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NZZ Folio 01/08 - Thema: Jung und jüdisch Inhaltsverzeichnis
Wenn ihr wollt, ist es ein Märchen
© Suzanne Schwiertz
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| Yves Kugelmann, 36, Chefredaktor von «Tachles», im Hotel Drei Könige in Basel, wo 1897 Theodor Herzl den Judenstaat forderte. |
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Yves Kugelmann, Chefredaktor der jüdischen Zeitung «Tachles», plädiert für ein neues Judenland. Eines, in dem Juden wieder sie selbst sind.
Es musste ja so kommen: Ein einziger jüdischer Staat ist für die einen einer zu viel und für die anderen einer zu wenig. Gleichgültig ist er keinem. Für Antisemiten – welche Ehre – ist er die Bedrohung des Weltfriedens schlechthin, für viele Juden das Ende der Diaspora, die das Judentum ausmacht. Israel, diese multikulturelle Bastion der begrenzten Freiheit, dieses prosperierende Feuerwerk visionären Lebens, das doch zugleich auf einer Illusion gründet; dieses Israel, das den einen von Gott gegeben scheint, den anderen die politische Quintessenz der jüdischen Geschichte ist; dieses Israel, das gute, das schlechte, das friedenshungrige, das Israel der Besatzung – dieses Menschenbiotop ist niemandem egal. Also muss ein Judenland her, das allen vollends egal sein wird; eines, das nicht in Abhängigkeit von Feind und Freund existiert, sondern eines, das sein kann, was es ist, und ist, was es sein kann.
Das Geheimnis sei hier also verraten. Das zweite Judenland ist in Vorbereitung. Anders geht’s nicht mehr. Konkurrenz belebt nicht nur das Geschäft, sondern verhindert auch jeglichen Stillstand, bricht etablierte, verfahrene Gesetzmässigkeiten auf und bringt endlich die neu-alte Weltunordnung ordentlich durcheinander. Und das ist gut so. Ein Judenstaat? Ein jüdischer Staat? Ein Staat für die Juden? Nein: Ein Land ohne Nation, ein Land, das einfach nur jüdisch ist, ein neues Babylon muss her; ein neues Chaos, auf dass Ordnung entstehen kann, diesmal eine friedliche.
Dieses Jahr, sozusagen als Jubiläumsgeschenk für Israel zum Sechzigsten, ist es also so weit. Und danach wird nichts mehr so sein wie vorher. Für die Juden wird sich die Frage neu stellen: Was ist ein jüdisches Land? Oder soll es ein Staat werden? Gibt es einen jüdischen säkularen Staat, einen, der das Judentum nicht als religiösen Ausgangspunkt definiert, sondern die Religion allenfalls impliziert, aber nicht über alles stellt? Einen Staat mit einer eigenen Verfassung, ja einen, der trennt zwischen Staat und Religion?
Dass sich die Juden 1948 auf einen Staat einigen konnten, war wohl mehr durch die vernichtende Katastrophe des Holocausts als durch das jüdische Selbstverständnis begründet. Denn Einigkeit war stets etwas Befremdendes, eine Blockade, eine Art Sättigung, eine nichtjüdische, von aussen aufgezwungene Daseinsform. So wird, wie ein alter jüdischer Witz besagt, ein Jude nach vielen Jahren auf einer einsamen Insel von einem vorbeikommenden Schiff entdeckt. Er zeigt seinen Rettern stolz, wie gut er sich eingerichtet hat. «Beeindruckend», sagen die Seeleute, «aber warum haben Sie für sich allein zwei Synagogen gebaut?» «Nun, in der einen bete ich, und in die andere würde ich niemals einen Fuss setzen.»
Das ist Judentum, anders geht’s nicht. Das Exil, die Diaspora war stets die erste jüdische Heimat. Eine unheimliche Heimat und eine heimliche Unheimat. Das grenzenlos und immer wieder begrenzte Exil formte Jüdinnen und Juden, doch das Exil bedeutete zu oft Vertreibung, Verfolgung, Ermordung. Und trotzdem: «Der Zionismus», schrieb der Visionär und Publizist Theodor Herzl 1897 im Hotel Drei Könige im Umfeld des ersten Zionistenkongresses von Basel, «ist die Heimkehr zum Judentum noch vor der Rückkehr ins Judenland.» Erst die Seele, dann das Land. Doch die Rückkehr zum wesentlichen Judentum ist nicht geschehen. Die Rückkehr in einen Judenstaat ohne Heimkehr ins Judentum hat äussere und innere Feinde formiert. Keine Heimkehr ohne Einkehr, Umkehr, wahrhaftige Rückkehr. Und so ist Israel in einer tragischen Situation. Die erfüllte Sehnsucht vieler und zugleich die Möglichkeit, dass das Judentum daran scheitern wird.
Es ist das jüdische Paradox schlechthin: dass Juden keine Grenzen kennen, stets Grenzen vorgesetzt bekommen haben und sich seit jüngster Zeit solche selbst setzen; dass die jüdische Dialektik, die einst alles war und alles ausmachte, ausstirbt. Judentum ist keine Religion, keine Nation, keine Kultur, keine Ethnie – oder eben alles doch. Judentum ist Grenzenlosigkeit, Grenzüberschreitung, Unbegrenztheit und dadurch stets Dialektik im Austausch mit anderen.
Evas Ungehorsam, Abrahams Wortkampf wider Gott auf der Suche nach den Gerechten, Jakobs List, Moses’ Revolte, das aufmüpfige Volk in der Wüste, das oberste Gericht Sanhedrin als Versammlungs- und Diskussionsrat konstituiert die grosse Zeit der talmudischen, der jüdisch-säkularisierten Debatte schlechthin. Der Babyloner Talmud im Widerstreit mit jenem Jerusalems, die befruchtende Debatte zwischen den Denkschulen Hillel und Schamai, die sich stets diskursiv bekämpften: All dies und noch viel mehr prägte das jüdische Selbstverständnis.
Diese Streitkompetenz formte eine Gemeinschaft, die vielleicht keine ist, und vervollständigte eine existentielle Dialektik. Doch die scheint in unserer Zeit tot. Die wichtigen, drängenden Fragen werden nicht gestellt, und wenn doch, werden die Wortführer sanktioniert. Wer etwa jüdisch sei oder wie Konversionen allgemeingültig vonstatten gehen können oder was Zionismus in Zeiten bedeuten soll, da der Staat Israel existiert – all das steht unausgesprochen im Mittelpunkt jüdischen Lebens, wird aber nicht verbalisiert.
Stattdessen sehen wir die Vatikanisierung Israels, die Ideologisierung, die Nationalisierung des Judentums, allen voran einschlägige Rabbiner, doppelzüngige Funktionäre und andere jüdische Karikaturen, die lieber ihr kostümiertes Judentum vorführen, als Judentum zu verinnerlichen, die Judentum in seiner pluralistisch-archaischen Form aktiv verhindern, sanktionieren, fundamentalisieren, eingrenzen und bevormunden.
Bei alledem kommt dem Staat Israel eine zentrale Rolle zu, die er eigentlich nicht haben sollte. Der Nationalstaat mutiert zu einem jüdischen Bollwerk, zu einer Art Fetisch, zu einer identitätsspendenden Projektionsfläche, die in der Verirrung enden muss. «Zwei Juden, drei Meinungen» ist mehr als das Vorurteil über eine zerstrittene Wüstenbande. Eine Wüstenbande, deren eigentliches Land Jahrtausende die Diaspora und nicht das verheissene Israel war, die Wüstenbande also, deren Heimat Heines «portatives Vaterland», die Schrift als solche und vielleicht nicht der Erdboden ist. Israel war stets mehr als das Land, Israel war die Idee. Ein gefährlicher Satz in Zeiten, da Antisemiten, Antizionisten, Holocaust-Leugner und Fundamentalisten überall auf dem Vormarsch sind.
Gar nicht zu reden von den zweitliebsten Feinden der Juden, den unerträglichen Philosemiten, die die Juden hofieren, sie in einen Nationalismus drängen wollen, der ihnen so gar nicht entspricht. Die Philosemiten – die grössten und verlogensten Antisemiten – lieben die Juden, umarmen sie bis zum Erdrücken.
Doppelter Einsatz, halbes Risiko, vielleicht ganzes Glück: Irgendwo auf diesem Planeten wird demnächst «Judäa» gegründet. Ja, ja. Nichts Neues, das Königreich Judäa gab es schon einmal in vorchristlichen Zeiten, bis es sich die Römer im Jahre 70 einverleibten. Nun also ein neuer Versuch. Um Israel zu stärken, um die Antisemiten zu verwirren, um die philosemitischen Schmeissfliegen los zu werden und um Irans Ahmadinejad eine kleine Freude zu bereiten: Denn was gibt es Schöneres, als einen jüdischen Staat zu vernichten? Richtig! Zwei.
«Judäa» ist mehr als eine Idee, mehr als ein gedankliches Spiel. «Judäa» ist eine Notwendigkeit, eine, die Israel stärkt, die ach so vieles relativiert und ebenso die Checkbuchzionisten, den jüdischen Ablasshandel unserer Zeit, in Bedrängnis bringt. Denn «Judäa» benötigt kein Geld, keine Ideologen, einfach nur Juden, Judentum, Menschlichkeit. «Judäa» definiert sich nicht über seine Feinde, nicht über ein Schicksal. In «Judäa», das die Steigerung von New York City sein wird, also ein Schmelztiegel durchdrungen von jüdischem Leben, in «Judaä» also möchten Jüdinnen und Juden einfach nur leben, nicht ständig mit falschen Freunden und richtigen Feinden konfrontiert werden. Einfach nur leben.
Der Ort ist sekundär, «Judäa» existierte einst überall, die Diaspora war für ein begrenztes «Judäa» und ist es seit 1939 nicht mehr. Australien wäre prädestiniert (Platz und Ruhe), Uganda liegt auf der Hand (Herzl wollte den Judenstaat einst dort gründen), Madagaskar war mal geplant (Adolf Eichmann wollte 1940 die Zwangsumsiedlung von vier Millionen Juden auf die Insel vollführen), Birobidschan wäre ohnehin denkbar (da Stalin 1934 das erste Jüdische Autonome Gebiet ausrufen liess), für Argentinien und Amerika wurden solche Projekte immer wieder angedacht, und logisch wäre Brandenburg, so in etwa zwischen No-go-Area und dem geliebten Berlin. Deutschlands Israel- und Judenliebe wird wohl auch noch etwas Land abwerfen.
Ausgerechnet Auschwitz war letztlich Auslöser des jüdischen Staates. Der UN-Teilungsplan kam unter dem Eindruck der noch rauchenden Krematorien zustande. 1948 proklamierte Ben Gurion Israel, und eine Erfolgs- und Tragikgeschichte nahm ihren Lauf. Vielleicht wäre Israel ohnehin entstanden. Doch die Holocaust-Identität haftet dem Staat an wie der Schweiz das Bankgeheimnis und formierte einen Staat, den sich die Vordenker mit anderen Vorzeichen vorgestellt hatten. Dass Hitler bis heute seine Blutfinger von Israel nicht lassen kann, hat mit der nachvollziehbaren und zugleich verheerenden Tatsache zu tun, dass Israels Identität ebenso wie jene vieler Jüdinnen und Juden in der Diaspora mehr durch die Katastrophe bestimmt ist als durch die jüdische Geschichte davor. Die Shoah, das Trauma überlagert alles. Bis heute.
«Wenn ihr wollt, ist es kein Märchen», schrieb Theodor Herzl nach dem ersten Zionistenkongress von Basel. Das Märchen wurde wahr, wie er in einem Tagebucheintrag prophezeite: «Fasse ich den Basler Kongress in einem Wort zusammen – das ich mich hüten werde, öffentlich auszusprechen –, so ist es dieses: In Basel habe ich den Judenstaat gegründet. Wenn ich das heute laut sagte, würde mir ein universelles Gelächter antworten. Vielleicht in 5 Jahren, jedenfalls in 50 wird es jeder einsehen.» Eingesehen haben es bis heute wohl nicht alle.
Winter 2008 – warum nicht wieder im Hotel Drei Könige in Basel –, der Rhein fliesst wie einst gegen Norden, die Sonne wärmt an diesen klaren Wintertagen den Gedanken an das, was sein könnte: ein neues jüdisches Land irgendwo, wie die Juden es einst herbeigesehnt haben. Ein zweites jüdisches Land, das die jüdische Suche nach Freiheit neu formuliert. Ein Land also, das den Widerspruch zwischen Israel und der Diaspora auflöst und in sich vereint. Ein Land, das endlich die Dialektik zwischen zwei Ländern etabliert, wie sie für Israel, das jüdische Israel wichtig wäre.
Jüdisches Leben und Denken bewegte sich mehr als andere Kulturen zwischen Alt und Neu, zwischen Vergangenheit und Zukunft, zwischen den Zeilen, zwischen Gedanken und Worten, vor allem aber zwischen Gefangenschaft und Freiheit. Und genau dort wird «Judäa» entstehen. Im Exil, das die Vision Israel vor Augen hat. «Judäa» ist Neualtland. Die neue Version einer alten Idee, diesmal säkular, diesmal nicht als Opfer, diesmal keine heimliche Heimat in der Diaspora, sondern eine allgegenwärtige. Heimat nicht als Patriotismus, nicht als Nationalismus. Denn Heimat ist dort, wo diese nicht sind.
Wenn ihr also wollt, ist es ein Märchen. Sonst wird’s bald Wirklichkeit. Irgendwo auf diesem Planeten.
Yves Kugelmann ist Chefredaktor der jüdischen Wochenzeitung «Tachles»; er lebt in Basel.
Leserbriefe:
Zu Wenn ihr wollt, ist es ein Märchen - NZZ-Folio Jung und jüdisch (01/08)
An Yves Kugelmanns Ausführungen erstaunt mich zweierlei: erstens die pauschale Kritik an Israel. Er schreibt von der „Vatikanisierung“, „Ideologisierung“ usw. Israels, von Israel „das doch zugleich auf einer Illusion gründet“ usw. und beklagt sich über „doppelzüngige Funktionäre und andere jüdische Karikaturen, die lieber ihr kostümiertes Judentum vorführen, als Judentum zu verinnerlichen, die Judentum in seiner pluralistisch-archaischen Form aktiv verhindern, sanktionieren, fundamentalisieren, eingrenzen und bevormunden“. Spätestens hier würde ich gerne wissen: Wer ist gemeint? Wem gilt die Anklage? Auch, wer hat Yves Kugelmann zum obersten Richter über das eingesetzt, was Judentum, wo auch immer, zu heissen hat? Zweitens erstaunt der pauschale, nahezu gehässige Angriff auf von ihm sogenannte „Philosemiten“, die er „Schmeissfliegen“, also Ungeziefer, nennt und für „die grössten und verlogensten Antisemiten“ hält (Jürgen Graf und Horst Mahler bedanken sich!). Wer, bitte schön, ist hier gemeint? Sollte Yves Kugelmann hier einfach privaten Ressentiments gegenüber christlichen Israelfreunden (u.a.) nachgeben? Es wäre angebracht hier Ross und Reiter zu nennen. Ein solcher pauschaler Rundumschlag ist jedenfalls einfach unsinnig und ärgerlich. Schliesslich wäre noch ein Blick ins Geschichtsbuch hilfreich gewesen. Dass sich die Römer „das Königreich Judäa“ „im Jahre 70 einverleibten“, übersieht, dass es bereits im Jahr 6 n.Chr. zur Gründung einer römischen Provinz Judäa (wodurch das jüdische Kernland staatsrechtlich römisches Territorium wurde) gekommen war, weshalb ja Jesus von Nazareth bekanntlich seinen Kapitalprozess vor dem Statthalter Pontius Pilatus hatte. Dass Pontius Pilatus ein König Judäas gewesen wäre, kann man nicht behaupten. Vielmehr hat er Jesus hinrichten lassen, weil er ihn beschuldigte, als rebellischer Gegenkönig, als „König der Juden“, aufgetreten zu sein (siehe z.B. Chaim Cohn, „Der Prozess und der Tod Jesu aus jüdischer Sicht“). Urs Schmidlin, Riehen
Zu Wenn ihr wollt, ist es ein Märchen - NZZ-Folio Jung und jüdisch (01/08)
Das Auseinanderdriften Israels und des Diasporajudentums ist für manche Beobachter offenkundig. Israel, lange der Stolz des Judentums und nicht zuletzt der Ort, den man als sicheren Hafen vor antisemitischer Gewalt meinte zu haben, hat unter den Juden in Europa, aber zunehmend auch in Amerika viel Kredit verloren. Dieser Sympathieverlust ist schmerzlicher als der, den der Staat unter den nichtjüdischen Mehrheitsgesellschaften in der Diaspora erlitten hat. Natürlich übertreibt Kugelmann, wenn er schreibt, dass „dieser Menschenbiotop niemandem egal ist“, mal abgesehen davon, dass das Wort „Menschenbiotop“ eher dem Wörterbuch des faschistischen Unmenschen entstammt. Ob eine Milliarde Chinesen etwa sehr viel über Israel nachdenken, kann mit Fug und Recht bezweifelt werden. Doch richtig ist sicher, dass Israel in den durch traditionelle kulturelle und religiös begründete Judenfeindschaft geprägten Teilen unserer Welt immer erhöhte Aufmerksamkeit gefunden hat und finden wird. Christlich und muslimisch geprägte Mehrheitsgesellschaften allen voran. Und sicher haben in den jüdischen Minderheiten in der Diaspora nach dem Holocaust einige von manchem Antizionismus, der vor dem Holocaust geübt wurde, Abschied genommen. Gleichwohl ist stark übertrieben, „dass sich die Juden 1948 auf einen Staat einigen konnten“. Es waren die Zionisten ganz unterschiedlicher Version, die im Lande lebten, aber vor allem die pragmatischen Zionisten wie Ben Gurion, die den UNO-Teilungsplan mit der Erklärung der Unabhängigkeit des Staates Israel 1948 beantwortet haben. Ein Konzil aller Juden, das diese Einigung zustande gebracht hätte, gab es nicht. Selbst im Blick auf die Staatsgründung gab es keine jüdische „Einigkeit“, wie Kugelmann behauptet. Es ist ein Mythos, meistens ein antisemitischer, dass Juden eine verschworene, kompakte Einheit darstellen. Es ist aber auch ein Mythos, dass Juden immer zerstritten und uneinig sind, weswegen der Satz „Einigkeit (wäre) stets etwas Befremdendes“ gewesen, genauso falsch wie sein Gegenteil ist wäre. Kugelmann dreht hier nur den essentialistisch argumentierenden Antisemitismus um. Umgekehrt passt er sich einem antisemitischen Vorurteil an, wenn er sagt: „Judentum ist Grenzenlosigkeit, Grenzüberschreitung, Unbegrenztheit und dadurch stets Dialektik im Austausch mit anderen.“ Man könnte genau umgekehrt sagen: Judentum ist die Erfahrung, dass die Grenze ein Ort fruchtbarer Erkenntnis ist, dass also gerade durch die Akzeptierung der eigenen partikularen Existenz die Möglichkeit geschaffen wird, eine Brücke zu anderen zu schlagen. Gefährlich jedenfalls für andere sind meistens die gewesen, die ihre Grenzen nicht anerkannt haben. Doch ich will nicht auch essentialistisch argumentieren. Denn genau in diesen Fremd- und Autoklischees liegt das Problem. Juden sind nicht das oder das wesentlich. Sie sind – wie gewöhnlich unter Menschen – mehr als nur eine Version von beidem. Den Juden gibt es nicht, selbst wenn ein Jude uns das weismachen will. Wie überall gibt es auch bei Juden einen Diskurs über das, was Judentum ausmacht. Und wie überall sind die Antworten höchst unterschiedlich. Die zionistische Option ist eine. Sie ist zu kontextualisieren mit der Situation in Europa, in der sie entstanden ist, das heisst mit einer Welt, aus der man die Juden ausgestossen hat, und zwar nicht zuletzt aus nationalistischen (und rassistischen) Gründen. Dass Juden angesichts dessen sich auf ihre eigenen nationalen Identitätsaspekte besonnen haben, macht man ihnen heute zum Vorwurf. Kugelmann stimmt in diesen Chor ein. Aber wo in der Welt ist eigentlich das Begehren von Minderheiten nach einem eigenen politischen Ausdruck nicht als nationale Befreiung gedacht worden? Ausgesprochen naiv ist darum, wenn Kugelmann von einem jüdischen Land träumt, das „nicht in Abhängigkeit von Feind und Freund existiert, sondern eines (ist), das sein kann, was es ist, und ist, was es sein kann.“. Wir alle leben in Abhängigkeit von Freund und Feind. Und nur auf dem Mond gibt es, wie Hannah Arendt gesagt hat, keinen Antisemitismus. Aber auch Judenfreunde gibt es dort nicht. Was also will Kugelmann uns sagen? Dass Juden besser keinen Staat erstrebt, sondern insgesamt ihre Diasporaexistenz fortgesetzt hätten? Das wäre in der Tat eine Option für einen Juden, der im Jahr 2008 lebt und als von Nichtjuden anerkannter Chefredaktor in Zürich eine jüdische Wochenzeitschrift leitet. Solche Chancen, wie die heutige Schweiz, aber auch etwa die USA Juden und Jüdinnen bietet, hatten die Zionisten und Zionistinnen in Europa nicht, geschweige denn die Untergegangenen des Holocaust. Sicher, es ist dieser jüdische Staat eben nicht sicher. Und es ist auch zu bemerken, dass es politische Fehler gibt, die dieser Staat gemacht hat und macht. Ich empfehle aber sich daran zu erinnern, dass die von Kugelmann so gelobte Diasporaexistenz den Juden auch eine unendliche Geschichte von Verfolgung und Ermordung bedeutet hat. Und ich würde nicht meine Hand ins Feuer legen für ein Versprechen, dass diese elende Geschichte sich nicht wiederholt. Der Schoss ist fruchtbar noch aus dem es kroch, wie Brecht gesagt hat. Und der Mainstream in Europa, seien wir ehrlich, liebt nicht nur Israel nicht, sondern mit Israel auch nicht die Juden, auch wenn es unter ihnen welche gibt, die sich mit ihrem Antizionismus vorderhand beliebt machen. Heute hat man eben gern, wenn Juden ihre eigenen Leute so darstellen, wie man sie selbst nicht darzustellen wagt. Ja, das Auseinanderdriften von Diasporajuden und Israel ist ein bemerkenswerter Faktor. Peinlich und ärgerlich ist allerdings, wenn Kugelmann die, die er Philosemiten nennt, und die für ihn „die zweitliebsten Feinde der Juden“ sind, für diejenigen hält, die „die Juden ... in einen Nationalismus drängen wollen, der ihnen so gar nicht entspricht.“ Hier wird doch eine merkwürdige Verlagerung der Verantwortung sichtbar. Ich leugne nicht, dass es christlich-fundamentalistischen Kreise gibt, die womöglich nationalistischer als die nationalistischsten Israelis sind. Aber ich glaube nicht, dass man das komplexe und vertrackte palästinensisch-israelische Problem mit einer so einfachen Schuldzuweisung erklären kann. Wahr ist, um es noch einmal zu sagen, dass Israel auch eine zionistische Antwort auf die schändliche Ausstossung der Juden aus Europa ist. Aber Israel ist auch und vor allem das Ergebnis einer Selbstbesinnung der Juden auf den Aspekt ihrer nationalen Identität. Kann man das tadeln? Ekkehard Stegemann, Basel
Zu Wenn ihr wollt, ist es ein Märchen - NZZ-Folio Jung und jüdisch (01/08)
Wie schön doch Yves Kugelmann träumt. Kein Märchen war seine Arbeit als Chefredaktor, die ich 2002 am eigenen Leibe erfuhr. Als die Schweiz wegen den Holocostverhandlungen unter Druck kam, erlaubte ich mir als freier Schweizer in einem Leserbrief Rabin, Shimon Perez, Feigl und Bloch - im Gegensatz zu Bronfman, Singer, Burg Hevesi, der strafrechtlich wegen Betrug verurteilt ist, Fagan, der Klientengelder veruntreute, Hausfelds, Weisz, und wie sie alle heissen - als Leuchttürme zu bezeichnen. Letztlich war es das epresserische Verhalten der Eizenstadts mit Unterstützung der Administration Clinton, die hierzulande den Antisemitismus aufkommen liessen. Die jüdischen Gemeindepräsidenten erkannten die Konsequenzen des Verhaltens dieser Herren und ihren vom Finanzplatz Schweiz erpressten Gelder und dem aufkommenden Antisemitismus. Ungeachtet, dass davon 600 Millionen noch nicht den Opfern zugeflossen sind und dass israelische Banken noch Milliarden an Holocostopfergelder zurückhalten. In einem Fertigmacherartikel vom Feinsten hat mir Kugelmann vorgeworfen, es sei antisemitisch, zwischen guten und schlechten Juden zu unterscheiden. Durch diesen "Tachles"-Artikel bin ich weltweit als Antisemit in die Schlagzeilen gekommen. Der unsägliche Entschuldigungsbrief des CS-Präsidenten Mühlemann wurde vom WJC genüsslich weltweit in ihre Kommunikationsstrategie gegen die Schweiz eingesetzt. Ich bin auf Grund dieses "Tachles"-Artikels frühzeitig pensioniert und abgestraft worden. Die Folio Ausgabe „Jung und jüdisch“ muss, kann und wird dazu dienen, offen über Sachverhalte zu reden, schreiben und zu publizieren, wie man das mit Blick auf andere Religionen, Völker machen kann, ohne umgehend des Antisemitismus bezichtigt zu werden. Es gab sie, die grossartigen jüdischen Mitbürger, die diesen journalistischen Irrsinn begriffen und "Tachles" abbestellten und mich unterstützten. Es wäre schön, wenn Kugelmann andere Träume hätte. Vom Sinn der guten Märchen und ethischem Journalismus hat er noch keine Ahnung. Roger E. Schärer, Herrliberg
Zu Wenn ihr wollt, ist es ein Märchen - NZZ-Folio Jung und jüdisch (01/08)
Vor allem in jüdischen Kreisen hat die aktuelle Ausgabe des NZZ-Folios zu verschiedenen Diskussionen über Sinn und Unsinn der einzelnen Beiträge geführt. Kontrovers ist es vor allem, weil die nichtjüdischen smalltalkenden bürgerlichen zug- und tramfahrenden Pendler-, Wartezimmer-, Migrosschlangen- und Coffeeshop-Intellektuellen mehrheitlich pausbäckige Kommentare wie "isch äh mal interessant z'gseh, wie das bi dene gaht und wie die denked!" zu Protokoll gaben. Zu denken, man liesse sich auf einzelne Aussagen ausgewählter Interviewter reduzieren, ist doch ziemlich einfach und verallgemeinernd. Kein Jude in der Schweiz will sich als Paradejude unter einer gewissen Aussage abgestempelt sehen (zumal schon so genügend Vorurteile kursieren), sodass ich die konkrete Befürchtung hege, die Aussagen im Folio seien vielfach als bare Münze genommen worden und nicht als einzelne Meinungen in einem Meer verschiedener Individuen (so wie auch sonst jeder nur für sich sprechen kann, es sei denn, er sei im Namen anderer beauftragt worden). Womit wir ziemlich geradeaus auf dieses humoristisch sehr wohlgemeinte, dann aber auch sehr fragwürdige, "Märchen" von Yves Kugelmann zusteuern, welches besagt, dass die Lösung aller jüdischen Probleme in dieser Welt der Aufbau eines zweiten jüdischen Staates ist. Der Grundgedanke: "So wie Israel, kännsch? Also ich meine scho es bitzli jüdisch, aber eifach ohni Problem und ohni Religion." Und dies in einem schwerlich differenzierbaren Aufbau hunderter, in loser Reihenfolge übereinander gestapelter Substantive. Der Gedanke ist doch ziemlich konfus, kann man auf Israel schwerlich das Game-over-try-again-Prinzip anwenden, zumal die Idee eines Neubeginns auf der Basis der jetztigen Sachlage einen sicheren Untergang Israels mit seinem gesamten kulturellen Erbe und seiner emotional beladenen Geschichte voraussetzt. Man ist ja auch nicht beim Ski-Challenge (bitte sagen Sie, dass Sie noch nicht süchtig danach sind), wo man bei einer Zwischenzeit von 2:08:11 und mitten im Rennen merkt, dass man die Bestzeit sicher nicht mehr schlagen kann und alsdann abbricht, um "einen" weiteren Versuch (oder bis um 04:00 Uhr morgens dreihundert) zu starten. Try again halt. Und für Zürcher erst recht unverständlich ist die schon fast mystisch anmutende Vermutung, dass diese neue Apokalypse ihren Ursprung ausgerechnet in Basel haben sollte. "Warum nicht", fragt der Autor. Warum ja? Oder wollen wir unsere Basis wirklich an einem Ort aufbauen, zu welchem wir keinerlei emotionalen Bezug aufweisen? Oder hatte Eichmann etwa doch Recht mit seinen angeblichen Zwangsumsetzungsplänen für 4 Millionen Juden nach Madagaskar? Wussten es unsere Schlächter wirklich besser als unsere eigenen Idealisten? Aber vielleicht mute ich der nichtjüdischen Leserschaft des NZZ-Folios doch etwas zu wenig zu. Vielleicht hat sie ja auch sehr wohl verstanden, dass es sich bei diesem Text eines jüdischen Schreibers um einen künstlerischen und nicht ganz ernsthaften Essay auf einer traumwandlerischen Spur handelt und nicht darum, dass jemand sich wirklich (siehe Bild im Folio) an den Balkon des Hotels Drei Könige in Basel stellt und (auch bildlich) kurz mal so tut, als sei er Herzl. Denn Israel ist heute nicht einfach ein verrückter Rastafari-Gedanke aus der Karibik und vor allem auch keine alternative Erlösungsvision aus dem Diaspora-Denken, sondern für viele von uns, egal wie weit oder wie nahe wir dem zionistischen Gedankengut stehen, ganz einfach Teil unser aller Realität, die uns bedrückt, beängstigt, mit welcher wir uns freuen und inzwischen in einer schon fast physischen Verwandtschaft unzertrennbar verwoben sind. Es ist eben wirklich kein Märchen, sondern wir stehen mittendrin. Und hinten raus geht's nicht mehr, wie in echt halt... Gonzalez Tripolensis, per Email
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