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NZZ Folio 03/04 - Thema: Gesundheit   Inhaltsverzeichnis

Menschen & Räume -- Boby Wuhrmanns Rauch- und Feuerstelle

© Christian Känzig
Der 77-jährige Albert «Boby» Wuhrmann, Seniorchef der gleichnamigen Rheinfelder Zigarrenfabrik, in der Stube der Wohnung, die vor 47 Jahren nur als Durchgangsstation gedacht war. Linktext
Von Lilli Binzegger

«ALS WIR 1957 heirateten, gab es in Rheinfelden nur vier leere Wohnungen. Da sagte ich: Dann machen wir hier statt Büros halt eine Wohnung, bis wir ins Elternhaus ziehen können. Mein Vater starb 1981, aber meine Mutter, die nächsten Monat 104 Jahre alt wird, blieb noch bis 1996 in dem Haus. Seither ist sie im Pflegeheim, aber wir mochten dann nicht mehr in die grosse Villa ziehen.

Jetzt leben meine Schwester und unser älterer Sohn dort. Die Villa wurde 1896 vom Grossvater gebaut, zusammen mit der Fabrik. Beide Bauten stehen unterdessen unter Bauschutz. Diese Wohnung, eine Viereinhalbzimmerwohnung, gefällt uns, aber sie ist schlecht gebaut, damals dachte man, man müsse nicht gross isolieren. Das Öl war spottbillig. Rundherum haben sie die Häuser später nachisoliert. Wir nicht, wir haben es gern kalt, meine Frau und ich frieren nie. Im Sommer schützen die Bäume das Haus vor Hitze, aber da sind wir ohnehin die meiste Zeit draussen.

Ich bin mit der Zigarrenfabrik aufgewachsen, so wie später unsere Kinder auch. Das Elternhaus steht 100 Meter von ihr entfernt, unsere Wohnung 130 Meter. Die Kinder gingen jeweils um 9 Uhr in die Fabrik, um zu schauen, ob vielleicht ein Znüni für sie abfällt. Bis wir den Arbeitern verboten, ihnen etwas zu geben. Ich habe nie an einem anderen Ort gearbeitet und mit Ausnahme meines Englandaufenthalts und des Dreivierteljahrs an der Amsterdamer Tabakbörse auch nie an einem anderen Ort gewohnt. Als ich mit 31 heiratete, hatte ich noch die Nacht vor der Hochzeit im Elternhaus verbracht.

Als ich in den Betrieb einstieg, hatten wir mit unserer Filiale Rohrbach um die 160 Leute. Jetzt beschäftigen wir noch etwa 20, nach wie vor hauptsächlich Frauen, meist langjährige Mit arbeiterinnen, manche sind sicher bald 30 Jahre bei uns. Rohrbach gaben wir anno 80 im Zuge der Mechanisierung auf. Früher gab es in Rheinfelden vier Zigarrenfabriken. Die letz te der andern, die Liewen, ging 1967 mangels Nachkommen zu. In meinen Anfängen waren im Verband gesamtschweizerisch etwa sechzig Zigarrenfabrikanten, jetzt sind es ausser uns noch drei: Villiger, Burger und Eichenberger.

Wir produzieren zusammen auch mengenmässig nicht mehr gleich viel, die Antiraucherkampagnen Ende siebziger, Anfang achtziger Jahre haben uns zu schaffen gemacht, der Absatz ging massiv zurück. Vor 30 Jahren sass man doch an jeder Vereinsversammlung im Nebel, heute sitzen vielleicht noch die vier Zigarrenfabrikanten im Nebel. Unterdessen hat das Geschäft aber wieder etwas angezogen. Aussterben werden die Zigarren- und Stumpenraucher nicht, da kann man noch so viele Verbote machen.

Wir sind keine grosse Firma, wir verarbeiten im Jahr um die 40 Tonnen Tabak zu Zigarren, Cigarrillos und Stumpen, die wir fast ausschliesslich in der Schweiz absetzen. Heute drehen wir nur noch unsere teuerste Zigarre von Hand, die ‹Handrolled Havana›, die im Verkauf 6 Franken kostet. Bei den Führungen staunen aber immer alle, wie viel Handarbeit es trotzdem immer noch braucht. Der Urgrossvater, der 1876 die Firma gründete, kam aus dem Elsass nach Rheinfelden, aber wir sind ursprünglich Zürcher. Wuhrmann ist ein altes Meilemer und Wiesendanger Geschlecht.

Als sie vor zwölf Jahren im Betrieb mit diesem Computerzeug anfingen, sagte ich: Macht ihr das jetzt. Ich war da ja auch 65-jährig. Jetzt führt Thomas, der jüngere Sohn, den Betrieb, er bespricht sich aber oft mit Albi, seinem Bruder, der Unternehmensberater ist. Hätte Albi das Geschäft übernommen, wäre er der fünfte Albert Wuhrmann in Folge gewesen. Man hat allerdings keinem von uns Albert gesagt. Mir sagt man seit meiner Schulzeit Boby, die meisten wissen nicht einmal, dass ich Albert heisse. Zu meinem Vater haben sie Berti gesagt und familienintern Bob.

Ich besitze noch die Mehrheit der Aktien und bin im Verwaltungsrat, dreinreden tue ich aber nicht. Ich gehe nur noch in die Fabrik, wenn ich etwa ein Werkzeug brauche. Ich bäschele gern, ich habe unten eine kleine Werkstatt und finde immer etwas zu tun, die Läden an den Gebäuden streichen und solche Dinge. Gegärtnert habe ich schon zu meiner aktiven Zeit viel und gern, ich war oft zwischen zwei Tätigkeiten im Garten, der zum Fabrikareal gehört. Die Pensionierung war für mich kein Einschnitt, die ging so übergangslos vor sich wie seinerzeit der Wechsel von meinem Vater auf mich.

Meine Frau Hanni und ich sind auch nach meiner Pensionierung Frühaufsteher geblieben. Wenn man mich anrufen will, muss man das vor 8 Uhr tun. Meist gehe ich als Erstes ins Städtchen Kommissionen machen, je nachdem, was an dem Tag auf dem Menu steht. Für die warme Küche bin ich zuständig, aber wenn es mir einmal stinkt, dann frage ich meine Frau: Machst du das heute?

Sie kocht sehr gut, früher hat unter der Woche immer sie gekocht. Sie ist immer noch sehr beschäftigt, oft auf dem Tennisplatz oder am Walken und geht als SAC-Mitglied viel laufen und manchmal auch klettern. Das aber schon weniger, sie ist jetzt doch auch schon 68. Einen Tag in der Woche schaut sie zu zwei kleinen Enkeln, und wir haben auch sonst einen regen Familienkontakt. Wir wohnen alle in Rheinfelden, ausser Thomas, der mit seiner Familie in Magden lebt, drei Kilometer von hier. Für einen unserer sechs Enkel machen wir heute Abend ein Abschiedsessen, weil er für vier Monate nach Paris geht. Er hat sich Dörrbohnen, Schüfeli und Saucissons gewünscht.

Mittags essen wir gewöhnlich in der Küche und abends, wenn wir allein sind, meistens in der Polstergruppe und schauen dazu ‹Schweiz Aktuell› und die ‹Tagesschau›. Nachher setze ich mich gern noch in den Schaukelstuhl vor das Feuer, das immer ich anmache, ich bin ein wenig pyromanisch. Wir haben gern und oft Gäste, für die koche meistens ich. Bevor wir das Cheminée einbauten, war der Raum mit einer Wohnwand unterteilt. Jetzt hat hier ein Tisch für zwanzig und mehr Leute Platz. Seit wir älter werden, laden wir unsere Freunde immer öfter mittags ein statt abends.

Ich muss seit meinen Knieoperationen auf aktiven Sport verzichten, aber wir sind eine sehr sportliche Familie. Curling spielen alle, Albi hat es mit seinem Club bis in die oberste Liga gebracht. Ich selbst habe Fussball und Eishockey gespielt, bin Mitbegründer des Eishockeyclubs Rheinfelden und des Curlingclubs und war 20 Jahre lang Präsident des Tennisclubs, den mein Vater gegründet hatte. Das räumt doch das Vorurteil aus, dass Sport und Rauchen sich nicht vertragen, oder?

Bei uns raucht alles: die Frau, beide Söhne, die Tochter, und meine Mutter hat auch erst nach siebzig aufgehört. Früher rauchte ich Zigaretten, da es im Militärdienst nicht für Stumpenpausen reichte. Später hörte ich für sechs, sieben Jahre damit auf. An unserer 100-Jahr-Feier fand ich dann aber, es mache sich doch eigentlich nicht gut für einen Zigarrenfabrikanten, wenn er nicht raucht.»


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