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NZZ Folio 06/07 - Thema: Meine erste Million   Inhaltsverzeichnis

Duftnote -- «Das Parfum» stinkt

© Fabienne Boldt
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Von Luca Turin
Wie eine Grippe, die die Runde macht und der man erfolgreich entkommen zu sein glaubt, hat es mich gestern doch noch erwischt: Ich habe «Das Parfum» gesehen. Es handelte sich um eine Privatvorführung, die von der «Sunday Times» organisiert wurde, um zu sehen, wie vier Parfumexperten auf den Film reagieren. Zwei davon waren Freunde, die ich seit Ewigkeiten nicht mehr gesehen hatte, und die «Times» versprach Champagner und Sandwiches, daher sagte ich mein Kommen zu. Es gab dann nur Evian, und von Häppchen weit und breit keine Spur.

Die Geschichte geht so: Ein Junge entwickelt einen märchenhaften Geruchssinn, weil er auf dem Fischmarkt zur Welt kam. Der Glückspilz: Wäre seine Mutter in einem Guerlain-Shop niedergekommen, er hätte sein Leben als Taubnase zugebracht. Einen Passagier in einem herannahenden Zug kann er schon aus Kilometern Entfernung erkennen. Ich meine: Wenn man schon die Gesetze der Physik auf den Kopf stellen darf, dann sollte man etwas Interessanteres damit anfangen, als seine Nüstern aufzublasen. Der Knabe reift zu einem begnadeten jungen Mann heran, der innert dreissig Sekunden ein komplexes Parfum nachbauen kann, indem er aus lauter verkorkten Fläschchen dessen Bestandteile herauspickt und im richtigen Verhältnis zusammenmischt. Völlig überraschend bittet er den Besitzer der Fläschchen, ihn zum Parfumeur auszubilden – der Erzengel Michael bittet um Fechtunterricht.

Er liebt den Geruch von Frauen über alles, meint jedoch, dieser sei gleichmässig über deren Körper verteilt. Da er kein Anhänger von nachwachsenden Rohstoffen ist, bringt er die Damen einfach um. Meist handelt es sich um Jungfrauen. Aufgrund eines logischen Fehlschlusses, der sich bei Eiferern aller Orte und Zeiten grosser Beliebtheit erfreut, glaubt er, der Geruch einer toten Jungfrau repräsentiere Unschuld. Nachdem er von den jungen Frauen genug Unschuld abgekratzt hat (etwa ein Achtel Unze pro Jungfrau, sie müssen ziemlich fettige Haut gehabt haben), mixt er alles zusammen. Aber statt wie ein Moskauer Bus während der Stosszeit zu riechen, zwingt die Mixtur jeden – vom Polizeisergeanten bis zum Henker (er ist nämlich inzwischen verhaftet worden) – vor Bewunderung auf die Knie.

Gott sei Dank wird die Handlung ab jetzt von Nebeneffekten bestimmt: Die Menge, die seiner Hinrichtung beiwohnen will, fängt an, auf geschmackvollste Weise auf dem Dorfplatz herumzuvögeln. Innocence würde jedoch von der EU niemals zugelassen, aus Mangel an Konstanz. Der Held kippt sich den Rest seines Jungfrauenabsolues aufs Haupt und wird von der Menge, die ihm an die Wäsche will, erstickt. Die Lichter gingen an. Der vierte Anwesende, ein Vertreter der Industrie, meinte, der Film vermittle eine treffende Vorstellung von der Macht der Düfte. Das nahm ich zum Anlass, zu gehen.

Luca Turin ist Forschungsleiter bei Flexitral Inc.; er lebt in London.




Leserbriefe:

Zu Duftnote -- «Das Parfum» stinkt - NZZ-Folio Meine erste Million (06/07)

Herr Turins Artikel über "Das Parfum" war schlichtweg entäuschend! Ich empfehle ihm "Königs Erläuterungen" zu lesen! Es scheint mir, als hätte er den Sinn und Hintergrund der Geschichte nicht ganz verstanden.
Estelle Spillmann, Basel



Zu Duftnote -- «Das Parfum» stinkt - NZZ-Folio Meine erste Million (06/07)

Herr Turin überraschte mich in seiner letzten Kolumne mit einer äusserst einseitigen Filmrezension. Leider scheint er nicht zu wissen, dass es sich dabei um die Verfilmung von Patrick Süskinds gleichnamigem Erfolgsroman handelt. Dies wäre einer fundierten Filmkritik wohl sehr dienlich gewesen, unterscheiden sich doch Buch und Verfilmung oft qualitativ wie auch inhaltlich. Als der Roman 1985 erschien, war die Geruchsforschung noch jung und unbekannt, erst rund zehn Jahre später publizierte Herr Turin seine bis heute umstrittene Vibration Theory of Olfaction. Süskinds Erzählung hingegen macht keinerlei wissenschaftlichen Anspruch geltend, faszinierte aber die Leser mit einem phantastischen Exkurs in die Welt der Gerüche. „Das Parfum“ wurde in 46 Sprachen übersetzt und verkaufte sich über 15 Millionen Mal. Ich wünsche Herrn Turin für seinen nächsten Beitrag im Folio einen besseren Riecher, denn sein Urteil als Filmkritiker scheint weniger von seinem Fachwissen abzuhängen, sondern eher davon, ob ihm Champagner und Häppchen serviert werden.
Francesco Bizzozero, Zürich



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"The Emperor of Scent" von Chandler Burr ist eine spannende Darstellung von Leben und Arbeit Luca Turins, der eine faszinierende Theorie entwickelt hat, wie unser Geruchssinn eigentlich funktioniert.

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Interview mit Luca Turin

NZZ-Format, das Fernsehmagazin der NZZ, hat im November 2006 einen Special zum Thema Parfum ausgestrahlt. Die Sendung ist auf DVD erhältlich und enthält als Bonusmaterial unter anderem ein Interview mit Luca Turin (in Englisch).

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