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NZZ Folio 05/08 - Thema: Alles Kunst?   Inhaltsverzeichnis

Das Experiment -- Überlebenskampf im Gewächshaus

© James Marshall / Corbis / Spec...
Bereit für die Reise zum Mars: Biosphere 2 mit Kontrollgebäuden in der Wüste Arizonas. Linktext
Was passiert, wenn man acht Leute mit ein paar Ziegen, Schweinen und Hühnern in ein luftdichtes ­Gewächshaus steckt und zwei Jahre wartet? 1991 wurde diese Frage beantwortet.

Von Reto U. Schneider

Am 26. September 1991 um 8 Uhr betraten vier Frauen und vier Männer in der Wüste Arizonas ein hermetisch von der Aussenwelt abgeriegeltes Gewächshaus. Als sie es zwei Jahre später wieder verliessen, waren sie völlig abgemagert und hatten sich derart verkracht, dass einige von ihnen nicht mehr miteinander sprachen. Das riesige Glashaus trug den Namen Biosphere 2, weil es eine Kopie der ersten Biosphäre – unserer Erde – im Kleinformat sein sollte.

Bereits 1961 liess sich der sowjetische Wissenschafter Ewgeni Schepelew für 24 Stunden in einer luftdichten Stahltonne einsperren. Chlorella-Algen verwandelten sein ausgeatmetes Kohlendioxid wieder in Sauerstoff. Später wurde in länger dauernden Experimenten versucht, Nahrung im geschlossenen System zu erzeugen. Das Fernziel war, eine kleine selbsterhaltende Welt für lange Reisen im All zu schaffen.

So kühn wie Biosphere 2 war jedoch keiner der früheren Versuche. Eine Fläche von zweieinhalb Fussballfeldern wurde mit 6500 Glasscheiben überdacht. Im Boden dichtete eine 500 Tonnen schwere Stahlwanne die Welt unter Glas ab. Tests zeigten, dass die Anlage doppelt so dicht war wie der Spaceshuttle.

Nichts geht rein, nichts geht raus, lautete der wichtigste Leitsatz der zweijährigen Mission – nichts Materielles jedenfalls. Die 6 Millionen Kilowattstunden Energie, die Biosphere 2 für den Betrieb benötigte, stammten nämlich aus dem eigenen Kraftwerk ausserhalb des Glashauses.

Fauna und Flora mussten so ausgewählt werden, dass ein Ökosystem entstand, das sich selbst und seine acht Insassen am Leben erhielt. Anders als bei früheren Experimenten, bei denen man die Anzahl Pflanzen und Tiere möglichst gering hielt, war Biosphere 2 ein kleiner Garten Eden. Auf 23 verschiedenen Bodentypen gab es einen Regenwald, eine Savanne, einen Sumpf, eine Geröllwüste und eine Wüste. Ein Meer samt Wasserfall und Korallen gehörte ebenso zur Miniaturwelt wie die Landwirtschaftszone mit Ziegen, Schweinen und Hühnern. Hinzu kamen das Labor, die Werkstatt, der Computerraum und die Bibliothek.

Die Medien berichteten im Vorfeld begeistert über das Experiment. Es sei «das aufregendste wissenschaftliche Projekt seit der Mondlandung», schrieb das Wissenschaftsmagazin «Discover». Doch dann, ein halbes Jahr bevor es losging, behauptete ein Journalist, die am Projekt beteiligten Leute bildeten eine Art Sekte. Das Ganze sei völlig unwissenschaftlich.

Steckt eine Sekte dahinter?

Tatsächlich stammten die Initianten aus dem Umfeld der Synergisten, einer New-Age-Bewegung, die den Geist der Gegenkultur der 1960er Jahre atmete. Das von ihnen gegründete Institut für Ökotechnik hatte zum Ziel, «globale Konflikte zwischen Natur und Technik» beizulegen. Ihr Anführer John Allen kleidete sich wie ein Beatnik und konnte kaum den Mund öffnen, ohne etwas Grossspuriges zu sagen. Auch dass die Biosphäriker Uniformen von William Travilla trugen, dem Designer des berühmten Faltenrocks von Marilyn Monroe, und darin aussahen wie die Besatzung vom Raumschiff «Enterprise», trug nicht zu ihrer Glaubwürdigkeit bei. Finanziert wurde das Unterfangen vom jungen texanischen Milliardär Ed Bass, der den Synergisten ebenfalls nahestand.

Das Leben im Glashaus war modern und rückständig zugleich. Jeder der acht Biosphäriker verfügte über ein luxuriöses Zimmer mit Stereoanlage, Fernsehen und Video. Es gab Funkgeräte, Computer und eine moderne Küche – aber kein Toilettenpapier, weil Papier im Glashaus nicht hergestellt werden konnte (stattdessen gab es auf den Toiletten Wasserdüsen). Jeder Stoffkreislauf musste geschlossen werden: Das Wasser wurde aufbereitet, die Exkremente wurden kompostiert, das ausgeatmete Kohlen­dioxid wurde von den Pflanzen aufgenommen und der Sauerstoff wieder abgegeben.

Kaum hatte sich die Luftschleuse hinter den Biosphärikern geschlossen, begannen sie Hunger zu leiden. Die Umstellung der Ernährungsweise von viel Fett und Fleisch zu viel Fasern und Gemüse war schwierig. Zudem verbrachten die Biosphäriker einen grossen Teil ihrer Zeit mit der körperlich anstrengenden Arbeit in ihrer Miniaturlandwirtschaft, was ihren Kalorienbedarf steigerte.

Zu allem Unglück fiel die Sojaernte mager aus, die Bohnen raffte ein Pilz dahin, die Kartoffeln wurden von Milben gefressen. Der Versuch, ihnen mit einem Haarföhn den Garaus zu machen, scheiterte. Wenigstens schien den Süsskartoffeln das Mikroklima zu bekommen. Die Biosphäriker assen so viele davon, dass sie vom Farbstoff Betacarotin orange Hände bekamen.

Grössere Schwierigkeiten bereitete es auch, die Zusammensetzung der Atmosphäre einigermassen stabil zu halten. Die wichtigsten Bestandteile der Luft sind 78 Prozent Stickstoff, 21 Prozent Sauerstoff und etwa 0,04 Prozent Kohlendioxid. Ursprünglich sollte dieses Verhältnis allein durch die richtige Komposition von Pflanzen und Tieren aufrechterhalten werden. Erste Tests zeigten jedoch, dass der Anteil des Kohlendioxids stark variierte. Um überschüssiges Gas zu binden, wurde ein sogenannter Atemkalkbehälter installiert, wie er auch in U-Booten zum Einsatz kommt. Als die Presse später zufällig davon erfuhr, vermuteten einige Journalisten, das Management von Biosphere 2 habe es verschweigen wollen.

Überhaupt war John Allen ein Albtraum, was die Kommunikation betraf. Er neigte zu überlangen Aussagen, brach ­Interviews ab und hielt bewusst Infor­mationen zurück. Er war es auch, der ­gemeinsam mit der Projektmanagerin Margaret Augustine die acht Versuchspersonen – die jüngste 29, die älteste 69 Jahre alt – auswählte und auf eine bizarre Vorbereitungsreise auf ein Schiff und eine australische Farm schickte. Die zwei entliessen auch immer wieder Mitarbeiter aus undurchsichtigen Gründen.

Das chaotische Management war der Hauptgrund, weshalb die acht Biosphäriker im Glashaus Streit bekamen: Eine Gruppe war John Allen ergeben, die andere lehnte sich auf. Zum Eclat kam es, als der Sauerstoffanteil von Biosphere 2 sank. John Allen verheimlichte die schlechten Werte vor dem wissenschaftlichen Beirat, solange er konnte. Am 13. Januar 1993, etwas mehr als ein Jahr nach Beginn des Experiments, musste dann von aussen Sauerstoff zugeführt werden.

Einige der Biosphäriker schlugen zuhanden des wissenschaftlichen Beirats Experimente vor, wie man herausfinden könnte, warum es zur Sauerstoffknappheit gekommen war. Doch es wurde schnell klar, dass Allen der reduktionistischen Wissenschaft misstraute, die versucht, mit einfachen Experimenten einzelne Einflussfaktoren zu isolieren. Biosphere 2 war das genaue Gegenteil davon: ein komplexes System mit einer kaum überblickbaren Zahl an Störgrössen.

Spätere Analysen zeigten, dass der Sauerstoffmangel auf den Beton zurückzuführen war, der grosse Mengen Kohlendioxid aufnahm, das den Pflanzen dann nicht mehr zur Verfügung stand, um es in Sauerstoff umzuwandeln.

Der grosse Krach

Während des zweiten Jahres ihres Aufenthalts sprachen die verfeindeten Gruppen kaum noch miteinander. Als auch noch Gerüchte über Nahrungsknappheit nach aussen drangen, wurde eine Versuchsperson von einer Teamkollegin angespuckt, weil man sie für die Indiskretion verantwortlich machte.

«Wir können stolz darauf sein, dass wir einander nicht umbrachten», schreibt Jane Poynter im kürzlich erschienenen Buch «The Human Experiment» über ihre zwei Jahre im Glashaus. Am 26. September 1993 verliessen die acht Biosphäriker Biosphere 2 mit grossem Medienbrimborium.

Der Streit um das Projekt ging weiter. Der Geldgeber Ed Bass, der 150 Millionen Dollar investiert hatte, verlangte eine Buchprüfung und vertrieb das Management unter John Allen schliesslich mit Hilfe der Polizei aus der Anlage, während bereits eine zweite Crew ins Glashaus eingezogen war. Vier Tage später sabotierten zwei Mitglieder der ersten Crew, die John Allen nahestanden, Biosphere 2.

Nachdem die zweite Mission vorzeitig abgebrochen worden war, benutzte von 1996 bis 2003 die Columbia University in New York Biosphere 2 für wissenschaftliche Experimente. 2007 wurden die Anlage und das Grundstück an eine private Gesellschaft verkauft, die Einfamilienhäuser und ein Hotel bauen will. Die University of Arizona hat Biosphere 2 zu Forschungszwecken gemietet.

Im Rückblick scheint Biosphere 2 ein Misserfolg gewesen zu sein. Es musste Sauerstoff zugegeben werden, Schaben und Ameisen vermehrten sich explosionsartig, alle Blütenbestäuber und 19 von 25 Wirbeltierarten starben aus – die Schweine unter aktiver Mitwirkung der Menschen: Sie wurden geschlachtet, weil sie zu ähnliche Nahrung frassen wie die Bewohner.

Andererseits entfaltete das Experiment eine enorme Wirkung in der Öffentlichkeit. Man steckt Menschen mit Tieren in ein grosses Einmachglas und schaut, was geschieht: Schöner lässt sich nicht zeigen, was Leben auf unserem Planeten eigentlich bedeutet. Reto U. Schneider

Reto U. Schneider ist stellvertretender Redaktionsleiter von NZZ Folio.



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