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Wir sind die Wurst
Warum beherrscht die Volkspartei die Vorstädte? Eine Reise durch Festzelte und Mehrzweckhallen.
Von Florian Leu
Woran ich mich erinnern werde: An die Alten, die an all den Anlässen still ihre Kartoffeln assen und wenig sprachen. An die Kranken, die im Trainer kamen, mit Krücken und ohne Farbe im Gesicht. An die Armen, die einen ausgebeulten Sack von der Migros dabeihatten und die Sachen mitnahmen, die es gratis gab. Salznüsschen, Schokolädchen und Schweizer Fahnen. Sie füllten ihre Säcke und verschwanden wieder, weiss Gott wohin.
Das Ziel meiner Tour: zu verstehen, warum die SVP in der Zürcher Agglo so viel Erfolg hat. Hier liegen acht von zehn Gemeinden, in denen sie in den letzten zwanzig Jahren am meisten Stimmen dazugewann, sich von der Land- zur Vorstadtpartei wandelte. Ich stieg in ein Dutzend überfüllte S-Bahnen und fuhr zu Anlässen in Schützenhäusern, Kleintieranlagen und Multifunktionsgebäuden. Drei Monate lang kam ich mir vor wie ein Parteimitglied.
5. September, Winkel: Siegesgewissheit im Saal
Neubauten und Heuballen, Schnellstrassen und Hochsitze: Bülach Süd, eine Hochburg, 40 Prozent der Stimmen. Wegen der Wahlkampfplakate sieht man wenig von der Gegend. Asylmissbrauch belohnen? Masseneinwanderung stoppen. Asylmissbrauch belohnen? Masseneinwanderung stoppen – als wäre es der Hintergrund eines Trickfilms. Von den anderen Parteien: keine Spur.
Die SVP hat den Saal des Landgasthauses von Winkel gemietet, er sieht aus wie eine Turnhalle. Draussen ein Dutzend Raucher, drinnen der Klang einer Handorgel. Wie während der Eishockey-Playoffs in Kloten strömen die Leute nur so hinein und zeigen sich in Festlaune, als hätten sie das Spiel schon gewonnen. Etwa dreihundert Frauen in geblümten Blusen, Männer in zu grossen Hemden, viele Paare um die zwanzig, Hand in Hand. Einer ruft fürsorglich in die Menge: «Jetzt müssen wir aber rein. Sonst hat es dann keinen Platz mehr für uns.» Der Saal ist fast voll, überall stehen Blumen mit Preistäfelchen auf den Tischen, überall liegen Schweizerkreuzbonbons in Plasticsäcken. Ein schwerer Mann sagt ins Mikrophon, dass in den drei Cars, die in einer Woche ans grosse «SVP-Familienfest» nach Bern führen, nur noch ein paar wenige Sitze frei seien.
Zuerst steht Nationalrat Hans Fehr auf der Bühne, geschwellte Brust, knarrende Stimme. Er sagt, die Ausländer verdrängten die Schweizer und zahlten keine Steuern. Man müsse nur Spanien anschauen, die hätten jetzt 800 000 Rumänen. Wir sollten endlich Rückgrat zeigen wie die Tessiner, die den Italienern die Hälfte der Steuergelder vorenthalten hätten. Die Leute nicken, klatschen und ballen die Faust als hätte ihr Topscorer ein Tor geschossen. Nur ganz hinten im Saal sitzt ein Greis und kämpft hinter seiner Rahmtorte und seinem Kafi Luz gegen die Müdigkeit.
Als stünde er im Kindertheater, sagt der Moderator: «Isch de Christoph Blocher da?» Antwort: «Jaaa!» Blocher klettert auf die Bühne. Später sagt er: Die Schwarzen seien ja nicht so gut in Geographie. Aber sogar die wüssten heute, wo die Schweiz liege. Gelächter. Blochers Aussprache klingt verwaschen, als käme er vom Zahnarzt. Wenn er eine Pause macht, sagt der Chor: «Jawohl!»
«Nachdem wir die Wahlen gewonnen haben, wird es dämmern», sagt Blocher. «Dann werden die Mitteparteien auf unseren Kurs einschwenken.» Nach einem Applaus wie im Stadion, nach einer Minute der Siegesgewissheit, sagt er: «So. Jetzt habt ihr ein tolles Führungsseminar bekommen.»
1. Oktober, Hinwil: Verachtung im Festzelt
Spaziergang durch Hinwil, die Heimat von Bundesrat Ueli Maurer, wo die SVP ebenfalls rund 40 Prozent Wähleranteil hat. Ein Mann im Trainer wäscht seinen Subaru, ein Mädchen mit dunkler Haut spielt Ball vor einer Garage. Hinwil sieht aus wie das Mittelmass des Mittellandes. Überall bunte Blöcke, umgeben von hohen Hecken und Schweizer Fahnen auf vollmast. Rasenmäher, Kindergeschrei, Töffgeknatter und auf einmal: eine Postkartenlandschaft voller Kühe, Wanderer, Elektrobiker. Noch zehn Minuten bis zur Autobahnauffahrt, wo sich die Schiessanlage befindet, der Ort der einzigen gemeinsamen Wahlkampfveranstaltung von FDP und SVP. Der Ort, an dem sich zeigen wird, wo der Bartli den Most holt.
Auf der Wiese steht ein Festzelt, davor sitzen Männer mit selbstgeschnitzten Pfeifen, die sofort zusammenrücken und mir einen Platz anbieten. Neben uns befindet sich ein Tisch mit Wahlgeschenken: Schoggimatterhörner von Thomas Matter, Frisbees mit Geissbock Zottel drauf von Ernst Schibli, Nastücher von Natalie Rickli. Zwei Polizisten schieben Wache, greifen aber nur einmal ein, als ein Mann mit Schal vor dem Mund und Watte in den Ohren auftaucht. Es kommt zu einem Gerangel, einer rennt herbei und sagt, der Mann sei in Ordnung. Er bekommt eine Wurst, isst und schweigt. Ich werde ihn noch oft sehen. Er wird immer allein aufkreuzen und immer diese traurige, abgewetzte Windjacke tragen. Ein Einsamer, der sich in den Festzelten wärmt.
Die Marschkapelle bläst die letzten Takte, die aus der Vorkriegszeit herüberzuklingen scheinen, laut und satt. Dann beginnt die Veranstaltung. Alfred Heer, Präsident der Kantonssektion, sagt als erstes: «Es wäre mir lieber, wenn diese Leute von der FDP nicht hier wären.» Felix Gutzwiller, Doris Fiala und Beat Walti, diese Leute von der FDP, lächeln. Später, hinter dem Rednerpult mit der Schweizer Fahne, werden sie sagen: «Danke, dass wir hier sein dürfen.» An meinem Tisch schnauben sie nur. «Die brauchen wir nicht.»
Die Stimmung schlägt wieder in Liebe um, als Ernst Schibli und Zottel der Geissbock auftreten. Ein Geheul geht los wie an einem Justin-Bieber-Konzert: «Jee, de Zottel! Jesses, de SVP-Zottel! Mein Gott, lueg emol. Da isch jo de Zottel!»
Reisepause: Doppelhaushälften und Heidischweiz
Politologen erklären den Aufstieg der SVP in der Agglo mit drei Gründen. Erstens mit der Veränderung. Wo der Dorfbäcker früher seine Weggli verkaufte, dreht sich heute der Kebabspiess. Wo früher ein Dorfkern war, fühlt man sich heute wie im Freilichtmuseum. Wer alt ist, trauert dem Zusammenhalt im Dorf nach und sehnt sich nach der Schweiz von vorgestern, dem Schellenursliland.
Zweitens: Hausbesitz macht bürgerlich. In England wurde Immobilieneigentum während des Kalten Krieges als Bollwerk gegen den Bolschewismus gesehen und gefördert. In der Agglo besitzen mehr Leute ein Haus oder eine Wohnung als in der Stadt. Natürlich wollen sie, dass der Wert ihrer Immobilie erhalten bleibt, und stehen Veränderungen deshalb mit mehr Zweifeln gegenüber als Städter, die bei zu viel Lärm, Schmutz oder Gewalt einfach weiterziehen, wenn sie es sich leisten können.
Drittens: Die Trägheit der Konkurrenz. Der Politologe Daniel Kübler, Professor an der Uni Zürich und am Zentrum für Demokratie in Aarau, beschäftigt sich seit Jahren mit dem Wahlverhalten in den Vorstädten. Wer in der Agglo wohne und jeden Tag das Auto brauche, wähle eher SVP, die nichts gegen den Ausbau von Autobahnen habe. Wer in einer Gegend daheim sei, in der die Häuser weit auseinander stünden und die Kinder oft bei den Nachbarn zu Mittag ässen, wähle nicht unbedingt SP, die überall Tagesschulen einführen wolle. Die SVP, könnte man sagen, ist eine Partei, die länger über die Agglo nachgedacht hat als andere. Die auch mehr Mut hat im Umgang mit Themen wie Immigration, die viele Leute verunsichert, besonders in der Agglo.
7. Oktober, Russikon: Party und Feindbilder
Ich finde das Schützenhaus von Russikon, ebenfalls knapp 40 Prozent Wähleranteil, erst nach einer Weile. Die Storen sind unten, kein Licht dringt durch, es ist nass und kalt. Dann betrete ich eine Welt aus Holz und Wärme.
Beim Eingang schöpfen drei Frauen das Essen für die vierzig Leute, die an die «SVP-Party» gekommen sind. An einem Tisch ist noch ein Platz frei, die Leute reichen mir sofort die Hand. Es klingt, als stritten sie. Einer ruft aus, dass man etwas tun müsse gegen die Aufstockung der Betten für Asylbewerber in seiner Gemeinde. Einer meint, die Zustände am Bahnhof seien schrecklich: so viele Dealer und Schlägertypen. «Mich regt es auf», sagt einer, «dass die Asylanten jetzt auch noch einen Schwimmkurs geschenkt bekommen. Und wir können am Donnerstagmittag nicht mehr in unser Hallenbad.»
Ein Mann redet sich den Kopf rot und ruckt hin und her auf seinem Holzstuhl. Zwei Frauen ärgern sich darüber, dass sich alle immer so ärgern an diesen Parteianlässen: «Haben wir denn nicht auch schöne Dinge, über die wir reden könnten?» Die Männer überhören sie. Die Frauen bleiben unter sich. Sie kommen auf Zürich zu sprechen, die Stadt ist für sie eine Hölle hinter den Hügeln. «Als Frau kann man ja nicht mehr auf die Langstrasse, ohne vergewaltigt oder überfallen zu werden.» Dann kommt der Beinschinken.
Nach dem Essen steht ein Mann mit Schweizerkreuzchenkrawatte auf, der Präsident der Ortssektion, ein gemütlicher Typ. Er kündigt Gregor Rutz an, früher Zentralsekretär, heute Redner des Abends, seit den Wahlen auf der Ersatzbank für den Nationalrat. Zur Begrüssung sagt Rutz: «Als ich hier ankam, fühlte ich mich gleich wie daheim. Das Essen war schon parat.»
Bevor Kaffee und Kuchen aufgetischt werden, sagt der Mann mit der Schweizerkreuzchenkrawatte: «Morgen werden wir wieder in die Hosen steigen.» Man solle doch einfach bei der Standaktion vor der Wertstoffsammelstelle vorbeischauen. Einige Nationalratskandidaten würden auch anwesend sein. Und natürlich werde es für alle ein Glas Weissen geben. «Damit wir es ein bisschen lustig haben zusammen.» Heute spielen sie aber erst einmal Lotto.
12. Oktober, Uster: Weisswürste und Widersprüche
Ankunft im Bahnhof Uster, der aussieht wie hundert andere Agglo-Bahnhöfe. Vorbei an der Schranke, die acht Minuten pro Stunde offen ist. Durch die schöne Stadt, wo die Partei knapp 27 Prozent der Stimmen hat. Und hinein in die wüste Halle, wo die Kellnerinnen aus Bayern viel zu tun haben und die Gäste zwei Stunden auf ihre Weisswürste warten müssen.
Etwa vierhundert Leute sind in die Halle gekommen, mal im Dirndl, mal in Lederhosen. Mit fünf von ihnen sitze ich am Tisch: mit zwei Jungs aus dem Thurgau, die wenig sagen und eine Mass nach der anderen trinken. Mit einem Greis, der das Hörgerät zu Hause vergessen hat und hilflos um sich schaut. Mit einer Greisin, die mich immer wieder lieb anlächelt. Und mit einer Frau, die ungefähr vierzig ist, Coiffeuse von Beruf. Zwei Stunden in einem Festzelt zu sitzen und aufs Essen zu warten, das schweisst zusammen. Umgeben zu sein von vierhundert Menschen, die sich alle grüssen und sofort duzen, hier ein Schlag auf den Rücken, dort ein Griff an die Schulter: Da fühlt sich auch der Mann mit dem Schal vor dem Mund und der Watte in den Ohren willkommen, der ein paar Tische weiter glücklich in eine heisse Brezel beisst und mit den Leuten spricht.
Am Rednerpult steht Alfred Heer, der es von den Griechen hat, diesen Faulpelzen. Und von den Italienern, die dreissig Wochen Ferien im Jahr machen. Nationalratskandidatin Anita Borer hält einen Vortrag über den Ursprung des Oktoberfests, das 1810 anlässlich der Heirat von Kronprinz Ludwig und Prinzessin Therese auf einer Wiese ausserhalb der Münchner Stadtmauern und so weiter. Auch Christoph Blocher tritt auf. Die Leute sagten immer, dass die SVP zu allem ihren Senf geben müsse. Dabei seien es doch die anderen, die ihren Senf dazugäben. «Wir sind die Wurst!»
Er spricht lange. Die Kinder in der Halle lachen schrill mit, wenn die Eltern lachen. An meinem Tisch schaut bald niemand mehr nach vorn, als hätte man einen Fernseher lautlos gestellt. Dafür reden wir über das Für und Wider von Weizenbier. Dann ereignet sich etwas, was in der muffigen, dunklen Halle niemand mehr für möglich gehalten hätte. Die Weisswürste kommen.
Zum Schluss spielt eine Militärkapelle. Die beste, wie es heisst, abkommandiert vom Chef persönlich. Zwischen den Stücken tanzt ein etwa 120 Kilo schwerer Komiker als Ballerina über die Bühne. Später kriecht er als Riesenbaby mit Kot an den Windeln vor den Musikern umher, vermutlich ein Zerrbild für den Ammenstaat. Die Nationalräte halten sich die Bäuche vor Lachen. Die Mitlacher dünnen aus. Viele gehen, während die Show noch läuft, machen sich auf den Weg mit einer Schweizer Fahne unterm Arm, einem der vielen Geschenke. Eine Fahne für jeden, es hat, solange es hat.
29. Oktober, Zürich: Beten auf dem Paradeplatz
Es soll ein Tag in einer Gegenwelt werden. Ein Besuch bei den Demonstranten und Demonstrantinnen auf dem Paradeplatz in Zürich. Ich brauche jetzt Aufbruchstimmung, Grossstadtgefühle, Zukunftsmusik.
Vor der Credit Suisse stehen etwa dreissig Leute im Kreis, einer sagt jeweils einen Halbsatz, der Rest spricht ihn nach wie beim Gebet in der Kirche. In New York brauchte man diese Technik, weil die Stimmen im Lärm sonst untergegangen wären. Doch hier ist es still: nur das Geratter der Trams und das Gestöckel der Frauen mit ihren prallen Einkaufssäcken. Hinter der Gruppe liegen ein paar Demonstranten, essen Kuchen oder schlafen in der Sonne.
Auf einem Tisch liegen Guetsli, aus einem Behälter dampft Glühwein, in einer Espressomaschine blubbert Kaffee. Ich frage, ob ich einen haben könne. Ein Mann sagt Ja, ohne aufzuschauen. Ich frage, was es koste. «Nix», sagt der Mann. Vor ihm steht eine Kollekte, ich stecke ein paar Münzen rein. Der Mann sagt zu einem Kollegen: «Immer diese Leute, die glauben, alles müsse etwas kosten.» Aus dem Nichts kommt einer, der es aufs Wesentliche abgesehen hat. Ein Mann mit drei oder vier Zähnen, der auf den Guetslitisch zusteuert, sich die Jackentaschen vollhamstert und wieder davonhinkt.
«Ich finde, es ist Zeit für Gruppengespräche», sagt ein Mann mit Wollpulli. «Ich finde, es ist Zeit für Gruppengespräche», sagt die Gruppe. Ich stehe bei zwei Jungs, die ein Plakat halten und über eine Saufnacht reden, aber keine weiteren Gesprächsteilnehmer brauchen. Eine andere Gruppe spricht über die Standardfeinde: Manager und Abzocker. Aber auch sie kommen ohne Mitstreiter aus. Zwischen den Knien der Erwachsenen läuft ein Mädchen umher, ein Schild in der Hand: «Kaputtalismus!»
11. November, Oberrieden: Eine Sekunde Glück
Dieser Abend ist eine Ausnahme. Weniger Leute als sonst, nur etwa dreissig, doch mehr Junge, auffallend chic gekleidet. Oberrieden: eine reiche Seegemeinde mit schönem Dorfkern, wo Plakate für ein Jodlerkonzert werben. Wähleranteil: etwas mehr als 28 Prozent.
Weiter oben das Rauschen der Autobahn, weiter unten das Zischen der Züge, das ganze Seeufer zugebaut, überall funkeln die Strassenlampen, überall stehen modische Betonklötze herum, einer davon sieht mit seinen hellen Lichtern wie ein Raumschiff aus: das Multifunktionsgebäude. Hier trifft sich die Ortssektion zum traditionellen «Novemberanlass».
Eine Tür öffnet sich, ein Chor aus St. Petersburg schreitet herein. Martin Arnold, Gemeindepräsident und Mitglied der Ortspartei, begrüsst das Publikum und entschuldigt den Parteipräsidenten, der leider verhindert sei. «Versuchen wir einfach, den Abend trotzdem ein bisschen zu geniessen.»
Dann singt der Chor seine Kirchenlieder, eine halbe Stunde lang, die Besucher halten inne wie in der Tonhalle: Erst in der Pause trauen sie sich zu husten. Später spricht Ernst Stocker, Bauer aus Wädenswil, Mitglied des Regierungsrates. Wie sehr er diesen Einblick in die russische Kultur schätze. Wie sehr ihn die Chinesen beeindruckten, mit denen er als Politiker zu tun habe. Einmal sei einer gekommen, der in Peking Schweizerdeutsch gelernt habe, um sich auf den Job in Zürich vorzubereiten. Dann sagt Stocker noch: «Wir Schweizer sind die besseren Europäer als die Europäer.» Abgesehen von diesem Satz ist der Abend frei von Polemik, für Parteiverhältnisse fast schon lahm.
Der Höhepunkt dauert keine Sekunde und ereignet sich am Schluss. Stocker erzählt, wie er Bundesrat Schneider-Ammann besuchte. Sie haben doch versprochen, den Stall aufzuräumen, habe er zu ihm gesagt, aber getan haben Sie nichts. «Wir in Zürich dagegen», sagt Stocker und schaut stolz in die Runde, «haben Ordnung im Stall.» Martin Arnold, der die ganze Zeit lächelnd zugehört hat, kann die Freude nicht mehr unterdrücken. Es entfährt ihm ein Jauchzer, eine Sekunde reines Glück. Ordnung im Stall: vielleicht ein Bild für die Schweiz, wie er sie liebt. Sicher, sauber, aufgeräumt. Er klatscht kräftig und jubelt noch einmal, aber nur ein bisschen.
18. November, Oberhasli: Zitterrochen zum Znacht
Ein fröhlicher Mann mit rotem Gesicht schlägt zwei Schöpflöffel zusammen: «Liebe Frauen und Männer aus Niederhasli, Mettmenhasli und Oberhasli! Liebe SVPler, schön, dass ihr alle hier seid!»
Alle, das sind etwa vierzig Leute, vor allem alte Männer, die an Bürotischen sitzen und aufs Essen warten, heute gibt es Braten, und wer unbedingt will, kann auch Grünzeugs haben hier im Gemeindehaus von Oberhasli, wo die Partei 42 Prozent Wähleranteil hat. Neonröhren an der Decke, Holz an der Wand, draussen Nebel so dick, dass man kaum zu den Nachbarn sieht. Der Mann mit den Löffeln hält eine Stegreifrede, streut wie ein Mantra eins der Lieblingswörter der Partei ein: Eigenverantwortung. Und macht am Ende einen Vorschlag zur Lösung der Eurokrise: «Wir könnten Griechenland den Türken schenken. Und Italien geben wir den Marokkanern.»
Neben mir eine Frau, die ein Mann im Vorbeigehen als die Geilste in der Partei bezeichnet. Gegenüber ein Mann, der aus dem Parteivorstand austrat, weil er bei den Alten auf Granit gebissen habe: «Die wollten nicht mal das Steinzeit-Layout der Internetseite umkrempeln.» Hinter den beiden ein Ehepaar, er mit einem Gesicht voller Kummer und Warzen, sie mit Armen voller Striemen und Narben. Sie stellen sich vor und schenken mir Roten ein. Die Frau neben mir erzählt, dass die Leute im Dorf ihr Geschäft mieden, seit sie der Partei beigetreten sei, weil sie etwas tun wollte, statt nur zu klagen. Zum Beispiel gegen die Angriffe auf Spaziergänger, die es in letzter Zeit öfter gegeben habe, Schläge aus dem Nichts. Der Mann gegenüber zeigt zum Buffet und sagt, dass der Typ dort, der mit dem Schnauz, in einem Dokfilm des Schweizer Fernsehens gerade als Holzkopf dargestellt worden sei. Im Film war zu sehen, dass der Mann eine Thai zur Frau hat. Der Mann mir gegenüber sagt: «Geht gar nicht. Auch wenn der Typ einer der Guten ist.» Man hätte, sagt er, in diesem Dok auch mehr Positives zeigen können. Als ich nachfrage, fällt ihm nichts ein. Eine Weile essen wir und schweigen. Am Nebentisch sitzt ein Mann, der sich linkisch eine Serviette um den Hals gebunden hat und so langsam kaut, als lebte er in Zeitlupe. Als er fertig ist, lehnt er sich zurück und schliesst genüsslich die Augen. Er öffnet sie, als der fröhliche Mann wieder die Schöpflöffel zusammenknallt. Jetzt ist Oskar Freysinger dran, Nationalrat und Dichter. Er heizt ein, alle zehn Sekunden ein Lacher, die Leute wischen sich die Tränen aus den Augen. Eins seiner Stücke:
Ein heiss verliebter Zitterrochen Zog zitternd in die Flitterwochen. Er war vor Lust am Überkochen, Hat röchelnd seine Braut gestochen. Die hat den Braten nicht gerochen Und kam vom Stich bald in die Wochen. Der zitterig gezeugte Sohn Erhielt den Namen Parkinson.
Reisepause: Verlierer und Verliebte
Woran ich mich erinnern werde: an die Frauen, die Angst vor der Stadt und vor der Zukunft haben, weil sich zu viel zu schnell verändert hat für sie. An die Leute, die ganz aus dem Häuschen waren und sich so ernst genommen fühlten, wenn ein Nationalrat kurz mit ihnen sprach. An das Wort Eigenverantwortung, das all die Feste wie ein Refrain durchzog und jedes Mal trauriger und trotziger klang.
Vielleicht trifft in der Agglo zu, was den Erfolg der Partei auch sonst erklären soll, trotz den Verlusten bei den Wahlen: die straffe Organisation, die griffigen Themen, die vielen Anlässe in all den Orten, in denen sonst nichts los ist. In den Schützenhäusern, Restaurantsälen und Multifunktionsgebäuden fand ich auch andere Gründe: Wut und Wärme.
Wut: Der Politologe Hanspeter Kriesi, Professor an der Universität Zürich, erklärt den Erfolg der SVP in der Agglo mit der Globalisierung. Es seien die Globalisierungsverlierer, die bei der Partei Zuflucht fänden. Leute, die sich von Zuzügern aus dem Ausland bedroht fühlten, weil sie besser qualifiziert seien und ihnen die Stelle wegschnappen könnten, auf die sie als Schweizer einen ihnen natürlich erscheinenden Anspruch erheben. Leute, die sich Sorgen machen um die Zukunft des Landes und mit dem Verteilen von Broschüren, dem Ausrichten von Standaktionen, dem Veranstalten von Festen gegen den Untergang kämpfen. Besonders die Älteren, die Winkel und Hinwil, Oberhasli und Unterhasli noch mit mehr Weiden und Wiesen und ohne Beton und Balkanraser kannten, denen das Land ihrer Jugend abhanden gekommen und zugebaut worden ist. Verantwortung für das Land als Teil der Selbstverantwortung: L’état, c’est moi. Einstehen für die Schweiz, i d Hose für d Schwiiz – solche Halbsätze, vorgekaut in den Parteiprospekten, hörte ich so oft, dass ich sie fast nicht mehr hörte.
Wärme: Viele kommen allein, finden aber meist Anschluss. Jeder ist willkommen und darf Teil einer Erfolgsgeschichte sein, Fan und Mitglied eines Teams, das zwanzig gute Jahre hinter sich hat und erst kürzlich einen Rückschlag hinnehmen musste. Ein Team auch, das seine Gegner von oben herab behandelt und sich so fürs Belächeltwerden von früher rächt. Und als würde ein Kaiser eine entlegene Provinz besuchen, ist an allen Anlässen ein Parteipromi zugegen. Politiker zum Anfassen, Leute wie du und ich, die Argumente und Schnupftabak teilen. In ihren Reden beschwören die Promis das Wort Familie, sooft es geht. Die Leute sagen lieber, dass es hier halt wie in jedem Verein zu- und hergehe, dass man einfach anpacken müsse. Seit die SVP in ihr Leben getreten ist, läuft immer etwas, und man kommt auch als Hausfrau, deren Kinder ausgezogen sind, wieder etwas mehr unter die Leute und hat etwas zu tun. SVV statt SVP: Schweizerischer Volksverein.
Wut und Wärme. Vielleicht ist es aber auch so, dass das Essen mal wieder vor allem anderen kommt. Einmal traf ich den Mann mit dem Schal vor dem Mund und der Watte in den Ohren in einer Seitenstrasse von Uster. Verzweifelt suchte er die Landihalle, wo das SVP-Oktoberfest stattfand. Ich brachte ihn hin. Unterwegs fragte er bange: «Meinen Sie, es gibt noch etwas Warmes?»
2. Dezember, Wülflingen: Samichlaus und Nati
Früher standen hier die Rinder, auf Tafeln stehen noch die Namen: Thomi, Wursti, John Porno. Heute ist die Scheune am Rand von Wülflingen am Rand von Winterthur voller Leute, die auf den SVP-Samichlaus warten. Obwohl ich wie immer ohne Anmeldung gekommen bin, heisst man mich willkommen, stellt mir einen Kaffee hin und verspricht: «Das Dessert wird der Hammer!»
Eine Frau erzählt von ihren Kindern, die alle bei der Partei seien und deshalb untendurch müssten. Bei einem Gespräch in der Schule habe die Tochter gesagt, sie sei gegen das Waffenverbot. Die Lehrerin habe sie abgekanzelt, ohne ihr Zeit zu geben, ihre Meinung zu begründen. Die Frau erzählt auch, wie schlimm es am Wochenende in Winterthur sei, überall Banden, so viel Gewalt.
Dann stapft der Samichlaus herein. Er blättert in seinem Buch, aber seine Rügen sind mild, und der Schmutzli kann seine Rute stecken lassen. Zu einem jungen Mann sagt der Samichlaus: «Ich habe vernommen, dass du für die ‹Schweizerzeit› schreibst. Ist das richtig?» Der junge Mann nickt, der Samichlaus sagt: «Gut. Denn auch der Schmutzli und ich lesen im Wald gern die ‹Schweizerzeit›, gell Schmutzli?» – «Das ist richtig», sagt der Schmutzli und holt einen Grittibänz aus dem Sack. Dann ruft der Samichlaus Natalie Rickli nach vorn, die Nationalrätin mit den meisten Stimmen im Kanton. «Stell dich in die Mitte, Nati. Dann stehst du zwischen einem Roten und einem Schwarzen.»
Der Samichlaus will wissen, was im Bundeshaus so laufe: «Bitte sag es uns, Nati. Kommt die Widmer-Schlumpf endlich weg?» – «Wir tun unser Bestes, Samichlaus. Aber es sieht schwierig aus.» – «Zum Schluss noch, Nati: Hast du ein Sprüchli für mich?» Sie hat eins:
«Samichlaus, du liebe Maa Danke, dass ich so vili Stimme ha. Schön, dass ich dich do gsee Usser du bisch bi de BDP.»
Das Dessert war übrigens wirklich gut: Marroniglace mit Schokopulver, obendrauf das Parteilogo, ein etwas klebriges SVP-Sünneli zum Essen. Schwer zu sagen, woraus es bestand. Aber es schmeckte leicht süsslich.
Florian Leu ist Folio-Redaktor.
Leserbriefe:
Zu Wir sind die Wurst - NZZ-Folio Agglo (01/12)
Ich nehme an, dass Herr Oskar Freysinger an Parkinson leidet und ein „Gedicht“ über sich selber gemacht hat. Falls das nicht der Fall sein sollte, hat er sich äusserst primitiv ausgedrückt. Was sind das für Leute, die sich die Tränen vor Lachen aus den Augen wischen? Margrit Bass-Mahler, Tamins
Zu Wir sind die Wurst - NZZ-Folio Agglo (01/12)
Jedes Mal, wenn meiner Tageszeitung das FOLIO der Neuen Zürcher Zeitung beiliegt, schaue ich mir zuerst das Magazin an. Journalistisch und fotografisch gut aufgemacht findet es immer meine Zustimmung. Heute aber hat mir der Atem gestockt! Der Bericht von Florian Leu über die SVP-Zusammenkünfte ist toll gemacht und brachte bei mir – obwohl nicht aus der Region Zürich – Schmunzeln hervor. Bis ich dann zum Artikel vom 18. November aus Oberhasli kam (Seite 26/27). Das Zitat von Oskar Freysinger über den Zitterrochen finde ich äusserst geschmacklos. Dass man dies im FOLIO abdruckt, hat mich doch sehr erstaunt. Hier wäre etwas mehr Ethik und Fingerspitzengefühl mit Hinblick auf betroffene Parkinsonpatienten angebracht gewesen. Dass man den Walliser Nationalrat noch als Dichter bezeichnet ist blanker Hohn. Mit Literatur hat das nichts zu tun, eher mit «Im Kopf nicht dicht». Und solche Leute sitzen im Parlament! Im Geiste höre ich ihn, wie er seinen hirnverbrannten Erguss erzählt – und der ganze Saal (vielleicht ausser einigen wenigen Betroffenen) hält sich den Bauch vor Lachen (gut sind es nur SVP’ler). Rinaldo Cornacchini, Sins pensionierter Chefredaktor
Zu Wir sind die Wurst - NZZ-Folio Agglo (01/12)
Ein Lesegenuss der Bericht über die bewundernswerte Ausdauer von Florian Leu, der sich monatelang durch SVP-Bauernfängereien hindurch gegessen hat. Hoffentlich ohne Magenbeschwerden und ohne unerwünschte Zusatzpfunde! Das Prinzip zum Gewinnen der Globalisierungsverlierer ist genial einfach: Mit Speck fängt man Mäuse. Martin A. Liechti, Maur
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