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Kleine Helferlein
Mit einem Smartphone wie dem iPhone kann man viel mehr als bloss telefonieren – zum Beispiel Flöte spielen, Berggipfel bestimmen und Bier trinken.
Von Matthias Daum
Kleine Zusatzprogramme, die aus einem Handy oder einer elektronischen Agenda einen Taschenrechner oder einen Flipperkasten machen, gibt es schon lange (zum Beispiel für den Palm Pilot). Aber seit der Lancierung des iPhone vor drei Jahren ist die Zahl dieser sogenannten Apps explosionsartig gewachsen.
Heute stehen iPhone-Besitzern 185 000 Apps zur Auswahl. Entwickelt werden sie von Drittfirmen und freien Programmierern, Apple prüft sie und verkauft sie im Onlineshop iTunes. 30 Prozent des Erlöses gehen an Apple. Mit wenigen Klicks lädt man sie auf sein Handy. Manche sind gratis, die meisten kosten zwischen 1 und 5 Franken. Bezahlt wird mit Kreditkarte. 4 Milliarden Downloads verzeichnete der App-Store von Apple bis heute.
Auch andere Hersteller wie Google, Blackberry und Nokia haben eigene Onlineshops eingerichtet, das Angebot für das iPhone ist aber bei weitem das grösste. Hinter einigen dieser Apps stecken ungewöhnliche Geschichten. Wir haben sie gesammelt.
Codecheck – der Aufklärer
Wir wollen eure Daten! Mit Kundenkarten sammeln Migros und Coop Informationen über unser Einkaufsverhalten. Dafür gibt es mal ein Rabattprozent, dann einen Bargeldgutschein. Die Codecheck-App dreht den Spiess um. Hier sammeln die Kunden Daten über die gekauften Produkte. Zum Missfallen der Detailhändler. «Die Marketingabteilungen tun sich schwer», sagt der Zürcher Codecheck-Erfinder Roman Bleichenbacher. «Wer ein gutes Produkt hat, profitiert. Aber Transparenz gefällt nicht allen.»
Und so funktioniert’s: Mit der Handykamera wird der Strichcode fotografiert. Dann durchkämmt die App eine Datenbank mit 51 000 gespeicherten Produkten und zeigt die Inhaltsstoffe des Produkts an. Verwaltet wird die Datenbank von den Kunden selbst – sie schreiben ab, was auf den Verpackungen steht. Experten ergänzen die Angaben. So liest man nicht nur, wie gesund das Biojoghurt ist, sondern auch, wie ungesund der Schokoriegel. Oder was wirklich in einem Shampoo drinsteckt.
Codecheck enstand aus einer konsumkritischen Diplomarbeit. 2002 entwarf Bleichenbacher an der Basler Hochschule für Gestaltung und Kunst einen gefüllten Kühlschrank, der alle ungesunden Produkte auskotzte. Hierfür musste die Maschine die Produkte und ihre Inhaltsstoffe erkennen. Also programmierte Bleichenbacher eine Produktedatenbank. Kollegen und Freunde tippten die ersten Datensätze ein. Nach und nach entstand eine Art Waren-Wikipedia.
Aber weshalb Strichcodes? Sie sind weltweit gültig. Jeder ist einzigartig, geändert werden sie nur selten. Dafür müssten die Hersteller die Verpackungen neu drucken. Und wenn die Produzenten die Inhaltsstoffe ändern, merkt dies die Community sehr schnell. Die Codecheck-App ist Konsumentenaufklärung im Taschenformat.
Ocarina – der Kapellmeister
Ge Wang ist ein Computerhippie. Das lange Haar, der Blick zeugen davon – und vor allem seine Idee: «Ich will, dass sich die Menschen durch Musik ein Stück näherkommen», sagt der Professor für Computermusik. Er lehrt an der Universität Stanford und dirigiert das hauseigene Mobile Phone Orchestra.
Als Kind lernte Wang Akkordeon und Gitarre spielen. Für Computermusik begeisterten ihn die Werke des US-Komponisten Paul Lansky. Als er erstmals ein iPhone in den Händen hielt, dämmerte ihm: «Da ist mehr drin als nur Klingeltöne.» Also setzte er sich vor seinen Rechner und programmierte Ocarina: eine iPhone-Version der 12 000 Jahre alten Tonflöte. Sie zu spielen ist kinderleicht. Man hält die vier «Löcher» auf dem Display zu und bläst ins Mikrophon. Kippt man das Telefon, erklingt ein Vibrato. Wang erfand sogar eine eigene Notenschrift für das Instrument.
Wieso aber ausgerechnet die Okarina? «Das Instrument sollte möglichst einfach sein», sagt Wang. Inspiration bot auch das Computerspiel «The Legend of Zelda», wo der Held auf einer Tonflöte spielt und sich damit teleportieren kann. Doch Ocarina ist für Wang mehr als ein Musik-Gadget. Es soll eine neue Art des Musizierens begründen. Dank dem GPS-Empfänger kann man auf einem Globus alle Ocarinaspieler lokalisieren. Jeder kann mit einem anderen mitspielen oder ihm zuhören. Sogar auf dem Schlachtfeld im Irak. Ein US-Soldat schrieb Wang: «Anderen beim Ocarinaspielen zuzuhören bringt mir Frieden.» Für ein Computerblumenkind gibt es keine tiefere Befriedigung.
SBB – der Pionier
Herbst 2008. Morgens um neun Uhr klingelte bei Jonas Schnelli das Telefon. Am Apparat war ein SBB-Manager, der freundlich forderte: «Herr Schnelli, Ihre Fahrplan-App muss vom Netz.» Erst um Mitternacht hatte sie der Programmierer online gestellt. Die Bähnler reagierten schnell. Doch Schnelli, heute 29 Jahre alt, hatte mit dem Anruf gerechnet. Denn er hatte als Privatmann ohne Auftrag gehandelt. Der Kleinunternehmer brauchte Kunden für seine Softwarefirma. Seine Idee war: Auffallen durch Leistung – und dabei ein möglichst grosses Publikum erreichen. Also schrieb er in einer Woche die erste SBB-App. Damit entfiel das mühselige Navigieren auf der offiziellen Fahrplanwebsite, wofür auf dem kleinen Handybildschirm viel Fingerfertigkeit gefragt war.
Heute kann der Bahnreisende mit dem iPhone nicht nur die Zugsverbindung von A nach B abfragen. Die App sagt ihm auch – der Satellitennavigation sei Dank –, welche Haltestelle am nächsten liegt. Zudem kann er sein Billett übers Handy kaufen. Dazu muss der Kunde seine Adresse und Kreditkartennummer bei den SBB hinterlegen. Gespeichert sind die persönlichen Billette auf dem Handy. Jedes Billett erhält einen Strichcode, den der Billettkontrolleur mit seinem Barcode-Lesegerät erfasst.
Bei der ersten Version der SBB-App war dies noch Zukunftsmusik. Aber obwohl sie kein Geniestreich war, gelang Schnellis Coup. Die SBB wollten doch nicht gegen eine Ein-Mann-Software-Firma antreten, Goliath gegen David, sagte er am Telefon, das mache sich schlecht. «Arbeitet lieber mit mir zusammen.» Die Bähnler baten um Bedenkzeit – Handy-Apps waren noch neu. Eine Woche später wurde Schnelli auf die Generaldirektion gebeten. Zum Gespräch mit Produktmanagern und IT-Fachleuten. Schnell war man sich einig. Die alte App wurde eingestampft, jegliche Diskussion um Urheberrechte war damit vom Tisch. Fortan programmierte Schnelli im offiziellen SBB-Auftrag. Und seine Firma floriert.
Point de vue – Büro mit Aussicht
Marco Scheurer ist keine Rotsocke, kein Bergfloh und kein Gipfelstürmer. Die Idee zur Point-de-vue-App kam ihm beim Blick aus seinem Lausanner Bürofenster. «Wie heissen eigentlich diese Berge?» fragte er seine Arbeitskollegen. Die Informatiker waren ratlos. Und machten sich ans Programmieren.
Nun sind die Gipfeldiskussionen unter Geographie-Besserwissern passé. «Sogar Bergführer berichten uns, sie lernten etwas dazu», sagt Scheurer. Denn egal, wo in der Schweiz man sich befindet, die App erklärt das Panorama – auch bei Regen, Schnee und Nebel. Dazu kippt man das Handy in die Waagrechte und hält es in die gewünschte Richtung. Das iPhone ermittelt per GPS den Standort. Die Himmelsrichtung findet der eingebaute Kompass. Auf dem Display zeigt sich ein abstrahiertes Panorama mit unzähligen grünen Punkten. Klickt man auf diese, erscheinen Name und Höhe der jeweiligen Bergspitze. Ein weiterer Klick zeigt den gewählten Gipfel auf einer Landkarte.
Die Datenbasis der App bilden die Höhendaten der Googlemap. Diese müssen umgerechnet und mit dem aktuellen Standort abgeglichen werden. «Zunächst dauerte das 45 Minuten», sagt Scheurer. Vor allem die Bergschatten bereiteten den Entwicklern Kopfschmerzen. Inzwischen dauert es noch vier Sekunden, bis einem die Point-de-vue-App sagt, was man sieht, wenn man zum Beispiel auf dem Rigi steht. Vier Sekunden; eine halbe Ewigkeit.
Bulletflight – das Kriegsmaterial
Robert Silvers ist ein wortkarger Mann. Wieso entwickelte er eine App, mit der Scharfschützen die Flugbahn ihrer Gewehrkugel berechnen können? Die trockene Antwort: «Ich mag Schiessen, und ich suchte eine neue Herausforderung.» Mehr lässt sich der 41jährige nicht entlocken. Doch Silvers ist kein Militärkopf mit einem Geheimnis, sondern ein mundfauler Programmierer mit einem Abschluss am Massachusetts Institute of Technology, der berühmtesten Ingenieurschule der Welt. Die Idee zur Bulletflight-App hatte ein Freundesfreund, der in Florida bei Knight’s Armament arbeitet. Die Firma produziert Scharfschützengewehre für die U. S. Army und Navy. Das Programm ist keine Spielerei. Es wird von US-Soldaten in Afghanistan oder im Irak eingesetzt.
Zuerst füttert der Schütze die App mit Daten über Gewehrmodell und Munitionstyp, Wind- und Wetterverhältnisse sowie den Winkel zum Ziel. Ist ein Mobilfunknetz verfügbar, lassen sich diese Informationen herunterladen, ansonsten muss sie der Schütze eintippen. Dann berechnet Bulletflight, um wie viele Klicks der Scharfschütze sein Korn drehen muss. Selbst die Rotation der Erdkugel rechnet die Profiversion der App mit ein. Und dies bei Schüssen auf eine Distanz bis zu 3000 Metern.
Apple hat mit solchen Militär-Apps kein Problem. Doch beim Verkaufsstart sorgte Bulletflight für einen Miniskandal. Es war der Tag der Amtseinsetzung von Präsident Obama. Ein gefundenes Fressen für die Medien. Sie drehten daraus eine «Kill-Obama-Story» und kolportierten Gerüchte über eine Verschwörung. Silvers sagt: «Es war Zufall, aber gute PR für uns.»
iBeer – das Gebräu
Männer wollen Fussball, Sex und Bier. Auch auf ihren Handys. Und sie sind bereit, dafür zu zahlen. So erklärt der Basler Steve Sheraton den Erfolg seiner iBeer-App. Dank ihr lässt sich auf dem iPhone ein virtuelles Bier geniessen. Man startet das Programm und tippt auf die gewünschte Biersorte. Unter Gurgeln füllt sich das Display mit dem Gebräu. Verführerisch knistert der Schaum. Das iPhone an die Lippe gesetzt und gekippt: Schon leert sich das mit flüssigem Pixelgold gefüllte «Glas». Nur den Durst stillt das flüssige Gold aus Pixeln nicht.
Den iBeer-Vorläufer erfand Sheraton vor zehn Jahren. Es war der schwarzweisse E-spresso für den Palm Pilot, eine elektronische Agenda. Ein Businessgetränk für ein Businessgerät. Doch mit dem iPhone hielt die Lebenslust auf den Smartphones Einzug. Erst realisierte Sheraton seine Bier-Idee als Video, das man sich von Youtube aufs Handy laden konnte. Doch die User wollten spielen und selber bestimmen, wie und was sie trinken. Also programmierte er iBeer. Es wurde der Spitzenreiter seiner Firma Hottrix, die in Las Vegas Zauberzubehör erfindet und verkauft. Im Oktober 2008 sorgte iBeer für Schlagzeilen. Sheraton verklagte die Brauerei Coors auf 12,5 Millionen US-Dollar Schadenersatz. Mit der kostenlosen iBeer-Kopie iPint bewarb Coors das englische Carling-Bier und vermieste Hottrix das Geschäft. Sheraton verkauft das Original nämlich für 2 Dollar 99. Apple reagierte und nahm die App von Coors in Amerika vom Netz. Die Klage versandete.
iStethoscope – das Wunderding
Eigentlich dachte Peter J. Bentley nur an einen Werbegag für sein neues Buch «The Undercover Scientist». Aber wieso mit einer App? «Das lag auf der Hand», sagt er. Denn neben dem Schreiben arbeitet Bentley als Informatiker am University College London. Aus dem PR-Gag wurde ein Welterfolg. Nachdem die kostenlose iStethoscope-App erschienen war, erreichten Bentley E-Mails und Anrufe von Kardiologen aus aller Welt. Er habe ein Wunderding geschaffen. Bentley roch Lunte. Er programmierte eine Version, die er für 99 US-Cent verkaufte. Fachärzte bestätigten ihm: Nur eine 20 000 Dollar teure Maschine kann Herztöne so gut aufzeigen. Bentley lacht: «Seither bezahlt das App all meine Rechnungen.»
Die Anwendung von iStethoscope ist einfach. Man startet das Programm und placiert das im iPhone eingebaute Mikrophon auf der nackten Brust. Schon werden die Herztöne aufgezeichnet. Zu hören ist der Herzschlag über die Kopfhörer. Zusätzliche Instrumente sind nicht nötig. Möglich macht dies der extrem gute Analog-Digital-Wandler des iPhone; er macht aus den vom Mikrophon aufgenommenen Herztönen digitale Audiodateien.
Mit diesen baut ein Kardiologe aus Minnesota zurzeit eine Herzschlag-Datenbank auf. Jeder App-Benutzer kann seine Herztöne per Mail einsenden. Anhand der Fülle von Herztönen lernen Computer, wie normale und wie kranke Herzen schlagen. Dereinst sollen die Maschinen medizinische Erstdiagnosen stellen können. Von iStethoscope profitieren aber auch Ärzte in Entwicklungsländern. Sie können Patienten-Herztöne aus dem Busch an die Spezialisten in der Stadt mailen.
Dem Erfolg von iStethoscope zum Trotz bewerten Nutzer die App teilweise miserabel. «Sie funktioniert nicht!», «Die schlechteste App!». Bentley weiss, warum: «Die meisten Leute haben schlicht keine Ahnung, wo das Herz ist.»
Brushes – das Fingermalen
Nacht über Manhattan. Urbanes Stillleben. Schummrig glitzern die Lichter der Grossstadt. Ein Hotdog-Stand, im Hintergrund verschwommen der Eingang zu einem Kino. Oder ist es eine Stripbar? Aufgefallen ist das Cover der «New Yorker»-Ausgabe vom 1. Juni 2009 nicht. Seit 85 Jahren erscheint die legendäre Wochenzeitschrift mit einer Illustration auf dem Cover. Auch der portugiesische Künstler Jorge Colombo ist für die Leserschaft ein Altbekannter, es war nicht sein erstes «New Yorker»-Cover. Etwas war trotzdem anders: Colombo hatte das Titelblatt auf seinem iPhone gemalt.
Benutzt hat er die App Brushes, ein Malprogramm. Das Handydisplay dient dem Künstler als Leinwand, der rechte Zeigefinger ist sein Pinsel. Farbe, Dicke und Deckkraft des Strichs lassen sich einstellen, wie es auch bei gängigen Computerzeichnungsprogrammen üblich ist. Die Auflösung der Bilder ist hoch. Allerdings müssen sie zur Weiterverarbeitung auf einen Computer exportiert werden.
Während der Ungeübte mit Brushes nur bessere Kinderzeichnungen zustande bringt, entstehen bei Colombo weichgezeichnete Stadtansichten. Für das «New Yorker»-Cover stand er eine Stunde im Dunkeln an der 42nd Street, zwischen der 7th und 8th Avenue. Licht spendete Colombo die Hintergrundbeleuchtung des Handydisplays. Früher brauchte er beim nächtlichen Zeichnen eine Taschenlampe oder einen Mineurhelm mit Stirnlampe. Aber das Streulicht verfälschte den Eindruck der Dunkelheit, und ausserdem fiel der Künstler mit seiner Ausrüstung auf. Man starrte ihn an. Wenn er auf dem iPhone malt, beachten ihn die Passanten kaum. «Alle denken, ich würde meine E-Mails abrufen.»
iamrich – der Coup
«Das rote Symbol auf Ihrem iPhone oder iPod Touch erinnert Sie (und andere, denen Sie es zeigen) daran, dass Sie reich genug waren, um es sich leisten zu können.» Der Name der App war Programm: «I am rich.» Ihr Preis astronomisch: 999 US-Dollar. Teurer als das iPhone selbst. Entwickelt hat sie kein Marktkritiker, kein Konzeptkünstler, kein verkopfter Student, sondern der Diplomingenieur Armin Heinrich aus Salzgitter in Niedersachsen. Er habe ausprobieren wollen, wie weit man gehen könne, sagte Heinrich: «Was sich noch verkauft.»
Denn die App konnte nichts. Beim Klick auf den rotfunkelnden Diamanten erschien einzig ein holpriges Mantra: «I am rich / I deserv it / I am good, / healthy & / successful» – Schreibfehler inklusive. Nach Protesten nahm Apple die App vom Netz. Da hatten sie bereits acht Leute gekauft. Und Heinrich hatte 5600 US-Dollar verdient. «Ich will kein Geld von Leuten, die aus Versehen die App gekauft haben», sagte er damals, aber ob er es zurückzahlte, ist nicht bekannt. Apple jedenfalls entschädigte die Kunden, die den Preis für einen Scherz hielten.
Heute programmiert Armin Heinrich immer noch. Spiele und Musikinstrumente fürs iPhone. Aber über «I am rich» mag er nicht mehr reden.
Matthias Daum ist freier Journalist; er lebt in Zürich.
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