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NZZ Folio 02/10 - Thema: Das Ehrenamt   Inhaltsverzeichnis

Zerlegt -- Gelb, hässlich, lebensrettend

© Patrick Rohner, Zürich
Warnweste, Polyester, Army Tex, 7 Franken 90. Linktext
Mit der Unterstützung von Karl Lagerfeld wurde sie in Frankreich lanciert. Aber die Rettungsweste, die Autofahrer in immer mehr Ländern mitführen müssen, ist kein modisches Bijou.

Von Jeroen van Rooijen

Es gibt modische Phänomene, die sich kein noch so bedeutender Couturier ausgedacht hat: etwa das «gilet jaune». Bei uns tragen die Weste vor allem Frauen, die zur Mittagszeit freiwillig vor Kindergärten den Verkehr regeln. Anderswo ist sie omnipräsent, etwa in Frankreich, wo die gelbe Rettungsweste seit dem Herbst 2008 zur Grundausrüstung eines jeden Autos gehört. Man muss sie dabeihaben, will man nicht 135 Euro Busse riskieren. Auch Italien, Portugal und Spanien haben entsprechende Vorschriften.

Um die Einführung der signalgelben Rettungsweste etwas beliebter zu machen, lancierte der französische Staat im Sommer 2008 eine aufsehenerregende Plakatkampagne mit Karl Lagerfeld, der die Weste über einem Smoking trug und sich mit den Worten zitieren liess: «Sie ist gelb und hässlich, sie passt zu gar nichts – aber sie kann Ihr Leben retten.»

Nun haben also geschätzte 35 Millionen französische Automobilbesitzer so ein stabilogelbes Gilet mit zwei reflektierenden Streifen im Auto liegen – meistens im Handschuhfach oder im Kofferraum. Es gibt aber auch ästhetisch wenig empfindsame Zeitgenossen, welche die Rettungsweste einfach über den Sitz ihres Autos hängen. Gegen diese Form der optischen Verrohung haben wiederum andere Franzosen die Initiative ergriffen: Sie heissen «Les Calembours» und haben mit dem leicht dilettantischen Folksong «Gilet Jaune» und einem humorvollen Youtube-Video einen kleinen Überraschungshit gelandet.

Damit die Weste auch wirklich den Anforderungen der Gesetzeshüter entspricht, muss sie nach der Richtlinie CE/EN471 der europäischen Sicherheitsstandards zertifiziert sein. Auch ausländische Lenker, welche nach Frankreich fahren, müssen die Weste dabeihaben. Mit den hohen Stückzahlen, mit denen diese Westen (meist irgendwo in Fernost) produziert werden, lässt sich ihr niedriger Preis erklären: Knapp acht Franken kostet das Modell von Army Tex, das man etwa beim Military Megastore bekommt. Die Marge dürfte bescheiden sein, die Menge macht das Geschäft interessant.

Die in sechs Grössen erhältliche sig­nalgelbe Warnweste ist schlicht gefertigt, aber nicht schlecht. Die Rumpfteile sind ohne Seitennaht aus einem Stück Polyestergewebe geschnitten – eine Taillierung gibt es nicht, die Weste sitzt so gerade wie ein Schrank. Die Schulternähte werden mit einer sauberen Kettelnaht und einem robusten Overlock-Stich verarbeitet, die Schnittkanten entlang Halsausschnitt, Armlöchern und Saum sind tadellos mit einem 7 Millimeter breiten Nahtband versäubert. Auf Höhe der Brust und des Bauches sind zwei reflektierende Plasticstreifen aufgenäht. Geschlossen wird die Signalweste mit einem 25 Zentimeter langen, teilbaren und ebenfalls knallgelben Plastic-Reissverschluss.

Die wenigsten werden es je tun, aber man kann das gute Stück sogar waschen, bei 40 Grad in der Maschine. Heiss bügeln sollte man das Vollsynthetikgewebe aber besser nicht, da es sonst zu einem unbrauchbaren Klumpen schmilzt.

Jeroen van Rooijen ist Moderedaktor bei der NZZ am Sonntag.



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