Verschwunden sind die Schweizer Fähnchen, die während der Fussballweltmeisterschaft auf den Autos flatterten, und verklungen sind die vaterländischen Bekenntnisse, die auch an diesem 1. August wieder so manchem Redner routiniert über die Lippen kamen. Beides sind Rituale, die ein flüchtiges Gemeinschaftsgefühl erzeugen – tiefempfundene Vaterlandsliebe setzen sie nicht voraus.
Dennoch hat man den Eindruck, dass die Schweizer derzeit patriotischer gestimmt sind als auch schon. Ein Grund dafür ist gewiss der Druck aus dem Ausland. Wer die Schweizer als Indianer, Trittbrettfahrer und Rosinenpicker beschimpft, weckt patriotische Abwehrreflexe. Solche Aufwallungen legen sich hierzulande allerdings schnell wieder. Konfrontation ist keine Schweizer Spezialität; es ist die hochentwickelte Kompromisskultur, die das Land zusammenhält, nicht das Bewusstsein, eine Grande Nation zu sein. Bezeichnenderweise wird auch in Frankreich neuerdings ein gesellschafts- und herkunftsübergreifender «patriotisme ouvert» propagiert. Hartgesottene Superpatrioten sind nicht mehr zeitgemäss.
Das Gegenteil freilich auch nicht. Eine Parole wie «700 Jahre sind genug» zur Bundesfeier 1991 oder das offizielle Motto «La Suisse n’existe pas» zur Expo 1992 in Sevilla wirken sehr weit weg. Heute wird typisch Schweizerisches, über das früher manche die Nase rümpften, wieder interessant. Schwingen ist zwar noch keine Trendsportart, aber zunehmend auch bei Jungen beliebt; Trachten gelten nicht länger nur als Verkleidungen für Vorgestrige vom Land. Und der Rapper Bligg tritt ganz zwanglos mit einem Appenzeller Hackbrettspieler auf.
Der unverkrampfte Umgang mit heimatlichem Brauchtum mag eine Modeerscheinung sein. Man kann ihn aber auch als Teil eines neuen Patriotismus sehen, der, so ist zu hoffen, den Rückzug auf eigene Werte mit dem Willen zur Offenheit verbindet. Eines selbstbewussten Patriotismus, der Ausdruck ist der Loyalität und Zugehörigkeit zu einem Gemeinwesen, der aber ein vitales Interesse an der Welt hat und Heimat auch definiert als Ort des Zusammenlebens mit den Nachbarn. Ein solcher Patriotismus wäre dann, wie der liberale Denker Ralf Dahrendorf einmal gesagt hat, «Voraussetzung des Weltbürgertums».
Daniel Weber ist Redaktionsleiter von NZZ Folio.