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Wolf Boy x Natural Girl
© Serge Attal/Reporters/Dukas
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| «was? du hast mit minato schluss gemacht?» Handyromane werden von Mädchen für Mädchen geschrieben. Sie drehen sich vor allem um die erste Liebe. |
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Japanische Schulmädchen schreiben auf ihren Handys Romane über Liebesglück und Herzschmerz. Wenn sie Glück haben, werden sie gedruckt – 100 000fach.
Von Konrad Muschg
Im Expresszug von Tokyo nach Yokohama kommt man sich vor wie auf einer Fachmesse für mobile Unterhaltungselektronik. Ein junger Angestellter verfolgt auf dem Handy die Live-Übertragung eines Baseballspiels. Zwei Schüler haben ihre Playstations per Bluetooth synchronisiert und lassen ihre Avatare die virtuellen Klingen kreuzen. iPhones und iPods, wo man hinschaut. Fast jeder ist am Shoppen, Surfen, Chatten oder Gamen. Und jemand schreibt vielleicht gerade einen Bestseller.
Bunny war in der sechsten Klasse, als ihre Eltern ihr ein Handy kauften. Zuerst benutzte sie es nur, um ihren Freundinnen zu schreiben, doch dann sah sie die Werbung für eine Website, auf der man gratis einen Roman veröffentlichen konnte. Unter ihrem vom Disney-Klassiker «Bambi» inspirierten Pseudonym tippte sie über Monate in Schulpausen oder abends in ihrem Zimmer eine Highschool-Romanze mit dem Titel «Wolf Boy x Natural Girl» ins Handy und veröffentlichte sie online.
Dort fand die Liebesgeschichte zwischen der scheuen Miku und dem unberechenbaren Shun so viel Anklang, dass Bunny ein Buchvertrag angeboten wurde. Ihre Mutter fiel aus allen Wolken. Mit über 110 000 verkauften Büchern war die nunmehr 15jährige letztes Jahr eine der erfolgreichsten Autorinnen eines noch jungen literarischen Genres. Der Handyroman (keitai shosetsu), der auf Mobiltelefonen veröffentlicht, gelesen und meist auch geschrieben wird, wurde als erste Literaturgattung gefeiert, die ihre Entstehung direkt dem Zeitalter der mobilen Kommunikation verdankt.
Die Literatur für unterwegs passt perfekt zum Lebensstil der Mädchen und jungen Frauen, die mit dem Handy aufgewachsen sind und schon in den frühen 1990er Jahren mit textfähigen Pagern kommuniziert haben. Heute haben 96 Prozent aller Gymnasiasten ein Handy; dieses, nicht der PC, ist die Hauptverbindung japanischer Jugendlicher ins Internet.
Japaner verbringen einen beträchtlichen Teil des Tages im öffentlichen Raum, und in vielen Situationen – besonders in den überfüllten Zügen – ziemt es sich nicht, am Telefon zu sprechen. Da ein Romankapitel etwa 10 000 Zeichen umfasst, kann es bequem auf dem Weg zur Schule oder zum Arbeitsplatz gelesen werden. Gegen indiskrete Seitenblicke des Nachbarn kleben viele junge Frauen ihren Handybildschirm mit einer Spezialfolie ab, die nur frontalen Einblick erlaubt.
Die dichte und kontextreiche japanische Sprache, in der ein Satz oft nur aus einem Verb und zwei, drei anderen Wörtern besteht, eignet sich ideal für die mobile Prosa. Bedingt durch das kleine Handydisplay ist das Textbild geprägt von kurzen, umgangssprachlichen Sätzen, viel direkter Rede und dem kreativen Gebrauch von Sonderzeichen und Emoticons. Die Geschichten sind einfach und schnell zu lesen, enthalten kaum Beschreibungen und erinnern in Tempo und Diktion stark an Manga:
«was? du hast mit minato schluss gemacht?»
«………»
«wa~~s??»
ganz hinten im klassenzimmer.
natsuho packt mich am oberarm und schüttelt wild.
weil ich ihr gerade gesagt habe, dass mit minato schluss ist.
«komm, bis vorgestern wart ihr noch total verknallt, was ist los?»
Begonnen hatte alles im Frühjahr 2000, als ein Lehrer, Mitte dreissig, im trendigen Tokyoter Jugendviertel Shibuya Hunderte Visitenkarten an junge Mädchen verteilte. Darauf stand die Adresse einer Internetseite, auf der er unter dem Pseudonym Yoshi das erste Kapitel seines Romans «Deep Love» veröffentlicht hatte. Es war die Geschichte von Ayu, einer 17jährigen Schülerin, die sich prostituiert, um die Herzoperation ihres Freundes bezahlen zu können, und sich dabei mit dem HI-Virus infiziert. Nach jeder neuen Episode, die den Abonnentinnen kostenlos aufs Handy geschickt wurde, konnten diese ihre Kommentare abgeben und so den Verlauf der Handlung mitbestimmen. Die schliesslich im Selbstverlag publizierte Druckauflage von 100 000 Stück war im Nu vergriffen, der Rest ist Geschichte: «Deep Love» generierte ein Manga, eine Fernsehserie und einen Kinofilm und verkaufte sich als Trilogie in Buchform bis heute fast 3 Millionen Mal.
Das Format wurde vor allem von Schülerinnen und jungen Frauen begeistert aufgenommen. Durch die interaktive Entstehungsweise der Handyromane verschwamm die Grenze zwischen Leserin und Autorin, und bald begannen Hunderte mit dem Verfassen eigener Erzählungen. Die eher seichten, reisserischen Handlungen waren meist in der Welt rebellischer Jugendlicher angesiedelt und drehten sich vor allem um die erste wahre Liebe beziehungsweise um ihre Störfaktoren wie Schwangerschaft, Abtreibung, Vergewaltigung, Drogen oder unheilbare Krankheiten.
Eine Schlüsselrolle nimmt «Maho no i-land» (Die Zauberinsel) ein, das erste und grösste Internetportal für Handyromane. Seit zehn Jahren stellt das durch Onlinewerbung finanzierte Unternehmen angehenden Autorinnen gratis eine Homepage zur Veröffentlichung ihrer Romane zur Verfügung. An Auswahl mangelt es nicht – die Website verzeichnet nach eigenen Angaben 1,2 Millionen Titel. Sie hat über 6 Millionen registrierte Nutzer, 80 Prozent sind Frauen. Ein Hindernis stellten zunächst die hohen Preise für mobile Datenübertragung dar. Doch mit der Einführung von Pauschaltarifen für den unbegrenzten Datentransfer erhielt die mobile Literatur ab 2003 enormen Auftrieb.
Die darbende Buchbranche entdeckte bald das Potential des neuen Mediums. Spezialisierte Verlage wie Starts Publishing oder Goma Books veröffentlichten die erfolgreichsten Titel. Da viele der ehemaligen Online-Leserinnen sich am Entstehungsprozess des Werks beteiligt fühlten, waren sie auch bereit, sich die Hardcoverausgabe als Souvenir zu kaufen. Gemeinsam mit der Zeitung «Yomiuri» schreibt Starts Publishing seit vier Jahren einen nationalen Handyroman-Preis aus, dessen Gewinner neben 2 Millionen Yen (23 000 Franken) ein Buchvertrag winkt. Wurden 2006 nur 22 Handyromane in Buchform publiziert, waren es ein Jahr später bereits 98. Anders als etablierte Schriftsteller, erzielten selbst bisher völlig unbekannte Handyautoren mühelos Erstauflagen von mehreren 100 000 Exemplaren.
Das Phänomen war aus dem Online-Untergrund in die Bestsellerlisten vorgestossen. 2007 basierten fünf der zehn meistverkauften Taschenbücher auf Handyromanen. Sofort ging ein Teil des Literatur-Establishments indigniert auf Distanz zu den Werken der jungen Wilden, zog ihre literarische Qualität in Zweifel, beklagte die Verflachung der Sprache. Dass Jugendliche, die bisher nur Manga gelesen hatten, sich schriftstellerisch betätigten, wurde positiv vermerkt. Kritisiert wurde jedoch, dass die Inhalte zu eindimensional seien, die Texte keinem Lektorat unterlagen und dass einzig ihre Popularität – also der Massengeschmack – über eine Veröffentlichung in Druckform entschied.
Im September 2008 erschien «Der Regenbogen von morgen», die Geschichte der Gymnasiastin Yuri, die sich in einen hübschen Jungen namens Hikaru verliebt – nichtsahnend, dass der seine Stiefmutter geschwängert hat. Keine untypische Handlung für einen Handyroman, doch hinter dem Pseudonym Purple verbarg sich ein literarisches Schwergewicht: Die Schriftstellerin und Aktivistin Jakucho Setouchi, Japans Marguerite Duras, outete sich bei einer Preisverleihung augenzwinkernd als Autorin. Allerdings gestand die 87jährige buddhistische Nonne, sie habe beim Schreiben bald vom Handy zum Papier gewechselt und ihr Manuskript vom Verlag elektronisch konvertieren lassen.
Die Diskussion, ob es sich bei Handyromanen um Literatur handelt, geht am Kern des Phänomens vorbei. Denn solche zu produzieren, damit berühmt und vielleicht reich zu werden, war nie die Motivation der meisten Autorinnen. Die Medienwissenschafterin Toshie Takahashi sieht vielmehr eine therapeutische Funktion. «Wenn sie diese Geschichten schreiben, können sie ihre Geheimnisse und Probleme mit anderen teilen. Die Form der Erzählung gleicht oft Tagebucheinträgen und erlaubt dank Anonymität auch das Behandeln heikler Themen in der rigide organisierten japanischen Gesellschaft.» Dass es eher um eine Form der Kommunikation zwischen jungen Mädchen als um Literatur geht, darauf deuten auch die jüngsten Entwicklungen.
Seit Mitte 2008 sinken die Verkaufszahlen markant, und die Handyromane sind aus den Bestsellerlisten verschwunden. Der enorme Medienhype hatte dazu geführt, dass sich viele Erwachsene aus Neugier einen Handyroman kauften. Sie konnten dem Format jedoch wenig abgewinnen, und so hielt das öffentliche Interesse nicht lange an. Viele der erfolgreichsten Autorinnen hatten mit dem Erstling ihr literarisches Pulver bereits verschossen. An ihre Stelle treten zwar ständig viele Neue, doch die Anforderungen für einen Buchvertrag sind höher geworden, und die Zeit der Millionenauflagen ist vorbei. Dass sich der Markt nun stabilisiert, glaubt auch Megumi Noguchi von «Maho no i-land»: «Nach seinem kurzen Gastspiel im literarischen Mainstream hat sich das Genre etabliert und seine Nische gefunden.»
Wie vieles, was bei Japans Jugend boomt, schwappte auch die Handyroman-Welle auf benachbarte Länder über. In Südkorea, Taiwan und in China haben sich entsprechende Online-Gemeinschaften gebildet. In den USA gibt es nach anfänglich wenig erfolgreichen literarischen Experimenten auf Twitter mehrere Micro-Blogging- und Handyroman-Websites wie Quillpill oder Textnovel, erste Gehversuche wurden auch in Indien und Südafrika gemacht. Im deutschen Sprachraum gilt der in Zürich lebende Oliver Bendel, der als einer der wenigen europäischen Autoren seit 2007 auch Handyromane schreibt, als Pionier.
Konrad Muschg ist freier Journalist; er lebt in Tokyo.
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