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Hallo Taxi -- Ich habe den Strafzettel jedes Mal angefochten
© Moritz Honert
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| Tedalo Hadgu, Ottawa, Kanada. |
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Von Moritz Honert
Tedalo Hadgu, Ottawa, Kanada, ist 28 Jahre alt, ledig und hat keine Kinder. Sein Hobby ist Fussball; er spielt im Team der eritreischen Gemeinde in der lokalen Liga. Hadgu fährt einen Chevrolet Impala, Jahrgang 2002, Zählerstand 182 204 Kilometer. Ottawa ist die Hauptstadt Kanadas und liegt im Osten der Provinz Ontario. Der Fluss Ottawa, der durch die Stadt fliesst, bildet die natürliche Grenze zu Québec. Im Stadtkern leben rund 774 000 Menschen, im Grossraum Ottawa-Gatineau etwa 1 150 000. Tedalo Hadgu verdient im Schnitt 2800 kanadische Dollar netto pro Monat. Das entspricht rund 3160 Franken. Er lebt mit zwei jüngeren Brüdern bei seiner Mutter. Wie viele Stunden pro Woche fahren Sie? Ich arbeite sechs Tage die Woche, ungefähr 12 Stunden pro Tag. Wenn es gut läuft, manchmal auch 15 bis 16 Stunden. Das ist kein Problem, da das Auto mir gehört. In der Woche sind es also ungefähr 72 Stunden, in denen ich gut 1800 Kilometer fahre.
Wann haben Sie das letzte Mal Ferien gemacht?
Vor zwei Monaten habe ich das letzte Mal nicht gearbeitet. Da war ich in meiner Heimat Eritrea, um meinen Vater zu beerdigen. Ferien waren das also nicht. Ferien hatte ich vor zwei Jahren, da war ich auch in Eritrea.
Wie regeln Sie Ihre Altersversorgung?
Ich bin ja noch jung. Da mache ich mir momentan keine Sorgen. Aber ich bin mir bewusst, dass ich in Kürze etwas in Angriff nehmen muss.
Wie sind Sie Taxifahrer geworden?
Ich habe nach der Schule und während des Studiums der Forstwirtschaft als Wachmann gearbeitet, doch der Job hat mir nie gefallen. Nach meinem Abschluss wollte ich allerdings auch nicht mehr in die Forstwirtschaft gehen. Da hatte mein Vater die Idee, ich solle es als Taxifahrer versuchen. Allerdings will ich auf lange Sicht nicht Taxi fahren. Man bleibt so leicht dabei hängen, weil es einem für nichts anderes Zeit lässt.
Welches war Ihre längste Fahrt?
Das meiste läuft hier im Stadtzentrum ab. Manchmal habe ich aber Glück. Letzte Woche habe ich jemanden nach Cornwall gefahren. Das waren rund 100 Kilometer. Einmal wollte jemand nach Brock, gut 450 Kilometer von Ottawa entfernt.
Wie verhalten Sie sich im Stau?
Ich bin ein sehr geduldiger Mensch, deshalb lehne ich mich zurück und höre Musik. Ich liebe Musik, und das Radio ist immer an. Am besten gefallen mir Reggae und Hip-Hop.
Gibt es Fahrgäste, die Sie nie vergessen werden?
Da wir hier in der Hauptstadt sind, fahre ich gelegentlich Politiker. Die Leute von der Regierung sind immer freundlich, weil sie die Fahrt nicht selbst bezahlen müssen. Einmal habe ich einen Polizisten zum Flughafen gefahren, er wollte mich überzeugen, noch mal zu studieren. Die Idee und die Erinnerung an das Gespräch spuken seitdem ständig durch meinen Kopf.
Was blieb in Ihrem Taxi schon liegen?
Einmal hat jemand sein Portemonnaie liegengelassen. Da kam dann ein Funkspruch, und wir konnten es dem Kunden zurückgeben. Manchmal finde ich einen Regenschirm, aber das ist selten.
Sprechen Sie mit Ihren Fahrgästen?
Ich spreche Französisch und Englisch, deshalb versuche ich eigentlich mit jedem Kunden zu sprechen. Mit denen, die sich unterhalten wollen, rede ich dann meistens über das Wetter.
Wie hoch war Ihre teuerste Busse?
Ein paarmal bin ich über eine rote Ampel gefahren. Normalerweise kostet das 215 Franken. Ich habe den Strafzettel aber jedes Mal angefochten, und zwei Mal ist die Busse reduziert und mein Punktekonto nicht belastet worden. Wer zehn Punkte hat, verliert seinen Führerschein.
Was macht einen guten Taxifahrer aus?
Höflichkeit und ein gepflegtes, sauberes Auto machen immer einen guten Eindruck. In der Stadt auskennen sollte man sich natürlich auch.
Welches ist der schönste Ort in Ihrer Stadt? Was kostet die Fahrt dorthin?
Es gibt sehr viele gute Museen in der Stadt. Die Nationalgalerie ist schön, und auf der Québecer Seite der Brücke gibt es ein Museum für Zivilisationsgeschichte. Von der Innenstadt aus kostet eine Fahrt dorthin 8 Franken. Im Zentrum ist allerdings fast jeder Ort binnen zwanzig Minuten zu Fuss zu erreichen.
Haben Sie Angst vor Überfällen?
Taxifahren ist in Ottawa kein gefährlicher Beruf, deshalb sage ich Nein. Einmal sind zwei Teenager getürmt, ohne zu bezahlen – das war das Schlimmste, was mir passiert ist. Trotzdem wünsche ich mir ein bisschen mehr Sicherheit. In Toronto haben die Taxis zwischen Vorder- und Rückbank eine Plexiglasscheibe.
Was würden Sie tun, wenn Sie viel Geld hätten?
Das Geld gut anlegen, das Taxigeschäft aufgeben und ein eigenes Unternehmen starten. Mit Sicherheit würde ich öfter nach Eritrea fliegen und meine Mutter mehr unterstützen.
Taxameter Die ersten 101 Meter Fahrt kosten rund 3 Franken 30, danach berechnet das Taxameter pro angefangene 91 Meter 17 Rappen. Steht das Taxi, sind alle 21 Sekunden ebenfalls 17 Rappen fällig.
Kanada Einwohner: 32 040 000 BIP pro Kopf: CHF 57 578 Benzin: 1 l CHF 1.20 Milch: 1 l CHF 2.25 Brot: 1 kg CHF 4.– Reis: 1 kg CHF 1.80 Coca-Cola: 1 l CHF 1.25 Kinobillett: CHF 10.– Zigaretten: CHF 10.– Ahornsirup: 1 l CHF 16.40
Moritz Honert ist Volontär beim Tagesspiegel in Berlin.
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