«‹JOSEPH STIEG eine Treppe, die eher für Hühner als für Menschen gemacht schien, hinunter und trat rechter Hand ohne weiteres in das technische Bureau ein.› Hier unten war also das technische Büro, hier hat Robert Walser mit dem Ingenieur Dubler gearbeitet, und beide pafften die ganze Zeit Stumpen. Durch jene Tür schreitet im Roman der Kapitalist Fischer, um zu sehen, ob das ein profitables Unternehmen sei, in das er investieren könnte, und macht natürlich auf dem Absatz kehrt. Carl Dubler, in Walsers Roman ‹Der Gehülfe› ist es der Ingenieur Carl Tobler, erfand mechanische Apparate, für die sich keiner interessierte, und brachte damit innerhalb kurzer Zeit sein Erbe durch. Walser, im Roman Joseph Marti, war sein Gehilfe.
Wenn man den Ort in Wirklichkeit sieht, merkt man, dass ‹Der Gehülfe› eigentlich auch ein humoristischer Roman ist. Robert Walser war von Anfang an klar, dass das Ganze – Toblers grossspuriges Unternehmertum, die Villa Abendstern – etwas von Hochstapelei hatte. Und wenn Walser später in einem Brief an eine Redaktion schreibt, diese Bankrotteursgeschichte sei eigentlich gar kein Roman, ‹sondern nur ein Auszug aus dem schweizerischen täglichen Leben› – na ja, dann ist das ein ganz schön hintergründiges Schweiz-Bild.
Wenn Sie das alles vor fünf Jahren gesehen hätten: ein völlig heruntergekommenes Abbruchobjekt. Das Haus rutschte ab, im Zimmer unter der Dachterrasse hing eine Plane unter der Decke, darin war ein See. Zuletzt hatte eine türkische Arbeiterfamilie darin gewohnt, die sich mit notdürftigem Flickwerk behalf. Überall drang Wasser ein, im Gemäuer waren Risse, durch die man sich die Hand geben konnte. Alle sagten: Pass auf, dass dir die Hütte nicht einstürzt. Ich hatte aber schon in Biel die Erfahrung gemacht, dass eine zweiwandige Bruchsteinmauer unglaublich viel aushält. Von aussen sieht das Haus noch immer ziemlich baufällig aus, weil wir das Geld erst mal ins Fundament und in die Innenrenovation gesteckt haben.
Das Haus hat sieben Zimmer, sie sind aber nicht gross. Ich denke, Dubler nannte es Villa zum Abendstern nach der Villa zum Morgenstern am anderen Ende des Orts, und die ist wirklich ein repräsentatives Haus. Wir wohnen hier zu zweit, meine Frau, sie ist Psychologin, und ich; die Dublers haben in dem Haus zu acht gelebt: Eltern, vier Kinder, Gehilfe und Magd. Die Magd hatte ihr Zimmer zwischen dem der Eltern und dem der Kinder, sie war der Puffer zwischen ihnen. Im Buch wird ja eindrücklich geschildert, wie Silvi, das verschupfte Kind, nachts von der Magd brutal zur Ruhe gebracht wird.
Das Turmzimmer, wo Walser gewohnt hat, betrachten wir noch immer nicht richtig als unser Terrain. Es ist das Gästezimmer für durchreisende Walser-Fans und für Leute, die vorübergehend im Walser-Archiv sind. Im Winter bekommt man es mit den Fenstern nach drei Seiten zwar nicht richtig warm, aber im Sommer lässt sich dort sehr gut leben – mit dem Zugang zur Dachterrasse, der sogenannten Plattform, auf die der Gehülfe im Roman jeweils trat, um seinem beweg ten Inneren etwas Ruhe zu verschaffen.
An diesem Tisch habe ich schon ganze Bücher geschrieben; derzeit sitze ich an einer neuen Walser-Biographie. Ich bin Nachtarbeiter und verziehe mich gern hierher ins ‹technische Bureau›, da bin ich wie in Abrahams Schoss. Es ist wunderbar ruhig nachts. Den Zug, die Strasse, hört man kaum, weil die Blattmann-Fabrik dazwischen steht. Vor hundert Jahren, als Walser hier war, hatte man noch freie Sicht. ‹Der Tisch, denn nur ein solcher war’s und gar kein wahrhaftiges Pult, stand dicht an einem Fenster und an der Gartenerde. Darüber hinaus erblickte man in der Tiefe den ausgedehnten See ...›
Dass ich zu Robert Walser gekommen bin, begann mit einem Versehen. Eine Tante wollte ein Buch von Martin Walser kaufen und erwischte eins von Robert: ‹Geschwister Tanner›, das sie dann mir weitergab; ich war damals siebzehn. Ich wusste nach fünf Minuten: das ist mein Autor, von ihm will ich alles lesen. 1979 machte ich mich von Tübingen, wo ich studierte, mit dem Fahrrad auf und radelte auf Robert Walsers Spuren durch die Schweiz. Da stand ich mit dem Velo auch einmal da vorne am Garten. Merkwürdigerweise hatte die Reise zur Folge, dass ich eine Stelle im Walser-Archiv bekam.
Ursprünglich wollte ich die Villa zum Abendstern gar nicht für mich kaufen, ich wollte sie nur retten. Ich dachte mir etwa, dass die Carl-Seelig-Stiftung das Walser-Archiv hier unterbringen könnte, aber der Stiftung fehlte es an Geld. Das Haus war für zehn Jahre unter Schutz gestellt worden. Nach Ablauf des Moratoriums nahm ich Kontakt mit dem Eigentümer auf, mit dem Fabrikanten Peter Blattmann, der hier und auf dem benachbarten Grundstück eine Überbauung plante. Die Firma Blattmann hatte das Haus 1929 erworben, nachdem es nach Dublers Bankrott durch mehrere Hände gegangen war.
Irgendwann rückte Blattmann, mit dem ich mich gut verstand, von seinen Investitionsplänen ab, weil es mit der Zusammenlegung der Grundstücke nicht vorwärtsging, und bot mir das Haus an. Neben meiner Archivstelle arbeitete ich damals in Biel und hatte dort gerade eine Ruine gekauft, ebenfalls ein Haus mit Türmchen. Ich habe es mit ziemlich alternativen Methoden renoviert, als Literat hat man ja kein Geld, von meiner Herkunft habe ich auch keins. Aber zu der Ruine gehörte ein Garten, und genau das wollte ich mit vierzig immer haben – mit Obstbäumen, wenn möglich. Bis dahin hatte das ausserhalb des Denkbaren gelegen, aber das Bieler Türmchenhaus kostete fast nichts.
Es kam dann aber so, dass am Tag, als das Haus bezugsfähig war, mein letzter Arbeitstag in Biel war. Und fast zur gleichen Zeit musste ich mich entschliessen, ob ich den ‹Abendstern› kaufen wollte. Ich war reichlich verschuldet, hatte gerade den Job verloren, und meiner Frau hatte ich von diesen neuen Verhandlungen wohlweislich noch gar nichts erzählt. Sie erklärte mich auch erst einmal für verrückt, schaute sich die Sache dann aber an und fand, ich stünde mit Ruinen ja auf gutem Fuss.
Freunde liehen uns das Geld für den Kauf. Mit Unterstützung der Denkmalpflege und der Stadt Wädenswil renovierten wir dann. Der Architekt war ein Walser-Liebhaber, und andere, die geholfen haben, ebenfalls – etwa ein pensionierter Jugendanwalt, der arbeitete mit mir hier wochenlang mit Blaumann und Käppi. Wir haben im ganzen Haus den Putz runtergeschlagen und auch alle Demontagen selbst gemacht, damit nichts verloren ging.
Als wir vor dreieinhalb Jahren einzogen, war nur der 1. Stock wirklich fertig. Während des Umzugs, bei dem uns Freunde halfen – wir haben ja entsetzlich viele Bücher –, fragte irgendwann einer: Wisst ihr, was für ein Tag heute ist? Es war der 15. April, Walsers Geburtstag. Die Tochter unseres Architekten kam auch an Walsers Geburtstag zur Welt – es gab viele merkwürdige Zufälle. Obstbäume haben wir übrigens auch. Wir wünschten sie uns zur Hochzeit, wir haben diesen März nach 15-jährigem Zusammenleben tatsächlich noch geheiratet.
Zuvor hatten wir stets in Mietwohnungen gelebt und sind auch in Mietwohnungen aufgewachsen. Es ist ein unglaublicher Zugewinn an Lebensqualität, in einem Haus zu wohnen, aus dem man direkt ins Grüne kann. Und dieses hat besonders viele Möglichkeiten: Garten, Dachterrasse, Veranda, Gartenhäuschen.
Eigentlich fühlen wir uns aber nicht als Eigentümer, eher als Treuhänder einer Geschichte. Es kommen viele Besucher her, und ich glaube auch, dass man den Roman anders liest, wenn man einmal in diesem Haus war. Letzten Sommer, als man hier zum Walser-Geburstag den ‹Gehülfen› aufführte, zeigten wir über 500 Besuchern das Haus. Zum Glück sind die Walser-Leute liebenswürdige, zur Selbstironie neigende Menschen. Ich glaube, die Art eines Autors färbt auch ein wenig auf seine Liebhaber ab. Ich kann mir vorstellen, dass Thomas-Mann-Fans bisweilen anders sind.
Manchmal denke ich: Du musst aufpassen, dass dein Leben sich nicht in einen Roman verwandelt. Die Leute legen mich natürlich auf die Walserei fest. Dabei mache ich ja auch Editionen von Werken anderer Autoren, Ausstellungen, und ich produziere in meinem kleinen Verlag alle möglichen Sachen. Aber ich verdanke Walser ungeheuer viel. Ich möchte mir gar nicht vorstellen, welchen Verlauf mein Leben ohne ihn genommen hätte.
Was aus dem ‹Gehülfen› übrigens nicht so klar hervorgeht, ist, dass der Bankrott für die Familie Dubler eine Katastrophe war. Ich habe im Staatsarchiv die Konkursakten gefunden, da wurde für die Gant jeder einzelne Einrichtungsgegenstand aufgelistet; man könnte den Roman damit eins zu eins bebildern. Vier Wochen nachdem Walser hier weg war, ging Dubler Pleite, das Haus wurde liquidiert, die Ehe geschieden, die Kinder wurden vom Waisenamt bevormundet. Es war eine schreckliche Geschichte.»