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NZZ Folio 07/10 - Thema: Grandios gescheitert   Inhaltsverzeichnis

Liebhaber -- Wenn der Kardinal mal tot ist

© Thomas Wieck
Dieter Philippi, 48, ist Vorstand eines Unternehmens für Telekommunikation im Saarland. Er hat die grösste Sammlung klerikaler Kopfbedeckungen weltweit zusammengetragen und sie 2009 unter dem Titel «Kopfbedeckungen in Glaube, Religion und Spiritualität» in einem 700 Seiten dicken Bildband veröffentlicht. Darin finden sich akribische Angaben zu Materialien und Massen sowie Informationen, von wem und zu welchen Anlässen die Hüte getragen werden. www.dieter-philippi.de Linktext
Dieter Philippi ist eigentlich Vorstand einer Telekommunikationsfirma. Doch seit zehn Jahren studiert er Wesen und Beschaffenheit klerikaler Kopfbedeckungen. 500 Hüte hat er bereits gesammelt.

Von Anja Jardine

An diesem Morgen ist ein Paket aus Rom eingetroffen, gross genug, um eine Mikrowelle zu enthalten. Dieter Philippi freut sich. Es ist ein weiteres Stück für die Vitrine in seinem Büro – dieser ungewöhnlichen Mini-Ausstellung im Chefzimmer einer Telekommunikationsfirma. Philippi lächelt und deutet auf den Absender: «A. Gammarelli, Via S. Chiara 34, 00186 Roma».

Dort hat es angefangen, vor bald zehn Jahren. Philippi war, wie schon so oft, durch die Strassen Roms spaziert und hatte die Schaufenster der Kleidergeschäfte für geistliche Würdenträger betrachtet, als eine besonders schöne Kappe seine Aufmerksamkeit erregte – rot, seidig schimmernd, mit Moiré-Effekt. Philippi verspürte den Wunsch, sie zu besitzen. Er wusste damals nicht viel über klerikale Kopfbedeckungen, doch dass es sich hier um ein Kardinalsbirett handelte, war ihm als gläubigem Katholiken klar. Schwarz bedeutete Priester, violett Bischof, rot Kardinal und weiss – Papst.

Philippi nahm sich ein Herz und betrat den Laden. Zu seiner Überraschung fragte der Verkäufer nur «Which size?», und schon hielt Philippi das Birett in den Händen – jenes Kleidungsstück, das einem neu zu kreierenden Kardinal normalerweise vom Papst höchstpersönlich in feierlicher Zeremonie überreicht wird.

Zurück in Saarbrücken hat Philippi gegoogelt und zum Beispiel erfahren, dass das Birett im Gottesdienst nur getragen wird, wenn der Geistliche geht oder sitzt, nie aber im Stehen. «Als Schmuck der höchsten Stelle des menschlichen Körpers ist der Hut ein faszinierendes Kleidungsstück», sagt Philippi. «Er dient nicht nur für Schutz und Wärme, sondern auch als Symbol der Zugehörigkeit und der Ranghöhe.» Diese Symbole zu de­codieren ist eine Wissenschaft für sich. Doch das ahnte Philippi anfangs nicht.

Er glaubte, wenn er neben dem roten Birett noch ein schwarzes und ein violettes besässe, ausserdem die Scheitelkäppchen in allen drei Farben, dann hätte er die wesentlichen Kopfbedeckungen für Kardinal, Bischof und Priester beisammen. «Fehlt eigentlich nur noch das weis­se Scheitelkäppchen des Papstes», dachte Philippi, «dann habe ich das aktuelle Christentum vollständig.»

Von wegen! Philippi stellte schnell fest, dass es neben der römisch-katholischen Kirche auch eine koptisch-katholische, eine chaldäisch-katholische, eine äthiopisch-katholische gab und dass zum Beispiel der Patriarch der maronitisch-katholischen Kirche in Beirut zwar das gleiche Scheitelkäppchen trug, allerdings mit einem Bommel drauf!

«Ich war überrascht, wie gross die Vielfalt an Glaubensrichtungen und ­-ge­meinschaften allein in der katholischen Kirche ist», sagt Philippi. «Und jede hat ihre Besonderheiten.» So feiere man zum Beispiel nur in Mailand und im Bistum Lugano den ambrosianischen Ritus, und «das Birett der Mailänder Prälaten ist drei Zentimeter höher als das des übrigen katholischen Klerus». Philippi beschloss, sich gewissermassen über den Hut den Religionen zu nähern. Und zwar nicht nur dem Katholizismus, sondern auch ­allen anderen.

Das Purpur der Purpurschnecke

«Nach 25 Jahren Telekommunikation verspürte ich das Bedürfnis, mein Hirn durchzupusten, mich mit einer fremden Materie zu befassen.» Ein Jahrzehnt später und um 500 klerikale Mützen, Kappen und Hüte reicher, sagt Philippi: «Das hat mir gutgetan. Das war wie eine Kur.»

Zunächst galt es, sich einen Überblick über Religionen und Glaubensgemeinschaften zu verschaffen. Philippi wühlte sich durch Tausende von Bildern, auf denen Bischöfe, Monsignori, Kardinäle und andere Geistliche Hüte trugen, und verglich sie miteinander. Schritt für Schritt erarbeitete er sich minimale konfessionskundliche Unterscheidungen, die sich manchmal nur in wenigen Millimetern Stoff manifestierten. Er beschaffte sich das Jahrbuch der römisch-katholischen Kirche ebenso wie das Pendant für die orthodoxen Kirchen, in dem die Bischöfe aller orthodoxen Kirchen aufgeführt sind, inklusive E-Mail-Adresse.

Er studierte den «Braun», einen tausendseitigen Schinken von 1907, in dem der Jesuit Joseph Braun «Die liturgische Gewandung in Occident und Orient» aufgearbeitet hat. Er recherchierte den Hintergrund von Sprichwörtern wie «Amt gibt Kappen» und den Ursprung der Farbe Purpur: Ihre Pigmente, so nimmt man an, wurden aus der Pupurschnecke gewonnen, während das heutige Purpur, auch Scharlachrot genannt, röter ist und aus Schildläusen hergestellt wird. Er recherchierte an Universitäten und in Fernleihen in Bibliotheken, zog einen arabischen Übersetzer hinzu, konsultierte Historiker, reiste nach Polen, Frankreich, Amerika und immer wieder Italien.

Pizzabäcker in Ho-Chi-Minh-Stadt

Wusste er, wer wo welchen Hut trug, war die Beschaffung oft gar nicht schwer. Die Firma Sofrino in Russland fertigt zum Beispiel alles an, was die Orthodoxen brauchen. Und viele Unternehmen wie auch Gammarelli oder Euroclero bieten klerikale Kleidung über das Internet an.

Aber es gibt auch Gemeinschaften, die ihre Sachen selbst schneidern. Und dort werde es schwieriger. So weigerten sich zum Beispiel die Brüder und Schwestern der armenisch-orthodoxen Kirche in ­Armenien höflich, aber bestimmt, dem Sammler eine Bischofsmütze zu fertigen. Philippi versuchte es über einen Buch­laden armenischer Bücher in Amerika, doch auch das half nicht. Zuletzt erbarmte sich der armenische Bischof in Köln und schenkte Philippi seinen Veghar. Alles eine Frage der Geduld, der Seriosität und des Vertrauens, sagt Philippi. Mittlerweile geniesst er einen gewissen Ruf.

Aber wie zum Beispiel gelangt man an die Hüte des Caodaismus? Jener Glaubensgemeinschaft in Vietnam, der Jesus 1927 noch einmal erschienen ist, um die Nachricht zu hinterlassen, dass wir auf Erden nur Frieden fänden, wenn sich die Religionen versöhnten? Schätzungsweise zwei Millionen Anhänger verzeichnet der Caodaismus; organisiert ist er ähnlich wie der Katholizismus, inklusive Papst.

Philippi hat bei E-Bay nachgeschaut, ob jemals Gegenstände aus Vietnam verschickt wurden. Dann schrieb er einen Verkäufer in Ho-Chi-Minh-Stadt an – er habe da eine etwas seltsame Bitte, er brauche die Hüte der Caodaisten. Kein Problem, schrieb der Mann zurück, auf deutsch. Die kenne er. Übrigens sei er mal Pizzabäcker in Köln gewesen und besitze nun seine eigene Pizzeria in Ho-Chi-Minh-Stadt. Zweimal fuhr der Mann für Philippi mit dem Bus in die 60 Kilometer entfernte Kleinstadt, in der die Caodaisten ihr Zentrum haben, besuchte ihre Werkstatt und beschaffte sogar den Papsthut. Ausserdem schickte er Philippi Familienfotos und schrieb, er habe ein kleines Häuschen am Meer, und wenn Philippi dort mal Urlaub machen wolle, sei er jederzeit willkommen. «Für mich erzählt jeder Hut eine Geschichte», sagt Philippi. «Das ist einer der Gründe, warum ich sammle.»

Ein anderer Lieblingshut ist der eines indisch-orthodoxen Bischofs, den ein Priester in Kerala für Philippi geflochten hat. Erst als es darum ging, den turbanähnlichen Hut zu verschicken, wurde es kompliziert. Der indische Priester konnte sich partout nicht vorstellen, dass ein Paket von Kerala nach Kirkel im Saarland gelangen konnte. Man korrespondierte bald ein Jahr, zu guter Letzt baute der Priester eine Holzkiste, die aufwendiger gestaltet war als der Hut. Auch die Kiste gehört zu Philippis Lieblingsstücken.

Allerdings steht sie nicht in der Vitrine. Dort liegen nur die vornehmsten Hüte der katholischen Elite: das rote Kardinalsbirett, na klar. Der Camauro des Papstes – eine rote Winterkappe mit weis­sem Hermelinpelz, die auch dem Weihnachtsmann gut zu Gesicht stünde. ­Ausserdem der prachtvolle goldbestickte Sommerhut des Papstes, der leicht mexikanisch anmutet. Und nun, da das Paket endlich ausgepackt ist: der Galero. Ursprünglich dazu gedacht, nach dem Tod eines Kardinals, falls er Diözesanbischof war, über seinem Grab aufgehängt und so lange dort belassen zu werden, bis Kardinal und Hut zu Staub verfallen waren. Zur Erinnerung an die Vergänglichkeit irdischen Seins.

Anja Jardine ist NZZ-Folio-Redaktorin.



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