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NZZ Folio 07/10 - Thema: Grandios gescheitert   Inhaltsverzeichnis

Unwetter, Krankheit und Tod

© KSM/Cinetext
Da sitzt Jean Rochefort noch auf dem Pferd, kurz darauf wirft ihn ein Bandscheibenvorfall um. Terry Gilliam mit seinem Hauptdarsteller bei den Dreharbeiten zu  «The Man Who Killed Don Quixote» in Nordspanien im Jahr 2000. Linktext
Es wäre einer der teuersten europäischen Filme aller Zeiten geworden – aber er kam über die ersten Drehtage nicht hinaus: Terry Gilliams «The Man Who Killed Don Quixote».

Von Daniel Weber

Ein Mann steht in der Wüste und sieht, wie ihm alles davonschwimmt: seine Kamera, sein Film, sein Traum. Der Mann ist Terry Gilliam, mehr als zehn Jahre lang hat er sein Don-Quijote-Projekt mit sich herumgetragen, bis er endlich Geldgeber dafür fand, und jetzt das. Es ist im Spätsommer 2000, der zweite Drehtag in einem Naturschutzgebiet vier Autostunden nördlich von Madrid. Eine ausgebleichte Einöde, durchsetzt von kahlen Hügeln. Gefilmt wird eine Szene mit zwölf Gefangenen, die aneinandergekettet durch die Wüste getrieben werden. Der Kameramann hat Mühe mit dem Licht, Wolken verdunkeln den Himmel, eine Gewitterfront zieht auf, schon ist fernes Donnergrollen zu hören. Fauchend fährt der Wind zwischen die Filmcrew, der erste Assistent des Regisseurs treibt zur Eile an: «Alles einpacken! Und sichern!» Terry Gilliam schreit wütend gegen den Wind an: «Was ist das?! King Lear?!»

Dann stürzt der Regen vom Himmel wie eine Sintflut, Hagel zerfetzt die Schirme, zwischen den Hügeln schiesst ein brauner Fluss hervor, der die notdürftig in Kisten verpackte Filmausrüstung mit sich reisst. Nachdem das Gewitter vorbeigezogen, der Fluss versiegt ist, ist das Gelände ein Sumpf. Verstört sucht die Crew im Dreck ihre Habseligkeiten zusammen. «We’re fucked», sagt Gilliam.

Terry Gilliam ist der kühnste Träumer des Kinos. Phantasie und Realität sind ihm eins. Wenn zwei Schauspieler einen Raum beträten, wolle er, dass auch der Stuhl im Zimmer eine Person sei, hat er einmal gesagt. «Brazil» etwa, sein bekanntester Film, ist eine groteske Zukunftsvision zwischen Orwell und Kafka, überschäumend vor visuellen Einfällen, absurd, obsessiv, masslos. Und von unübertrefflich schrägem schwarzem Humor, den Gilliam, der nach England ausgewanderte Amerikaner, schon als Mitglied der Komikertruppe «Monty Python» bewiesen hatte.

Wäre es nach dem Studio gegangen, das den Film finanzierte, hätte «Brazil» gar nie auf die Leinwand kommen sollen. Universal fand, der Film sei gescheitert, schlicht unspielbar, und hielt ihn unter Verschluss. Über ein Jahr lang kämpfte Gilliam, schliesslich sorgte er dafür, dass die Kritiker den Film in privaten Vorstellungen zu sehen bekamen. Prompt vergab die Los Angeles Film Critics Association bei ihren jährlichen Auszeichnungen die drei Hauptpreise an «Brazil»: bester Film, beste Regie, bestes Drehbuch. «Brazil» kam ins Kino und wurde weltweit zum Kultfilm.

Zwischen «Brazil» und dem Abenteuer «Don Quixote» lagen Höhen – «The Fisher King» und «Twelve Monkeys» – und Tiefen: «Fear and Loathing in Las Vegas» und vor allem «The Adventures of Baron Munchhausen». Die Dreharbeiten in Rom und Spanien waren eine Serie von Pannen, mal fehlten die Kostüme, mal die Kulissen, aber immer wieder zog sich Gilliam wie der Baron am eigenen Schopf aus dem Sumpf. «Ich mag keine leichten Sachen», sagte er in einem Interview. «Wenn etwas schiefgeht, sind die Notlösungen meist besser als die ursprünglichen Ideen.»

Als die Financiers eine Drehpause erzwangen und drohten, Gilliam den Film wegzunehmen, weil das Budget bedrohlich aus dem Ruder lief, willigte er in drastische Schnitte im Drehbuch ein, um Geld zu sparen. Am Schluss kostete der Film trotzdem fast 50 Millionen Dollar – doppelt so viel wie budgetiert. Und in den Kinos spielte er nur gerade 8 Millionen ein. Ein grandioser Flop, der Gilliam den Ruf eines unkontrollierbaren Querkopfes eintrug.

Wenigstens sieht man es seinen Filmen an, warum sie so teuer sind: Sie sind hemmungslos üppig inszeniert, verschwenderisch ausgestattet und voller verblüffender Spe­zialeffekte. Wenn Gilliam einen Film vollständig im Kopf hat, zeichnet er mit schnellem Strich ein Storyboard (in seinen Anfängen war er Comic-Zeichner), Einstellung für Einstellung, in die sich dann die Schauspieler einfügen müssen. Was sie bereitwillig tun. Gilliam hat immer mit Stars gedreht: Robert De Niro, Uma Thurman, Jeff Bridges, Robin Williams, Madeleine Stowe, Bruce Willis, Brad Pitt, Johnny Depp. Sie alle standen für bescheidene Gagen für ihn vor der Kamera – wahrscheinlich weil sie wussten, dass er aus ihnen mehr herausholt als die Hollywood-Produk­tionen, die sie als Stars inszenieren. Darum nahmen sie sich Zeit, neben ihren lukrativen Engagements mit Gilliam zu drehen. Aber nicht beliebig viel Zeit – und das bedeutet, dass in seinen Produktionsplänen für Unvorhergesehenes kein Platz bleibt. Aber Unvorhergesehenes gibt es bei «The Man Who Killed Don Quixote» zuhauf.

Nicht nur das apokalyptische Unwetter am zweiten Drehtag. Schon in den Wochen der Vorproduktion gerät der Zeitplan aus den Fugen. Riesige Windmühlen werden gebaut, Gilliam begutachtet Kostüme, bringt letzte Korrekturen an den Kulissen an, kümmert sich um jedes Detail. Aber wo bleibt Vanessa Paradis? Die Termine drängen. Das ehemalige Tonstudio in Madrid, das für die Innenaufnahmen vorgesehen ist, erweist sich als Lagerhalle mit scheppernder Akustik. Bei der Besichtigung stehen alle betreten herum. «Ich höre Echos von Münchhausen», sagt Gilliam, «das macht mir Angst.»

Eine Woche vor Drehbeginn ist alles bereit. Kostüme und Requisiten, die gewaltige Hallen füllen, warten auf ihren Einsatz. Was fehlt, ist Don Quijote, gespielt von Jean Roche­fort. Der grosse dünne Franzose ist die perfekte Be­setzung: ein langes, schmales Gesicht, struppiges Haar, Schnauz, gros­se, traurige Augen – ein linkischer und zugleich würdevoller Don Quijote, exakt wie Gustave Doré ihn gemalt hat. Seine Ankunft verzögert sich aus unklaren Gründen. Hat er wirklich Prostataprobleme? Oder bloss einen Anfall von Panik? Als er doch noch eintrifft, sind alle erlöst.

Aber dann beginnt der Horror der Dreharbeiten: Am ersten Tag verliert Gilliam bereits kurz die Fassung, als bei der entscheidenden Szene plötzlich Nato-Kampfjets von der benachbarten Militärbasis mit ohrenbetäubendem Lärm über die Köpfe der Filmcrew dröhnen. Am zweiten Tag kommt die Sintflut. Und am vierten Tag erleidet Jean Rochefort eine Diskushernie. Mit schmerzverzerrtem Gesicht sitzt der Ritter von der traurigen Gestalt auf dem Pferd, von dem er ohne Hilfe nicht mehr herunterkommt. Er fliegt am Tag darauf nach Paris, um sich behandeln zu lassen.

Ein paar Tage lang hängt die Produktion in der Luft. Soll man weitermachen? Abbrechen? Gilliam sitzt im Regiestuhl, das Gesicht in den Händen vergraben, die französischen Produzenten hängen am Handy und rauchen nervös. Immerhin ist «The Man Who Killed Don Quixote» einer der teuersten Filme, die je mit europäischen Mitteln finanziert wurden: 32 Millionen Dollar beträgt das Budget. (In den USA hat Gilliam für das ambitionierteste Projekt seiner Karriere kein Geld bekommen.) Als klar wird, dass Roche­fort nicht zurückkommt, fallen alle in sich zusammen. Kostüme und Kulissen werden eingepackt, die Crew zerstreut sich in alle Himmelsrichtungen. Der Film gehört jetzt der Versicherung. Will Gilliam die Rechte daran wiederhaben, muss er sie zurückkaufen – was er Jahre später tun wird. Er fertigt eine Zeichnung an: Fliegende Windmühlen schies­sen mit Kanonen auf Don Quijote. Darunter schreibt er: Die Windmühlen der Realität schlagen zurück.

Das Scheitern von «The Man Who Killed Don Quixote» ist festgehalten worden von zwei Filmemachern, Keith Fulton und Louis Pepe, die die ganze Produktion begleiteten. Ihr «Lost in La Mancha» ist die Dokumentation eines Albtraums, herzzerreissend und erheiternd zugleich – und wahrscheinlich der ehrlichste Film über das Filmemachen.

Die Filmgeschichte ist reich an Flops. Einer der spektakulärsten, Michael Ciminos epischer Western «Heaven’s Gate», trieb 1980 das Studio United Artists in den Bankrott. Aber bei Terry Gilliam steht fast jeder Film auf Messers Schneide – in der Branche spricht man längst von «Gilliams Fluch». Der schien auch seinen jüngsten Film zu ereilen, «The Imaginarium of Doctor Parnassus». Mitten in den Dreharbeiten 2008 starb einer seiner Hauptdarsteller, der Jungstar Heath Ledger. Der zweite Anruf nach Ledgers Tod kam von den Geldgebern: «Wir stellen den Film ein.» Mit einem dramaturgischen Kniff rettete Gilliam seinen Film. Er hatte das Glück, dass die noch nicht abgedrehten Szenen in einer Zauberwelt spielten. Das machte es ihm möglich, Ledgers Rolle auf drei Schauspieler zu verteilen: Ledgers Freunde Johny Depp, Jude Law und Colin Farrell. Auch Tom Cruise hatte sich angeboten.

Woher er die Kraft nimmt, sich immer wieder hochzurappeln, hat Gilliam mal mit einer Anekdote beantwortet: Als Student inszenierte er in einem Sommerlager mit Schulkindern «Alice in Wonderland». Die Aufführung, zu der die Eltern eingeladen waren, sollte der Höhepunkt des Lagers sein. Gilliam hatte grossartige Ideen für Kostüme, Kulissen, Szenen. Aber sie waren völlig überrissen, nichts fügte sich zusammen. Gilliam geriet in Panik, zwei Tage vor der Aufführung blies er alles ab. Die Schmach dieses Scheiterns habe ihn jahrelang in Albträumen heimgesucht, sagt er. Darum sei er wohl so hartnäckig, darum gehe er bei jedem Projekt bis zum Äussersten, selbst wenn das Ganze zusammenkrache. Freiwillig aufgeben? Nie wieder!

Das für diesen Artikel geplante Gespräch musste Terry ­Gilliam absagen. Der Regisseur, der dieses Jahr 70 wird, steckt in den letzten Zügen der Vorproduktion für seinen neusten Film. Die Hauptrollen darin spielen Robert Duvall und Ian McEwan. Der Film heisst «The Man Who Killed Don Quixote».

Daniel Weber ist Redaktionsleiter von NZZ Folio.



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