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NZZ Folio 08/10 - Thema: Patriotismus Inhaltsverzeichnis
Europa, unser Väterland
© Darrin Zammit Lupi / Reuters
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| Die Fahne sorgt für erste Regungen eines Europagefühls. Kundgebung in Malta 2003. |
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Der Nationalstaat hat kaum einem Volk Sicherheit, Frieden und Solidarität gebracht. Die Bindung an Europa ist weniger sentimental, dafür gesünder.
Von Klaus Harpprecht
Ein Deutscher, dessen Jugend von der finsteren, der mörderischen ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gezeichnet war, hat es mit dem Begriff Patriotismus nicht leicht – es sei denn, er stiefelte harthörig und halb erblindet durch die Epoche. Die Verbrechen, die angeblich vom Vaterland (in Wahrheit vom Diktator und seinen Satrapen) gefordert wurden, die kollektive Verantwortung, die von der Generation der Überlebenden durch die Jahrzehnte geschleppt werden muss – nein, zur grossen Phrase taugen diese Erfahrungen nicht. Der Patriotismus ist dem Schreiber und vielen seiner Altersgenossen sozusagen im Munde verfault. Ob sie es wollen oder nicht, sie haben die tausendfach wiederholte Todesanzeige vor Augen, in der geschrieben stand: «…gefallen für Führer, Volk und Vaterland».
Nein, wir gehören nicht zu den Altchen, denen das Wasser der Rührung in die Augen schiesst, sobald das Vaterland beschworen und das Deutschlandlied angestimmt wird. Manche von uns überkam ein fröstelndes Unbehagen, ja eine Art Scham, wenn Kanzler Kohl – auf seine Weise ein guter Europäer – das «deutsche Vaterland» ergriffen durchs Dreifachkinn gurgeln liess.
Vermutlich trug der Altkanzler einst die Pimpfenkluft der Klein-Hitlerjungen – wie der Verfasser auch, der es zum Jungzugführer brachte und nicht wenig stolz war, als er (im ersten oder zweiten Jahr des Krieges) bei einem Staatsfeiertag aufs Podium geschickt wurde, um Hölderlins Verse vorzutragen: «O Schlacht fürs Vaterland…» Fähnleinführer durfte er freilich nicht werden: «Du hättest dir einen anderen Vater aussuchen müssen», sagte der Jungbannführer. Der Vater – Pfarrer, Mann der Bekennenden Kirche, folglich kein Nazi – passte nicht ins Bild. Nahe Verwandte gerieten in die Fänge der Gestapo. Einen Bruder hatte ich verloren, ein zweiter schlug sich durch Russland (auch er überlebte nicht). Dann wurde ich selber Soldat.
Es war für mich kaum erträglich, dass der (in jeder Hinsicht) übermächtige Kohl auf das Grossväterpathos nicht verzichten wollte. Taktisches Kalkül erklärt nicht alles. Wenn er vom Millionenmord an den Juden sprach, zog sich der Kanzler gern auf die verschwommene Formel von den Verbrechen zurück, die «im deutschen Namen» begangen worden seien: nein, nicht von Deutschen, sondern von Geisterhänden, die sich unseres Namens bedienten – sozusagen in einem moralischen Niemandsland.
Er wusste genau, was die nazistische Vernichtungsmaschine bei den europäischen Nachbarn, zumal in Polen, in Russland, schliesslich auch in Deutschland angerichtet hatte. Der Nationalismus, den Hermann Hesse eine Geisteskrankheit nannte, der rassistische Irrsinn, der Kadavergehorsam preussisch-militaristischer Tradition liessen Zehntausende zu Massenmördern werden – in einer Art von Rausch (des öfteren auch realiter besoffen), der am Ende in den suizidalen Wahnsinn kippte.
Kanzler Kohl berief sich unerschütterlich auf ein «gesundes Nationalbewusstsein». Er schien sich nie die Frage zu stellen, ob es jenen Zustand überhaupt gebe. Tarnte es nicht nur – bei welchem Volk auch immer – einen mühsam gezähmten Nationalismus, der jederzeit die Fesseln der Zivilisierung abschütteln konnte? «Gesundes Nationalgefühl» in Deutschland? Dessen Bürger immer nur eine schemenhafte Auskunft darüber geben konnten, wo die Nation anfange, wo sie aufhöre?
Lebte sie «von der Maas bis an die Memel, von der Etsch bis an den Belt», wie der unterdrückte erste Vers des «Deutschlandliedes» verkündete? Nun von der Oder bis zum Rhein? «So weit die deutsche Zunge klingt», hatte der hysterische Überpatriot Ernst Moritz Arndt geprahlt (die Schweiz gemeindete er kurzerhand ein) – damals in der ersten nationalen Erregung der Deutschen, als Bonaparte 1805 dem «Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation» ein Ende machte, jenem surrealen Gewächs der Geschichte, von tausend Binnengrenzen verstellt, die sich in jeder Generation verschoben, wie es den dynastischen und machtpolitischen Verhältnissen jeweils entsprach?
Mit einer erstaunlichen Vitalität hatte sich das Reich dennoch ein Jahrtausend lang behauptet, ein überraschend flexibles Gebilde, das verfeindete Grossmächte wie Österreich und Preussen über Kriege hinweg immer noch miteinander verband. Auf seine Weise ein vorausgelebtes (und chronisch gescheitertes) Europa – keines, das als Vorbild der Europäischen Union taugen könnte.
Nach dem kriminellen Versuch der Verdeutschung Europas hatte die Katastrophe des Dritten Reiches den Überlebenden die Aufgabe hinterlassen, Deutschland zu europäisieren, wie es der junge Willy Brandt hellsichtig im skandinavischen Exil und nach ihm Thomas Mann bei seiner Versöhnungsreise nach Lübeck gefordert hatten.
Der pragmatische Visionär Jean Monnet sah in der Europäisierung Deutschlands die einzige Chance, den Völkern der Alten Welt ein verlässliches Gleichgewicht und damit einen dauerhaften Frieden zu sichern. Im September 1946 war Winston Churchill mutig genug, das Ziel in seiner legendären Zürcher Rede beim Namen zu nennen: die Vereinigten Staaten von Europa (denen er Grossbritannien freilich nicht zurechnen wollte).
Was konnte den Deutschen in ihrem Elend Besseres passieren als das Angebot, sich nach Europa zu retten? Damals waren sie (in der Mehrzahl) ohne Vorbehalt bereit, lieber heute als morgen den Mythos der Nation los zu werden. Ihre Intellektuellen zitierten gern den melancholisch-klugen Grillparzer, der den «Weg der neueren Menschheit» mit den Stichworten beschrieb: «Von der Humanität durch die Nationalität zur Bestialität.» Sie entsannen sich der Skepsis, mit der Goethe den «nationalen» Aufbruch der Befreiungskriege beobachtet hatte.
Der Minister in Weimar misstraute der Deutschtümelei, die aus dem Ressentiment gegen Frankreich geboren war, das nach seiner grossen Revolution 1791 den «Nationalstaat» gegründet hatte, der in den folgenden eineinhalb Jahrhunderten den Erdkreis prägen sollte, nicht immer zum Glück der Völker – eher im Gegenteil. Schon ein Jahrzehnt nachdem der Nationalstaat ins Leben getreten war, putschte ihn Napoleon zum Imperium hoch, das so rasch wieder zerfiel wie hernach das grossdeutsche Reich seines genialisch-kriminellen und zugleich erzdummen Plagiators aus Braunau am Inn, Adolf Hitlers.
«Der Patriotismus verdirbt die Geschichte», bemerkte Goethe. Dr. Samuel Johnson, der britische Lessing (und ein bisschen mehr), drückte sich drastischer aus: «Patriotism», rief er, «is the last resort of the scoundrels» – die letzte Zuflucht der Schurken. In Weimar war solch bissige Ironie weniger üblich. «Wo wir uns bilden, da ist unser Vaterland», sagte der Geheimrat, vielleicht auch (wenn die Überlieferung nicht trügt): «Wo wir lieben, da ist unser Vaterland.» Goethe dachte dabei an sein kleines Weimar, vielleicht an Frankfurt, an Strassburg – gewiss nicht an den Deutschen Bund. Man darf daran zweifeln, dass er in Bismarcks grosspreussisch-kleindeutschem Reich, das der Eiserne Kanzler 1871 mit solch grandioser Taktlosigkeit in Versailles, im Herzen des besiegten Frankreich, ausrufen liess, sein Vaterland erkannt hätte.
Im bescheidenen Weimar war der Horizont weiter als in der Millionenstadt Berlin. In jenem Nest geriet Goethe der Begriff Weltliteratur in die Feder, so selbstverständlich wie sich Lessing einen Weltbürger nannte. Goethe hat Manzonis «Verlobte» – die Ouvertüre der modernen Literatur Italiens – mit gleicher Aufmerksamkeit gelesen und gelobt wie Stendhals «Rot und Schwarz», Balzacs «Peau de Chagrin» oder die Werke Byrons. Der Geheimrat war der europäische Bildungsbürger par excellence.
Die Einkehr des besiegten Deutschland in Europa – zunächst nur des westlichen – entsprach seinem Geist und seinem Erbe. Wenn denn Patriotismus: Ihm wäre es gewiss leichter geworden, sich als einen europäischen Patrioten zu betrachten denn als einen preussisch-deutschen.
Aber gaben sich seine verstörten Urenkel nach der absurden Götterdämmerung des grossdeutschen Reiches nicht einer Illusion hin, wenn sie meinten, jene Gefühle der Zugehörigkeit, der Mitverantwortung, der Tradition, der Bildung, die in der Nation verankert zu sein schienen, liessen sich auf eine europäische Staatengemeinschaft übertragen? Auf eine Staatengemeinschaft, deren Völker durch ihre eigenen Sprachen, ihre unterschiedlichen Kulturen des Alltags, religiöse Überlieferungen, vor allem aber durch ihre historischen Erfahrungen oft genug von der Furcht vor den Nachbarn, von der Gewohnheit der Feindseligkeiten, ja von den Mythen der «Erbfeindschaften» geprägt waren? Und es vielleicht bis zu einem gewissen Grade noch immer sind, zumal die neuen Mitglieder in Osteuropa? (Siehe die nationalhysterischen «Volkstums»-Spannungen zwischen Ungarn und Slowaken.)
Das deutsche Bundesverfassungsgericht wurde durch eine Klage des bayrischen Salonpolitikers Peter Gauweiler (dem deutschnationale Neigungen nachgesagt werden können) zu einem Verfahren veranlasst, das die Übereinstimmung des Vertrages von Lissabon mit dem Grundgesetz prüfen sollte. Das höchste deutsche Gericht machte durch sein Urteil (am 30. Juni 2009) auf herbe Weise deutlich, dass es den Nationalstaat noch immer als die Mutter (oder den Vater?) aller Politik betrachte.
Die Begründung des Richtspruches definierte die Nation mit einer geplusterten und vorgestrigen Formel als «Schicksalsgemeinschaft»: Europa sei das eben nicht. Wenn man sich dieser wagnerianisch tosenden Phrase bedient, dann sollte freilich gesagt werden, dass der «Führer» und sein Reich durch ihren Krieg und durch die Verheerung des Kontinents den Europäern in der Tat ein gemeinsames Schicksal aufgezwungen haben. Es blieb ihnen am Ende der Katastrophe nichts anderes, als das bittere Geschick ins Positive zu wenden: nämlich durch den Bau des europäischen Hauses.
Das Gericht, von solchen Einsichten fern, berief sich auf die «Souveränität», die nur im Nationalstaat verankert sei. Es scheint den Damen und Herren in den roten Roben entgangen zu sein, dass sich die klassischen Souveränitäten längst ins Abstrakte davongemacht haben – oder nur durch die übernationale Bündelung eine (limitierte) Realität behaupten können. Obendrein unterschätzte der Karlsruher Senat die föderativen Elemente, die in der Europäischen Union bereits verankert sind: unter anderem das Europäische Parlament und den Europäischen Gerichtshof, die gemeinsame Währung und die Europäische Zentralbank, das Euro-Corps als die – deutsch-französisch geprägte – Avantgarde einer europäischen Armee.
Die Übertragung weiterer Souveränitätsrechte an die Europäische Union aber verlange eine Änderung des Grundgesetzes. Warum das? Die vollzogenen Schritte vom Staatenbund zum Bundesstaat stimmten bisher mit der Verfassung überein – warum nicht die kommenden? Ohnehin werden Jahrzehnte in die Lande gehen, bis das Zwitterwesen EU seine Entwicklung von der Konföderation zur Föderation abgeschlossen, mit anderen Worten: den erstrebten Zustand erreicht hat.
Was die seelische Bindung an die «Schicksalsgemeinschaft» angeht: Der Autor dieser Zeilen bekennt gern, dass ihm ein europäisch gesinnter Stadtrat im polnischen Lublin näher ist als ein rechtsradikaler Glatzkopf in Thüringen, dass ihn mit einem europäisch engagierten Redaktor vom Pariser «Monde» mehr verbindet als mit dem Linkenchef Lafontaine, dass er sich mit einer antiberlusconischen Lehrerin in Bari leichter verständigt als mit einem Ex-Stasioffizier in Rudolstadt, der frech über die bundesdeutsche Siegerjustiz mault, weil seine Rente angeblich unter DDR-Niveau bleibt.
Nach einem halben Jahrhundert der Existenz eines europäischen Staatenverbundes haben wir gelernt, Grenzen nicht länger als Markierung des Trennenden zu erkennen. Durchlässig geworden und schliesslich auf einen fast nur noch symbolischen Charakter reduziert, erlaubten sie den Nachbarn die schöne Entdeckung, dass die Pfähle, die Schranken, die Zäune, die sie einst voneinander fernhielten, in Wahrheit immer auch Übergänge bezeichnen – Gemeinsamkeiten in den Sprachen, den Dialekten, den täglichen Sitten, zunehmend auch in den Verschränkungen der Wirtschaft.
Die Kooperation der Regionen über die Grenzen hinaus ist ein eindrucksvoller Beweis, dass der Nationalstaat nicht das Ziel der Geschichte sein kann. Er hat sich wahrhaftig nicht als eine Ordnung bewährt, in der die Völker ihren Frieden finden, der ihre Sicherheit, eine stetige Entwicklung ihrer produktiven Talente und den solidarischen Zusammenhalt der Gesellschaft garantiert.
Die Aufwertung der Regionen in Frankreich, so schleppend sich der Prozess der Dezentralisierung vollziehen mag, demonstriert nicht nur die Renaissance von Traditionen, die seit der Herrschaft des Sonnenkönigs Louis XIV verschüttet waren, sondern den stillen Einzug einer europäischen Realität in das Land, das den Eindruck vermittelte, die gesamten Energien der Gesellschaft sammelten sich in Paris. So verhielt es sich in Wirklichkeit nie. Dennoch war Frankreich nicht nur der klassische Nationalstaat, sondern auch der zentralistische Staat schlechthin. Die Europäische Union erzwang ohne jeden Druck, ja ohne ein – von wem auch immer – formuliertes Programm den Aufbruch zur inneren Föderalisierung Frankreichs: der Sieg, wie ein Chefredaktor von «Le Monde» schrieb, der Girondisten über die Jakobiner, mehr als zwei Jahrhunderte nach der Revolution.
Einst galt der Begriff Föderalismus bei der politischen Klasse Frankreichs als geradezu obszön. Unterdessen wird von den kühneren Geistern in den Gazetten, in den Universitäten, mit Vorsicht auch in den Parteien über die Abschaffung der Départements debattiert, die einst von Napoleon als Aussenposten der Zentralregierung gleichgeschaltet wurden. Die Macht der Präfekten ist durch die gewählten Generalräte streng beschnitten worden. Ein beschränktes Mass an politischer Macht und eine gehörige Portion Prestige wuchsen überdies den Regionalräten und ihren Präsidenten zu.
Die Regionalwahlen entwickelten sich zu einem Korrektiv der Präsidentschaftswahlen und der Wahlen zur Nationalversammlung. Sie geben dem Volk Gelegenheit, seine (in der Regel) schlechte Laune und seine Unzufriedenheit mit dem Regenten im Elysée-Palast zu demonstrieren – wie auch den Länderwahlen in der Bundesrepublik eine korrigierende Funktion zukommt. Doch nicht nur, denn die deutschen Länder verfügen – als die eigentliche Basis des Bundes – über eine politische Autorität, die jener der französischen Regionen noch immer weit voraus ist. Via Bundesrat limitieren sie die Macht der Mehrheit im Bundestag.
So will es das Grundgesetz, obwohl auch Kanzler vom Schlage des Patriarchen Konrad Adenauer, des visionären und zugleich pragmatischen Sozialdemokraten Willy Brandt, des brillanten Intellektuellen Helmut Schmidt, des sesshaft-konservativen Machtmenschen Helmut Kohl die Landschaft der bundesdeutschen Politik weithin überstrahlten. Ausserdem umriss die Verfassung zwei Aufgaben, die über den Bonner Staat hinauswiesen: die Wiederherstellung der Einheit Deutschlands und den Aufbau eines vereinten Europa. Bundeskanzler Brandt brachte hernach die Wandlung des patriotischen Ideals auf eine einfache Formel: Ein guter Deutscher könne kein Nationalist sei, sagte er hanseatisch knapp.
Charles de Gaulle freilich wollte es nicht dulden, dass die Glorie der Nation Schaden nähme. Sein politischer Anhang hatte 1954, im Bündnis mit den Kommunisten, die Europäische Verteidigungsgemeinschaft in den Orkus befördert. Doch 1958, zurück an der Macht, respektierte der General die europäischen Bindungen. Ihm war deutlich, dass Frankreich eine weltpolitische Funktion nur als die Führungsmacht eines vereinten Europa – das aber hiess: in engster Kooperation mit der Bundesrepublik – zurückgewinnen könne.
Der alte Adenauer und seine sozialdemokratischen Nachfolger meisterten die Balance zwischen der nahezu intimen Bindung an Frankreich und der Allianz mit den Vereinigten Staaten zuverlässig und oft mit einem virtuosen Geschick. Bis in die Kennedy-Jahre konnten sie mit dem Wohlwollen Amerikas für die Vereinigung Europas rechnen: auch als ein Element der Sicherung gegen das sowjetische Imperium. Nach dem Zerfall des roten Reiches, als die Mauern gefallen waren, gewann die Union von Brüssel eine Anziehungskraft, der sich keiner der osteuropäischen Staaten verweigern konnte. Die Magie des vereinten Europa hatte das Ihre zu dem Zersetzungsprozess der sowjetischen Weltmacht beigetragen. Die befreiten Völker drängten in die Gemeinschaft. Ihre Ungeduld verlangte die rasche Einlösung eines Versprechens, das ihren Widerstand genährt hatte. So eilte die Erweiterung der Europäischen Union der Notwendigkeit einer «Vertiefung» voraus.
Aber hat sich das Europa von Brüssel nicht für viele Bürger zu einem bürokratischen Monster entwickelt, das sich immer brüsker in unseren Alltag drängt und unsere Freiheiten zu ersticken droht? So reden die Politiker in der Tat daher, und zu viele unserer Zeitgenossen schreiben ihnen beflissen nach dem Munde. Es ist wohl wahr, dass sich die Kommission mit manchen bizarren Einfällen ihres Verordnungswahnes lächerlich gemacht hat. Die Krümmung der Gurke geht die EU nichts an, und die Pasteurisierung des Camemberts vermutlich auch nichts.
Es ist freilich auch wahr, dass mehr als zwei Drittel der Vorschriften den Forderungen eines Mitgliedstaates gehorchen und dass die Erlasse von Brüssel – die in der Regel einem Ausgleich der Wettbewerbschancen dienen sollen – gegenüber der Verordnungswut der nationalen oder der Länderregierungen noch immer verblassen. Dennoch sollte eine Ombudsmannschaft beim Chef der Kommission oder beim Parlament jeden Erlass auf die Übereinstimmung mit der simplen Vernunft der Bürger prüfen.
Die Bürokraten waren freilich vom ersten Tag der Gemeinschaft an ein willkommener Sündenbock, der für alle nationalen Missstände herhalten musste. Und was das Heer der Brüsseler Beamten angeht (die Armee der Übersetzer nicht eingerechnet): die europäische Administration hält nach wie vor keinen Vergleich mit der Zahl der Bediensteten der Stadt Berlin aus. Die nationale Nase, an die wir uns fassen sollten, ist bei weitem länger (und dicker) als die der Union.
Überdies: Neben der wachsenden Autorität der Kommission in Brüssel gewann das Europäische Parlament Schritt für Schritt nahezu alle Rechte der Kontrolle und der Mitentscheidung, die den Regeln der Demokratie entsprechen. Dabei ist es fast ein Wunder, dass ein Parlament, in dem 27 Staaten vertreten sind, im Alltag funktioniert. Es arbeitet, und es nimmt seine Pflichten mit einer Selbstverständlichkeit wahr, die man der Versammlung nicht zugetraut hätte. Die babylonische Verwirrung findet nicht statt. Die Brüsseler Institutionen schufen im Gang der Jahre auch eine Art europäischer Öffentlichkeit: Siehe die parlamentarische Prüfung der Kommissare im vergangenen Jahr, die von den Medien fast mit der gleichen Aufmerksamkeit verfolgt wurde wie die Bildung einer nationalen Regierung.
Die Anteilnahme der Völker wächst nur langsam – aber damit, man hofft es, auch die Beteiligung an den Europawahlen. Die gleichgültige oder protestierende Enthaltung der Bürger entspricht freilich dem Desinteresse an den lokalen und regionalen Wahlen, in Frankreich nicht anders als in Deutschland, in Polen oder Italien: ein Beweis, wenngleich kein positiver, dass es keineswegs mehr abwegig ist, von einem europäischen Volk zu reden. Die unterschiedlichen Sprachen sind keine Barriere für das (noch nicht allzu klar ausgeprägte) Gefühl der Zusammengehörigkeit – siehe die Schweiz.
Die Briten, noch immer eher widerwillige Europäer, wussten es zu verhindern, dass der Lissabonner Vertrag die europäischen Symbole festschrieb. Dennoch tritt Frankreichs Präsident niemals ohne die Europafahne neben der Trikolore auf, auch keiner seiner Minister. Das leuchtend blaue Banner mit den goldenen Sternen prangt über dem Eingang jeder Mairie. In Deutschland verhalten sich die Behörden, was dies angeht, ein wenig spröder. Die Kanzlerin und der Bundespräsident wären gut beraten, wenn auch sie mit der gleichen Selbstverständlichkeit europäische Flagge zeigten, deren Ästhetik überdies keine der nationalen Fahnen gleichkommt.
Wer hat sie erfunden? Man weiss es nicht. Eines Tages war sie da. Nicht anders verhält es sich mit der Europahymne. Wurde in Brüssel, in Strassburg jemals ein offizieller Beschluss verkündet, dass der Schlusschor von Beethovens neunter Sinfonie das musikalische Bekenntnis zu Europa sei? Wer immer die Wahl getroffen hat: sie hätte nicht besser sein können. Wer mag, kann auf deutsch oder in einer Übersetzung Schillers Lobgesang auf die Freude mitsingen – der Text ist allemal erträglicher als das militante Pathos und der geschwollene Kitsch so vieler Nationalhymnen. Und schliesslich: Das Euro-Signum, das sich längst neben dem Dollar-Zeichen behauptet, geriet in seiner Simplizität geradezu genial.
Vielleicht erzeugen Fahne und Hymne sachte Regungen eines europäisch-patriotischen Gefühls. Brigitte Sauzay, die jungverstorbene französische Beraterin des deutschen Bundeskanzlers Gerhard Schröder, verriet dem Autor dieser Betrachtung nicht lange vor ihrem Tode, sie empfinde einen bescheidenen Stolz, wenn sie sich bei der Passkontrolle unter dem Schild «Bürger der Europäischen Union» einordnen könne. Vielleicht sei Stolz nicht der rechte Begriff, doch sie spüre, dass eine Empfindung der Zugehörigkeit ihr Herz berühre, mehr noch der Dankbarkeit für das Werk der Vernunft, der Menschlichkeit und des Friedens, das den Völkern und den Staatsleuten Europas nach der Katastrophe geglückt sei. So ist es.
Klaus Harpprecht ist Journalist und Buchautor; er lebt in La Croix Valmer (F).
Leserbriefe:
Zu Europa, unser Väterland - NZZ-Folio Patriotismus (08/10)
Bemerkung zu: S. 46, 2. Abschnitt: Diese „wagnerianisch tosende“ Phrase (Zitate aus dem Artikel!), dass Hitler „genialisch-kriminell und zugleich erzdumm“ gewesen sei möge man uns Europäer des 21. Jahrhunderts ab sofort ersparen! Solche „erzdummen“ Ausdrücke rücken Hitler in die Nähe der Aussage, er habe doch die Autobahnen gebaut… Für Hitler gilt eine Bezeichnung: Verbrecher – und nichts Anderes. Punkt! Es ärgert sich der Träger eines friesischen Namens, ein Schweizer, der 1943 als Deutscher in Zürich geboren wurde. Hannes Dohrenbusch, Zürich
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