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NZZ Folio 10/09 - Thema: Die Zeitung   Inhaltsverzeichnis

Und ewig lockt die Jugend

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Vorher: So sah die «Neue Zürcher Zeitung»  bis zum 22. September 2009 aus. Linktext
Wann brauchen Zeitungen ein neues Aussehen? Antworten vom Kölner Designer Mike Meiré, der mit der NZZ seine erste Tageszeitung gestaltete.

Von Gudrun Sachse

Auf dem Besprechungstisch steht eine Schale Studentenfutter. Zwischen den Nüssen leuchten Rosinen, ungewöhnlich rot. Gemeinsam mit seinem Assistenten sichtete Mike Meiré unzählige Sorten. Einzig diese überzeugte ihn ästhetisch, sie schaffte es auf den Tisch. Mike Meiré nimmt eben nicht jede Frucht.

Seine Factory, wie er die Werkhalle als Hommage an Andy Warhol nennt, liegt im Innenhof einer verwunschenen Industrieanlage in Köln Ehrenfeld. Es herrscht die Art Leichtigkeit, hinter der viel Arbeit steckt, soll sie nicht verkrampft wirken. In einer Vase blühen drei weisse Hortensien. Die im Haus entworfenen Magazine «032c», «Arch+», «Kid’s wear» und «Brand eins» liegen wie zum Appell in Reih und Glied stramm angeordnet.

Mike Meirés Kreativität unterliegt strenger Disziplin. Er vergleicht sich mit einer Kommode, in der jede Schublade ihre Spezialität verbirgt, bis sie gebraucht wird: Design, Kunst, Architektur, Text, Fotografie. Ende der 1980er Jahre gründete er mit seinem älteren Bruder Marc die Agentur «Meiré und Meiré». Zu Spitzenzeiten hat das Unternehmen 55 Mitarbeiter. «Brand Coding» ist sein Hauptgeschäft. Es geht darum, eine Marke Kult werden zu lassen. Den Gesundheitsschuh von Bama brachte er auf den Laufsteg bei Jean Paul Gaultier, Badezimmerarmaturen von Dornbracht wurden Fetischobjekte, die unter ihm gestalteten Magazine sind preisgekrönte Sammel­objekte.

Als Magazinmacher vereinte der 45jährige Haute Couture und Alltagstauglichkeit. Das Kunst- und Modemagazin «032c» entstand in der Stimmung, die es selbst erzeugen sollte: dark. «Wir fühlten uns da rein, indem wir nachts arbeiteten, viel rauchten und tranken.»

Bei der Erarbeitung des Wirtschaftsmagazins «Brand eins» sass er in einem wuchernden Garten und fragte sich: Wie sieht eigentlich etwas aus, was Relevanz vermitteln möchte? «Ich wollte die schlaganfallgefährdeten Wirtschaftsbosse rausholen aus den Büros, weg von den Kabelschlangen unterm Schreibtisch, sie hineinziehen in eine ruhige, unaufgeregte Welt.» Immer, so sagte Mike Meiré, gehe es ihm um das Herausarbeiten einer charismatischen Präsenz.

Im März dieses Jahres kam die Zusage für den Auftrag zum Redesign der «Neuen Zürcher Zeitung». Drei Mitbewerber hatten sie hinter sich gelassen. Mike Meiré stockte der Atem, als er davon erfuhr, und noch heute wird er unruhig, so kurz vor dem Showdown, vor dem Erscheinen des neuen Blattes. Die NZZ hatte seit 1946 keine markanten Veränderungen vorgenommen – damals wechselte die Schrift: «Der Sprung von der Fraktur zu Antiqua, den wir tun, ist nicht so gross, wie er manchen auf den ersten Blick scheinen mag», stand damals auf der Titelseite die Leser besänftigend, «unverändert bleibt die Gesinnung, aus der die NZZ bisher geführt, ­gestaltet und geschrieben worden ist.» Die NZZ bestand aus langen Artikeln und einem geringen Bildanteil in Schwarz und Weiss. Es dauerte weitere sechzig Jahre, bis auf der Frontseite das erste Farbbild erschien – es zeigte am 4. April 2005 den aufgebahrten Leichnam des Papstes.

Die Zeitung sei ein Traum, sagt Mike Meiré und klemmt sie sich unter den Arm, seine blonden Locken fallen ihm ins knabenhafte Gesicht, dem selbst die harte, schwarze Brille nichts entgegenzusetzen vermag. «Die NZZ sieht cool aus, ein Machoblatt, wer möchte nicht damit gesehen werden?» Und doch war da in ihm das unbehagliche Gefühl, das ihm zuraunte: Wenn die nichts tun, wird ein letzter, treuer Leser das Blatt eines Tages unter einem Stein hervorziehen müssen.
Redesign verspricht Frische und Jugend und damit eine neue, jugendliche Stammleserschaft. Und darum tun es in der Schweiz derzeit so einige: der Zürcher «Tages-Anzeiger», der «Blick» und auch der Berner «Bund».

In Deutschland renovierte der Kubaner Mario García in den letzten zehn Jahren beinahe flächendeckend vom «Handelsblatt» bis zur «Zeit» – er trieb Redaktoren zur Verzweiflung, wenn er wie bei der «Zeit» ihre Texte um bis zu einen Drittel zugunsten von Leerraum beschnitt, gemäss seinem Credo: Ein grosses Bild ist besser als ein langer Text. Ein anderer Star, der Pole Jacek Utko, träumt davon, die «New York Times» umzumodeln, denn auch sie, meint er, werde ohne Redesign bald Probleme bekommen. Ist Redesign wirklich das Allheilmittel? Redesign sei nicht notwendig, wenn eine Zeitung äusserlich zum Inhalt passe und zudem als eigenständiges Produkt mit unverwechselbarer Identität vom be­stehenden und potentiellen Leser angenommen werde, erklärt Meiré. Jeder Zeitungsmacher müsse für sich beantworten, ob die Entscheidung für ein Redesign wirtschaftlicher oder inhaltlicher Natur sei. «In Zeiten des medialen Crossover, wo jüngere Zielgruppen, die Stammleser von morgen, einen eigenen Umgang mit Informationen und eine andere ästhetische Wahrnehmung haben, signalisiert ein Redesign ein Erkennen dieses Wandels. Es unterstreicht die eigene evolutionäre Fitness», sagt Mike Meiré.

In Europa setzt die Branche auf kontinuierliche Ver­besserung, auf gestalterische und konzeptionelle Qualität, weniger auf spektakuläre Neuerungen. Seriosität, Gediegenheit und Wertigkeit sind wichtig. Generell geht es beim Zeitungsdesign weniger um schnell wechselnde Trends als um die Verbesserung der Lesbarkeit und der Leserführung innerhalb der Zeitung.

Meiré sieht sich bei der NZZ als visueller Moderator, weniger als Gestalter. Für den Relaunch seiner ersten Tageszeitung hatte sich das Team aus vier jungen Männern – Typ kariertes Hemd, grobe Nixon-Uhr, braune, verwuschelte Haare – einen «unbelasteten Raum» in der Factory gesucht. Sie zogen in ein Büro gleich neben dem Haupt­eingang. Ein Denkerstübchen mit weissen Wänden, grossen Flachbildschirmen auf langen weissen Tischen, Scheren, Klebstoff und Reisszwecken für das Kreieren neuer Seiten. «Wir haben uns Ruhe verordnet», sagt Mike Meiré.

Als Chefdesigner liess er die Zeitung auf sich wirken, sonst tat er zwei Wochen lang nichts. Im Hintergrund analysierte das Team Wirtschaftlichkeit, Leserführung, Verständlichkeit, Bildsprache, Identität, suchte Antworten auf die Fragen: Warum schrumpft die Stammleserschaft? Wer sind die neuen Zielgruppen? Was kann die Redaktion leisten? Was hat sich bewährt? Was nicht?

«Eine Zeitung zu gestalten, ist vergleichbar mit einem Bücherregal, das neu sortiert werden muss», sagt Meiré. Die erste im Büro der Chefredaktion in Zürich präsentierte Version zeigte «die Urzeitung», ein grosszügiges und frisches Kunstwerk, bereinigt von allen Störelementen. Ein zweiter Entwurf provozierte mit bunten Details und Landkarten in 3-D. In einer dritten Version kombinierte das Team die beiden ersten Schritte und entwickelte sie weiter. Die Zeitung wurde leichter, man gab ihr eine Struktur, setzte Piktogramme aus der digitalen Welt ein und lieferte Navigationselemente, sortierte die Bleiwüste. «Eine Eigenheit der alten NZZ war es, gute Artikel im Blatt zu verstecken», sagt Mike Meiré, «nirgends wurde auf Hintergrundartikel hingewiesen, oft entdeckte der Leser Perlen nur durch Zufall.»

Köln, Zürich und Zürich, Köln. Auch jetzt noch, kurz vor der Nullnummer, arbeitet Meirés Team in Zürich am Stehpult und regt letzte Schönheitskorrekturen an: «Kann man statt eines Leerzeichens auch einen Achtel setzen? Sieht besser aus.» – «Kann man die Schrift des Barcodes verkleinern? Viel zu plump.» – «Müsste das Wetter nicht im Blocksatz stehen?» Meist kommt seufzend die Antwort: «Das müssen wir mal abklären.»

Die Vorgaben an die Designer sind klar definiert: Umstellung von sechs auf drei Bünde, kein Textüberlauf auf andere Seiten, der Zeitungstitel in Fraktur bleibt unberührt. Die ­offensichtlichste Veränderung ist der Wechsel von vier auf fünf Spalten – ein Wunsch der Chefredaktion, um unterschiedliche Bildgrössen flexibel handhaben zu können. Im Feuilleton bleiben die vier Spalten erhalten, damit der Lesefluss zum kontemplativen Rauschen eines Bachs werde.

«Substanz ist die wahre Schönheit. Ein gutes Redesign soll diese Schönheit entdecken lassen», sagt Meiré. «Design ist keine Aufhübschung, sondern Ästhetik für Substanz.» Es sei ein Irrtum zu glauben, Design löse Probleme. Design könne lediglich dazu beitragen, sich intern zu strukturieren. Am Ende werde ein Produkt am Inhalt gemessen, weil sich der Mensch nach Tiefe sehne, sagt er und streicht gedankenversunken über sein I-Phone – «eine Oberfläche, die in die Tiefe führt, ist etwas Verheissungsvolles.»

In zwei Stunden geht sein Flug nach Mallorca. Zwei Monate im Jahr verbringt er mit seiner Frau und seinen drei Söhnen dort im Hinterland. Morgen früh wird er im Dorf in der Kioskauslage nach der «Bild»-Zeitung suchen. Ist das nackte Mädchen auf dem Titel hübsch, kauft er sie. Zu Hause zündet er sich eine Zigarette an, lackiert die Seite rund um die nackte Janine oder Stefanie mit Farben aus der Dose. Er pinselt den «trash» weg. Zurück bleibt eine hübsche, namenlose Frau. Es ist die Konzentration auf das Wesentliche, die Schönheit erkennen lässt.

Gudrun Sachse ist NZZ-Folio-Redaktorin.




Leserbriefe:

Zu Und ewig lockt die Jugend - NZZ-Folio Die Zeitung (10/09)

Der Bericht über den Kölner Designer Mike Meiré, der die NZZ redesigned hat, ist dermassen überzuckert, dass einem beim Lesen beinahe unwohl wird. Man sieht den 45-jährigen genau vor sich, mit seinen „blonden Locken, die ihm ins knabenhafte Gesicht fallen“, wie er sich mit den grossen Fragen des Lebens beschäftigt: Woher kommen wir? Wohin gehen wir? Müsste das Wetter nicht im Blocksatz stehen? – Meiré findet, die NZZ sehe „cool aus, ein Machoblatt“. Die NZZ ein Machoblatt? Die alte Tante in Männerkleidern? Lieber nicht! – Mittlerweile sitzt der „Brand Coder“ wohl wieder für zwei Monate auf Mallorca, dank der NZZ vielleicht sogar drei oder vier. Jeden Tag lackiert er auf der Titelseite der „Bild“-Zeitung den „trash“ weg um die namenlose nackte Frau (die zwei Zeilen vorher noch Janine oder Stefanie hiess). Man ist versucht, diese beiden Seiten des Folios auch gleich wegzulackieren. Wobei zu überlegen wäre, ob aufgrund der „Konzentration auf das Wesentliche, die Schönheit erkennen lässt“, das neue oder aber doch das alte Erscheinungsbild der NZZ auszusparen ist.
Marco Reichmuth, Teufen




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