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NZZ Folio 03/09 - Thema: Entscheidungen   Inhaltsverzeichnis

Die Last der grossen Auswahl

© Florian Bayer, Berlin
Barry Schwartz, 63, lehrt Sozialtheorie am Swarthmore College in Pennsylvania und ist einer der wichtigsten Experten auf dem Gebiet der Entscheidungspsychologie. Linktext
Je mehr man selber entscheiden kann, desto freier und glücklicher ist man. Falsch, sagt der Psychologe Barry Schwartz, weniger ist mehr.

Von Daniel Weber

Herr Schwartz, Freiheit bedeutet, entscheiden zu können. Sie sagen dagegen, unser Problem sei der Zwang, zu viel entscheiden zu müssen. Heisst das, wir müssen uns von der Freiheit verabschieden?

Nein, natürlich nicht. Es ist aus moralischer und psychologischer Sicht essentiell, dass wir Menschen Freiheit haben. Wir müssen die wichtigen Dinge in unserem Leben kontrollieren können. Und Kontrolle bedeutet: Wir müssen unter verschiedenen Möglichkeiten wählen und uns entscheiden können. Das ist eine Errungenschaft der westlichen Demokratien seit Jahrhunderten.

Aber?

Man hat stillschweigend angenommen: Je mehr Auswahl, desto besser, man kann gar nicht zu viel davon haben, denn jede neue Wahlmöglichkeit vergrössert die Freiheit. Aber diese auf den ersten Blick völlig vernünftige Annahme ist schlicht falsch. Wenn man den Menschen zu viele Wahlmöglichkeiten gibt, nimmt man ihnen etwas von ihrer Freiheit. Es wird schwieriger, eine Entscheidung zu fällen, schlimmstenfalls wird man entscheidungsunfähig – und das ist dann genauso, als ob man überhaupt keine Entscheidungsfreiheit hätte.

Gibt es eine magische Formel, wie viele Wahlmöglichkeiten man haben sollte?

Wir wissen es nicht. Man hat ein paar Studien dazu gemacht, mit trivialen Sachen wie Kugelschreibern oder Süssigkeiten, die besagen, dass zwischen acht und zwölf Optionen einem alle Vorzüge der Wahl bieten, ohne dass man den Preis der Orientierungslosigkeit dafür bezahlen muss. Aber das lässt sich natürlich nicht verallgemeinern. Wie viele Wahlmöglichkeiten genug sind, unterscheidet sich von einem Lebensbereich zum andern, auch von einer Person zur andern. Es ist nicht das Gleiche, ob man die Auswahl an Digitalkameras im Elektronikshop betrachtet oder die an politischen Parteien in einem Staat.

Sie illustrieren das Problem gern mit Ihrer Erfahrung beim Kauf von neuen Jeans.

Ich kaufte meine Jeans immer bei «Gap», immer das gleiche Modell, und trug sie jahrelang. Als ich wieder einmal eine neue brauchte, gab es meine nicht mehr. Sondern eine unglaubliche Vielzahl von verschiedenen Schnitten und Materialqualitäten. Natürlich probierte ich alle möglichen Modelle aus. Was früher in fünf Minuten erledigt war, dauerte über eine Stunde. Und vor allem verliess ich das Geschäft nicht glücklicher. Früher sassen meine Jeans einigermassen, und ich war zufrieden. Jetzt hatte ich diese Riesenauswahl, da musste doch die für mich perfekte darunter sein! Zu Hause betrachtete ich dann meine neue Jeans argwöhnisch und fragte mich: Hätte ich nicht doch besser eine andere genommen? Der Zwang, mich unter all diesen Möglichkeiten zu entscheiden, hat mir gar nichts gebracht, ausser dass ich dafür zu viel Zeit und Energie investieren musste und zuletzt doch nicht zufrieden war.

Betrachten wir ein weniger triviales Beispiel: Wie beurteilen Sie die Zunahme der Entscheidungsmöglichkeiten für die Patienten im heutigen Gesundheitswesen?

Früher waren die Ärzte – zumindest bei uns in den USA – arrogant und bevormundend. Sie erklärten einem nichts, sie befahlen einem einfach, was man zu tun hatte. Dagegen begehrten die Patienten zu Recht auf, sie hatten es viel zu lange hingenommen. Was wir jetzt haben, ist das Gegenteil: Sie können Ihren Arzt anflehen, Sie bringen ihn nicht dazu, Ihnen zu sagen, was sie tun sollen. Er wird Ihnen einfach die verschiedenen Optionen darlegen, den Entscheid überlässt er Ihnen. Manche Leute wollen diese weitgehende Kontrolle über die Entscheidung, aber die meisten wollen diese Verantwortung nicht. Sie wollen einbezogen werden, sie wollen informiert werden, aber sie wollen nicht selber entscheiden.

Was wäre der richtige Weg?

Natürlich ist es am einfachsten, wenn man sagt: Grundsätzlich entscheidet der Patient. Oder: Grundsätzlich entscheidet der Arzt. Schwierig wird es auf dem Feld, das dazwischenliegt, da braucht es Urteilsvermögen. Aber darum kommen wir nicht herum. Die Ärzte und die Institutionen, die ärztliche Richtlinien ausarbeiten, könnten ja ihre Standards anpassen, wenn es um Entscheidungen geht.

Wie stellen Sie sich das vor?

Ich will Ihnen ein Beispiel geben: Es gibt eigenartige Unterschiede zwischen verschiedenen Kulturen in medizinischen Fragen. Eine Studie hat den unterschiedlichen Umgang mit einer Erbkrankheit in den USA und Frankreich untersucht. Ein Kind, das mit dieser Krankheit geboren wird, hat keine Überlebenschance. Man kann es operieren und ein bisschen Zeit gewinnen, aber nicht viel. Oder man kann es sterben lassen. In den USA müssen die Eltern diesen Entscheid treffen. In Frankreich entscheiden die Ärzte und stellen die Eltern vor ein Fait accompli. Die Kinder sterben in beiden Fällen, aber wenn man untersucht, wie die Eltern auf den Tod ihres Kindes reagieren, sieht man, dass es für Eltern in den USA viel schlimmer ist. Sie haben mit Sicherheit keinen Gewinn von der Möglichkeit zu wählen, die Wahl verursacht im Gegenteil Leid.

Generell nehmen ja die Entscheidungsmöglichkeiten in der Medizin zu, unter anderem dank der Gentechnik.

Jeden Tag öffnet sich ein neues Fenster mit Möglichkeiten, Dinge zu beeinflussen, die früher gottgegeben waren oder von der Evolution bestimmt oder vom Zufall. Ich glaube nicht, dass diese Ausweitung der Entscheidungsmöglichkeiten den Menschen zuträglich ist.

Sollte man sie mit schärferen Gesetzen begrenzen?

Wenn Sie Gesetze schaffen, finden die Leute einen Weg, sie zu umgehen. Was es brauchte, ist ein gemeinsames Verständnis über das, was angemessen ist. Dann ist kein Gesetz nötig. Und wenn man das nicht hat, hilft das Gesetz auch nichts. Es ist ein grosses Problem heterogener Gesellschaften wie der USA, in solchen Fragen einen Konsens zu finden. Vielleicht ist es unmöglich. Ein Gesetz setzt immerhin einen gewissen moralischen Standard – selbst wenn man weiss, dass man es nicht durchsetzen kann.

Wohlstand und Wahlmöglichkeiten in der westlichen Welt haben zugenommen, gleichzeitig aber auch Depressionen und Selbstmordraten. Führen Autonomie und Individualismus in eine Sackgasse?

Ich glaube: ja. Die Frage ist bloss, ob wir automatisch wieder aus der Sackgasse rauskommen. Dann können wir uns entspannen und darauf vertrauen, dass die Menschen die Leere des zügellosen Individualismus erkennen werden. Erwiesenermassen am wichtigsten für das menschliche Glück sind die sozialen Bindungen, die man hat, und wer sich bindet, gibt ein Stück von seiner Freiheit preis. Ich glaube aber nicht, dass sich das Problem von selber löst. Vielleicht sind wir weniger in einer Sackgasse als auf einem vereisten Skihang. Das Gute an der Sackgasse ist ja: Wenn man gegen die Wand prallt, wird man zurückgeworfen und bewegt sich in die Gegenrichtung zurück.

Aber wir können doch nicht die Uhr zurückdrehen?

Das nicht, aber wir müssen einen Weg finden, Grenzen zu setzen und aufrechtzuerhalten, die für die Leute akzeptabel und attraktiv sind.

Wo zum Beispiel?

Nehmen Sie unsere Haltung zu Ehe und Scheidung. Es ist ein Segen für Menschen, die in einer unglücklichen Ehe leben, dass es heute viel leichter ist als früher, sie aufzulösen. Aber der Preis, den wir dafür zahlen, ist, dass auch Leute ihre Ehe beenden, die das nicht tun sollten. Weil es so leicht ist. Jede Ehe hat Beulen und Narben, aber heute ist es leichter, den Bettel hinzuschmeissen, als die Verletzungen auszuhalten, die Eheprobleme mit sich bringen. Ich glaube nicht, dass die Ehe etwas Magisches ist, aber sie ist eine Institution, die man mit neuen Argumenten wieder aufwerten sollte, das könnte vielen Menschen helfen.

Was heisst das genau?

Abgesehen von den Ausnahmen, bei denen es richtig ist, eine Ehe zu beenden, müsste sie eine neue Verbindlichkeit bekommen. Man hat herausgefunden, dass Leute zufriedener sind mit Entscheidungen, von denen sie wissen, dass sie sie nicht rückgängig machen können. Wenn wir etwas nicht rückgängig machen können, wenden wir nämlich all diese wunderbaren psychologischen Tricks an, die uns den Entscheid versüssen. Nicht bewusst, aber wir tun es. Und wenn wir den Entscheid rückgängig machen können, tun wir dies nicht.

Wo sonst sollten wir unsere Entscheidungsmöglichkeiten bewusst einschränken?

Zum Beispiel wenn es um unseren Job geht. Da muss man ganz viel gegeneinander abwägen, den Arbeitsort, den Lohn, die Kollegen usw. Das macht die Entscheidung schwierig. Viele halten auch schon am ersten Arbeitstag nach ihrem nächsten Job Ausschau – sie halten das für die richtige Strategie, wenn man vorwärtskommen will. Aber es gibt andere Gesichtspunkte. Man kann sich etwa sagen: Mir ist meine Familie wichtig, darum suche ich eine Arbeit im Umkreis von 100 Kilometern. Ich vermute, dass einer dann nicht den bestmöglichen Job bekommt, aber er wird mit seinem Job wahrscheinlich sehr viel zufriedener sein. Wer nicht zu hohe Erwartungen hat, wer nicht unbedingt nach dem Besten strebt, wird glücklicher sein. Selbstauferlegte Beschränkungen können Wunder wirken.

Bleibt das also jedem Einzelnen überlassen?

Wenn man die Erkenntnis akzeptiert, dass Leute oft gelähmt werden durch zu viele Wahlmöglichkeiten und dass dies zu schlechten Entscheidungen führt, kann man versuchen, die Rahmenbedingungen so zu verändern, dass die Leute quasi in die richtige Richtung geschubst werden.

Wie geht das?

Wahlmöglichkeiten präsentieren sich nie neutral. Nehmen Sie die Organspende. In den USA befürworten sie fast alle, aber nur 25 Prozent haben auch einen Spenderausweis. Also tun 75 Prozent der Bevölkerung nicht, was sie eigentlich befürworten! Das kann man ganz leicht ändern: Wenn man seinen Führerausweis erneuert, wird man automatisch Organspender – es sei denn, man unterschreibe ein Formular, in dem man es explizit ablehnt. Das ist entscheidend: Wenn man nichts tut, ist man Spender. Länder, die das so machen, haben Spenderraten von 90 bis 100 Prozent. Es reicht, ein Formular zu ändern, letztlich ein einziges Wort zu ändern, und man verdreifacht die Zahl der Spender. Kein noch so heftiger moralischer Druck würde zu einem vergleichbaren Resultat führen.

Das ist aber nur ein eng begrenztes Beispiel.

Ich glaube, es gibt viele Bereiche des öffentlichen Lebens, in denen man mit solch kleinen Änderungen grosse Veränderungen im Verhalten der Leute bewirken kann. Es gilt etwa auch für die Altersvorsorge. In den USA muss man ein Formular unterschreiben, das dem Arbeitgeber die Erlaubnis gibt, einen Teil des Lohn als Altersguthaben einzubehalten. Müsste man im Gegenteil ein Formular unterschreiben, um den Arbeitgeber davon zu entbinden, würde sich der Betrag, den die Leute für ihre Pensionierung beiseite legen, dramatisch erhöhen.

Ist das nicht eine Bevormundung?

Es ist bevormundend insofern, als man versucht, das Verhalten der Leute zu beeinflussen. Aber niemand wird zu etwas gezwungen. Das ist der entscheidende Punkt: die Leute können sich immer auch anders entscheiden.

Sie plädieren für eingeschränkte Wahlmöglichkeiten, für einen bewussten Verzicht auf gewisse Freiheiten – läuft das nicht dem menschlichen Streben zuwider?

Ich bin heute optimistischer als vor fünf Jahren, als ich mein Buch schrieb. Ich habe darin ja keine schockierenden und völlig überraschenden Einsichten formuliert. Ich habe nur gewisse Dinge benannt, die viele Menschen gespürt oder aus eigener Erfahrung gekannt haben: die Überforderung mit den vielen Entscheidungen im Alltag, die mangelnde Zufriedenheit, das Gefühl von Stress und Unglück. Ich versuchte zu erklären, wo das herkommt, mehr nicht. Und ich bin überzeugt, dass die Leute empfänglich sind für Versuche, die Entscheidungsmöglichkeiten auf ein vernünftiges Mass zu reduzieren. Wo genau diese vernünftige Grenze liegt, muss von Fall zu Fall ausgehandelt werden.

In Krisenzeiten wie der jetzigen hört man das Wort Selbstbeschränkung öfter als sonst.

Die ­gegenwärtige Krise gibt aus zwei Gründen Anlass zu Optimismus: Erstens können wir uns künftig vielleicht all die Optionen gar nicht mehr leisten, unsere Möglichkeiten werden begrenzter sein als zuvor, und das ist eine gute Sache. Und zweitens haben wir den Beweis erlebt, dass Katastrophen passieren können, wenn wir die Märkte völlig sich selbst überlassen. Margaret Thatcher sagte einst, dazu gebe es keine Alternative. Aber es gibt eine. Es gab schon immer eine. Der Markt ist nicht die Antwort auf jede Frage.

Barry Schwartz’ Bestseller «The Paradox of Choice» ist deutsch unter dem Titel «Anleitung zur Unzufriedenheit: Warum weniger glücklicher macht» 2006 als Ullstein Taschenbuch erschienen.

Daniel Weber ist Redaktionsleiter von NZZ Folio.

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