NZZ Folio 08/10 - Thema: Patriotismus   Inhaltsverzeichnis

Das Giesskannenprinzip

© Giorgio von Arb, Zürich
Mit allen Mitteln wehren sich die Gärtner gegen die Pläne für ein Eisstadion auf ihrem Areal. Der Balinese will die bösen Geister mit seiner Dämonenmaske vertreiben Linktext
Menschen aus 22 Ländern teilen sich den Schrebergarten Vulkan in Zürich Altstetten. Ihre Liebe zu ­Tomaten und Bier schweisst sie zusammen.

Von Andreas Heller

Gnadenlos brennt die Mittagssonne auf das Areal Vulkan des Familiengartenvereins Altstetten-Albisrieden am Stadtrand von Zürich. Kein Lüftchen regt sich. Schlapp liegen Salatsetzlinge in ihren Beeten, in Strömen fliesst der Schweiss der Hobbygärtner. Den ganzen Vormittag hat Walter Zbinden ­geschuftet, er hat gejätet, gewischt und ­geerntet. Nun möchte er sich auf dem Bänkchen seines Häuschens im Schatten von Zwetschgen- und Birnenspalier endlich etwas entspannen. Aber er kommt nicht zur Ruhe: «Der Türke von Parzelle 949 ist am Brombeerenspritzen», meldet Max Eglauf, der Wasser- und Werkstattchef. «Mit dem Wasserschlauch!»

Ächzend kommt Arealchef Zbinden wieder auf die Beine. Durch die Glutofenhitze trottet er den schnurgeraden Kiesweg hinunter, vorbei an lachenden Gartenzwergen und rosenbekränzten Eingangspforten. Dann links hinein zur Parzelle mit der türkischen Fahne. «He du, kein Schlauch, nur Giesskanne!» – «Alles klar, Chef!» tönt es aus dem Gebüsch.

Walter Zbinden kämpft an vielen Fronten. Als Gärtner wehrt er sich gegen Unkraut und Ungeziefer. Als Arealchef wacht er, unterstützt von fünf «Gartenordnern», über die Einhaltung der Verhaltensregeln, wie eben jener, dass für das Wässern ausschliesslich die Giesskanne zu verwenden sei. Er hat darauf zu achten, dass die Mittagsruhe eingehalten wird, dass die Gartentürchen geschlossen werden, dass im Gartenhaus nicht genächtigt wird. Als Arealchef sorgt Zbinden ausserdem dafür, dass die Bauordnung respektiert wird, dass ein Gartenhäuschen nicht grösser ist als 7,5 Quadratmeter, dass die Bodenplatten höchstens fünfzig auf fünfzig Zentimeter gross sind, dass die Grenzabstände von Beerensträuchern und Zwergobstbäumen eingehalten werden.

Das sieben Hektaren umfassende Schrebergartenareal Vulkan ist streng geometrisch in 319 Parzellen aufgeteilt. Doch kunterbunt ist die Schar der Gärtner, die hier ihrem Hobby frönen. Menschen aus 22 Nationen haben von der Stadt einen Garten gepachtet. Die Schweizer sind längst eine Minderheit, doch verteidigen sie standhaft die Tradi­tion des Familiengartens in dem strengen Geist des deutschen Arztes und Pädagogen Dr. Moritz Schreber.

Wer wo seine Parzelle hat, ist bereits von weitem zu erkennen, wenn man sich dem zwischen Bahngeleisen und Autobahn eingeklemmten Schrebergartenareal nähert. Die meisten Pächter zeigen Flagge, markieren ihre Parzelle mit ihrer Landesfahne, und wer die Anordnung etwas genauer studiert, der stellt fest, dass es eigentliche Italiener- und Portugiesenquartiere gibt. Als Gartenhäuschen stehen putzige Chalets neben Bretterverschlägen, bunte Häuschen im Skandinavienstil neben urchigen Blockhütten. Die meisten sind geschmückt mit persönlichen Insignien: Hufeisen, gehäkelten Gardinen, Wind- und Wagenrädern, Gartenzwergen in Kompaniestärke.

Walter Zbindens Haus sieht aus wie eine Schwarzwälder Kuckucksuhr, und als gebürtiger Appenzeller hat er eine Appenzeller Fahne gehisst, zwei Quadratmeter gute Bannerseide; an einem zweiten Mast hängt als Reverenz an die Ehefrau eine Zürcher Fahne. Von den angrenzenden Parzellen grüssen eine portugiesische und eine spanische Flagge. Weiter hinten flattert eine serbische, dann noch eine, bei der allerdings selbst der Arealchef nicht genau weiss, was das für eine ist.

Fragt man den Arealchef, wie das Zusammenleben mit so vielen verschiedenen Landsleuten funktioniere, kommt es wie aus der Pistole geschossen: «Absolut problemlos.» Zbinden nennt die genauen Zahlen: 105 Schweizer, 61 Ita­liener, 35 Serben, 33 Portugiesen, 17 Spanier, 13 Türken, 9 Bosnier haben auf dem Vulkan eine Parzelle gepachtet; hinzu kommen Vereinzelte aus Bangladesh, der Dominikanischen Republik, aus Libanon, Indonesien, Mazedonien, Slowe­nien, Griechenland.

Er bedauert zwar, dass man mit den Schweizern «etwas schwach dran» sei, aber das Nebeneinander verschiedener Nationalitäten, diese «Mischkultur», habe durchaus auch positive Seiten, betont Zbinden. Zum Beispiel brächten die Ausländer oft Gemüsesorten und Fruchtbäume aus ihrer Heimat mit, auf seinem Pflanzblätz sei ja jeder sein eigener Herr und Meister. Das bringe einen immer wieder auf neue Ideen. So hat auch er nach dem Vorbild der Italiener in seinem Garten schon seit geraumer Zeit einen Feigenbaum stehen, dazu auch Kiwi und Kaki.

Gut, als Mensch sei der Südländer natürlich schon anders, fährt Zbinden fort. Heissblütiger. Und wenn sich die Familie im Schrebergarten versammle, dann kämen halt nicht zehn, sondern zwanzig Leute zusammen. Da brauche es schon ein gewisses Mass an Toleranz, und auch Ordnung werde halt nicht in jeder Kultur gleich aufgefasst. Wichtig sei, dass man miteinander rede. Bevor er einen Brief schreibe, suche er immer das persönliche Gespräch. So wie vorhin mit dem Türken.

Bevor er sein Amt übernahm, arbeitete Zbinden als Zug­rücksteller bei den SBB, mit 56 wurde er frühpensioniert – «nach 32 Jahren und drei Knieoperationen hatte man keine Verwendung mehr für mich», sagt er, ohne weiter zu klagen. Seither ist er fast täglich im Schrebergarten in Altstetten neben den Bahngeleisen. Er geniesst seinen Garten und natürlich auch den Respekt, den man ihm hier zollt – sowie die «schwierigen, aktuellen Herausforderungen», die sich ihm stellen.

Anfang dieses Jahres wurde publik, dass die Stadt beabsichtigt, einen Drittel des Schrebergartenareals an Investoren abzutreten für den Bau eines neuen Eishockey­stadions. Die Schrebergärten, liess die Obrigkeit verlauten, würden auf die andere Seite der Geleise, ins Dunkelhölzli, umgesiedelt. Die Nachricht verbreitete sich im Schrebergarten wie ein Buschfeuer. Die sonst so Gehorsamen versprachen erbitterten Wi­der­stand und montierten auf dem ­Areal, zu den Geleisen hin, eine Protesttafel: «Eisstadion ja, aber nicht auf Kosten der Familiengärten». Sie sammelten über 15 000 Unterschriften und brachten sie mit ihren Schubkarren ins Zürcher Stadthaus.

Er habe «geweibelt wie ein Löli», sagt Zbinden. Er knüpfte Kontakte zu Vertretern der politischen Parteien und fand schliesslich offene Ohren bei den Grünliberalen, die nun als Alternative ein Projekt für ein Duplexstadion für Fussball und Eishockey auf dem Hardturmareal präsentieren. Definitiv ist noch nichts. Für Zbinden steht jedoch ausser Frage, dass ein Umzug ans Ende der Welt, ins Dunkelhölzli, für die Schrebergärten eine Katastrophe wäre. «Der Stadtrat hat keine Ahnung davon, was dieser Garten uns allen bedeutet.»

«Das isch min Egge», sagt Stefan. Der ältere Herr sitzt in kurzen Hosen vor seinem Häuschen unter dem Apfelbaum, den er vor 25 Jahren gepflanzt hat, und verwirft die braungebrannten Arme: «Einen Garten kann man doch nicht zügeln, und schon gar nicht ins Dunkelhölzli, was stellen die sich denn vor!»

«Ich habe mein Haus mit eigenen Händen gezimmert, diesen Brotofen hier mit eigenen Händen gemauert. Das lasse ich mir nicht nehmen», sagt der Serbe Milovan. «Ich arbeite Schicht, meine Frau ebenfalls. Wir wohnen an der Badenerstrasse, überall Beton, unser wirkliches Zuhause ist dieser Garten.»

Vincenzo aus Apulien, der vor kurzem pensioniert worden ist und noch nicht recht weiss, ob er in sein Dorf zurückkehren oder in der Schweiz bleiben will, verweist auf die über Jahrzehnte gewachsenen Freundschaften. «Ich habe alle Kollegen hier, wir haben hier Wurzeln geschlagen. Da ginge viel kaputt.»

Der Balinese Made sagt: «Dieser Garten ist meine Mutter und mein Vater. Hier fühle ich mich zu Hause. Hier kann ich relaxen, hier habe ich keinen Stress.» Für alle Fälle hat er sich eine Maske des balinesischen Gartendämons an die Türe seiner Hütte gehängt.

Am späteren Nachmittag kommt Leben in die Gärten. Rasen werden gemäht und Hecken gestutzt, Beete umgestochen, Frühkartoffeln und Zwiebeln ausgebuddelt, Himbeeren gepflückt. Während die Frauen das Gemüse rüsten, füllen Familienväter in kurzen Hosen Bier in den Kühltrog unter dem Boden – Strom gibt’s im Schrebergarten keinen, und Gaskühlschränke sind teuer. Schon bald steigen da und dort Rauchschwaden auf. Bei Vinko aus Bosnien dreht sich, angetrieben von einer Autobatterie, ein Spanferkel am Spiess. Der Sohn, der in der Hollywoodschaukel vor sich hindöst, hat eben die Matura bestanden. Da gibt es ein gros­ses Fest mit der ganzen Familie.

In der ­Arealbeiz, die von der Kroatin Vuka geführt wird, prosten sich Portugiesen, Spanier und Italiener zu, als Deutschland gegen Argentinien in Führung geht. Vladimir aus Tschechien hat es gern ruhiger. Er ist am liebsten «einfach im Garten». Mit seiner Frau Maria bewirtschaftet er hier seit 27 Jahren eine Parzelle. Der Garten ist so dicht bepflanzt, dass es kaum mehr Platz für einen Gartentisch hat. Üppig spriesst das Grünzeug. Vladimir hat alles angepflanzt, was in Schrebergärten so wächst: Kartoffeln, Zwiebeln, Knoblauch, Fenchel, Buschbohnen. Gern probiert er auch Neues aus. Viel Freude bereite ihm der amerikanische Spinat, so gross wie ein Busch und wie Schnittsalat das ganze Jahr über verfügbar. Kürzlich hat er ausserdem die tropische Kletterpflanze Chayote gepflanzt. Auf die Idee habe ihn Made aus Bali gebracht. Und siehe da: Auch die exotische Pflanze mit den gurkenähnlichen Früchten gedeiht in Zürich Altstetten ganz prächtig.

Die Juristin Corinna hat seit knapp einem Jahr einen Schrebergarten gepachtet – und findet es hier total cool, viel weniger spiessig jedenfalls, als sie am Anfang gedacht hatte. Sie ist überrascht von der Offenheit der Leute. Alle duzen sich, haben Zeit für einen Schwatz. «Obwohl wir aus unterschiedlichen Kulturen und Schichten stammen, haben wir eine gemeinsame Basis: die Gartenarbeit», sagt ­Corinna. Man fachsimpelt über Gemüsesorten, Schädlings­bekämp­fung und Kompost, und es herrscht ein ständiger Austausch von Gemüsen und Früchten, von denen alle ­ohnehin immer zu viel haben. Man hilft sich aus mit Werkzeugen, giesst den Garten des Nachbarn, wenn der in den Fe­rien ist, und packt gemeinsam an, wenn es etwas Grösseres zu erledigen gibt.

An praktischem Geschick fehlt es den Schrebergärtnern nicht, viele haben Handwerksberufe, sind Maurer, Maler, Bodenleger. Als besonders begabter Bastler gilt der pensionierte Automechaniker, der in seinem Gartenhäuschen mit einem umgebauten hydraulischen Wagenheber Trauben presst und seinen eigenen Wein keltert.

Corinnas Nachbar, der 76jährige Kurt, sieht das ganz ähnlich. «Wir haben es gut miteinander.» Er zeigt sich erfreut, dass nun gleich gegenüber gegärtnert wird – «oft im Bikini», fügt er hinzu und zieht vergnügt an seiner Tabakpfeife. Seit 30 Jahren bestellt er mit seiner Frau Marianne seinen Garten, seit seiner Pensionierung sind die beiden fast täglich hier. Kurt hat erlebt, wie die Italiener kamen, die Portugiesen und Spanier, dann die Serben und die Bosnier, schliesslich auch Dunkelhäutige aus fernen Ländern. Die Gärten nebenan veränderten sich, und irgendwann war auch sein eigener Garten ein anderer geworden. Vor 15 Jahren pflanzte er den ersten Feigenbaum, und vor kurzem hat auch er Chayote angepflanzt, «e choge glatti Sach».

Natürlich, sagt Kurt, habe es unter Gärtnern auch Streitereien gegeben. Doch mit der Zeit habe man sich aneinander gewöhnt. Die Schweizer seien nicht mehr so pingelig wie früher. Besonders genau nähmen es heute eher gewisse Ausländer, die als Gartenordner darauf achten, dass die Regeln eingehalten werden. Seit die Pläne für ein Eisstadion ruchbar geworden sind, glaubt er eine starke Solidarität zu spüren. Der Zusammenhalt sei noch besser geworden. «Jetzt sitzen wir alle im selben Boot.»

Noch ist nichts entschieden. Schon einmal haben die Schrebergärtner im Vulkan ihr Territorium erfolgreich verteidigt: 2001 wollte Elmar Ledergerber, damals Hochbauvorsteher, auf dem Vulkanareal vier Fussballplätze realisieren. Er machte die Rechnung aber ohne die Hobbygärtner. Sie stiegen auf die Barrikaden, und schliesslich musste die Stadt das Projekt fallenlassen, die Plätze wurden schliesslich in Niederhasli gebaut.

Diesmal dürfte es schwieriger werden, darüber macht sich Walter Zbinden keine Illusionen. Prominente Investoren wie Walter Frey und Peter Spuhler, beide von der SVP, stehen hinter dem Projekt. «Da ist viel Geld im Spiel, die haben ein dickes Portemonnaie», sagt Zbinden. Er nimmt einen Schluck vom lauwarmen Bier aus dem Kühltrog, blinzelt in die Abendsonne und redet sich Mut zu. «Wir sind vielleicht nur kleine Leute, aber wir werden kämpfen!»

Andreas Heller ist NZZ-Folio-Redaktor.



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