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NZZ Folio 07/10 - Thema: Grandios gescheitert Inhaltsverzeichnis
Isold zahlt die Rechnung
© Arni Torfason, Reykjavik, Isla...
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| Isolds Island ist ein anderes als das ihrer Eltern. Das Vertrauen ist weg. |
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Island wollte doch nur, was alle anderen auch hatten: Wohlstand. Der zügellos freie Markt, so schien es, machte es möglich. Doch wie immer verlor der Mensch das Mass. Eine Saga.
Von Anja Jardine
Auf einem einsam gelegenen Bauernhof im Hochland von Mödrudalur lebt ein junges Paar mit seiner kleinen Tochter. Isold. Anderthalb Stunden Schotterpiste über schwarze Hügel sind es bis zum nächsten Ort. Im Winter ist es hier noch dunkler als anderswo auf Island. Nur zwei bis drei Stunden am Tag spendet die Sonne ein diffuses Licht, matt vom Schnee reflektiert, die Bergkette Kverkfjöll ein bizarrer Scherenschnitt. Dann legt sich wieder die Dunkelheit über alles, und ausser den Lichtern in Wohnhaus und Stall leuchtet nur eines im Turm der kleinen Steinkirche.
Elisabet und Vilhjalmur sassen am 6. Oktober 2008 gerade mit Isold beim Abendessen, als das Staatsfernsehen sein Programm unterbrach und Premierminister Geir Haarde auf dem Bildschirm erschien, blass und mit Islandflagge. Wirr sprach er von ökonomischer Naturkatastrophe und drohendem Staatsbankrott. Er sagte Wort wie: «Meine lieben Landsleute… Wenn es je eine Zeit gegeben hat, in der wir Isländer zusammenhalten und uns gemeinsam dem Unglück stellen sollten, dann ist die Zeit gekommen. Ich fordere euch auf, das zu behüten, was wirklich wichtig ist in unser aller Leben… Wir müssen einen Weg finden, unseren Kindern zu erklären, dass die Welt nicht am Abgrund steht… Mit isländischem Optimismus, Tapferkeit und Solidarität als Waffen werden wir den Sturm überstehen.» – «Am Ende hat er plötzlich so seltsam nach oben geguckt», erinnert sich Elisabet, «und hervorgestossen: ‹Gott segne Island›. O mein Gott, haben wir gedacht. Es hörte sich an, als ob etwas Furchtbares bevorstünde.»
Ragnarök, das Götterende. So heisst in der nordischen Mythologie der Weltuntergang. Sonne und Mond werden von Wölfen verschlungen, Ungeheuer erlangen die Freiheit und verwüsten die Erde. Sie verbünden sich mit den Feuerriesen und ziehen gegen die Götter in die Schlacht. Alles stirbt im Weltenbrand. Ragnarök. Tatsächlich verdichten sich anderthalb Jahre nach dem Kollaps die Indizien, dass sich eine Handvoll Riesen und Ungeheuer, die sich für gottähnlich gehalten haben mussten, einen beispiellosen Showdown geliefert haben. Es wird eine der Sagas sein, die man Isold erzählen wird, wenn sie grösser ist. Und Isold wird sie hoffentlich noch ihren Kindern erzählen.
Nach Geirs Ansprache stand das Land unter Schock. In Reykjavik, wo zwei Drittel der 317 000 Isländer leben, irrten die Menschen durch die Strassen wie Zombies, schrieb ein Beobachter, verängstigt und orientierungslos. Denn was hatte das zu bedeuten: Staatsbankrott? Und wie – um alles in der Welt – hatte das passieren können? Ihnen? Die sie doch gemessen am Pro-Kopf-Einkommen zu den reichsten Ländern gehörten, mit einer Arbeitslosenquote unter zwei Prozent, dem höchsten Standard in Ausbildung, medizinischer Versorgung, Lebensqualität. Am City-Airport von Reykjavik drängten sich die Privatjets, Range Rover gross wie Wikingerschiffe kreuzten durch die Stadt. Erst zwei Wochen zuvor war ein Scheich aus Katar in Kaupthing, eine der Grossbanken, eingestiegen. Und plötzlich wurden Kreditlinien gekappt, der Börsenhandel eingestellt. Und Schulden so hoch, dass man die Begriffe für eine solche Aneinanderreihung von Ziffern gar nicht kannte. Die internationale Staatengemeinschaft musste um Hilfe gebeten werden, sonst… Ja, sonst was?
«In den ersten Wochen und Monaten haben wir rund um die Uhr Nachrichten gesehen», sagt Elisabet, «immer neue Hiobsbotschaften brachen über uns herein.» Notstandsgesetze wurden erlassen, um die drei Grossbanken – Glitnir, Kaupthing und Landsbankinn – zu verstaatlichen, wobei das Auslandsgeschäft jeweils in die Insolvenz ging. Der Internationale Währungsfond musste um Hilfe gebeten werden. Allein England und die Niederlande forderten knapp vier Milliarden Euro zurück. Geld, das Landsbankinns Internetableger Icesave englischen und holländischen Kleinsparern mit hohen Zinsversprechen aus der Tasche gezogen hatte. Grossbritannien wandte kurzerhand das Antiterrorgesetz an, um nicht nur das Vermögen von Landsbankinn einzufrieren, sondern auch das von Kaupthing. Plötzlich fanden sich die Isländer auf einer Stufe mit al-Kaida. «Wenn wir nicht Nachrichten sahen, hingen wir am Telefon», sagt Vilhjalmur, «und fragten einander: ‹Hast du das verstanden?›.»
Die Isländer erfuhren nun aus den Medien, dass jener Scheich aus Katar nie auch nur eine Krone überwiesen hatte, ganz im Gegenteil waren noch in der Woche vor dem Zusammenbruch fünfzig Millionen Dollar an ihn geflossen. Oder dass Björgolfur Thor Björgolfsson, einer der Eigentümer von Kaupthing, sich am Tag vor dem Kollaps noch 24 Milliarden Kronen von seiner Bank geliehen hatte.
Nun verloren täglich etwa 300 Isländer ihre Arbeit, isländische Kreditkarten wurden nirgends mehr akzeptiert, der Import brach zusammen, Ersparnisse lösten sich in Luft auf, ebenso wie Rentenfonds. Eines war allen bald klar: Die drei Banken hatten sich um ein Vielfaches dessen verschuldet, was pro Jahr im ganzen Land erwirtschaftet wurde. Und sie, die Bürger, würden diese Schuld viele Jahre lang begleichen müssen. 403 000 Dollar pro Einwohner – so eine Schätzung, das macht für eine dreiköpfige Familie 1,2 Millionen Dollar Schulden. Daran würde auch Isold noch eine Zeitlang rumstottern dürfen. Langsam lösten sich die Isländer aus ihrer Schreckstarre und wurden wütend, richtig wütend. Im Januar 2009 machten sie Revolution. Höflich, wie sie sind, nur mit Kochtöpfen und Holzlöffeln bewaffnet, zwangen sie die Regierung zum Rücktritt.
Aber wo war das Geld hin? Wer hatte es genommen? «Am Anfang wollte ich sofort weg, wollte mit dem ganzen Land nichts mehr zu tun haben», sagt Elisabet. «Aber dann denkst du, wir haben schon Schlimmeres erlebt. Es gibt keine Toten, keine sichtbaren Verwüstungen. Und wer weiss, ob es anderswo besser ist. Hier haben wir wenigsten die Landschaft, sauberes Wasser.» Sie schaut aus dem Fenster.
Herdubreid, der «Breitschultrige», hüllt sich in Wolken, doch zweifellos ist der Berg da, war immer da, bleibt da. Dunst liegt über der Steppe, die Schafe sind bis September draussen. Elisabet ist müde. Um drei Uhr morgens hat sie die Wache im Stall übernommen, und Vilhjalmur hat sich schlafen gelegt. Es ist Lammsaison. Achtzehn Lämmchen kamen letzte Nacht zur Welt. Isold geht morgens als erstes in den Stall.
Gesiedelt wird an diesem Flecken Erde seit der Landnahme vor 1000 Jahren. Epidemien, Hungersnöte und Vulkanausbrüche haben die Menschen nicht verscheuchen können. Doch von der Landwirtschaft zu leben ist schwierig geworden. Vilhjalmurs Grossvater hatte 1000 Schafe, sein Vater 500, er hat noch 300. Die werden in der hofeigenen Fleischerei geräuchert, «Hangikjöt», eine Landesspezialität und rechtzeitig zum Weihnachtsfest im Direktvertrieb verkauft. An Fleisch mangelt es der Familie nie, Fisch tauschen sie bei Freunden gegen Lamm ein, und auch Gänseeier gibt es genug. Doch leben tun sie mittlerweile vom Tourismus. Sie führen im Sommer ein kleines Café, ein Gästehaus und bieten Touren ins Hochland an. «Unser Glück ist, dass wir keine grossen Schulden hatten. Wir haben nur einen Jeep mit einem Darlehen in Yen und Schweizerfranken finanziert, das hat sich allerdings durch den Absturz der Krone verdoppelt. So wie die Lebensmittelpreise. Ich versuche nicht drüber nachzudenken», sagt Elisabet. «Du wirst sonst nicht mehr froh.»
Das Leben ging zunächst weiter wie bisher. Reporter, nicht selten aus Afghanistan abgezogen und an diesen skurrilen Krisenherd entsandt, suchten enttäuscht nach den Symptomen des Untergangs. Doch weder gab es Plünderungen noch Obdachlose oder Gewalt. Augenscheinlich schien es keinen Unterschied zu machen, ob ein Staat zahlungsfähig war oder nicht. Die Busse fuhren, die Universität öffnete ihre Tore zum Wintersemester, und die Krankenhäuser schickten die Patienten nicht heim.
Diese Krise war kein Tsunami, sie ist vielmehr wie ein Virus, das langsam seine zerstörerische Arbeit aufnimmt, einen Körperteil befällt, den nächsten verschont, aber mit der Zeit den Organismus als Ganzen schwächt, ihn aushöhlt. Die Baubranche traf es als erstes. Binnen einer Woche standen die Baukräne still. In den letzten Jahren waren Stadtviertel, Einkaufszentren und Hochhäuser gebaut worden, als gedächte die isländische Bevölkerung sich zu verdoppeln. Seit 2003 ermöglichte ein Staatsfonds 90-Prozent-Hypotheken, die Privatbanken verliehen auch 100 Prozent des Hauspreises. Das kreditfinanzierte neue Häuschen diente als Sicherheit für weitere Kredite, zum Beispiel, um Möbel zu kaufen. Alles schien so einfach.
Mit der Wirtschaft ging es seit Ende der 1990er Jahre stetig bergauf. Die Krone stand wie ein Fels in der Brandung. Da erschien es einem fast fahrlässig, nicht mitzuspielen. Und so sind anderthalb Jahre nach dem Crash bizarre Einöden entstanden. In Hafnarfjördur zum Beispiel, südlich von Reykjavik, wunderschön auf einem Hügel gelegen, sollte das suburbane Leben ganz neu erfunden werden – mit Spazierwegen, die dörfliches Miteinander ermöglichten. Die Strassen sind geteert, Strom- und Wasserleitungen gelegt, Strassenschilder montiert. Doch wo reihenweise moderne Betonkuben stehen sollten mit sehr viel Glas, stehen nur Stahlträgerskelette, Rohbaurümpfe, dazwischen hier und da ein fertiges Haus. Auf einer nackten Betonplatte rostet ein Grill. Und als plötzlich zwei Kinder auf einem Trampolin springen, erschrickt man, als hätte man in einem Flugzeugwrack Überlebende entdeckt.
Wer sind die Menschen, die hier hätten wohnen wollen? Die internationale Presse berichtete nach dem Kollaps von einem konsumgeilen Volk am Rande des Packeises, das seit Jahren kollektiv und hemmungslos Häuser, Autos, Möbel auf Pump kaufte, zum Shopping nach New York oder London flog. Doch meist liegen die Dinge anders, wie bei der 55jährigen Maria Kristjansdottir, Kindergartenleiterin.
Als Maria nicht mehr weiterwusste, schrieb sie einen Leserbrief an die Tageszeitung «Morgunbladid» und legte ihre finanzielle Misere offen. Sie und ihr zweiter Mann hatten sich 2007 ein 110 Quadratmeter grosses Haus gekauft, nachdem Maria zehn Jahre mit ihren Töchtern auf 57 Quadratmetern gewohnt hatte. Das neue Haus kostete dreissig Millionen Kronen. Einen Drittel davon konnte das Paar sofort bezahlen, für den Rest nahmen auch sie auf Anraten der Bank ein Devisendarlehen auf. Die Rate betrug 120 000 Kronen im Monat, kein Problem für das Paar. Nach dem Sturz der Banken und dem Sinkflug der Krone sprang die Monatsrate über Nacht auf 340 000 Kronen. Das entspricht einem Anstieg der Wohnkosten von 1500 Euro auf 4250 Euro monatlich.
Ihre Ersparnisse waren schnell weg, und bald konnten sie die Raten nicht mehr bezahlen. Marias Mann erwirkte, wie die meisten Hausbesitzer, ein Abkommen mit der Bank, die den Kredit vorübergehend einfror. Das Paar zahlt im Moment dieselbe Summe wie früher, aber die Hypothek hat sich mehr als verdoppelt. Es ist die Mittelschicht, die sich unversehens am Rande zur Armut wiederfindet. Bis Oktober 2010 sind die meisten Zwangsversteigerungen ausgesetzt worden, aber im Herbst dieses Jahres, so die groben Schätzungen, werden bis zu 30 000 Haushalte das Dach über dem Kopf verlieren.
«Wir fangen gerade erst an, die Konsequenzen zu spüren», sagt Jon Thorisson. Er war früher Architekt, 90 Prozent aller Architekten Islands sind arbeitslos. Heute ist Jon der persönliche Assistent von Eva Joly, der Beraterin des Sonderstaatsanwaltes, der Gesetzesbrüche im Zusammenhang mit dem Bankenkollaps verfolgen soll. In einem kleinen Büro oberhalb der kanadischen Botschaft koordiniert Jon die Arbeit für Eva Joly, die alle drei Wochen für ein paar Tage nach Island kommt.
Nach der Krise, als Jon recherchierte, wie die internationale Finanzwirtschaft funktioniert, war er auf Eva Joly gestossen, eine Expertin im Kampf gegen Steuerhinterziehung, Geldwäscherei und Korruption. Er überredete einen Freund, sie in seine Talkshow einzuladen. Nach ihrem Auftritt verlangten Tausende von Bürgern in Internetforen, Eva Joly zur Hilfe zu holen. «Zumindest sind wir aufgewacht», sagt Jon. «Wir waren zu dummen Konsumenten geworden. Sokrates hatte recht: Wenn du deine demokratischen Rechte nicht ausübst, wirst du von Idioten regiert.»
Der Bericht der parlamentarischen Untersuchungskommission, die die Ereignisse, die zum Kollaps geführt hatten, rekonstruiert hat, gibt ihm recht. Die Premierministerin fasste die «schmerzliche Wahrheit» so zusammen: «Die Banken haben versagt, die Finanzaufsicht hat versagt, die Politiker haben versagt, die Administration hat versagt, die Medien haben versagt, und die Philosophie des freien Marktes hat vollkommen versagt.» Dennoch, so hat der Ökonom Vilhjalmur Bjarnason ermittelt, waren es nur etwa dreissig Personen, die Islands Zusammenbruch verursacht haben: der Kern der Elite der Entscheidungsträger. Ein beispielloser Klüngel, der alle demokratischen Kontrollmechanismen ausser Kraft gesetzt hat. Auch das illustriert der Report anschaulich. Die 2000 Seiten in neun Bänden sind seit April ein Bestseller. Dicker als die Sagensammlung Edda, finden sie sich in jedem isländischen Haushalt. Im Grunde ist es die Saga von David Oddsson, König der Privatisierung, der getrieben war von der Vision, das Land der Fischer in die Moderne zu führen.
David, so sagen selbst seine Gegner, sei sehr charismatisch. Ein starker Führer mit voller Haarpracht. David besuchte das Gymnasium Menntaskolinn, wo sich seit je die Kinder der wichtigen Isländer auf das Leben vorbereiten: das sind die Sprösslinge des Oktopuss, wie die alteingesessenen Wirtschaftsbarone genannt werden, aber auch Halldor Laxness, der Literaturnobelpreisträger, ging hier zur Schule. Zu Davids engsten Freunden zählte schon damals Geir Haarde, der ihm später in diverse Ämter folgte, zuletzt als Premierminister. Gott segne Island.
Als junger Bürgermeister von Reykjavik hatte David eine Art Erweckungserlebnis. Milton Friedman kam zu Besuch nach Reykjavik, 1984 war das, und hielt einen Vortrag. Als Friedman von einem Zuschauer gefragt wurde, warum man habe Eintritt zahlen müssen, schliesslich sei freie Bildung ein elementares Gut in Island, hatte der geantwortet: «So etwas wie freie Bildung gibt es nicht.» Oddsson, so erinnern sich Zeitzeugen, habe laut aufgelacht und vor Begeisterung gegen seinen Stuhl geschlagen. Das waren Töne, die ihm gefielen. Das Land war ihm viel zu verschnarcht.
Vor 1990 trug Island fast sozialistische Züge: die Banken gehörten dem Staat, ebenso die Druckerei, der Reiseveranstalter, die Düngemittelfabrik, die Fischfabrik, die Destillerien. Es gab nur einen staatlichen Fernsehkanal, der donnerstags Sendepause hatte, damit die Isländer Bücher lasen und Spiele spielten. Die Zeitungen waren unverhohlene Parteiblätter. An haushohe Inflation waren die Isländer seit Jahrzehnten gewöhnt. Sparen war so ziemlich das Dümmste, was man machen konnte. 1991 endlich wurde David Premierminister, entschlossen, die Welt zu ändern.
Als erstes nahm er sich die Fischerei vor. Bereits in den 1980er Jahren waren Fischquoten eingeführt worden, um die Bestände zu schützen. Oddsson reformierte das System: Nun erhielt jedes Fischerboot eigene Quoten, basierend auf den durchschnittlichen Fängen in den vorangegangenen Jahren. Die Quote war fortan im Besitz des Fischers, er konnte sie auch verkaufen oder vermieten.
«Man hat uns das Brot geklaut, sagt Halldor Asgrimsson, Fischer in Seydisfjördur, einem Dorf an der Ostküste. Der Atlantik schneidet hier so tief in den steilen Fels, dass Ozeanriesen anlegen können. Einmal die Woche kommt die Autofähre Norröna aus Dänemark und sorgt für zwei Stunden Massentourismus, dann ist wieder Ruhe. Vom Küchenfenster der alten Holzhäuser aus kann man manchmal einen Wal im Hafenbecken sehen. Halldors Vater hat vor Jahrzehnten einen eigenen Steg gebaut, der ist mittlerweile so vermodert, dass man aufpassen muss, wo man hintritt. Halldor ist zurzeit Tag und Nacht mit seinem Boot draussen, der hässliche Lumpfisch hält sich zum Ablaichen in Küstennähe auf. Halldor hat es auf dessen Rogen abgesehen, schwarz gefärbt und mit Salzlake behandelt, wird er als «Perles du Nord» gehandelt, Kaviarersatz.
Halldors Vater hat seine Quote damals verkauft. Das haben viele kleine Fischer getan, denen es ohnehin immer schwerer fiel, sich am Markt zu behaupten. Und die Quotenkönige boten Höchstpreise. Halldor hatte damals als Kapitän auf einem Trawler angeheuert, und der Alte wollte sich zur Ruhe setzen. Als Halldor in die Selbständigkeit zurückkehren wollte, waren die Rechte der Familie, die seit Generationen Fische fängt, verloren. Heute muss sich Halldor über einen Makler tagesweise Quoten mieten. Wenn er Pech hat, ist die Miete höher als der Erlös. «Wir haben seit 20 Jahren Krise», sagt Halldor. Früher lebten dreissig Kleinfischer in Seydisfjördur, heute sind es drei.
Die Zukunft, so glaubte König David, liege in der natürlichen Hitze Islands, die allerorts unter der Oberfläche brodelt. Die sollte nutzbar gemacht und an die energiehungrige ausländische Grossindustrie verkauft werden. Heute steht im Nachbarfjord eine Fabrik des amerikanischen Aluminiumriesen Alcoa. Tatsächlich kam Geld ins Land, die Inflation wurde gebannt, die Krone wurde stärker. Davids Weg schien sich als der Richtige zu erweisen. Ermuntert durch seine Wiederwahl 1999, machte er fröhlich weiter, privatisierte die Telefongesellschaft, die Post. Und die Banken.
An diesem Punkt nun beging er, was heute als Ursünde betrachtet wird: die Ungeheuer wurden geboren. Statt die Privatisierung der dafür ernannten Kommission zu überlassen, die auf eine breite Eigentumsverteilung mit vielen Kleinaktionären abzielen sollte, regelten David und sein Freund Geir die Angelegenheit mal eben selbst. Und so gelangten die drei Banken in die Hände von drei Haupteigentümern, die fortan bestimmten, wie der Hase läuft.
Landsbankinn ging zu 45,8 Prozent an die Samson-Gruppe, hinter der Björgulfur Thor Björgulfsson und sein Vater standen, die gute Beziehungen zu Davids Partei pflegten.
Die Bauernbank Bunadarbankinn, später Kaupthing, ging an die sogenannte S-Gruppe. Zu dieser Gruppe gehörte Olafur Olafsson, der schon bald so stinkreich war, dass er Elton John zu seinem 50. Geburtstag auftreten liess. Heute lebt Olafur in der Schweiz. Heute weiss man auch, dass seine Gruppe damals einen guten Teil des Kaufpreises geliehen bekommen hatte – und zwar von Landsbankinn.
Die dritte Bank, Glitnir, war bereits 1990 aus der Fusion mehrerer Privatbanken mit einer staatlichen hervorgegangen und sollte bald in die Hände jenes Mannes fallen, der König David noch viele schlaflose Nächte bereiten sollte.
Jon Asgeir Johannesson sah aus wie Robin Hood. Und wirkte anfangs auch so. Das schulterlange Haar hinter die Ohren geklemmt, mit Sonnenbrille und Jeans, 1000 Pferdestärken unterm Hintern – so kam er des Weges. Sein Vater war nicht Teil der Reykjaviker Elite, er leitete einen Supermarkt. Vor der Tür stand so ein münzgetriebener Affe mit Sattel, auf dem Kinder reiten konnten. Als der kaputtging und entsorgt werden sollte, reparierte und verpachtete Jon Asgeir ihn, da war er 13. Bald hatte er 20 solcher Dinger.
Ende der 1980er Jahre verlor sein Vater die Arbeit – in diesem vom Staat regierten, egalitären System bedeutete das eine grosse Kränkung. Seitdem trug Jon Asgeir einen Stachel im Herzen. Vater und Sohn beschlossen, die Handelsbarone herauszufordern: Sie eröffneten eine Art Aldi am Reykjaviker Hafen. Es wurde ein Riesenerfolg. Bald gab es die Läden landesweit. Geringe Margen, schnelles Wachstum, erst die Färöer, dann Amerika. Jon Asgeir gründete die Handelsgesellschaft Baugur, «Ring aus Stahl», und stieg massiv in den britischen Einzelhandel ein, nicht lange, und ihm gehörte die halbe Highstreet in London. Seine Bank Glitnir fungierte als private Geldmaschine. Kaufen, filetieren, verkaufen, so ging es endlos. 2008 hielt Baugur Anteile an 3700 Geschäften mit 70 000 Angestellten.
Wann immer David von einer Neuanschaffung Asgeirs hörte, flippte er aus. Es erging ihm wie Goethes Zauberlehrling: «Herr, die Not ist gross! Die ich rief, die Geister, werd’ ich nun nicht los.» Als Jon Asgeir sich 2003 auf «Frettabladid» stürzte, die zweitgrösste Zeitung Islands, versuchte David das mit einem neuen Mediengesetz zu verhindern. Doch der Präsident legte sein Veto ein, und David musste schliesslich selbst zurücktreten. Er inthronisierte seinen Kumpel Geir als Premierminister und machte sich erst zum Aussenminister, später zum Chef der Zentralbank.
Jon Asgeir kaufte, filetierte, verkaufte indessen weiter, immer auf Pump. Seine Wikingerkollegen hielten es genauso. Björgulfur war in die Pharmaindustrie eingestiegen und hatte 2008 mehr als 11 000 Angestellte in 40 Ländern. Längst verfügten diese Männer über alle Spielzeuge, die in «Richistan», der Welt der Superreichen, zur Grundausstattung gehören: Jachten, Privatjets, Appartements in New York, hier ein Luxushotel, dort ein Fussballclub. Wichtige Geschäfte regelte Jon Asgeir beim Lachsfischen im Fluss Langa, den er mietete.
So mancher im Volk versuchte, den Wikingern nachzueifern, zumindest ein bisschen. Die Häuser wurden grösser, die Autos zahlreicher, die Restaurants exklusiver, die Klamotten teurer, die Gesichter arroganter. Bis zur Schafsfarm nach Mödrudalur sickerte die neue Gesinnung ins Land. Vilhjalmur erinnert sich noch gut an den Besuch eines Freundes, der angewidert auf den alten Kastenfernseher zeigte und rief: «Was ist das denn?»
Doch da hatte die Welt der Riesen und Wölfe schon Feuer gefangen. Glitnir, Jon Asgeirs Goldesel, erwischte es als ersten, niemand wollte ihm mehr Geld leihen. Ausstehende Zahlungen konnte er nicht mehr leisten. Da bat er die Zentralbank um Hilfe, kurz darauf erfolgte die Übernahme. Die grössten Schuldner der Bank waren mit insgesamt zwei Milliarden Euro Jon Asgeir, seine Frau und seine Eltern.
Jetzt im Juli geht die Sonne nie unter. Noch um drei Uhr nachts kann man auf Austorvollur Zeitung lesen, und am Wochenende sind die Strassen um 5 Uhr morgens voller Menschen. Erschöpft wie Fabrikarbeiter nach der Schicht schlurfen die Partylöwen nach Hause. «Die Stimmung im Land ist gut, wir sind wieder wir selbst», sagen die einen, «es ist eine stille Verzweiflung», sagen die anderen. Etwa 8000 Menschen sind im letzten Jahr ausgewandert, darunter auch Verwandte von Jon Thorisson, dem Architekten, meist Ärzte. Die Arbeitslosenquote liegt bei fast acht Prozent. Vor dem Regierungssitz, der aussieht wie eine Bauernkate, protestieren die Menschen gegen den Verlust ihrer Häuser. Doch schon im Sommer, so haben sie erfahren, soll mit den Zwangsversteigerungen begonnen werden.
In den Krankenhäusern werden Abteilungen geschlossen, Geburtshäuser machen zu, Kindergärten kürzen die Öffnungszeiten. Die Schiffe der Küstenwache, Islands stolze Armee, patrouillieren leihweise vor der Küste Senegals. Vereinzelt sieht man noch Range Rover in der Stadt, doch nennt man sie nun Game Over. Auf Langevegur, der Bahnhofstrasse Reykjaviks, sind die Ketten, die Europas Städte uniformieren, verschwunden, was erfrischend ist. Stattdessen sieht man kühne Kreationen aus isländischer Wolle in den Schaufenstern. Vor einem Geschäft sitzt ein junger Mann mit einem Pappschild: «Kurzgeschichten zu verkaufen, isländisch oder englisch, 500 Kronen pro Stück». Die Innenstadt, so sagen viele, sei belebter als vorher.
Wer Devisen braucht, muss in der Bank sein Flugticket vorzeigen. Der Sonderstaatsanwalt stockt sein Team auf achtzig Mitarbeiter auf – hochmotivierte, junge Juristen, die hier den Fall ihres Lebens bekommen. «Allein Kaupthing», so Eva Joly «ist der grösste Bankrott aller Zeiten, dreissig Prozent grösser als Enron.» Fünf Jahre sind anberaumt, um die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen.
Am Borgartun, wo die Banken ihre Hauptsitze haben, erfreut sich eine kleine Privatbank grossen Zulaufs. Audur wirbt mit «weiblichen Werten». Eine der Gründerinnen, Kristin Petursdottir, war 2003 bei Kaupthing ausgestiegen, weil sie das Wachstum auf Pump nicht länger mittragen wollte. Audur hatte 2008 als einzige Bank eine positive Bilanz, im Eingangsbereich hängen die Fotos der Kinder der Mitarbeiter, «weil Kinder die Zukunft sind», sagt Kristin.^
Ins Rathaus ist grad der neue Bürgermeister eingezogen, der Komiker Jon Gnarr, der aus Protest die «Beste Partei» gegründet hatte, deren Wahlprogramm unter anderem versprach: einen Polarbären für den Zoo von Reykjavik, ein drogenfreies Parlament bis 2020 sowie «etwas für Verlierer». Die Isländer haben dermassen die Nase voll von ihren satten, selbstgefälligen Altparteien, dass sie Gnorr mit einem Drittel der Stimmen die Macht verliehen.
Die ersten Angeklagten stehen vor Gericht, allerdings keine Wikinger, sondern Demonstranten. Justizministerin Ragna Arnadottir, eine charmante Frau in einem Ministerium gross wie eine Primarschule, atmet schwer durch und erklärt, warum. «Weil diese Fälle einfach sind. Die der Wirtschaftskriminellen sind umfangreich und hochkompliziert. Wir brauchen Geduld.» Und sie fügt hinzu: «Die Staatsanwälte müssen ihre Arbeit sorgfältig machen können. Dann müssen die Richter ihre Arbeit sorgfältig machen. Wir alle müssen uns wieder als vertrauenswürdig erweisen.»
Bei der Essensverteilung der Familienhilfe stehen jeden Mittwoch mehr Menschen Schlange. 500 Familien sind es mittlerweile, die Grundnahrungsmittel wie Mehl, Butter, Kartoffeln erhalten. Um sechs Uhr morgens sind die ersten da. Alte und Kranke, alleinerziehende Mütter, Familienväter und junge Männer. Hunger – das gab es lange nicht. Wer sich schämt, darf beim ersten Mal zur Hintertür kommen. Die Wikinger sind abgehauen, sie haben sich unter das verborgene Volk gemischt, das zwischen Stein und Fels oder in Liechtenstein haust. Jon Asgeir sitzt in seiner Wohnung in London, soviel man weiss. Es geht ihm nicht gut, Rock ist weg, Stock ist weg, alles ist hin. Er ist unter anderem des Betruges in der Höhe von zwei Milliarden Dollar angeklagt, Baugur längst in Insolvenz, sein Vermögen eingefroren. Die Verstaatlichung von Glintir hält er lustigerweise für den «grössten Bankraub aller Zeiten».
Geir Haade, so heisst es, hatte einen Nervenzusammenbruch. Es sei für ihn einem Vatermord gleichgekommen, David, der sich mit allen vieren an seinem Stuhl festkrallte, als Chef der Zentralbank absetzen zu müssen. Zum Glück hatte David noch einen anderen Freund, einen Fischquotenkönig und Zeitungsbesitzer, der hat ihn zum Chefredaktor von «Morgunbladid» gemacht.
Auf Mödrudalur ist Hochsaison, im Café duftet es nach frischen Waffeln, Isold freut sich über Besuch. Nachdem der Vulkan endlich zur Ruhe gekommen ist, kommen die Touristen wieder ins Land, sogar mehr denn je, hoffentlich. Jetzt oder nie, sagen sie sich, die Krone ist niedrig und Island schön. Und Ragnarök, das muss man wissen, ist anders als andere Apokalypsen. Durch den Weltenbrand, so heisst es, werden Ordnung und Chaos ins Gleichgewicht gebracht.
Anja Jardine ist NZZ-Folio-Redaktorin.
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