ukraine stimmte die mehrheitlich ukrainisch sprechende Bevölkerung für die Parteien der orangefarbenen Revolution, für Unsere Ukraine (14 Prozent) und den Block Timoschenko (22 Prozent); sie werden auf politischen Landkarten gelb eingezeichnet. Diese Parteien erzwangen im Dezember 2004 mit friedlichen Massenprotesten die Wiederholung der Stichwahl für die Besetzung des Präsidentenamts, bei der sich der prorussische Premierminister Wiktor Janukowitsch und der Oppositionsführer Wiktor Juschtschenko von Unsere Ukraine gegenüberstanden. Juschtschenko gewann einigermassen klar mit 52 Prozent der abgegebenen Stimmen.

Die prowestliche und natofreundliche Regierungspolitik wird durch die Antipathie zwischen dem wirtschaftsliberalen Präsidenten Juschtschenko und der sozialdemokratischen Premierministerin Julia Timoschenko erschwert. Es sind zwei charismatische Figuren, auch äusserlich: Timoschenko ist eine Schönheit, eine erfolgreiche Geschäftsfrau, die jahrelang einen auffälligen blonden Zopfhaarkranz trug; der Technokrat Juschtschenko trägt tiefe Narben im Gesicht, verursacht durch eine Dioxinvergiftung, vermutlich ein Anschlag des russischen Geheimdienstes.

Der Dichter Alexander Puschkin sagte, in Odessa atme man Europa. Die russischen Komponisten Pjotr Tschaikowski und Nikolai Rimski-Korsakow waren mit der hiesigen Oper verbunden, der Maler Wassily Kandinsky wuchs in Odessa auf, der Schriftsteller Isaak Babel ist ein waschechter Odessit. Doch in wahrem Glanz erstrahlt eine russische Stadt erst, wenn sie vom Nationaldichter geadelt worden ist. Alexander Puschkin verbrachte ein paar Monate seines Exils in Odessa, weshalb es hier ein Puschkin-Museum gibt, mit einer Puschkin-Messingstatue in Lebensgrösse. Ihre Hand ist blitzblank von all den Händen, die Puschkin guten Tag sagten.

Das kosmopolitische Odessa mag zwar Europa atmen, lebt aber Russland. Es spricht russisch und wählt blau, prorussisch. Die wichtigste Hafenstadt der Ukraine am Schwarzen Meer hat noch den gleichen Bürgermeister wie zu Sowjetzeiten, Edward Gurwiz. Doch ganz so einfach ist es nicht.

Gurwiz – beziehungsweise Hurwitz, denn Russisch und Ukrainisch kennen kein H, es wird ersetzt durch G – wurde im Jahr 1994 erstmals Bürgermeister und vier Jahre später an der Urne in seinem Amt bestätigt. Doch der autoritäre Präsident der Ukraine, Leonid Kutschma, erklärte den treuen Apparatschik Ruslan Bodelan zum Wahlsieger. In der Folge wurden auf den Juden Gurwiz zwei Attentate verübt, zwei seiner Gefolgsleute starben, er floh nach Israel. 2002 trat er wieder an und verlor. Drei Jahre und eine orangefarbene Revolution später erklärte ihn ein Gericht zum Sieger. 2006 wurde Gurwiz an der Urne bestätigt. Sein Widersacher Bodelan floh ins Exil, nach Russland.

Als Reisender muss man sich nicht lange in Odessa aufhalten, bis man den stolzen Satz hört: «Wir haben einen jüdischen Bürgermeister!» Die Einheimischen sehen sich in einer Liga mit Amsterdam und New York. Inzwischen hat sich auch die politische Situation in der Ukraine so weit beruhigt, dass Wahlverlierer nicht mehr ins Exil müssen.

Doch der Machtkampf zwischen Ost und West geht weiter. Das zeigt sich auch im Streit um die Odessa-Brody-Pipeline. Die Leitung sollte kasachisches Erdöl über das Kaspische Meer und das Schwarze Meer nach Odessa und weiter nach Polen pumpen. Es war ein geopolitisch wichtiges, von der EU und den USA mitfinanziertes Projekt, das hätte helfen sollen, die gefährliche Durchfahrt durch den Bosporus zu vermeiden und den zu mächtigen Ölproduzenten Russland zu umgehen.

Die Ukraine verlegte 674 Kilometer Rohre bis nach ­Polen. Dann gerieten die Verhandlungen mit den Öllieferanten Kasachstan und Aserbeidschan, auch sie ehemalige Sowjetrepubliken, in Stocken. Es floss wenig oder gar kein Öl. Die Verluste der ukrainischen Pipelinebetreiber wuchsen, bis Kiew 2004 ein Angebot aus Moskau annahm. Russland schlug vor, Öl vom polnischen Ostseehafen Danzig nach Odessa zu leiten, von wo es nun auf dem Seeweg durch den Bosporus ins Mittelmeer gelangt. Seitdem fliesst das Öl in die falsche Richtung. Sehr zum Ärger der ukrainischen ­Patrioten und der europäischen Investoren. Eins zu null für Russland, könnte man sagen. Und Odessa schreibt man noch immer mit Doppel-s.

«Bring einer ukrainischen Frau nie gelbe Blumen!» sagt Pascal auf dem Sofa bei «Odessa Love». Er ist stolzer Autor von dreizehn Büchern, Franzose, Ende vierzig. «Als ich in Kiew an Recherchen über den Zweiten Weltkrieg arbeitete, bin ich nach Odessa gefahren, um Urlaub zu machen und eine neue Frau zu finden», erzählt er. Pascal war so begeistert von «Odessa Love», dass er deren französische Website betreut und seinen Landsleuten als Reiseführer dient und sie vor unseriösen Agenturen mit nichtexistenten Frauen warnt, denen man Geld überweist, damit sie die «Vermittlungskosten» bezahlen. Er scheint einschlägige Erfahrungen zu haben.

Bei «Odessa Love» finden sich Verlassene und Verwundete, Ausgestossene und Gehörnte, Alleinerziehende und Geschiedene. Jeder hat da so seine Erfahrungen. Der Neuanfang verspricht eine neue Sprache, eine neue Familie, für manche eine neue Heimat. Beim Abschied ruft Pascal: «Und niemals gelbe Blumen, hörst du! Damit sagst du ihr, dass du sie nicht mehr sehen willst.»

Lorenz Schröter ist freier Journalist; er lebt in Berlin.

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