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NZZ Folio 07/10 - Thema: Grandios gescheitert Inhaltsverzeichnis
Beim Coiffeur -- «Eine Amerikanerin küsste mich vor Glück»
© Emile Stricker, Olten
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| Tigran Girshkyan, Spitak, Armenien |
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Tigran Girshkyan wird oft von Ausländern gefragt, ob er nicht in ihr Land kommen wolle, aber ihm gefällt Spitak. Einmal Haareschneiden, bitte!
Von Emile Stricker
Tigran Girshkyan, Spitak, Armenien, 27, ist alleinstehend und lebt in einer kleinen 3-Zimmer-Eigentumswohnung. Er hat sechs Angestellte: drei Coiffeure, eine Nagelpflegerin, eine Kosmetikerin und eine Putzfrau. Die Angestellten arbeiten auf Kommissionsbasis und erhalten die Hälfte des Preises, den der Kunde zahlt. Für seinen Salon muss Tigran der Bank monatlich 760 Franken abzahlen. Er verdient monatlich zwischen 1500 und 2000 Franken.
Welcher Haarschnitt ist im Moment angesagt?
Am gefragtesten ist der Carré-Schnitt, leicht durchgestuft und hinten kurz.
Haben Sie eine spezielle Methode?
Ich wende vorwiegend die englische Haarschneidetechnik an, so wie ich es in Seminaren gelernt habe, und arbeite in erster Linie mit Schere und Kamm.
Warum sind Sie Coiffeur geworden?
Es gefällt mir, Menschen schöner zu machen.
Wie haben Sie Ihr Handwerk erlernt?
Ich wusste von einem berühmten Coiffeur in Erewan. Ich kannte ihn nicht persönlich, aber nach Abschluss des Militärdienstes ging ich einfach bei ihm vorbei, fragte, ob ich bei ihm das Handwerk lernen könne. Er willigte ein, mich für einige Tage zur Probe zu nehmen, und da er zufrieden mit mir war, konnte ich bleiben. Sieben Monate war ich dort, und anschliessend sammelte ich in verschiedenen Salons Erfahrungen. Ausserdem besuchte ich Kurse, die der Shampoo-Hersteller Wella in Erewan anbot.
Was sind Ihre Zukunftspläne?
Ich möchte dieses Jahr am nationalen Wettbewerb der Coiffeure teilnehmen. Vor zwei Jahren war ich als Besucher dabei. Es wäre sehr schön, den ersten Platz zu holen! Oft laden mich Ausländer ein, in ihr Land zu kommen und dort zu arbeiten. Aber mir geht es gut hier. Allerdings weiss ich nicht, ob ich in zehn Jahren noch in Spitak sein werde, denn hier habe ich wenig Chancen, mich zu verbessern.
Welche Art Kunde ist die grösste Herausforderung für Sie?
Sicher habe ich auch Menschen mit einem schwierigen Charakter, aber ich weiss mit ihnen umzugehen.
Haben Sie prominente Kunden?
Als ich in Erewan arbeitete, schnitt ich mal die Haare von Sofi Mxeyan, einer der besten Sängerinnen Armeniens. Und einmal kam der Stadtpräsident zu mir, aber ich musste ihn leider abweisen, weil ich keine Zeit hatte.
Wem würden Sie gern die Haare schneiden?
Ein Traum wäre es, Alla Pugachova die Haare schneiden zu dürfen, der erfolgreichsten Primadonna und Mutter der russischen Popkultur. Schon als Kind war sie mein Idol.
Wann ist eine Frisur aus Ihrer Sicht gelungen?
Das Haar muss mit der Person eine Einheit bilden.
Welche Reaktionen haben Sie schon erlebt?
Einmal habe ich einer Amerikanerin die Haare geschnitten, ganz normal, überhaupt nichts Aussergewöhnliches. Am Ende küsste sie mich, weil sie so glücklich war über die Frisur. Das hat mich sehr überrascht.
Haben Sie sich schon einmal geweigert, einen Wunsch auszuführen?
Nie. Wenn eine Kundin einen Wunsch hat, der einfach nicht zu ihr passt, dann erkläre ich ihr das.
Was gefällt Ihnen an Ihrer Stadt?
Es ist meine Stadt, ich bin hier geboren und aufgewachsen. Mit 19 000 Menschen ist es eine kleine Stadt, es gibt auch keine Sehenswürdigkeiten, aber Spitak gefällt mir, die Leute sind sehr gastfreundlich.
Warum ist Ihr Salon hier?
Er liegt mitten im Zentrum. Mein Salon war einer der ersten in Spitak.
Wie verbringen Sie Ihren Abend?
Ich arbeite mindestens zwölf Stunden am Tag. Wenn ich um zehn Uhr abends schliesse, bin ich müde und gehe gewöhnlich nach Hause. Es gibt auch kein Kino in Spitak. Wenn ich ausgehen will, dann fahre ich in die etwa eineinhalb Stunden entfernte Hauptstadt Erewan.
Wo machen Sie Ferien?
Ich mache zwar mehrmals im Jahr Ferien, aber jeweils nur zwei bis drei Tage, also insgesamt wenig.
Spitak war das Epizentrum des Erdbebens vom 7. Dezember 1988 mit 25 000 Toten. Prägt das Erdbeben das Leben in Spitak heute noch?
Die letzten 450 Familien, die seit dem Erdbeben in provisorischen Unterkünften leben, sollten in diesem Jahr nun endlich auch ein neues Haus bekommen. Ich selbst erinnere mich nicht an das Erdbeben, ich kenne es nur aus den Erzählungen meiner Eltern.
Emile Stricker ist Geschäftsführer; er lebt in Olten.
Image-Center Diosa Der Salon befindet sich im Stadtzentrum von Spitak und ist umgeben von zahlreichen Wohnblöcken. Der Salon ist täglich zwölf Stunden geöffnet.
Preis pro Haarschnitt Männer bezahlen 3 Franken, Frauen zwischen 6 und 9. Eine Hochzeitsfrisur kann bis zu 35 Franken kosten.
Armenien Einwohner: 3 Millionen BIP pro Kopf: 3000 Fr. Milch: 1 Liter 1 Fr. Brot: 1 kg 1.50 Fr. Kinobillett: 3 Fr. Zigaretten: 1 Fr. Taxi: 10 km 3 Fr.
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