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NZZ Folio 02/10 - Thema: Das Ehrenamt Inhaltsverzeichnis
Das Ende der Ich-Epoche?
© Marvin Nauman/FEMA
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| Helfen statt Party machen: Studenten aus dem ganzen Land verzichteten auf ihre feuchtfröhlichen Feste während der Frühlingsferien und gingen stattdessen als Volunteers in eines der Camps im zerstörten New Orleans. |
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Die Klagen über den Egoismus der jungen Generation sind unbegründet: In Amerika, in ihrem angestammten Land, erlebt die Freiwilligenarbeit ein Revival.
Von Peter Haffner
Kürzlich weilte ein schottisches Lehrer-Ehepaar in unserem kleinen Städtchen in Nordkalifornien. Catherine unterrichtete in einem Austauschprogramm ein Jahr an der High School. Ihr Mann Allan, wie sie von aufgeräumtem Wesen, hätte sich auch gern betätigt, doch die Schule hatte keine Arbeit für ihn. Keine bezahlte jedenfalls, und von den Angeboten, seine Dienste unentgeltlich zur Verfügung zu stellen, mochte er nicht Gebrauch machen. «Ich habe Mühe mit dem Gedanken, zu arbeiten, ohne dafür bezahlt zu werden», sagte er.
Was manchen Europäern befremdlich scheint, ist vielen Amerikanern selbstverständlich. Im vergangenen Jahr leisteten 61,8 Millionen Freiwilligenarbeit, das sind 26,4 Prozent der erwachsenen Bevölkerung; 8 Milliarden Arbeitsstunden insgesamt, deren Wert auf 162 Milliarden Dollar beziffert wird. Man hatte befürchtet, in der Wirtschaftskrise schwinde die Bereitschaft zur Gratisarbeit, doch das Gegenteil trat ein: Das Freiwilligenheer vergrösserte sich im Vergleich zum Vorjahr um 1 Million. Um 31 Prozent nahm gar die Anzahl derer zu, die sich mit ihren Nachbarn zusammentaten, um ein Problem im Quartier zu lösen – ein Trend zum Do-it-yourself-Dienst, den die Obama-Regierung mit ihrer Initiative «United We Serve» zu fördern sucht. Da in der Statistik nur die Freiwilligen erfasst sind, die ihren Dienst in einer Organisation leisten, dürften die tatsächlichen Werte einiges darüberliegen. Die USA nehmen, was Freiwilligenarbeit betrifft, weltweit einen Spitzenplatz ein; nur in Skandinavien sind die Raten noch höher.
Stark gelitten hat indes die ebenfalls traditionelle Spendefreudigkeit der Amerikaner; erstmals seit zwanzig Jahren sind die Einnahmen der Wohlfahrtsorganisationen gesunken, und dies zum Teil drastisch. Da Leute, die Freiwilligenarbeit leisten, auch am meisten spenden, lässt sich daraus schliessen, dass sie heute mit weniger Geld, aber grösserem Arbeitseinsatz zu helfen bereit sind.
Klagen, früher hätten sich viel mehr Leute freiwillig engagiert als heute, hört man in Amerika oft, doch sie werden von der Statistik nicht untermauert. Zwar ging zwischen 1974 und 1989 die Freiwilligenrate um 15 Prozent zurück, doch ist sie seither wieder um mehr als 32 Prozent gestiegen. Dies überraschenderweise vor allem dank den Jungen. Zwischen 1989 und 2005 hat sich die Zahl der 16- bis 19jährigen, die sich engagieren, mehr als verdoppelt; heute ist sie, nachdem sie kurzfristig etwas gesunken war, wieder im Steigen begriffen.
Gemäss dem Higher Education Research Institute sind 69,7 Prozent der Erstsemestrigen an Colleges und Universitäten der Meinung, es sei «essentiell» bzw. «sehr wichtig», Bedürftigen zu helfen – die höchste Rate seit 1970. Die Untersuchung hat auch ergeben, dass die als «Ich-Generation» verschrienen, zwischen 1946 und 1964 geborenen Babyboomer überdurchschnittlich oft Freiwilligeneinsatz leisten. Zurückgeführt wird das auf das höhere Bildungsniveau wie auch darauf, dass sie sich für ihre Kinder mehr engagieren.
Drei Faktoren, wird vermutet, hätten den Einsatzwillen der jüngeren Generation gefördert: erstens die Tatsache, dass die öffentlichen Bildungsstätten ihren Schülern vermehrt Kurse zum Thema anbieten sowie Möglichkeiten, sich in der Gemeinschaft nützlich zu machen. Zweitens der Schock der Ereignisse vom 11. September 2001, der die Nation näher zusammenrücken liess. Und drittens die Neupolitisierung in den Jahren der Bush-Regierung, die Obama mit zum Sieg verhalf. Seit den Präsidentschaftswahlen von 2000, die den ungeliebten Texaner an die Macht gebracht hatten, hat sich die Wahlbeteiligung insgesamt um 7,2 Prozent auf 57,1 Prozent erhöht, dies vorab dank den Jungen.
Kaum ein Ereignis der letzten Jahre hat die Dynamik von Amerikas Zivilgesellschaft so unter Beweis gestellt wie die Flutkatastrophe von New Orleans im August 2005. Während Regierung, Behörden und etablierte Hilfsorganisationen einer so entsetzten wie hämischen Weltöffentlichkeit ihre Inkompetenz vor Augen führten, leisteten Freiwillige vorbildliche Arbeit.
Als ich ein halbes Jahr nach dem Hurrikan die in Trümmern liegende Stadt besuchte, waren es vorwiegend die Volunteers, die in den am härtesten getroffenen Quartieren wie dem Lower 9th Ward, dem Schwarzenviertel, anzutreffen waren.
Junge Leute wie die Kunststudentin Amy, der Musiker Theodore oder der Holzschnitzer Alain waren aus Massachusetts, New York und Alaska gekommen, um Hand anzulegen. Sie waren einem Aufruf des «Common Ground Collective» gefolgt, das eine Woche nach der Sintflut gegründet worden war. Bald konnte die Organisation auf Tausende von freiwilligen Helfern zählen, die entrümpelten, wiederaufbauten, Essen verteilten, medizinische und juristische Hilfe leisteten. Noch heute ist sie in New Orleans tätig, und was in der Stadt vorwärtsgegangen ist, verdankt sich ihrem wie dem Einsatz zahlreicher anderer, vorwiegend kirchlicher Freiwilligenorganisationen, die nicht von bürokratischen Formalitäten gelähmt sind.
Die Bereitschaft, mit der die jungen Leute ihr Studium unterbrechen oder ihren Job verlassen und ihren Wohnort für Monate mit einem Zelt in einem Tausende von Kilometern entfernten Katastrophengebiet tauschen, wird erleichtert dadurch, dass solches Engagement im Curriculum zählt. Was könnte einen Arbeitgeber mehr überzeugen, dass ein Stellenbewerber sein Bestes zu geben bereit ist, als wenn er dies tat, ohne dafür entlöhnt zu werden? Gerade in höheren Berufen, die Führungsqualitäten, Initiative, Improvisationsgabe und vollen Einsatz verlangen, werden solche Erfahrungen geschätzt. Wer eine Katastrophe meistert, darf man annehmen, wird sich auch vom kapitalistischen Markt nicht unterkriegen lassen.
So gibt es denn auch zum Freiwilligenmanagement zahlreiche Ratgeber wie den eben erschienenen «Complete Idiot’s Guide to Recruiting and Managing Volunteers» von John Lipp. Wichtigste Erkenntnis: die «Goldilocks-Regel». Schult man Freiwillige für einen Einsatz zu lange, verlieren sie das Interesse, schult man sie zu kurz, sind sie im Einsatz überfordert; also besser so, wie Goldilocks aus dem Kinderbuch das im Haus der drei Bären macht – «just right». Wer etwa in New Orleans mit einer Schaufel in der Hand erwischt wird, findet sich denn auch in guter Gesellschaft. Mit seiner Stiftung «Make It Right» ist Brad Pitt dabei, zerstörte Häuser wiederaufzubauen, was Bill Clinton dazu ermunterte, mit einem Spaten neben dem Gentleman-Gauner aus «Ocean’s Eleven» zu posieren.
Doch nicht nur aussergewöhnliche Ereignisse wie Naturkatastrophen bewegen Amerikaner zum freiwilligen Einsatz. Ob in der Betagtenhilfe, dem Nachhilfeunterricht für Schüler oder der Quartierverschönerung: im Alltag mangelt es nicht an Aufgaben. Die Schule, in die unser Neunjähriger geht, käme ohne Unterstützung der Eltern nicht über die Runden. Als privat geführte Charter-School ist sie zwar vom Staat finanziert, doch die Mittel reichen nicht, nur schon das Schulgebäude instand zu halten. Im Sommer werden die Klassenzimmer von Elternbrigaden frisch gestrichen, im Herbst wird Geld gesammelt mit der Versteigerung von der selbstgestrickten Wollmütze bis zum gestifteten Magnum-Champagner. Für einen Schweizer, der es gewohnt ist, sein Kind in der ersten Klasse abzugeben und in der sechsten wieder abzuholen, ist das gewöhnungsbedürftig. Es hat indes auch Vorteile, dient es doch der Integration in die Gemeinschaft. Viele Weisse hätten mit den Mexikanern in unserer Schule wenig zu tun, wären nicht diese Anlässe und Arbeitseinsätze, die einen auf unverkrampfte Weise einander näherbringen.
Es ist gewiss eine Schande, dass die öffentliche Bibliothek in unserem Städtchen wegen mangelnder staatlicher Mittel derzeit an einzelnen Tagen schliessen muss und selbst in besseren Zeiten ihre Dienstleistungen ohne Freiwilligeneinsatz nicht aufrechterhalten könnte. Es sind meist ältere Damen des Vereins «Friends of the Library», die ihn leisten. Sie tun das mit ebenso viel Sachkenntnis wie Enthusiasmus und sind der lebende Beweis für die medizinischen Studien, die ergaben, dass Freiwilligenarbeit im Alter die geistige und körperliche Gesundheit fördert und die Lebenserwartung verlängert.
Amerikas Pensionierte investieren am meisten Zeit – hundert Stunden oder mehr im Jahr – in freiwilliges Engagement. Von 1974 bis heute hat die Beteiligung der über 65jährigen um zwei Drittel zugenommen. Meist wird Freiwilligenarbeit über eine Organisation geleistet, die den Einsatz koordiniert. An der Spitze stehen Religionsgemeinschaften, wenn sie auch leicht an Bedeutung verlieren. Sowohl die Hälfte der Älteren wie die Hälfte aller Schwarzen – insgesamt mehr als ein Drittel sämtlicher Freiwilligen – absolvieren ihren Dienst über eine solche Gemeinschaft. Dann folgen Initiativen in Ausbildung und Jugenddienst; bürgerliche, politische, berufliche und internationale Organisationen; Vereinigungen im Spital- und Gesundheitswesen oder im Sozial- und Gemeinschaftsdienst; Gruppen in den Bereichen Sport, Hobby, Kultur und Künste.
Im Mittleren Westen, dem konservativen «Heartland» der USA, ist die Freiwilligenrate am höchsten; Utah, der Mormonenstaat, nimmt den Spitzenplatz ein. Das hat nicht nur mit Religion zu tun, sondern auch mit dem Umstand, dass man in den Weiten des Landes, weg von den Zentren, besonders aufeinander angewiesen ist. Die kirchlichen Gemeinschaften selber sind ja Freiwilligenorganisationen, und dass sie in Amerika stark geblieben sind, hat mit seinen Grund darin, dass sie soziale Aufgaben erfüllen, die in Europa der Staat übernommen hat.
Die Motive, weshalb jemand Freiwilligenarbeit leistet, vermischen sich oft. Marlis Tanner, eine 84jährige Schweizer Auswanderin, ist unlängst für ihre Freiwilligenarbeit geehrt worden, die sie während fast fünfzig Jahren leistete. Als Kindermädchen war sie nach Amerika gezogen, hatte Zahnarztgehilfin gelernt und als Sekretärin gearbeitet; daneben schnitt sie im San Francisco General Hospital Patienten gratis die Haare. Als praktizierende Katholikin ist der Dienst am Nächsten für Marlis Tanner so selbstverständlich, wie die Erlebnisse bereichernd sind, die sie dabei hat.
Die für Europäer verblüffendste Art von Freiwilligenarbeit findet man jedoch im Geschäftsbereich. Ich staunte nicht schlecht, als ich bei einem Besuch der jungen, in San Francisco domizilierten Start-up-Firma Virgance im Grossraumbüro eine Menge Leute antraf, die ohne Lohn arbeiteten. Gegründet vom Dotcom-Millionär Steve Newcomb und seinem politisch engagierten Kollegen Brent Schulkin, will das Unternehmen Geld verdienen, indem es die Gesellschaft in Richtung «grün» umkrempelt. Auch hier sind die Motive der eifrigen jungen Freiwilligen gemischt; ihr Umweltbewusstsein paart sich mit dem Wissen, dass eine Firma wie Google beim Börsengang mehr als neunhundert ihrer ersten Mitarbeiter von einer Stunde auf die andere zu Millionären machte.
Solche Freiwilligen werden von der Statistik nicht erfasst. Würden sie es, zählten sie zu den sogenannten episodischen Freiwilligen. Vor allem Teenager und die Babyboomer folgen mehr und mehr diesem Muster kürzerer Einsätze, und zwar in allen Sparten der Freiwilligenarbeit. Die Mobilität der Gesellschaft und die Tatsache, dass man den Beruf bald wechselt wie das Hemd, fördern diesen Trend. Die Organisationen stellen sich darauf ein und schaffen mehr Möglichkeiten für kurzfristige, auf ein eng definiertes Ziel ausgerichtete Einsätze.
Dass der Individualismus der Amerikaner sein Gegengewicht in der Neigung zum freiwilligen Engagement für die Gemeinschaft hat, wie schon Alexis de Tocqueville feststellte, hat noch immer seine Gültigkeit. Auch der Schotte Allan, dessen Frau an der High School bis über die Ohren beschäftigt war, mochte schliesslich die Hände nicht länger in den Schoss legen und erklärte sich bereit, gratis zu unterrichten oder in der Verwaltung zu helfen. Zu seiner Enttäuschung wollte nun die Schule nicht mehr, da sie fürchtete, haftbar gemacht zu werden, sollte ihm als Ausländer etwas zustossen. «Ich habe es wenigstens versucht», meinte Allan schulterzuckend, dem es nicht in den Sinn gekommen wäre, im Ernstfall die Schadenersatzforderungen zu stellen, für die Amerikas Anwälte berüchtigt sind.
Peter Haffner ist Korrespondent des «Tages-Anzeiger-Magazins» in Kalifornien.
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