NZZ Folio 01/12 - Thema: Agglo   Inhaltsverzeichnis

Entweder oder -- Ski oder Snowboard

© Anna Sommer
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Beide kommen irgendwie den Berg hinunter, aber mehr haben der Skifahrer und der Snowboarder nicht gemeinsam. Der eine schneidet, der andere fliesst.

Von Luca Turin

Seit dem Alter von neun Jahren fahre ich ebenso hartnäckig wie passabel Ski, und vor etwa zwanzig Jahren hat ein Ausflug ins Snowboarding mich kurz mit meiner Mittelmässigkeit bekannt gemacht, bevor ich rücklings in die Verzweiflung gestürzt bin. Ich habe beides genossen, denn der Vorteil von Bergen ist, dass man auch ohne eigenes Zutun am Ende immer unten ankommt.

Trotzdem gibt es wichtige Unterschiede zwischen den beiden Sportarten. Skilaufen hat etwas von der Rhythmik und Würde des Fechtens. Es gibt zwei Grundpositionen: den Ausfall nach vorn den Hang hinab und die rechtwinklige Parade, die den Ansturm der Geschwindigkeit ablenkt. Sobald man diese beiden Grundtechniken beherrscht, besteht Skifahren aus kurzen Zusammenstössen der scharfen Klingen mit einem Gegner namens Schnee, die von Intervallen gediegener Ruhe unterbrochen werden, während deren man sich elegant in Pose wirft.

Ein Grossteil der Freude am Skifahren besteht in Wahrheit aus diesen Intermezzi. Der ruhende Skifahrer ist wie ein Falke, der auf dem Gipfel eines Baumes sitzt, eine anmutige Silhouette, die sich nonchalant auf ihre Stöcke lehnt und gönnerhaft nach ihren langsameren Begleitern umblickt. Es sind diese kleinen Triumphe der Eitelkeit, die uns die Unerträglichkeit von Skischuhen und die Demütigung vergessen lassen, gemeinsam mit hundert anderen, Hellebarden und Piken tragenden Pistenkämpfern in eine Gondel gepfercht zu werden. Aber vor allem ist Skifahren ein symmetrischer Sport: zwei Ski, keine Seite bevorzugt. Da Vincis Mann im Kreis mit den ausgestreckten Armen und Beinen könnte ein Freestyler sein.

Der Snowboarder dagegen braucht eine Eigenschaft, die in der Chemie Chiralität oder Händigkeit genannt wird: Die wichtigste Entscheidung in einem Snowboarderleben ist, ob der rechte oder der linke Fuss nach vorne kommt, alles Weitere folgt quasi natürlich daraus. Der Mensch auf dem Snowboard rekapituliert die Evolution. Er weiss, wie es ist, sich wie ein Wimperntierchen durchs Wasser zu schrauben oder wie ein Tintenfisch seitwärts zur Beute zu ­glei­ten.

In dieser Asymmetrie liegt die Dramatik des Snowboardens. Wenn Skilaufen sich wie Logik anfühlt, dann ist Snowboarding reine Rhetorik. Beim Forward Turn hält man dem heranrauschenden Schnee zur Begrüssung abwechselnd seine Wangen entgegen, und die besten Snowboarder streicheln ihn dabei mit ihren Händen; der Backward Turn gleicht einer Ohnmacht, bei der man in die Arme eines zuverlässigen Freundes sinkt. Und wie bei einem leidenschaftlichen Liebesgeflüster wechseln die beiden einander endlos ab. Das alles verträgt sich nicht mit der Nüchternheit des Skiläufers. Die Bahnen der Snowboarder sind schneller und breiter, ihr Schwung kaum zu bremsen.

Der Skifahrer schneidet, der Snowboarder fliesst. Doch wehe der Fluss stockt, dann ist sein Anblick ernüchternd: Ruhende Snowboarder sind Witzfiguren, sie hocken im Schnee oder humpeln herum, indem sie den einen Fuss mit dem anderen vorwärts schieben und sich zur Freude der Orthopäden die Knochen verdrehen. Kann man sich an die Freuden des Snowboarding gewöhnen? Ich weiss es nicht, weil ich nach einer Reihe von finsteren Stürzen die Finger davon gelassen habe. Gibt es erhabenere Formen des Skifahrens? Ich nehme es an, ich habe Menschen auf Ski vom Fels in den Abgrund springen und überleben sehen. Doch für den Augenblick möchte ich postulieren: Skifahren ist Konversation, Snowboarding ist Sex.

Luca Turin ist Duftforscher beim Alexander-Fleming-Institut in Athen.



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