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NZZ Folio 08/10 - Thema: Patriotismus Inhaltsverzeichnis
Liebhaber -- Triumph der Schönheit
© Regine Mosimann / Diogenes Ver...
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| Donna Leon, 67, verliess als junge Frau New Jersey, wo sie auf der Farm ihrer Grosseltern aufgewachsen war. Sie arbeitete als Reiseleiterin in Rom, als Werbetexterin in London sowie als Lehrerin an amerikanischen Schulen in der Schweiz, in Iran, China und Saudiarabien. Seit 1981 lebt Donna Leon in Venedig, wo sie vor bald zwanzig Jahren Commissario Brunetti erfand, den sie seitdem jährlich einen Mordfall aufklären lässt. |
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Mehr noch als ihren Commissario Brunetti liebt die Krimiautorin Donna Leon den Komponisten Händel. All ihre Termine stimmt sie auf die Konzertreisen des Orchesters «Il Complesso Barocco» ab.
Von Anja Jardine
Nur ein einziges Mal in all den Jahren hat Donna Leon Commissario Brunetti ihre Lieblingsarie vorgespielt, 1996 war das, während des winterlichen Hochwassers in Venedig, aqua alta. Brunetti hatte den Mord an Museumsdirektor Dottore Semenzato aufzuklären, als ihn seine Untersuchungen in den Palazzo eines Kunstsammlers führten, dort spielte die Musik.
«Der Sopran war vollkommen rein, ein Klang, der im Herzen erzeugt und dort erwärmt wurde, bis er mit der scheinbaren Mühelosigkeit herauskam, die nur die grössten Sänger und auch diese nur mit dem grössten Können erreichten.» Brunetti, durchaus empfänglich für die Schönheit dieser Klänge, hatte keine Ahnung, welches Stück da aus mannshohen Lautsprechern tönte. Doch die Händelianer unter Donna Leons Lesern – und niemand weiss, wie gross die Schnittmenge der Händel- und Brunetti-Fans tatsächlich ist – erkannten es zweifellos: «Ombre pallide», die Verzweiflungsarie der bösen Zauberin Alcina.
«Ich begegne Händels Musik ohnehin auf Knien», sagt Donna Leon, «aber diese Arie haut mich um.» Sie sitzt im Büro ihres Zürcher Verlegers, an ihrer Seite ein Musiker des Orchesters «Il Complesso Barocco», das mittlerweile zu so etwas wie ihrer Familie geworden ist. «Andere reisen mit einem Teddybären», sagt Leon, «ich reise mit einem Orchester.»
Seit etwa zehn Jahren begleitet sie das Ensemble des Dirigenten Alan Curtis zu Konzerten, stimmt ihre Lesereisen auf seine Tourneen ab, ist bei Aufnahmen dabei. «Ich bin nur die, die während der Proben zum Supermarkt läuft und Schokolade holt», sagt Leon, der Musiker schüttelt lächelnd den Kopf.
In Wahrheit ist sie so etwas wie eine Beraterin. Zwar spielt Donna Leon weder ein Instrument, noch kann sie Partituren lesen, doch gilt sie mittlerweile als jemand, der nicht nur das Werk Händels in- und auswendig kennt, sondern auch ein gutes Ohr für Stimmen und Gesang hat. Sie berät Alan Curtis bei der Auswahl der Sängerinnen und Sänger und arbeitet konzeptionell mit. Die Idee zum Beispiel, die Arien der verlassenen Zauberinnen aus Händels Opern auf einer CD zu versammeln, kam von ihr. Es sei doch reizvoller, so Leon, den Abend mit einer Giftmischerin zu verbringen als mit Mutter Teresa.
Mit Alcina zum Beispiel. Sie ist böse und grausam. Zahllose Männer stürzt sie ins Unglück, verwandelt sie, sobald sie ihrer überdrüssig ist, in Felsen oder Tiere. Doch dann entflammt die alte Hexe in echter Liebe zu dem jungen Ritter Ruggiero. Und prompt ist sie in Not. «Wie gut muss Händel die Menschen gekannt haben, dass er es verstand, den Schmerz dieser alternden Frau derart diffizil auszuloten!» sagt Leon. «Wir spüren ihre Ohnmacht, ihre abgrundtiefe Verzweiflung angesichts der Vergänglichkeit. Und ausgerechnet Alcina ist es, der am Ende unsere Sympathie gilt.» Und fast singend fügt sie hinzu: «Sì, son quella, non più bella.» (Ja, ich bin treu, aber nicht mehr schön.) Seine Kenntnis des menschlichen Herzens sei es, die Händels Opern zeitlos mache.
«Ich liebe dich, ich hasse dich»
Wie sehr Händel es versteht, ebendieses Herz auch dreihundert Jahre nach seinem Tod zur Resonanz zu bringen, erfuhr Leon bereits als Kind in Montclair, New Jersey. «Halleluja! Halleluja! Halleluja!» zu Ostern und Weihnachten. Noch heute, wenn sie den «Messiah» höre, sagt Leon, glaube sie jedes Wort des Christentums. «I know that my Redeemer liveth! – Das ist die pure Essenz des Glaubens, die denkbar klarste Antwort auf diese Ja-oder-Nein-Frage.» Jedes Mal erlebe sie das Oratorium als ein markerschütterndes Ja. Doch sobald die Musik verstumme, erlösche auch ihr Glaube. Zumindest der an Gott, nicht aber der an die Schönheit.
1966 dann Händels «Giulio Cesare in Egitto» an der New York City Opera, mit Beverly Sills als Cleopatra und Norman Treigle als Cesare – eine Offenbarung, nichts Geringeres als das. «Und nicht nur für mich», sagt Leon, «sondern für alle Barockliebhaber. Fortan war das Stück von den Opernbühnen dieser Welt nicht mehr wegzudenken.» Es folgten «Rinaldo», «Ariodante», «Alcina». Warum es sie derart in den Bann ziehe «wenn Leute über die Bühne laufen und immerzu singen: Ich liebe dich, ich hasse dich», wisse sie auch nicht. «Es ist diese wunderbare Musik! Das ist Magie!»
Ein halbes Leben später, Donna Leon hatte mittlerweile in Rom, London, in China, in Saudiarabien und in der Schweiz gelebt, wurde aus der Händel-Liebhaberin ein Groupie. Und wieder war es «Giulio Cesare», diesmal an der Bayerischen Staatsoper in München. Ohne ersichtlichen Grund hatte der Regisseur Richard Jones einen 20 Meter hohen Tyrannosaurus rex auf die Bühne gestellt, Ann Murray gab den Giulio Cesare mit Glatze und Doc Martens an den Füssen. Die Aufführung ist heute legendär. Doch Leon faszinierte nicht nur das Schräge dieser Inszenierung, der Sinn für das Absurde, sondern wie immer und vor allem: die Schönheit des Gesangs. Sie sei jemand, sagt Leon, der mit dem Opernglas immer nur auf den Tenor und den Sopran schaue.
Zauberstab und Penis
«Kein anderer Komponist hat die Sänger so geliebt wie er», sagt sie. Seine Kompositionen seien Balsam für ihre Stimmen und verlangten gleichermassen höchste Kunst. «Über Wagner oder Strauss sprechen die Sänger mit Bewunderung und Respekt», sagt Leon, das sei ihr schon oft aufgefallen, «aber über Händel sprechen sie liebevoll, wie über einen Freund, der es gut mit ihnen meint.»
Im Laufe der Jahre werde ihr Geschmack allerdings immer delikater. Mittlerweile höre sie, ob eine Sängerin ihren Text verstanden, sich mit ihm auseinandergesetzt habe. Wenn Alcina zum Beispiel im zweiten Akt auf der Bühne steht, den Zauberstab in der Hand, und den Verlust ihrer magischen Kräfte beklagt, ist von «verga» die Rede: «Se in questa verga, ch’ora disprezzo…» Leon hat im Wörterbuch nachgeschlagen: Verga bedeute nicht nur Stab, Rute, sondern auch Penis. «Höchst seltsam für den Part einer alternden Frau», sagt Leon, aber offensichtlich habe Händels Publikum im 18. Jahrhundert diesen Witz verstanden. Die Libretti seien voller Doppeldeutigkeiten. Und jemand, der die Arien singe, tue gut daran, um diese zu wissen. Nur so könne man ihre Tiefe, ihren Witz, ihren Charme gesanglich ausleuchten.
Joyce Di Donato heisst ihre aktuelle Favoritin, die nach ihrer Meinung zurzeit beste Händel-Interpretin. Und Donna Leon hat die grossen Sopranistinnen fast alle erlebt – von Beverly Sills über Ann Murray und Arleen Augér bis hin zu Cecilia Bartoli.
Für die Entdeckung einer neuen Stimme, für einen Abend mit Händel reist Donna Leon nach London, New York, Halle oder Madrid. Und sie ist nicht die Einzige. Wie Verschworene begegnen die Händelianer einander in den Foyers der Opernhäuser dieser Welt, nicken einander freundlich zu, in spezieller Mission vereint. Dreihundert Jahre nach seinem Tod scheint Händel populärer denn je.
In dem Magazin «Crescendo» hat Donna Leon das einmal so erklärt: «Die Oper lebt von noblen Gefühlen und noblen Handlungen… Wir leben in einer Zeit, in der ein Mensch, der aufsteht, um etwas Nobles zu sagen, gern als Träumer ausgebuht wird. In der Barockoper wird er dafür zu Recht bejubelt.»
Noble Menschen sagen noble Dinge. Und tun sie. Wären wir damit nicht direkt bei Guido Brunetti? Auch wenn Donna Leon den Commissario augenscheinlich kaum an ihrer Passion teilhaben lässt?
Jedenfalls lebt sie mit beiden Männern aufs friedlichste in der Lagunenstadt, wo übrigens nicht nur sie, sondern auch Händel den internationalen Durchbruch schaffte. Während Brunetti also von seiner Wohnung am Campo San Polo zur Questura geht, sitzt Donna Leon an ihrem Schreibtisch unterm Dach, nahe dem Ponte dei Miracoli, der Brücke der Wunder. Und aus ihren offenen Fenstern ertönt Händels «Il Trionfo del Tempo», der ewige Kampf der Schönheit gegen die Zeit und die Enttäuschung.
Anja Jardine ist NZZ-Folio-Redaktorin.
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