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NZZ Folio 06/07 - Thema: Meine erste Million   Inhaltsverzeichnis

Der Pinkeltropfenstopper

© Max Grüter
Marktlücken I: Beim Sex erzeugte Energie betreibt Haushaltgeräte (links). Slipeinlage stoppt den Pinkeltropfen (rechts). Linktext
Wer sie hat, dem wird gegeben: Wirklich brauchbare Ideen für Dinge, mit denen man Millionen verdienen könnte.

Von Peter Haffner

Auf die Idee, wie ich meine erste Million machen würde, kam ich im Alter von elf Jahren bei der Lektüre eines Artikels im Magazin «Reader’s Digest». Es war die Geschichte eines Amerikaners, der mit einem ebenso simplen wie genialen Einfall im Nu so reich geworden war, dass er zeit seines Lebens keinen Teller mehr waschen musste: Er brachte ein Heftpflaster für Schwarze auf den Markt. Vorher hatte es nur welche in der Hautfarbe von Bleichgesichtern gegeben, und Schwarze, die damit eine Wunde versorgten, fühlten sich mit den hellen Hautflicken wie Frankensteins Monster.

Leider gab es im Zürich der frühen 1960er Jahre weit und breit keinen Neger, dem ich meine mit Schultinte handgefärbten Heftpflaster hätte verkaufen können. Zurück blieb nur die Demütigung: Warum kommen immer andere auf die Ideen, die doch auf der Hand liegen? Wie etwa Frau Zhang Yin, die mit einem alten Lieferwagen in den USA von Abfallgrube zu Abfallgrube fuhr, Altpapier sammelte und nach China verschiffte, wo es wiederverwertet wird. Heute, nur fünf Jahre später, ist die 49-jährige Chinesin mit einem Privatvermögen von 1,5 Milliarden Dollar eine der reichsten Frauen der Welt. Ihr Unternehmen Nine Dragons Paper zählt 5300 Angestellte und ist auf dem Weg, die Nummer eins im Papiergeschäft zu werden.

Eine verpasste Chance mehr. Also doch lieber ein Produkt erfinden, das so perfekt ist wie der Schweizer «Rex»-Sparschäler, der Inbegriff guten Designs und der Traum jeder Kartoffel, die etwas auf sich hält. Dinge, die schwer zu schälen sind, gibt es mehr als genug – Tonbandkassetten und CD, die nicht aus der Folie wollen, elektronische Gadgets, die in nur mit der Kettensäge zu öffnende Hartplasticschalen eingeschweisst sind, Kinder, die nicht aus ihrem T-Shirt kommen, das von Ketchup und Kakao so steif geworden ist, dass man es als Servierbrett verwenden kann.

Leider gibt’s das alles schon in Amerika, dem Land der unbegrenzten Konsummöglichkeiten: «OpenX», «iSlice» oder «Pyranna» knacken selbst Verpackungen, die so zugänglich sind wie Nordkorea. Womit das Spielzeug freiliegt, mit dem man das T-Shirt des Nachwuchses für die Waschmaschine freikaufen kann.

In einer Welt von bald sieben Milliarden Konsumenten gibt es Bedürfnisse mehr als genug, doch die meisten können sich deren Befriedigung nicht leisten. Zum Beispiel das Bedürfnis nach sauberem Wasser. Der «LifeStraw» der in der Schweiz domizilierten Firma Vestergaard Frandsen ermöglicht es. Das Trinkrohr reinigt verschmutztes Wasser von Bakterien und Parasiten und schützt damit vor Durchfall und Typhus, den Leiden, die vier Fünftel aller Krankheiten der Welt ausmachen.

Ich weiss nicht, ob Mikkel Vestergaard Frandsen, dessen Vater zur Demonstration im dänischen Fernsehen mit dem Ding aus der Toilettenschüssel trank, damit reich werden wird. Aber ich wünschte es ihm – ein «LifeStraw» kostet keine fünf Franken, hält ein Jahr, liefert täglich zwei Liter Trinkwasser und ist ein Stück Entwicklungshilfe ohne Wenn und Aber. Der Erfolg würde andere ermutigen, in der Dritten Welt einen Markt zu sehen, der die Nachfrage nach Gebrauchsgütern dort und nach einem guten Gewissen hier mit entsprechenden Angeboten befriedigt.

Was es uns erleichtert, fröhlich weiterzukonsumieren. Wäre da nicht der Ärger, dass so vieles, was es gibt, unbegreiflich schlecht ist, und dass so vieles, was es geben sollte, unbegreiflicherweise nicht existiert. All der Kabel- und Steckerkram, der nicht zueinanderpasst, so dass wir unser Handy nicht aufladen können, wenn wir unseren privaten Zubehörkoffer vergessen haben. Warum beschäftigt sich eigentlich die Uno nicht mit solchen Fragen, wenn sie schon bei Völkermorden nichts tut? Die Zeit ist reif für das globalstaatlich verordnete DIN-Stecker-Kabel! Und was ist mit der guten alten Zeitung, die wir noch täglich lesen trotz den schwarzen Fingern, die wir dabei kriegen, weil es mehr als ein halbes Jahrtausend nach Gutenberg nicht gelungen ist, eine Druckerschwärze herzustellen, die Bildungshungrige nicht zu Schmutzfinken macht? Nicht zu reden vom Zahnputzbecher, der die ekligen braunen Ablagerungen anzuziehen scheint wie der Backenzahn die Karies, und, wenn wir schon bei Braunem sind, der Teebeutel, von dem wir weder wissen, wie wir ihn ausquetschen noch wo wir ihn endlagern sollen. Gibt es einen erbärmlicheren Anblick als dieses Häufchen Elend auf der Untertasse, wie es sich anbiedernd nutzlos an die Tasse lehnt? Gelegenheiten noch und noch, den grossen Reibach zu machen.

Als berufsmässig Reisender besitze ich mittlerweile alles, was Reiseläden im Angebot haben, vom Steinzeitfeuerzeug bis zum Dentalnotfallkit für die Dschungelexpedition. Bloss ein Reiseschuhputzzeug habe ich nicht finden können, so dass ich immer noch gezwungen bin, das Militärschuhputzzeug einzupacken, das die Ausmasse eines Überseekoffers hat und nicht minder schwer ist. Die AA- und AAA-Ersatzbatterien für die Kamera und den lärmreduzierenden Kopfhörer bleiben obdachlos, da bisher niemand auf die Idee gekommen ist, kleine Plasticschatullen zu ihrer Verwahrung herzustellen. So schleppt man das 24-Stück-Sparpack oder steckt sie einzeln lose in die Tasche auf das Risiko hin, dass sie, kontaktfreudig wie sie sind, dem metallenen Kugelschreiber begegnen und dabei vor lauter Aufregung die Ladung verlieren.

Kleine Sorgen, gewiss – doch davon erlöst zu werden, brauchte wirklich nicht das Genie eines Einstein, das offenbar gefragt ist, das Problem der zerknautschresistenten Plasticfolie zu lösen, in die die Bordmenus der Flugzeuge verpackt sind. Knüllt man sie zusammen, bläht sie sich gleich wieder auf, und dies bei jedem Versuch um ein Vielfaches des vorhergehenden. Schon mal so ein Ding in den Wasserbecher zu stopfen probiert, aus dem es dann heraussprang, dabei die Bloody Mary vom Tablett fegte und deren Inhalt in den Schoss der Nachbarin kippte?

Sicher, auch so etwas kann der Beginn einer wunderbaren Freundschaft sein. Die Chance ist jedenfalls grösser, als dass man sich mit seinem Computer anfreundet, der Missgeschicke niemals verzeiht und Mitteilungen macht wie: «Memo konnte nicht gelöscht werden, weil ein Objekt dieses Namens bereits existiert. Wollen Sie fortfahren?» Was wir brauchen, ist ein «Coco-Reducer» – ein Computer-Complexity-Reducer in Form eines USB-Sticks, der beim Einstecken die Programme sämtlicher nicht gebrauchten Funktionen entkleidet und uns davor bewahrt, im Word-Menu aus Versehen auf «Shuffle rückwärts» zu klicken.

Der USB-Anschluss von Computern birgt überdies tausend Gelegenheiten für Produkte, die im Unterschied zum eben genannten niemand braucht und doch alle kaufen würden. Mit Lampen, die Tastatur zu beleuchten, und Ventilatoren, den heissen Kopf zu kühlen, hat es angefangen; mit der Raketenabschussrampe, mit der man Schaumgummi auf die Bürokollegin feuern, oder dem Hamsterrad, das man per Mausklick für den Nager in Drehung versetzen kann, sind die Möglichkeiten noch längst nicht ausgeschöpft. Ich selber habe einige Sachen in petto, die der Konkurrenz wegen leider noch als geheim klassifiziert sind.

Was nicht für das nächste gilt. Gibt es etwas Ärgerliches als die Handy-Telefonierer, die im Zugabteil jedermann über private Perversitäten informieren von der Art, dass sie’s am liebsten mit Sahne haben, während wir eben bei einem der Cliffhanger von Heideggers «Sein und Zeit» angelangt sind? Mitch Altman aus San Francisco, der «TV B-Gone» erfunden hat, hat den Weg gewiesen: eine Fernbedienung mit nur einer Taste, mit der man heimlich jeden Fernseher ausschalten kann. Das Gerät für 19 Dollar 99 ist ein Marktrenner und ein Segen für den Fortbestand der Zivilisation, verwandelt es doch dumpf in den Breitbildfernseher glotzende Bargäste auf Knopfdruck in Menschen, die miteinander reden.

Keine Frage, dass ein «Handy B-Gone» seinen Erfinder zum Krösus machen würde, vor allem, wenn es ihm gelingen sollte, ein Gerät zu bauen, das nicht nur einfach den Ausschalter fernsteuert oder ein Störsignal sendet, sondern das Ganze noch mit einer Mitteilung garniert wie «Warnung des Bundesamtes für Gesundheitswesen: Telefonieren gefährdet die Kommunikation und schadet Ihrer Umgebung!»

So wünschenswert so etwas ist, so unverständlich ist es, dass es Dinge nicht gibt, die bereits erfunden sind. Während es in jedem Flugzeug Leselampen hat, die das eigene Buch beleuchten und die Nachbarn zur Rechten und Linken im Dunkeln sitzen lassen, muss man in Hotels oder selbst im privaten Schlafzimmer auf diesen Komfort verzichten. Ich weiss nicht, ob es eine soziologische Untersuchung gibt über die Frage, wie sehr der Umstand, dass die eine Person lesen und die andere schlafen will, zur Scheidungsrate beiträgt. Aber ich möchte wetten, dass diese massiv sinken würde, wäre es ihr möglich, in Musils «Mann ohne Eigenschaften» weiterzulesen, wenn er schon einschnarchen will.

Was mich zu einem Problem bringt, das Frauen nicht kennen und Männer verschweigen und demjenigen Abermillionen einbrächte, der es aus der Welt schaffen würde mit der Erfindung des «Pitrosto» – des Pinkeltropfenstoppers. Denn wie man ihn schüttelt, dreht und windet – mirakulös löst sich ein Tropfen, sowie er zurück in der blendend weissen Unterhose ist, die nun, da man eine Vitamin-B-Tablette geschluckt hat, einen leuchtend gelben Fleck aufweist, der einen im Fitnessstudio und bei Frauen zum kleinen Calvin erniedrigt. Vielleicht ein Schwämmchen, wie beim Teekannenschnabel? Virtuell?

Auch das mag nicht weltbewegend sein in einer Zeit, in der wir die Wahl haben zwischen globaler Klimakatastrophe oder Rückkehr zum Komfort der schlesischen Weber. Doch das müsste nicht sein, ist doch die Lösung des Energieproblems, der Mutter aller Probleme, so simpel wie die Lösung des Armutsproblems in Irland, die einst Jonathan Swift vorschlug: Kinder! Zivilisiert, wie wir sind, kommt für uns nicht in Frage, sie zu verkaufen oder zu verspeisen. Das ist auch gar nicht nötig mit dem «Kiwi-Generator» – dem Kids-Wireless-Generator, der die Bewegungsenergie von Kindern auf Hebel und Räder überträgt, die einen Stromgenerator antreiben. Gemäss Berechnungen, die ich soeben zu Ende gebracht habe, erzeugt ein megamässig aktives Kind täglich rund ein Gigawatt Energie – genug, eine Grossstadt einen Monat mit Strom zu versorgen.

Eine Sonderausführung des Geräts, der «Rewi-Generator» (Reproduction-Wireless-Generator), funktioniert dank Infrarot auch im Dunkeln und nutzt die sinnlos vergeudete Bewegungsenergie des Zeugungsaktes selber zum Betrieb von Elektrogeräten wie Kühlschrank, Rheumadecke und DVD-Player mit der neusten Folge von «Desperate Housewives». Sobald Investoren gefunden sind, wird das Patent angemeldet.

Peter Haffner ist Korrespondent des «Tages-Anzeiger-Magazins» in Kalifornien; er lebt in der Nähe von San Francisco.


Leserbriefe:

Zu Der Pinkeltropfenstopper - NZZ-Folio Meine erste Million (06/07)

Das Problem mit dem Pinkeltropfen ist schon längst gelöst, der dazu benötigte Gegenstand wurde um 1890 erfunden. Er heisst Toilettenpapier. Man(n) tupft nach dem Wasserlösen den Ausgang der Harnröhre mit einem Stück Toilettenpapier ab und saugt dank der Kapillarwirkung den "Pitro" souverän ins Papier – genau so wie es die Unterhose tut, wenn der Tropfen ihr überlassen wird. Im Pissoir ist kein WC-Papier zur Hand? Empfehlung: Papiertaschentuch oder Kabine benutzen. Viel Erfolg!
Günther Scholer, Rohr AG



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