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NZZ Folio 07/10 - Thema: Grandios gescheitert Inhaltsverzeichnis
Leer im Kopf
© Archiv Ueli Steck GmbH
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| Ueli Steck |
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Eine kriegte den Mund nicht auf, einer setzte aufs falsche Pferd, einer fiel fast vom Berg: Sieben Menschen erinnern sich an persönliche Niederlagen.
Von Peter Ackermannund Jenny Niederstadt
Ueli Steck
«Als ich zu mir kam, lag ich kopfvoran im Schnee. Ich fühlte mich benommen, mein Schädel schmerzte, und ich zitterte am ganzen Körper. Ich hatte keine groben Verletzungen, aber Angst wie nie zuvor. Ein faustgrosser Granitblock hatte mich in der Südwand des 8091 Meter hohen Annapurna getroffen, und ich war dreihundert Meter in die Tiefe gestürzt.
Der Steinhagel war extremes Pech. Ich hatte aber auch extremes Glück, dass ich noch lebte. Mir war sofort klar, dass ich keine Überlebenschance haben würde, wenn ich nicht den Weg über den Gletscher zum Lager fände. Glücklicherweise entdeckte ich im Nebel Fähnchen, mit denen ich den Zugang zum Berg ausgesteckt hatte. Auf dem Rückweg zum Basislager brach ich zwei Mal fast in eine schneebedeckte Spalte ein.
Niemand kann einen Berg bezwingen. Man kann nur die Herausforderung einer Bergwand in viele kleine Schritte zerlegen, dadurch wird sie überschaubar und zu bewältigen. Es ärgerte mich trotzdem. Ich hatte den Alleinaufstieg zwei Jahre lang intensiv geplant. Bevor ich in die 2500 Meter hohe Wand einstieg, hatte ich sie tagelang beobachtet, ohne dass ich auch nur einen Steinschlag gesehen hätte. Aber so ist die Natur: unberechenbar. Das muss ich akzeptieren. Der Unfall in der Annapurna-Südwand hat mir einmal mehr gezeigt, wie klein wir Menschen sind. Der Granitblock hatte mich von der Wand abgeschüttelt wie eine unbedeutende Mücke.»
Ueli Steck, 33, durchstieg die Eigernordwand in 2 Stunden 47 Minuten. Aufsehen erregten seine Erstbesteigungen im Himalaya ohne Kletterseil.
Bruno S. Frey
«Bereits 2004 beschrieb ich, wie man den Terrorismus bekämpfen kann, indem man die Menschen im Umfeld der gefährlichsten Extremisten in die Gesellschaft zurückzieht. Die Politik griff meine Vorschläge nicht auf. Das deprimierte mich, obschon ich weiss, wie schwierig es ist, neuen Ideen Gehör zu verschaffen. Meine wissenschaftlichen Erkenntnisse wurden aber nicht einmal diskutiert. Tagelang schaute ich vergeblich nach Besprechungen meines Buches ‹Dealing with Terrorism: Stick or Carrot›. Doch ich sah lange keinen Artikel, keinen Hinweis auf das Buch, nichts.
Ablehnung zu erleben ist eine Sache; nicht einmal beachtet, ja ignoriert zu werden, ist aber eine wirklich bittere Erfahrung. Enttäuscht beschloss ich, zukünftig kleinere Brötchen zu backen und mich wissenschaftlich nicht mehr mit grossen Themen wie dem Terrorismus zu beschäftigen. Schon bald musste ich aber erkennen, dass das ausser eigener Unzufriedenheit gar nichts bringt. Ich wandte mich wieder dem zu, was ich für wichtig hielt. Etwa dem Glück aus der Sicht der Ökonomie.
Heute nehme ich mit Genugtuung zur Kenntnis, welche Strategie die US-Amerikaner in Afghanistan mit der Aktion ‹To win hearts› verfolgen. Sie versuchen, die Herzen im terroristischen Umfeld für sich zu gewinnen, geben Aussteigern Jobs, Wohnungen, Strukturen.»
Bruno S. Frey, 69, ist Professor für Wirtschaftspolitik und aussermarktliche Ökonomik an der Universität Zürich.
Peter Stamm
«Schriftsteller scheitern immer. Oder immer mal wieder. Wie jeder Künstler, der ernsthaft versucht, etwas Neues zu erschaffen, das nicht nur an der Oberfläche schön ist. Bevor mein Début ‹Agnes› erschien, hatte ich drei Bücher verfasst, die nie gedruckt wurden. Ich habe unzählige Erzählungen zu schreiben begonnen und dann wieder verworfen. Das ist Künstlerpech, und damit kann ich mittlerweile umgehen.
Gescheitert bin ich mit den Fragment gebliebenen Romanen, für die ich umfangreiche Recherchen betrieben und an denen ich monatelang geschrieben habe. Zwischen den Büchern die bisher von mir erschienen sind, lag jedes Mal eine Totgeburt. Die letzte trug ich vor drei Monaten im Ordner ‹Alte Projekte› zu Grabe. Zweihundert Seiten umfasste die Geschichte mit dem Arbeitstitel ‹Die Scham›. Mehr als ein Jahr lang hatte ich daran geschrieben.
Die Idee war gut: Das schöne Gesicht einer Frau wird durch einen Unfall entstellt. Mich interessierte, wie sich die Persönlichkeit durch das neue Äussere verändern würde. Bis meine Figur nichts mehr tat, ausser im Auto herumzufahren. Meine Niederlage hatte sich während mehrerer Monate abgezeichnet, aber ich schrieb – wenngleich zunehmend lustloser – weiter, weil mir die Ausgangslage gefiel. Bis ich mir endlich nach einem Gespräch mit meinem Lektor eingestehen konnte, dass aus dem Text nichts werden würde. Nachdem ich ihn ad acta gelegt hatte, fühlte ich mich vor allem erlöst. Ich war bereit für Neues. Ich fühlte mich wie nach einer Liebesbeziehung, die man aktiv aufgelöst hat. Befreit, nicht mehr fortführen zu müssen, was keine Zukunft hat.»
Der Schriftsteller Peter Stamm, 47, hat zahlreiche Romane und Erzählbände veröffentlicht. Seine Bücher wurden in 24 Sprachen übersetzt. Zuletzt erschien von ihm der Roman «Sieben Jahre».
Carol Franklin
«Nach meinem Engagement beim WWF nahm ich ein Verwaltungsratsmandat der Prime Forestry an, eines Unternehmens, das in Panama Teakbäume anbaute. Ich war überzeugt, dass mit dem ökologischen und sozial verantwortungsvollen Geschäftsmodell der Firma ein anständiger Gewinn erwirtschaftet werden könne. Dann, im März 2006, ich war gerade mit Investoren in Panama auf einer Plantage, erhielt ich einen Anruf von einem Schweizer Journalisten. Er sagte mir, dass unsere Büros in Zürich ohne Vorwarnung von der Eidgenössischen Bankenkommission geschlossen worden seien. Man vermutete, die Prime-Forestry-Chefs hätten einige der investierten 60 Millionen in die eigene Tasche geleitet. Ich spürte ein Kribbeln auf meiner Kopfhaut und fühlte, wie alles Blut aus meinem Kopf wich und mir schwarz wurde vor Augen. Ich glaubte ohnmächtig zu werden. Was aber zum Glück nicht geschah. Dann musste ich an die 2700 Investoren denken, die ihr Geld verlieren würden, und begann Pläne zu schmieden, was ich zur Rettung der Kundengelder unternehmen könnte.
Ich fragte mich damals immer wieder, ob ich etwas hätte merken müssen. Eine juristische Schuld trug ich zwar keine, wie die Eidgenössische Bankenkommission und der Konkursverwalter nach der Untersuchung bestätigten. Ich hatte aber trotzdem das Gefühl, den Investoren gegenüber moralisch versagt zu haben. Darum musste ich etwas unternehmen.
Zusammen mit meinem Mann versuchte ich, die Plantagen und damit das Geld der Investoren zu retten. Ein aussichtsloses Unterfangen, meinten alle. Zum Glück sagten sie mir das erst viele Jahre später, als es uns mit viel Glück und Zähigkeit gelungen war, die Plantagen in der neu gegründeten Firma Forests for Friends zu retten. Dadurch konnte das finanzielle Scheitern abgewendet werden.»
Carol Franklin, 59, ist Verwaltungsratspräsidentin der Forests for Friends AG. Nach ihrer Karriere bei Swiss Re war sie Generaldirektorin des WWF Schweiz.
Jürg Kesselring
«In einer einzigen Sache sehe ich mich gescheitert. In dieser aber geradezu chronisch. Trotz Tausenden von Anläufen ist es mir nicht gelungen, hinter das Rätsel von multipler Sklerose zu kommen, es zu lösen. Ich weiss, dass ich mit diesem Scheitern in guter Gesellschaft bin. Die Niederlage betrübt mich trotzdem. Das Einzige, was hilft: weitermachen, nicht aufgeben. Auch wenn es nicht einfach ist, hoffnungsvoll zu bleiben und gleichzeitig realistische Erwartungen zu hegen. Aus meiner täglichen Arbeit mit Patienten weiss ich, wie unrealistische Erwartungen zu verdriesslichen Enttäuschungen führen können, von denen man sich nur schwer erholen kann.»
Jürg Kesselring, 58, ist Chefarzt für Neurologie am Rehabilitationszentrum Valens sowie Präsident der Schweizerischen Multiple-Sklerose-Gesellschaft.
Michael Klett
«Ich habe als Unternehmer viele Fehler gemacht, aber keiner war so schlimm wie mein Einstieg ins Privatradio. Damals stand ich vor der schlimmsten Krise meiner Karriere: Die Schülerzahlen in Deutschland brachen Mitte der 1980er Jahre ein, für einen Schulbuchverlag wie Klett eine Katastrophe. Also suchte ich neue Geschäftsfelder.
Gerade rissen sich alle um die Lizenzen fürs Privatradio. Ich stieg mit ein, dabei hatte ich gar keine Ahnung, wie das läuft. Enthusiastisch baute ich vier Sender in Baden-Württemberg auf, suchte ein tolles Team zusammen. Witzige Sendungen wurden konzipiert. Aber der Erfolg blieb aus. Ich war so naiv! Ich dachte, wenn wir ein gutes Programm machen, fliessen die Einnahmen schon, weil die Werbekunden zu uns kommen. Das war aber nicht so, die Werbeagenturen nahmen uns überhaupt nicht ernst. Ich habe trotzdem viel zu lange an dem Geschäft festgehalten, zwei Jahre lang. Das hat uns damals 10 Millionen Mark gekostet, also heute etwa 7 Millionen Franken.
Natürlich ist es schwer, Fehler zuzugeben. Ich selbst habe sehr mit mir gerungen, nächtelang schlecht geschlafen, mich abwechselnd selbst beschimpft und bemitleidet. Letztlich habe ich dann aber vor den Mitarbeitern im Verlag eingestanden, dass der Ausflug in eine fremde Branche eine Fehlentscheidung war. Daraus ist bei uns eine neue Fehlerkultur entstanden. Schwere Managementfehler wurden in sogenannten Flopberichten dokumentiert. Die ersten drei Berichte habe ich geschrieben und öffentlich gemacht. Mitarbeiter müssen über ihre Fehler reden dürfen, ohne ihre Karriere zu gefährden, sonst ist man irgendwann nur noch von Duckmäusern umgeben.
Als ich mit 27 in den Verlag kam, hatte ich keine Ahnung vom Geschäft. Mein Lebenstraum war gerade zerplatzt: Ich wollte Schauspieler werden. Aber ich hatte einfach kein Talent. Also ging ich doch ins Familienunternehmen, wo ich lange nichts anderes war als der Assistent meines Vaters. In seinen Augen hatte ich gebummelt – ich hatte nicht studiert, sondern mich am Theater herumgetrieben und musste nun alles nachholen und in der Praxis lernen. Immer wieder habe ich Fehlentscheidungen getroffen und war dabei auch noch ziemlich nassforsch. Zwar ging meistens alles gut aus, aber es blieb bis heute dieses Gefühl, dass ich den Anforderungen eigentlich nicht genüge. Ich wirke selbstbewusst, aber da profitiere ich von meiner Schauspielausbildung. Ich empfinde das allerdings nicht als Schwäche: Der Zweifel hält mich wach.»
Michael Klett, 72, leitete von 1976 bis 2009 den Klett-Verlag als Vorstandsvorsitzender, heute sitzt er im Aufsichtsrat.
Gabriela Manser
Ich erinnere mich genau an diese Infoveranstaltung. Es ging um kindergerechte Gestaltung und die Kunstwerke, die im Kinderspital St. Gallen installiert worden waren. Ich war damals schon 30, aber es fehlte mir das Selbstvertrauen, um den Mund aufzumachen. Still hörte ich zu, was die Klinikleitung, die Chefärzte und die Architekten zu sagen hatten. Dabei hatte ich durchaus eine Meinung: Die Bilder sollten auf Augenhöhe der Kinder hängen. Aber wen würde meine Ansicht interessieren? Ich war «nur» eine Spitalpädagogin. Und anscheinend eine, die sich nicht einmal getraute, den Finger zu heben, um sich zu äussern. Ich fürchtete, dass das, was ich zu sagen hatte, nicht gescheit genug war. Und schwieg. Ich sass wie auf Kohlen. Bedrückt. Und durch mich selbst unter Druck gesetzt. Wie ein Dampfkochtopf mit verschlossenem Ventil. Ich schwieg während der ganzen Veranstaltung, und als diese zu Ende war, schwieg ich noch immer.
Gabriela Manser, 48, übernahm 1999 die Leitung der Mineralquellen Gontenbad; sie erfand das Holunderblütengetränk «Flauder». 2005 war sie Unternehmerin des Jahres.
Peter Ackermann ist stellvertretender Leiter Reportagen bei «Annabelle». Jenny Niederstadt ist freie Journalistin, sie lebt in Hamburg.
Leserbriefe:
Zu Leer im Kopf - NZZ-Folio Grandios gescheitert (07/10)
In den Siebziger Jahren blätterte ich bei Ex Libris in einem Bildband über die Alpen. Viele schöne Bergbilder - eine Seite zeigte einen Soldaten in einer Gebirgsbluse ohne Rang-Abzeichen. Ich war ein wenig erschrocken - der Soldat war ich selber. Das Buch kostete 25 Franken. Ich kaufte es nicht, denn ich hatte zu Hause bereits einige Bergbücher und ein Foto von mir brauchte ich nicht. Zudem war ich arbeitslos. In einem Gebirgskurs im Sommer 1941 stand ich auftrags-gemäss auf dem Gipfel des Mittaghorns im Berner Oberland. Es war Sonntagvormittag, ein leichter Wind trug das Geläute der Kirche von Lauterbrunnen zu mir hinauf. Ein Kamerad aus der Gruppe, die an mir vorbei musste, war offenbar Fotograf. Viel später begann ich mich zu ärgern. Das Buch gehört doch zur Familiengeschichte. Ich haben den Aktivdienst vom ersten Tag an mitgemacht - die Alpen und die Armee als Hintergrund. Eigentlich sollten meine Urenkel etwas davon mitbekommen. In der Schweiz werden Bücher nicht verbrennt. Sie stehen in einer Hausbibliothek und werden vergessen. Das wäre meine Chance! Ich begann Antiquariate abzuklopfen, ich schrieb Briefe, es gab einen Aufruf im Radio und das Fernsehen versuchte, den Bildband zu finden. Auch Sektionen des SAC halfen mir bei der Suche. Ich war in allen in Frage kommenden Bibliotheken und erhielt einige Rückmeldungen - leider negative. Ich bin jetzt 92 Jahre alt und muss zugeben, mit meinen Versuchen das Buch zu finden, bin ich grandios gescheitert. Hans Moser, Thalwil
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