Shop


 Audio


NZZ Folio 02/10 - Thema: Das Ehrenamt   Inhaltsverzeichnis

Aus Spass am Code

© Gürkan Sengün, Zürich
Weltweit 100 000 Menschen beschäftigen sich mit dem Open-Source-Betriebssystem Linux. Sie programmieren, diskutieren und verbessern es laufend: Softeware-Cracks am Treffen der europäischen Open-Source-Entwickler. Linktext
Die Open-Source-Bewegung wird getragen von Hunderttausenden freiwilligen Programmierern. Ihr Motiv ist Idealismus – aber zunehmend wird daraus ein lukratives Business.

Von Franz Zauner

Offenheit, Austausch, gute Ziele – vor dreissig, vierzig Jahren wäre einer wie Rössler ­vielleicht einer politischen Gruppe beigetreten.

Wir sassen im Hotel Sacher und assen Tafelspitz. Es ist nicht ungewöhnlich, dass Journalisten Neuigkeiten in diesem Wiener Nobelhotel serviert bekommen. In diesem Fall war es aber ein Open-Source-Unternehmen, das gekochtes Rindfleisch, die Spezialität des Hauses, vom adretten Servierpersonal auftragen liess.

In manchen Augen erscheint die Open-Source-Ecke immer noch als ein Ort, wo sich Irrläufer des Kapitalismus zusammenrotten, herkömmlichem Geschäftsgebaren ungefähr so zugänglich wie ein rebellischer Bettelorden päpstlichem Prunk. Denn Open Source, freie Software, ist keine Ware im herkömmlichen Sinn. Es handelt sich um Programmcode, der auf der Strasse liegt. Baupläne für Computerprogramme, die jeder kopieren kann. Ideen, mit denen jeder spielen darf.

Im Internet gibt es eine riesige Softwareallmend, die frei zugänglich ist. Egal, ob man schnell ein kleines Programm sucht, das CD-Musik in MP3-Files verwandelt, ein grosses Büropaket, ein ausgefuchstes Filmstudio oder ein raffiniertes Schachspiel – irgendjemand hat bereits viel Zeit und Mühe darauf verwendet, ein derartiges Programm zu schreiben. Und selbst wenn man nichts geschenkt haben möchte, wird man früher oder später zum Nutzniesser freiwilliger Softwaregaben. Die HTML-Seiten auf dem Browser werden mit hoher Wahrscheinlichkeit von einem Apache-Server ausgeliefert. Und die Texte und Bilder, die sie zeigen, lagern oft in MySQL-Datenbanken. Wenn man wollte, könnte man sich den Quellcode dieser Programme völlig legal herunterladen und sich darin verlustieren. Freie Software kennt weder Patentanträge noch Geheimhaltungsvereinbarungen. Ein Anspruch auf exklusiven Besitz wird nicht erhoben.

Gegen diese Art des Teilens haben Kritiker das Verdikt «Softwarekommunismus» ins Treffen geführt. Ausgerechnet mit so einem Kult der Selbstexpropriation sollen sich Geschäfte machen lassen? Und zwar so gute, dass man darüber im «Sacher» redet? Der Tafelspitz schmeckte zart nach Sakrileg. «Das reine Lizenzgeschäft bricht derzeit weltweit zusammen», erzählte uns vollmundig Michael Kienle, Geschäftsführer von It-novum. Das deutsche 60-Leute-Unternehmen, auf «Business Intelligence» spezialisiert, hat vor kurzem eine Niederlassung in Österreich gegründet, als nächstes steht die Eroberung der Schweiz bevor.

Die Diagramme der Trendforscher beflügeln den Expansionsdrang solcher Unternehmen: Das US-Marktforschungsinstitut IDC malt die Zukunft von Open Source in einer schwungvollen Kurve aus, die steil nach oben zeigt. Im Jahr 2013 sollen die Gewinne, die sich aus Geschäften mit Open Source machen lassen, 8 Milliarden Dollar betragen. Pro Jahr wächst der Umsatz im Durchschnitt um 22,4 Prozent, während für den traditionellen IT-Markt lediglich Raten von 2,3 Prozent vorausgesagt werden.

Wenn wir uns den Alltag einer IT-Abteilung des Jahres 2013 ausmalen, werden Störungen, Sicherheitslöcher und Zusammenbrüche wohl weiterhin wie in einer Tür-auf-Tür-zu-Komödie auftreten. Mitarbeiter wählen Telefonnummern für Trost und Rat, um nach Updates, Patches und Support zu fragen. Aber immer öfter werden am anderen Ende Mitarbeiter von Open-Source-Firmen abheben.

Vielleicht wird es von hohem Verantwortungsbewusstsein zeugen, wenn bedrohliche Softwarepannen nicht länger aus Sorge um den guten Ruf im stillen Kämmerchen abgehandelt werden. Der IT-Leiter vertraut sich einer Mailingliste an, deren Abonnenten verstreut über den Globus leben, Freiwilligen, die weder der Stachel eines Befehls und schon gar nicht die Androhung einer Kündigung beeindruckt. Tim O’Reilly, Gründer und Chef des gleichnamigen Verlags, hat es «Architecture of Participation» genannt: Firmen bewegen sich in einem Umfeld, das von Spass und Idealen bestimmt ist.

Erstaunlicherweise funktioniert das schon seit Jahren und führt zu bemerkenswerten Innovationen. Grosse Konzerne wie Sun oder IBM, die an freier Software zunächst nichts finden konnten, haben gelernt, sich darauf einzulassen. Mehr noch, in den letzten Jahren sind die Verbindungen zwischen «Kathedrale und Basar», wie der Open-Source-Evangelist Eric Raymond die Lager der klassischen Kauf- und der freien Software einst charakterisierte, intensiver und vielfältiger geworden. Einige Rätsel sind geblieben: Wieso geht diese Art der Freiwilligkeit nicht an Trittbrettfahrern zugrunde? Was bedeutet es für eine Firma, sich auf Mitarbeiter einzulassen, die machen, was sie wollen? Und wie rechnet sich am Ende die Freiwilligkeit für alle Beteiligten doch?

Open Source ist strenggenommen keine neue Erfindung. Open Source war das Paradies, aus dem die Programmierer vertrieben worden sind. In der Steinzeit der 1950er Jahre liefen praktisch alle Rechenmaschinen auf Unix. Dieses Betriebssystem war vom Telekommunikationsriesen AT & T entwickelt worden. 1956 wurde der Industriegigant von den Kartellwächtern an die Kandare genommen, er musste sich fortan auf das Telefongeschäft beschränken. AT & T verschleuderte das strategisch sinnlos gewordene Unix zum Selbstkostenpreis. Universitäten und Forschungsinstitute griffen zu. Als in den 1960ern auch noch das militärische Arpanet, der Vorläufer des Internets, für wissenschaftliche Zwecke geöffnet wurde, waren alle Zutaten für exzessive Softwareproduktion vorhanden: Code konnte ohne weitere Umstände auf weit entfernte Maschinen teleportiert werden. Das Usenet, eine Art schwarzes Brett wie heute die Pinnwand in Facebook, ermöglichte unkomplizierten Meinungsaustausch. Software entstand, ohne dass jemand mit einem Businessplan gewinkt oder ein Projektmanager die Meilensteine aufgestellt hätte. Wer geben konnte, gab. Wer nehmen wollte, nahm. Qualität entsteht durch wechselseitige Kontrolle, durch das Gegenlesen von Quellcode: «Peer Review» heisst bis heute dieses Verfahren.

1969 hatte man bei IBM indes eine Idee. Wie wäre es, für Software Geld zu verlangen? Die Blütezeit der proprietären Software begann. Das grösste aller Geschäfte schloss aber nicht IBM ab, sondern Bill Gates mit der Entwicklung eines Betriebssystems für den IBM-PC. Mit diesem MS-DOS ­genannten Programm legte er den Grundstein für den rasanten Aufstieg Microsofts zum Weltkonzern. Es war für professionelle User eine neue Erfahrung, dass sie plötzlich über ihre Programme nicht mehr nach Belieben verfügen konnten. Kopieren, untersuchen, verändern – das alles war praktisch über Nacht verboten. Code wurde zum Betriebsgeheimnis, das nur noch im unlesbaren ­binären Format an User verliehen wurde. Diese Strategie führte geradewegs zum Aufstand.

Als der Programmierer Richard M. Stallman im AI-Lab des Massachusetts Institute of Technology (MIT) eines Tages nichts mehr auf seinem Xerox-Drucker ausdrucken konnte, platzte ihm der Kragen. In den guten alten Zeiten hätte er sich mit dem verantwortlichen Xerox-Techniker zusammengesetzt, den Quellcode studiert und den Fehler ausgemerzt. Jetzt blieb ihm nur, auf das nächste Update zu warten. Software sollte frei sein, befand Stallman, kündigte und entwickelte fortan mit einem wachsenden Freiwilligenheer freie Software. 1984 gründete der Softwarerebell das GNU-Projekt. Das Akronym steht für «GNU is Not Unix».

Stallman entwarf mit Hilfe des Philosophieprofessors Jerry Cohen die GNU General Public License (GPL), die vier Freiheiten umfasst: das Programm für jeden Zweck zu nutzen, Kopien kostenlos zu verteilen, die Arbeitsweise des Programms zu studieren und das Programm eigenen Bedürfnissen anzupassen. «Free as in freedom, not as in free beer», wie Stallman präzisierte. Denn Geld sollte man schon damit verdienen dürfen. Das spezielle GPL-Copyright, das praktisch auf ein Copyleft hinausläuft, sorgt aber dafür, dass Änderungen an der Software immer der Allgemeinheit gehören: Wer GPL-lizenzierten Quellcode verändert, muss ihn wieder unter GPL veröffentlichen.

Diese Lehre war zu rein für Geschäftsinteressen im Industriemassstab. Eric S. Raymond, der mit der Open-Source-Initiative (OSI) den Realo-Flügel der Open-Source-Bewegung gründete, machte mit der OSI-Zertifizierung den Open-Source-Gedanken zu einem flexiblen Begriff. Es gibt mittlerweile einen ganzen Irrgarten von Open-Source-Lizenzformen, darunter auch solche, die es rechtlich einwandfrei ermöglichen, offenen Quellcode wieder in ein Betriebsgeheimnis zurückzuverwandeln – was natürlich ein umstrittenes Verfahren ist.

Mit ihrer Flexibilität hat es die Open-Source-Bewegung weit gebracht. Es gibt tatsächlich einen blühenden Basar, auf dem sich Freiwillige und Firmen über ihre Errungenschaften austauschen. Selbst Microsoft, der Inbegriff der Kathedrale, versucht sich in Open-Source-Experimenten. Der eigentliche Konkurrenzkampf setzt höher an. Er ist gekennzeichnet von offenen Standards und dem zunehmenden Drang, in bestehende Open-Source-Projekte zu investieren: Wenn es schon ein Rad gibt, das sich dreht, wird es nicht mehr neu erfunden.

In der Schweiz müssen heute die Beamten neben den proprietären Angeboten auch die quelloffenen Alternativen prüfen, wenn sie Software für den Bund einkaufen. Überhaupt sind die Schweizer sehr engagiert in Open-Source-Projekten. Der Schweizer Wissenschafter Benno Luthiger hat Daten von Sourceforge, einem Server für Open-Source-Software, ausgewertet. Demnach ist das kleine Alpenland selbst in hochrangigen Projekten gross vertreten. Ein überproportional hoher Anteil an Programmierern engagiert sich, in Europa sind nur die Finnen noch fleissiger. In jeder grösseren Stadt führt die Open-Source-Szene heute ein abwechslungsreiches Leben. Vom «Sacher» in Wien ist es nicht weit zum Museumsquartier, wo die Launch-Party für das «Nürnberger Windows», die Linux-Distribution «Open Suse», stattfindet.

Das Betriebssystem Linux wurde in den 1990er Jahren von dem finnischen Studenten Linus Torvalds entwickelt. Es war jenes Stück, das dem Gnu-Projekt noch fehlte, das Herz des Open-Source-Organismus, der lang gesuchte Unix-Ersatz. Experten schätzen, dass sich mehr als 100 000 Personen weltweit mit Linux beschäftigen. Sie programmieren es, sie studieren es, sie diskutieren es, sie verbessern es. An der Spitze der Bewegung steht immer noch ­Torvalds, der den sogenannten Kernel, die Seele des Betriebssystems, in jeder neuen Version persönlich freigibt.

Heute ist Torvalds der wahrscheinlich wichtigste Angestellte der Linux Foundation, einer gemeinnützigen Organisation, die von wichtigen Hard- und Softwareherstellern dotiert wird. Die Community ist längst nicht mehr nur ein Zusammenschluss vereinzelter Freiwilliger, sie ist auch eine Gemeinschaft von Firmen. Wichtige Linux-Entwickler werden direkt von weltweit tätigen Konzernen bezahlt, die darauf angewiesen sind, dass dieses Betriebssystems ständig besser wird. Der Suchmaschinen-Primus Google zum Beispiel betreibt seine Server-Farmen auf Linux-Rechnern und setzt bei seinem Handybetriebssystem Android ebenfalls auf Linux. Auch das Betriebssystem Chrome OS, als Antipode zum weltbeherrschenden Microsoft Windows angekündigt, wird quelloffen entwickelt. Es soll im wesentlichen wie ein Browser auf Linux-Basis funktionieren, damit sich der User so schnell wie möglich mit den im Netz laufenden Google-Applikationen verbinden kann – die ebenfalls auf Linux laufen.

Und weil es Linux gibt, gibt es auch die Linux-Distribution Open Suse. «Distros» wie diese enthalten nicht nur das alternative Betriebssystem Linux, sondern auch sonst alles, was man zum digitalen Leben braucht, vom Office-Paket über Web- und Mailsoftware bis hin zum digitalen Videorecorder. Soeben ist Open Suse in der Version 11.2 erschienen. Es lässt sich einfach aus dem Internet herunterladen, läuft auf jedem PC und jedem Laptop. Der Spitzname «Nürnberger Windows» bezieht sich auf den Sitz der Firma Suse, die einst die erste deutsche Linux-Distribution zusammenstellte.

Ganz vorn beim Bildschirm steht Alexander Rössler und ist in das typische Konfigurationsgefummel vertieft, das jeder computerbasierten Präsentation vorausgeht. Er ist 17 Jahre alt, Schüler in einer Laptop-Klasse eines Realgymnasiums. Er führt einem Publikum, in dem graues Haar rar ist, die neusten Errungenschaften der aktuellen Version vor. Alles begann für ihn mit einem Ferienjob. Es galt, eine Festplatte auszumustern. Rössler sollte die darauf gespeicherten Kundendaten so beseitigen, dass sie unwiederbringlich verloren waren. Ein schöner Auftrag, man löst ihn entweder mit einem grossen Hammer oder einem gründlich arbeitenden Programm. Im Linux-Reich fand er eine kostenlose Softwarelösung. Seitdem hat die Open-Source-Szene in ihm einen zuverlässigen Mitstreiter.

Die Offenheit, der Austausch, die guten Ziele – vor dreissig, vierzig Jahren wäre einer wie Rössler vielleicht einer politischen Gruppe beigetreten. Der Siegeszug der Computer brachte neue Möglichkeiten, die Welt zu verändern. Oft steht am Beginn eines OS-Engagements ein simpler Eintrag in die Mailingliste eines Projekts. Zusammen mit anderen jungen Leuten meldete sich Rössler als «Open Suse Ambassador». Ganz nebenbei geschieht, was immer geschieht, wenn junge Leute etwas beherzt tun: Sie lernen fürs Leben. Reden halten, Visionen formulieren, Ziele erreichen.

Open Source ist in jeder Hinsicht eine junge Bewegung. Der Durchschnittsprogrammierer ist zwischen 20 und 30 Jahre alt, männlich, ledig, vollzeitbeschäftigt. Der schon erwähnte Benno Luthiger erforschte die Szene für seine aufwendige und dennoch kurzweilig zu lesende Dissertation mit dem Titel «Spass und Softwareentwicklung». Der Autor, im Hauptberuf als Open-Source-Experte für die Universität Zürich tätig, schreibt selbst quelloffene Programme und weiss, wie gut sich das anfühlt. Im Engagement von Open-Source-Programmierern spielt Spass die grösste Rolle. Luthiger befragte 1330 Open-Source-Entwickler und verglich sie mit 114 kommerziellen Programmierern aus Schweizer Softwarefirmen. Ein Drittel aller Open-Source-Aktivitäten – diese hochprozentige Essenz hat Luthiger mit Hilfe der Statistik aus den Fragebogen destilliert – lassen sich als Ausfluss von Spass auffassen.

Wobei der Spass eine seriöse, auch von Personalabteilungen bedachte Angelegenheit ist, seit Mihály Csíkszentmihályi 1975 den «Flow» entdeckt hat. Darunter versteht man schöpferische Leidenschaft, in der man vollständig aufgeht. Wenn man Menschen vor Computern sitzen sieht, wird man den Eindruck nicht los, dass gerade diese Maschine Schaffensrausch und Funktionslust bis in Trancezustände zu steigern vermag.

Ist also der Homo oeconomicus dabei, den Verstand zu verlieren, wenn er mit dem Computer spielt? Luthiger zieht eine pragmatische Erklärung des Phänomens vor. Die klassische Open-Source-Währung ist Freude, aber sie ist nicht selbstlos. Der typische Open-Source-Mensch ist Produzent und Konsument in einer Person, ein Prosumer. Was er macht, löst oft ein Computerproblem, das ihn plagt. Wenn er es gut macht, macht er sich einen Namen. Dann gibt es auch noch die Freuden der Gemeinschaft, die soziale Ansteckung mit brauchbaren Ideen und guten Gedanken. Es ist ein grossartiges Gefühl, etwas auf die Beine gestellt zu haben. Reputation, Status, Signalproduktion tragen zum «Geschenknutzen» bei. Und wer weiss, irgendwann erwachsen aus dem Spass Aufträge, Jobs und Kapital.

Aus spieltheoretischer Sicht ist die Open-Source-Szene ein Club, in dem «Tit for Tat» gespielt wird. «Tit for Tat» ist eine Strategie, bei der ein Spieler genau so handelt wie sein Mitspieler in der letzten Runde. War der Mitspieler lieb, so ist es auch der «Tit for Tat»-Spieler. Wird der Mit- plötzlich zum Gegenspieler, folgt die Rache des «Tit for Tat»-Spielers auf dem Fuss.

Dass sich in Open-Source-Mustern gut leben und lernen lässt, bestätigt Gerald «Jerry» Pfeifer. Er ist als oberster Produktmanager für die offenen Plattformen von Novell zuständig, darunter das bereits erwähnte Open Suse, von dem Alexander Rössler schwärmt. Novell, eine amerikanische, aber weltweit operierende, auf Netzwerktechnologie spezialisierte Firma, verdient mit Open Suse kein Geld. Erst die für den professionellen Einsatz gedachten Clients und Server der Linie Suse Linux Enterprise sind kostenpflichtig.

Pfeifer erinnert sich noch genau an seinen zweiten ­Arbeitstag bei Suse. Es war der 4. November 2003. Novells damaliger CEO kam nach Nürnberg und kündigte den Mitarbeitern persönlich die Übernahme von Suse an. Es war vermutlich ein gutes Investment. 2009 geriet die Firma, wie viele andere auch, in die roten Zahlen. Seit Jahren sinkt der Umsatz in den traditionellen Geschäftsbereichen – von knapp 300 Millionen Dollar pro Quartal Ende 2004 auf knapp 216 Millionen im 4. Quartal 2009. Alles, was mit ­Linux zu tun hat, wächst indes kontinuierlich mit zweistelligen Zuwachsraten. Lag der Quartalsumsatz mit Open-Source-Produkten vor drei Jahren noch bei rund 10 Millionen Dollar, konnte man im letzten Viertel 2009 schon 41 Millionen Dollar damit umsetzen – eine Steigerung von 25 Prozent gegenüber dem Vorjahr.

Bevor er zu Suse kam, forschte Pfeifer als Assistenzprofessor an der Technischen Universität Wien über künstliche Intelligenz. Für seine Diplomarbeit testete er neue Programmiertechniken, doch der GCC, der GNU-C-Compiler, reagierte darauf mit Fehlermeldungen. Compiler sind Programme, die von Menschen geschriebenen Quellcode in jene Byte-Sequenzen übersetzen, die die Maschine unmittelbar verarbeiten kann. Pfeifer begann, am GCC mitzuarbeiten, und er stellte sich dabei so geschickt an, dass er es zum Mitglied im Steering Committee des GCC brachte.

Alle Open-Source-Projekte haben einen oder mehrere Häuptlinge, die die letzten Entscheidungen treffen. Bei Linux ist es Torvalds, beim GCC das Steering Committee. Sogenannte Maintainer machen diesen «Projekteigentümern» Vorschläge. Verläuft die Diskussion positiv, werden die Vorschläge angenommen. Sollten die Projekteigentümer von ihrer Weisheit im Stich gelassen werden, verläuft das Projekt im Sand, oder es gibt einen «Fork», eine Abspaltung. Ein neues Team setzt sich neue Ziele, schnappt sich den vorhandenen Code und beginnt ein neues Projekt. Manchmal sind derartige Spaltungen auch inhaltlich begründet, wenn eine neue Anforderung damit abgedeckt werden kann. So treiben ständig neue Ableger aus dem immergrünen Softwaregarten aus.

Auf Servern wie Sourceforge, wo mehr als 230 000 Projekte mit quelloffener Software untergebracht sind, lässt sich auch so manches gute Beispiel für schlechten Code finden. «Open Source ist definitiv kein Garant für Qualität», meint Pfeifer. «Ein gutes Open-Source-Projekt kann aber Qualität fördern, und die hochklassigen Projekte sind letztlich auch jene, die überleben.» Die Firmenkultur bei Novell hat sich verändert: «Novell ist heute Teil der Community», sagt Pfeifer. «Es gibt den von Novell bezahlten Teil der Community und den nicht von Novell bezahlten Teil.» Ein eigenes Open-Suse-Booster-Team hilft den Freiwilligen, beantwortet Fragen, unterstützt sie bei Problemen.

Die Community besteht aus einem harten Kern von etwa 400 Open-Suse-Members und Tausenden Supportern. Sie liefert Neuigkeiten, Dokumentationen, Test- und Code­beiträge. In der Business-Unit vertiefen einige hundert professionelle Entwickler die Entwicklung der «Distro». Auch für Geschäftskunden eröffnen sich neue Kommunikationsmöglichkeiten, die über die klassische Hotline hinausgehen: «Immer wieder gibt es Kunden, die Teil der Community werden», erzählt Pfeifer.
Bleibt die Frage, was von der spassigen Freiwilligenbewegung in ein paar Jahren noch übrig sein wird, wenn sich der Ernst des Geschäftslebens in den Mailinglisten ausbreitet. «Das Eindringen von Firmen mit klaren Geschäftsinter­essen in den Open-Source-Bereich muss den bisherigen Erfolg der Open-Source-Bewegung nicht zwangsläufig gefährden. Es sollte vielmehr dazu genutzt werden, bestehende Mängel zu beheben, damit in Zukunft noch bessere Open-Source-Software entsteht und verfügbar ist», meint Benno Luthiger.

Bezahlte Arbeit, das hat er in seiner Forschungsarbeit aufgezeigt, bereitet den Programmierern allerdings nicht ganz so viel Freude wie selbstbestimmtes, freiwilliges Engagement. In seinem Open-Source-Dasein wächst der Mensch an seiner Arbeit, eine existentielle Balance zwischen Fähigkeiten und Herausforderung stellt sich ein. Eine Vision, die sich sehen lassen kann, gibt es meist auch. Über diese Spassdifferenz, sagt Luthiger, sollten Geschäftsführer und Projektleiter nachdenken.

Franz Zauner ist stellvertretender Chefredaktor der «Wiener Zeitung», deren Onlineauftritt er betreut (www.wienerzeitung.at).


Leserbriefe:

Zu Aus Spass am Code - NZZ-Folio Das Ehrenamt (02/10)

Ist ubuntu mittlerweile nicht noch viel mehr verbreitet als Suse? Zumindest ein Hinweis darauf hat mir gefehlt. Außerdem hätte ich gern mal gewußt, wieso europäische Stadtverwaltungen auf Open Source zurückgreifen, arme Länder jedoch immer noch lieber teuer einkaufen bei Microsoft. Vielleicht ein Thema für ein nächstes Heft?
Valerie Fallera, per E-Mail




Zu Aus Spass am Code - NZZ-Folio Das Ehrenamt (02/10)

UNIX stammt aus 1970er Jahren, nicht aus den 1950ern. 1950 installierte Konrand Zuse seine Z4.
Hans Graf, Zürich




Teilen

Für 94 Franken pro Jahr gibt es NZZ Folio auch im Abonnement. Näheres hier.

Urheberrecht gilt auch im Internet: Verlinken erlaubt, Kopieren verboten.