NZZ Folio 01/12 - Thema: Agglo   Inhaltsverzeichnis

Schaffe, schaffe, Hüsli baue

Seit Jahrzehnten schreiben Experten gegen die Zersiedlung an.Doch stärker als Utopien sind die Einzelinteressen. Die Schweiz wird zubetoniert. Das ist ihr Schicksal.

Von Andreas Heller

In ihren Gedanken bestiegen die Autoren einen Trolleybus. Sie fuhren hinaus aus der Stadt, und mit Erstaunen stellten sie fest, dass sie gar kein Ende mehr nahm. «Es geht einfach weiter, Serie um Serie, wie die Vergrösserung einer Kaninchenfarm. Fährt man weiter, zeigt sich, dass das schweizerische Mittelland aufgehört hat, eine Landschaft zu sein; es ist nicht Stadt, auch nicht Dorf. Es ist ein Jammer und das Werk unserer Generation.»

Was sich wie eine Beschreibung der heutigen Agglo-Schweiz liest, ist eine Passage aus einem kleinen Buch, dessen Seiten längst vergilbt sind. Im Jahre 1955 veröffentlichten der Schriftsteller und Architekt Max Frisch, der Stadtsoziologe Lucius Burckhardt und der Publizist Markus Kutter eine Broschüre mit dem Titel «Achtung, die Schweiz», in der sie die Zersiedlung des Landes beklagten. Die drei Intellektuellen spotteten über die planlose «Verdörfelung», und mit Sorge registrierten sie, dass das Land «mit einem Pelz von Kleinhaussiedlungen» überzogen werde. Es sei an der Zeit, fanden sie, etwas Neues zu wagen: «Gründen wir eine Stadt!» Eine Musterstadt für 10 000 bis 15 000 Einwohner nach modernen städtebaulichen Prinzipien, mit Hochhäusern, Parks, breiten Strassen und Fernwärme.

Ein Jahr später machte sich ein Team der ETH Zürich an die Arbeit, suchte nach einem Ort und fand ihn im Zürcher Furttal; beim Dorf Otelfingen im Bezirk Dielsdorf sollte die Stadt der Zukunft entstehen. Die Gruppe zimmerte ein zehn Quadratmeter grosses Modell, das an Frank Lloyd Wrights «Broadacre City» erinnerte. Doch die Otelfinger wollten von einer futuristischen Stadt nichts wissen, sie waren stolz auf ihre Riegelbauten. Und damit war die Angelegenheit erledigt. Das Modell der «Furttalstadt» verstaubte auf dem Estrich einer Turnhalle in Otelfingen, wo Studenten der Hochschule für Technik in Rapperswil es vor ein paar Jahren zufällig wiederentdeckten.

Nicht viel besser ging es einer ganzen Reihe von Projekten, die Architekten, Planer und Politiker während der Hochkonjunktur in den 1960er Jahren ausheckten. Die «Jolieville», die an der Expo 64 vorgestellt wurde, sah in Adliswil rittlings über der N 3 eine mit Hochhäusern durchsetzte Siedlung für 10 000 Einwohner vor. Noch kühner war die «Waldstadt», die Anfang der 1970er Jahre der Zürcher Stadtpräsident Sigi Widmer propagierte. Für eine «schockartige Linderung» der Wohnungsnot plante der Stadtrat oberhalb des Hotels Dolder den Bau einer gigantischen Trabantensiedlung mit 30 000 Wohnungen für 100 000 Einwohner. Die Stadt hatte die Gestalt eines 4,5 Kilometer langen, 60 bis 100 Meter hohen Häuserbandes, das sich ringförmig in den Wald fügte. Der Zürcher Stadtrat reichte beim Regierungsrat ein Gesuch zur Rodung von 45 Hekt­aren Wald ein. Doch der lehnte das Gesuch ab – er wollte nicht, dass die Stadt noch grösser und mächtiger werde.

Die Schweiz ist kein Land der grossen Würfe. Städtebauliche Grossprojekte scheiterten immer wieder am Föderalismus und an Einzelinteressen, die eine Siedlungsplanung verhinderten. Statt den Siedlungsdruck mit einer neuen Stadt aufzufangen, liess man ihn ins Umland wuchern, in die Vororte, in die nahen Gemeinden, schliesslich ins ganze Land. Das Resultat ist bekannt: eine Schweiz, die zu einer grossen Agglo zusammenwächst, zu einer Ansammlung von Ein- und Mehrfamilienhäusern, Villen und Terrassensiedlungen, Bürogebäuden, Fabriken, Lagerhallen, Sportplätzen, Verteilzentren, Einkaufszentren mit und ohne Drive-in-Restaurant – eine Siedlungsstruktur, die weder Stadt noch Land ist.

Ein Zufall ist die Entwicklung nicht. Die Besiedlung der Schweiz nahm ihren Anfang in der agrarischen Gesellschaft, also bereits vor Jahrhunderten, mit übers ganze Land verstreuten Dörfern und Höfen. Sie verfestigte sich während der Industrialisierung, die sich nicht nur in den Städten ereignete, sondern sich auch in ländlichen Regionen entfaltete, etwa dem Zürcher Oberland, dem Glarnerland oder dem Toggenburg. Und sie beschleunigte sich während des «Wirtschaftswunders» in den 1950er und 1960er Jahren.

Als in den 1970er Jahren die ersten planerischen Leitbilder formuliert wurden, forderten auch diese eine gleichmässige Entwicklung der Schweiz, um das Entstehen von urbanen Konzentrationen zu vermeiden. Noch die hinterste Randregion sollte mit Strassen erschlossen und mit Förderprogrammen entwickelt werden. Noch der letzte Bergbauer sollte ein Postamt und eine Bushaltestelle haben. Gleichzeitig überliess es der Bund weitgehend den Kantonen und den Gemeinden, wie sie ihre Siedlungsentwicklung gestalten wollten. Der Raumplanungsartikel, der 1969 in die Verfassung aufgenommen worden war, beschränkte sich auf allgemeine Ziele und Mindestanforderungen. Die Kompetenz für Richtpläne, Planungs- und Baugesetze und Nutzungspläne blieb bei den Kantonen und Gemeinden.

Nach Max Frisch der prominenteste Kritiker der Schweizer Siedlungspolitik ist der Basler Architekt Jacques Herzog. Für ihn ist die Schweiz ein Land, in dem das häusliche Glück im Grünen zele­briert und das moderne städtische Leben stets unterdrückt worden sei. «Die spezifisch schweizerische Urbanität erweist sich als eine Kultur des Verhinderns von Dichte und Höhe, Masse und Konzentra­tion und von beinahe allen anderen ­Eigenschaften, die man einer Stadt wünscht.» Der Föderalismus ist für ihn nicht nur politisches Prinzip, sondern Ausdruck einer Haltung, die bestimmt ist von Abkapselung, Hecken und Zäunen. «Der Schweizer mag den anderen nicht. Er mag es nicht, wenn der Nachbar ihm zu nahe kommt. Der Schweizer grenzt sich ab.»

Das helvetische Paradox in der Raumentwicklung besteht für Herzog darin, dass «die ländliche Seele» des Schweizers zerstört, was sie verehrt – die Landschaft. «Wer nicht in der Stadt wohnt, sagt, er wohne auf dem Land. Nur gibt es in der Schweiz kaum mehr eine natürliche Landschaft. In der Schweiz wohnt niemand mehr auf dem Land, denn es gibt nirgends nichts. Allerdings gibt es auch nur an wenigen Orten etwas.» In der 2005 erschienenen dreibändigen Studie «Die Schweiz. Ein städtebauliches Portrait» des ETH-Studios Basel plädieren Herzog und seine Mitautoren für eine Schärfung der Unterschiede zwischen Stadt und Land. Kernstück der Vision ist eine Siedlungstopographie, die nicht die dezentrale Entwicklung über alles stellt, sondern fünf Räume unterscheidet, die entweder gezielt weiterentwickelt oder unter Schutz gestellt werden sollten: die Metropolitanregionen, die Städtenetze, die stillen Zonen, die alpinen Brachen und die alpinen Resorts.

Einige dieser Begriffe werden inzwischen auch von den offiziellen Raumplanern verwendet. Das neue «Raumkonzept Schweiz» besagt, dass die Zukunft nicht länger von einzelnen Kantonen und Gemeinden gestaltet werden kann. Denn die Zunahme der Mobilität hat dazu geführt, dass heute viele Schweizer und Schweizerinnen im Alltag ständig zwischen Wohnen, Arbeiten und Einkaufen die Gemeinde-, Kantons- und gar die Landesgrenzen überschreiten. Das Raumkonzept schlägt deshalb vor, die Raumentwicklung an sogenannten Handlungsräumen auszurichten. Es unterscheidet zwölf davon: vier grossstädtisch geprägte (Zürich, Basel, Bassin lémanique und die Hauptstadtregion), fünf klein- und mittelstädtisch geprägte (Luzern, Città Ticino, Jurabogen, Aareland, Nordostschweiz) sowie drei alpin geprägte (Gotthard, Südwestschweiz, Südostschweiz). Der Bericht verlangt, dass die Entwicklung von Siedlungen konsequent auf bereits überbaute Gebiete gelenkt werde. Das Ziel sind urbane Verdichtungsgebiete, ländliche Zentren und Ortskerne von hoher Lebensqualität. Noch unverbaute Landschaften hingegen sollen besser geschützt werden, um der Zerstückelung der Landschaft ein Ende zu setzen und ihre Vielfalt zu erhalten.

Bewegung in die Diskussion hat auch die Landschaftsinitiative gebracht, die ein 20jähriges Bauzonenmoratorium verlangt. Als Gegenvorschlag hat der Bundesrat eine Revision des Raumplanungsgesetzes vorgelegt: verbindlichere Regeln zur Siedlungssteuerung, zur Grösse der Bauzonen und zu den Richtplänen der Kantone. Ob diese Revision die gewünschte Wirkung entfalten wird, ist schwierig abzuschätzen. Letztlich sind es jedoch immer noch die Kantone, die in der Raumplanung die meisten Kompetenzen haben. Und die kantonalen Instrumente zur Siedlungssteuerung sind sehr unterschiedlich.

Während städtische Kantone wie Zürich inzwischen recht rigide Regeln anwenden, überwiegt in ländlichen Kantonen wie dem Wallis oder dem Glarnerland das Laisser-faire. Wie eine Studie des Think-Tanks Avenir Suisse zeigt, hat etwa das Wallis riesige Reserven an Bauzonen, während es in den Agglomerationen zunehmend an Bauland fehlt. Die Studie bezeichnet dies als «grösste Altlast» der schweizerischen Raumplanung. Um eine weitere Zersiedlung zu vermeiden, wäre es sinnvoll, in peripheren Regionen Rückzonungen vorzunehmen und in Zentren neues Bauland einzuzonen. Über eine Abschöpfung des Mehrwerts, so der Vorschlag, könnte der Minderwert, der bei einer Rückzonung entsteht, entschädigt werden.

Die Zuwanderung in den letzten Jahren (im Durchschnitt 50 000 Personen pro Jahr), die wachsenden Ansprüche an die Wohnfläche (sie hat sich seit 1950 pro Kopf mehr als verdoppelt) und der von tiefen Zinsen befeuerte Bauboom (jede Sekunde wird ein Qua­dratmeter Grünfläche zugebaut, täglich sind das zehn Fussballfelder, in einem Jahr entspricht dies der Fläche des Walensees) haben die Raumplanung auf der politischen Agenda wieder nach oben gehievt. Es werden Laufmeter von Berichten produziert, Gremien und Kommissionen gebildet.

Eine Gruppe jüngerer Zürcher Architekten, die sich regelmässig im Restaurant Krokodil an der Langstrasse zu Schnitzel und Bier treffen, fand es langsam an der Zeit, dass über die Zersiedlung der Landschaft nicht nur palavert wird. Die Architekten nannten sich Gruppe Krokodil und beschlossen, anstelle einer weiteren Studie ein konkretes Projekt für ein urbanes Zentrum zu erarbeiten. Den Standort der neuen Stadt hatten sie bald gefunden: das Glattal im Osten von Zürich. «Das Glattal ist gemessen an der Bautätigkeit eine der dynamischsten Regionen der Schweiz», sagt Mathias Müller, Partner im Büro EM2N. «Sie ist mit der S-Bahn und der Glatttalbahn erschlossen, zahlreiche internatio­nale Firmen haben sich hier angesiedelt. Doch leider wird auch hier meist in Agglodichte gebaut, im Bewusstsein, dass man auf dem Land lebt.»

Jede der 14 Gemeinden plant ihre Zukunft in eigener Regie, wurstelt vor sich hin. Hier wird eine neue Wohnsiedlung geplant, dort ein neuer Bürotrakt. Um herauszufinden, was es zu einer zusammenhängenden Glattalstadt braucht, sammelten die Architekten Unmengen an Datenmaterial. Sie besprachen die Resultate mit Städteplanern, Landschaftsarchitekten und anderen Fachleuten und entwickelten ein Szenario.

Müller rollt in seinem Büro einen Plan des Glattals aus, das aufgrund seiner Lage und Topographie geradezu nach einem planerischen Wurf schreit. In der Glattalstadt zwischen dem Flughafen Kloten und dem Greifensee könnten dereinst 400 000 Menschen leben. Und zwar nicht in einer losen Agglomeration, sondern in stark verdichteten Orten, die mit der S-Bahn und einer neuen Nahverkehrsbahn miteinander verbunden sind. Der Flugplatz Dübendorf könnte das Zentrum der neuen Stadt bilden, zum Beispiel als grosser Stadtpark, flankiert von langen Boulevards entlang den Pistenachsen. Auch ein Sportstadion hätte hier noch Platz. Das Zürcher Universitätsspital, das derzeit neue Standorte prüft, könnte östlich davon liegen, unmittelbar in einem andern grossen Grünraum, der sich bis zum Greifensee erstreckt. In der hochverdichteten Achse entlang der ehemaligen Startbahn könnte die ETH Forschungs­standorte ansiedeln, im Norden von Uster könnte das neue Polizei- und Justizzentrum entstehen. In Wallisellen haben die Vordenker einen Gewerbepark gezeichnet. Und als Erholungsraum soll der Hardwald in der Mitte drei Seelein und ein sternförmiges Wegnetz erhalten.

Das Projekt erinnert an die Visionen der 1960er Jahre. Es zeigt, dass es anderes gäbe als die amorphe Agglo. Doch will man nicht so recht daran glauben, dass die Glattalstadt je gebaut werden wird. Müller registriert zwar Interesse von Planungsfachleuten, doch letztlich sei das Ganze sowohl eine politische als auch eine gesellschaft­liche Frage. «Es braucht einen Mentalitätswandel», sagt Müller. «Sonst werden wir früher oder später alle zu Agglobewohnern.»

Andreas Heller ist Folio-Redaktor.




Leserbriefe:

Zu Schaffe, schaffe, Hüsli baue - NZZ-Folio Agglo (01/12)

Die Siedlungsstrukturen in städtischen Agglomerationen sind aufgrund heutiger Erkenntnisse wenig nachhaltig angelegt. Dies hat auch nachteilige Folgen auf die Kernstädte. In städtischen Agglomerationen sollten benachbarte Gemeinden gemeinsam urbane, verdichtete Regionalstädte mit gemischten Nutzungen vor allem entlang von S-Bahnen und Stadtbahnen entwickeln, wie zum Beispiel die Glatttal-Stadt und Limmatal-Stadt in der Agglomeration Zürich. Solche Regionalstädte entsprechen einer zukunftsfähigen Siedlungs-, Verkehrs-, Energie- und Umweltpolitik und helfen mit, landschaftszerstörende Zersiedlung und die Ausbreitung des Siedlungsbreis zu stoppen. Wohnen, Arbeiten und Leben in attraktiver städtischer Umgebung wird bei allen Generationen zunehmend beliebter, was auch für urbane, verdichtete Regionalstädte spricht. Früher oder später könnten die beteiligten Gemeinden von Regionalstädten einen Zweckverband oder eine politische Einheit bilden, was für die politische, planerische und städtebauliche Steuerung des Entwicklungsprozesses solcher Städte von Vorteil wäre.
Da das Umprogrammieren und die Umsetzung der Siedlungsentwicklung vom "Dorf" zur urbanen Regionalstadt Jahrzehnte brauchen werden, sollte angesichts unserer Verantwortung für kommende Generationen besser heute als morgen damit begonnen werden. Es gilt mit Vorausdenken und Vorausplanen zu verhindern, dass in 20 bis 30 Jahren nicht wieder festgestellt werden muss: Die Entwicklung in den städtischen Agglomerationen hat zwar stattgefunden, aber sie ist in ökologischer, sozialer, und ökonomischer sowie in raumplanerischer und städtebaulicher Hinsicht schlecht ausgefallen.
Werner Streich, Zürich



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