NZZ Folio 01/12 - Thema: Agglo   Inhaltsverzeichnis

Es gibt noch Platz

Kees Christiaanse, Professor für Städtebau an der ETH, über das Leben in der niederländischen 16-Millionen-Agglomeration und weshalb er die Schweiz als Idylle empfindet.

Von Andreas Heller

EXPERTE FÜR DICHTES BAUEN
Kees Christiaanse ist seit 2003 Professor für Architektur und Städtebau an der ETH Zürich, wo er sich vor allem mit aktuellem Städtebau befasst. Der 1953 in Amsterdam geborene Christiaanse ist aber nicht nur ein Theoretiker, neben seiner wissenschaftlichen Tätigkeit hat er sich auch als Architekt und Planer einen Namen gemacht. 1989 gründete er in Rotterdam das Büro Kees Christiaanse Architects & Planners (KSCAP) und zusammen mit Partnern ASTOC Architects & Planners in Köln. Die beiden Büros entwickeln für öffentliche wie private Auftraggeber Masterpläne für die Wiederbelebung von vormaligen Industrie-, Bahn- und Hafengebieten, für Hochschulcampus und Flughäfen. Zu den bekanntesten Projekten zählen die Masterpläne für die Stads­tuinen in Rotterdam (mit 600 Wohnungen, einer Seniorenwohnanlage und Büros), die Überbauung Hafen City in Hamburg oder den neuen Flughafen von Eindhoven. 2009 war Kees Christiaanse Kurator der Internationalen Architektur-Biennale in Rotterdam, die dem Thema «Open City» gewidmet war. Seit 2010 ist er Programmleiter des Future Cities Laboratory in Singapur.


Herr Christiaanse, Sie realisierten mit Ihrem Architektur- und Planungsbüro eine Reihe von Grossüberbauungen in den Niederlanden und in Deutschland. Was fiel Ihnen besonders auf, als Sie das erste Mal in die Schweiz kamen?

Als ich vor bald acht Jahren meine Professur an der ETH antrat, war die Diskussion um die Zersiedlung der Schweiz in Fachkreisen bereits ein grosses Thema. Das ETH-Studio Basel hat seine Studie «Die Schweiz. Ein städtebauliches Portrait» veröffentlicht, und das Amt für Raumentwicklung des Bundes versuchte die Planungsfachleute zu mobilisieren, um dieses Thema anzugehen. Aufgrund meiner persönlichen Beobachtungen konnte ich diese Diskus­sion nicht ganz nachvollziehen. Mir erschien die Schweiz gar nicht besonders zersiedelt, jedenfalls nicht so sehr, wie ich es aus den Niederlanden oder dem Ruhrgebiet kannte. Ich finde bis heute die Raumordnung in der Schweiz recht harmonisch. Mich beeindruckt die landschaftliche Vielfalt der Schweiz und dass man praktisch von überall schnell zu Fuss an einen See oder an einen Waldrand gelangen kann.

Halten Sie die Befürchtung, dass sich die Schweiz zu einem undefinierbaren Siedlungsbrei entwickelt, für übertrieben?

Die Schweiz hat im Unterschied zu anderen Ländern bereits recht gute Steuerungsinstrumente wie die Richtpläne der Kantone oder die Bau- und Zonenordnung. Allerdings ist es wichtig, dass man diese Instrumente auch einsetzt, so wie etwa im Kanton Zürich. Im Richtplan ist das Verhältnis von bebauten und unbebauten Flächen festgelegt. Nun haben wir im Grossraum Zürich die Situation, dass die Baulandreserven weitgehend ausgeschöpft und neue Einzonungen kaum mehr möglich sind. Man muss also stärker verdichten und alte Gebäude ersetzen. Das ist der richtige Weg.

Die Niederlande und die Schweiz sind etwa gleich gross. In den Niederlanden leben allerdings mehr als doppelt so viele Menschen. Mit einer Bevölkerungsdichte von 400 Einwohnern pro Quadratkilometer zählen die Niederlande zu den am dichtesten besiedelten Ländern in Europa. Sind die Niederlande eine einzige Agglo?

Sicher die sogenannte Randstadt, der Ballungsraum im Westen, der Amsterdam, Rotterdam, Utrecht und Den Haag umfasst. Hier, auf 20 Prozent der Fläche des Landes, leben fast die Hälfte der Einwohner, und hier ist die Bevölkerungsdichte noch höher, nämlich fast 1000 Einwohner pro Quadratkilometer. Im Schweizer Mittelland leben insgesamt etwa 3,5 Millionen Menschen, also ebenfalls etwa die Hälfte der Bewohner, und die Bevölkerungsdichte beträgt gegen 400 Menschen pro Quadratkilometer. Es gibt also noch Platz! Völlig entspannt ist die Situation in den anderen Gebieten. Zwei Drittel der Fläche, praktisch der gesamte Alpenraum, sind nur dünn oder überhaupt nicht besiedelt. Die Bergregionen sind so etwas wie die natürlichen Reservate der Schweiz. Auch wenn das gesamte Mittelland einmal zugebaut sein sollte, sind 70 Prozent der Fläche immer noch leer. Die Niederlande haben da ganz andere Grundvoraussetzungen.

Sie sind flach.

Und sie liegen am Wasser. Das Wasser war lange Zeit unser ärgster Feind, der nur dank einer kollektiven Anstrengung beherrscht werden konnte. Das Wasser war aber auch ein effizientes Transportmedium, was das Entstehen einer dichten polyzentrischen Besiedlung zur Folge hatte.

Ein flaches Land am Wasser lässt sich leichter nach einem festen Plan besiedeln als ein verwinkeltes Alpengebiet. Wie ist die Raumplanung in den Niederlanden organisiert?

Wir bauten Kanäle und Deiche, um neues Land zu gewinnen. Dann gestalteten wir die Landschaft nach unseren Wünschen. Die Siedlungspolitik und die Raumplanung waren deshalb von alters her zentralistisch organisiert. Die zuständigen Ministerien in Den Haag kontrollierten weitgehend die Stadterweiterungen, die Verkehrsinfrastruktur und den sozialen Wohnungsbau. Im Zuge einer neoliberalen Politik kam es nach 1989 zu einer Lockerung dieser zentralistischen Planungskultur.

Mit welchen Folgen?

Das Gesicht des Landes veränderte sich total. An die Stelle einer eher kollektiven, harmonisch-kontrollierten Raumordnung trat ein Potpourri postmodernistischer und historisierender Formen, ein städtebauliches Disneyland. Die andere Sache ist die, dass in den Niederlanden die Bauwirtschaft aus wenigen grossen Einheiten besteht. Grosse Genossenschaften und Immobiliengesellschaften bestimmen die Bautätigkeit. In der Nachkriegszeit, als grosse Wohnungsnot herrschte, stampften sie ausgedehnte Grosswohnsiedlungen aus dem Boden. So entstanden Stadterweiterungen für 30?000 bis 40?000 Einwohner mit Wohnhochhäusern und Reihenhäusern im Agglomerationsgürtel der Städte. Diese Monokulturen haben die Landschaft kaputtgemacht und sind wirklich trostlos: riesige Flächen mit uniformen Reihenhaussiedlungen, wo es nur eine Schule oder einen Supermarkt gibt, vielleicht noch eine Kirche.

Auch die Schweiz wird mehr und mehr zugebaut – jede Sekunde ein Quadratmeter. Droht uns dasselbe?

Die Entwicklung wird kaum so dramatisch sein. Zum einen ist in der Schweiz das Grundstückeigentum viel fragmentierter als in den Niederlanden, und auch die Bau- und Immobilienwirtschaft wird nicht von ein paar wenigen grossen Konzernen dominiert. Die Schweiz hat eine föderalistische Struktur, die Einheiten sind kleiner und damit wahrscheinlich auch menschlicher. Die kleinräumige Struktur ergibt auch eine gewisse Widerstandsfähigkeit gegen gros­sen Entwicklungsdruck. In der Schweiz hat man sich lange Zeit nicht mit grossen Planungsentwürfen beschäftigt, sondern wie eine Bauerngesellschaft Parzelle um Parzelle entwickelt. Ich halte dies für keine schlechte Praxis.

Gibt es etwas, das typisch ist für die Schweizer Agglomeration?

Ja, es gibt etwas sehr Wertvolles. Die Tatsache, dass es rund um Grossstädte wie Zürich eine Reihe kleinerer Städte gibt, Männedorf, Thalwil, Rapperswil oder Uster. Alle diese Orte haben relativ hochwertige Kerne mit einer Altstadt, einem Rathaus, einem Bahnhofplatz. Das sind keine Trabantenstädte. Von all diesen Orten ist man mit dem Zug in weniger als einer halben Stunde am Zürcher Hauptbahnhof. Das bedeutet, dass sich die Agglomeration nicht zwingend als immer breiterer, kompakter Gürtel um die Stadt Zürich formieren muss. Man sieht, dass Städtchen wie Uster und Rapperswil wachsen und sich zu Orten mit einer eigenen Urbanität verdichten. Dadurch entsteht ein Städtenetz, das mehr polyzentrisch organisiert ist. Die sich diversifizierende Wirtschaft passt gut in diese Netzstruktur. Gleichzeitig bleibt eine gute Lebensqualität im Einklang mit der umliegenden Kulturlandschaft erhalten. Darin ist die Schweiz einzigartig. In anderen Ländern sind die Distanzen grösser, die Einheiten homogener, die historische und landschaftliche Qualität weniger hochwertig.

Kollegen von Ihnen wie Jacques Herzog beklagen den Föderalismus und kritisieren, dass die Schweiz deswegen keine Vision für die Gestaltung des ganzen Landes entwickeln konnte.

Wenn man über Visionen spricht, muss man sich bewusst sein, dass man in einer Demokratie mit relativ frei handelbaren Grundstücken die Entwicklung nur beschränkt steuern kann. Eine wirksame Vision sollte sich daher auf eine strategische Entwicklung aus dem Bestehenden konzentrieren. Ich sehe im Föderalismus tatsächlich auch Vorteile. Die dezentralen, kleinräumigen Strukturen bewahren vor gigantischen, nicht mehr korrigierbaren Fehlentwicklungen. Im grossen und ganzen gefällt mir die Schweiz so, wie sie heute ist. Das Land erinnert mich an meine Kindheit.

In welcher Beziehung?

Damals waren die Niederlande schön, gut organisiert und sicher. In den letzten dreissig Jahren hat sich das Land radikal verändert. Die massive Zuwanderung hat zu einer Polarisierung der Gesellschaft geführt, die sich auch in den Städten manifestiert. In Amsterdam oder Rotterdam gibt es Stadtteile, in denen ausschliesslich Nordafrikaner leben. Zuwanderer, die sich nur schwer integrieren. Ich befürworte – nach dem Soziologen Arnold Reijndorp – eine Multikulturalität, in der manche Gruppen dominieren, ohne andere auszuschliessen. Das ist in den Niederlanden an vielen Orten nicht mehr der Fall. Unser Büro befindet sich in Rotterdam Süd, dem grössten Problemquartier in den Niederlanden, wo rund 100?000 Menschen wohnen, die meisten aus Übersee, ohne Ausbildung und in desolaten sozialen Verhältnissen. Hier entsteht eine Art Ghetto, wie man es bis vor kurzem nur aus Brixton oder der Bronx kannte. In der Schweiz gibt es so etwas nicht.

Auch die Schweiz hatte in den letzten Jahren ein starke Zuwanderung zu verzeichnen. Was raten Sie?

Mit einer dichteren Bauweise und dem Ersatz bereits bestehender Gebäude wäre es in der Schweiz durchaus möglich, auf absehbare Zeit die gesamte bauliche Nachfrage ohne weiteren Landverschleiss zu stillen. Könnte man sich in einem politischen Abkommen darauf einigen, wäre das ein exemplarisches und grossartiges Experiment der Nachhaltigkeit. Eine solche Übereinkunft würde die Investi­tionsmöglichkeiten und die Bautätigkeit nicht wirklich behindern, die Intensität aber steigern.

Sie unterstützen also die Landschaftsinitiative, welche die Bauzonen in allen Kantonen für zwanzig Jahre einfrieren will?

Das Anliegen ist mir sympathisch, ich bezweifle jedoch, dass dies in einer föderalistischen Demokratie auch funktioniert. Das Pro­blem ist, dass in ländlichen Regionen die Bauzonen bei weitem noch nicht ausgeschöpft sind, in den Ballungsräumen sind sie jedoch knapp. Da müsste man einen gewissen Verhandlungsspielraum haben, um Flächen abzutauschen. Aber das will keiner, zumindest nicht ohne entsprechende Entschädigung.

Verdichtung ist in den letzten Jahren zum Zauberwort in der Raumplanungsdebatte avanciert. Lassen sich damit alle Probleme lösen?

Nicht alle, aber man benötigt weniger Fläche, weniger Land. In den 1960er Jahren hatte ein Reihenhausquartier in den Niederlanden eine Dichte von 40 Wohnungen pro Hektare. In der Schweiz wird noch heute so gebaut, eine Terrassensiedlung, zum Beispiel in Wollerau, weist etwa die gleiche Dichte auf. In der Amsterdamer Innenstadt und am Hafen von Rotterdam hat unser Büro diverse Projekte realisiert, bei denen wir diese Dichte auf 60 bis 75 Wohnungen pro Hektare erhöhen konnten. Es entstanden neue Wohnformen, die weniger Boden verschlingen und doch recht gut funktionieren.

Wollen die Menschen überhaupt so dicht beieinanderwohnen?

Vor allem jüngere Leute schätzen das und kehren zurück in die Stadt. Diese Entwicklung ist nicht so sehr eine romantische Idee von Architekten, sondern Ausdruck der demographischen und ökonomischen Veränderungen und eines neuen Lebengefühls. Ein Arbeitsplatz ganz in der Nähe, das breite Angebot einer Stadt, das urbane Leben ganz allgemein werden wieder mehr geschätzt.

Sehen Sie diesen Trend auch in der Schweiz?

Die meisten Schweizer, die in der Stadt leben, wohnen noch immer in klassischen Wohnungen. In den letzten Jahren jedoch haben die Bodenknappheit und die sich verändernden Bedürfnisse einer ganzen Reihe von neuen Projekten zum Durchbruch verholfen. In Zürich West gibt es mehrere gute Beispiele dafür, den Mobimo Tower von Diener & Diener oder das Löwenbräugelände von Gigon Guyer, die Überbauung von Pool Architekten an der Badenerstrasse oder, als kleines Projekt, das Wohnhaus von Peter Märkli bei der Bäckeranlage. Diese Projekte zeigen, dass man in der Schweiz am besten in der Form sorgfältiger, kleiner Interventionen weitermacht – mit städtebaulicher Akupunktur.

Andreas Heller ist Folio-Redaktor.



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