Dina Ananjas, Santo António, São Tomé und Príncipe. Sie ist 21 Jahre alt und arbeitet seit einem Jahr als Coiffeuse. Sie ist ledig und lebt bei ihren Eltern in Santo António. Als Angestellte verdient sie im Monat rund 1 Million Dobra (das entspricht etwa 50 Franken). Davon gibt sie mindestens 20 Franken zu Hause ab. São Tomé und Príncipe ist ein Inselstaat im Golf von Guinea, etwa 200 km vor der Küste Afrikas. Es ist die zweitkleinste Volkswirtschaft der Welt.
Welcher Haarschnitt ist im Moment angesagt?
Aktuell sind lange Haare sehr gefragt. Aber auch zum Kurzhaarschnitt kommen viele in den Salon. Rastalocken sind out.
Haben Sie eine spezielle Methode?
Nein, aber die jüngeren Frauen kommen speziell zur Haarverlängerung zu mir. Ich glaube, darin bin ich besonders gut. Und da ich die jüngste Coiffeuse hier im Salon bin, plaudern sie auch am liebsten mit mir.
Warum sind Sie Coiffeuse geworden?
Ich habe schon als kleines Mädchen immer gern Haare geflochten, andere frisiert. Ausserdem bin ich sehr modebewusst und kommuniziere gern. Zumal es hier auf Príncipe nicht viele Orte gibt, an denen sich junge Frauen treffen können. In der Kirche ja, aber da wird gesungen und gebetet.
Wie haben Sie Ihr Handwerk erlernt?
Ich habe in zwei, drei anderen Salons hier in Santo António gelernt.
Was sind Ihre Zukunftspläne?
Wenn ich es mir leisten könnte, würde ich nach Portugal oder Europa gehen, um noch mehr zu lernen, vielleicht sogar eine richtige professionelle Ausbildung zu machen. Aber da ich dort keine Verwandtschaft habe, die das Geld für die Ausbildung beisteuern könnte, lerne ich eben aus Magazinen und aus dem Fernsehen.
Wer schneidet Ihre Haare?
Meistens eine meiner Kolleginnen aus dem Salon Beleza hier.
Haben Sie viele Stammkunden?
Meist sind es junge Frauen. Die Leute kommen, wenn sie Geld haben. Und vor grösseren Festen, zum Beispiel vor Weihnachten, kommen ganze Familien.
Haben Sie auch prominente Kunden?
Den Ministerpräsidenten der Autonomen Regierung Príncipe. Wir sind ja als Insel autonom und haben eine eigene Regierung, was aber auch bedeutet, dass São Tomé uns wirtschaftlich weniger unterstützt.
Wem würden Sie gern die Haare schneiden?
Es gibt einen senegalesischen Musiker, dessen Afrobob ich gerne einmal frisieren würde. Er ist ein echt cooler Typ.
Wann ist eine Frisur aus Ihrer Sicht gelungen?
Wenn die Kundin strahlend den Salon verlässt.
Haben Sie sich schon einmal geweigert, einen Wunsch zu erfüllen?
Ich mache, was die Kundinnen wünschen.
Was gefällt Ihnen auf Príncipe?
Abgesehen davon, dass es meine Heimat ist, gefallen mir die Gelassenheit und die Ruhe hier. Man kennt sich untereinander, der Zusammenhalt in der Bevölkerung ist gross. Ausserdem gibt es wunderbare Strände, tropische Urwälder, vulkanisches Hochgebirge. Es ist ein kleines Paradies.
Warum ist Ihr Salon genau hier?
Die Eigentümerin, eine São Tomenserin, hat das Haus vor vier Jahren gekauft. Es liegt zentral – wie alles hier, Santo António ist klein.
Wie verbringen Sie Ihre Freizeit?
Am liebsten mit Freundinnen, sonst gibt es hier nicht viel. Ferien im europäischen Sinn kann ich mir nicht leisten. Mein absoluter Lieblingsort ist die Kirche.
Santo António liegt sehr abgelegen, sogar von der Insel São Tomé. Wie lebt es sich hier?
Wir haben hier genauso TV und Internet wie anderswo. Ausserdem warmes Klima das ganze Jahr, keinen Krieg. Obwohl die Leute arm sind auf Príncipe, sind sie zufrieden mit ihrem Leben. Bei nur 6000 Einwohnern kennt man einander sehr gut. Erst vor kurzem gab es ein schönes Fest: die Einweihung unseres neuen Platzes vor dem Rathaus. Sonst passiert nicht viel Spektakuläres. Einmal gab es ein Kreuzfahrtschiff, dessen Gäste Santo António und unseren Salon besichtigt haben.
Mathias Petersdorf ist Sozialpädagoge; er lebt in Berlin.
«Haja Vida»
Der Salon liegt im Zentrum von Santo António, nahe der Kirche. Er existiert seit vier Jahren, beschäftigt drei Coiffeusen und ist täglich von 8 bis 20 Uhr geöffnet.
Preis pro Haarschnitt
Männer zahlen 1 Franken pro Haarschnitt, Frauen 5 Franken.
São Tomé und Príncipe
Einwohner: 160 000 (Príncipe 6000)
BIP pro Kopf: 1600 Franken
Milch: 1 Liter 2.50 Franken
Brötchen: 5 Stück 30 Rappen
Kino: keines
Zigaretten: 3 Franken
Taxi: 10 km 35 Franken