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NZZ Folio 07/10 - Thema: Grandios gescheitert   Inhaltsverzeichnis

Duftnoten -- Die letzte

© Fabienne Boldt
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Lichtstrahlen und Musikstücke, die duften; Riechbücher zum Herunterladen aus dem Internet: Zum Abschied die Duftnote für das Jahr 2025.

Von Luca Turin

Dies, Freunde, wird meine letzte Duftnote sein. Schauspieler wollen irgendwann einmal Regie führen, Künstler wollen Kulturminister werden, Tänzer wollen als Choreographen arbeiten, und ich, ich möchte über andere Dinge schreiben als über Düfte. Zum Abschied hier die Duftnote für das Jahr 2025:

Die Zeit der International Fragrance Association IFRA ist vorüber. Die olfaktorischen Zellen werden jetzt direkt durch Licht stimuliert, chemische Reize sind seit 2013 überflüssig, als es einer Gruppe am Media Lab des MIT (Massachusetts Institute of Technology, mein derzeitiger Arbeitsplatz) gelang, mit Hilfe von Lichtimpulsen aus drei verschiedenen Wellenlängen überzeugend den Eindruck von Speckgeruch hervorzurufen.

Drei Jahre später war die Technologie so ausgereift, dass Parfumeure nicht mehr unterscheiden konnten, ob sie an Rosenöl oder an Licht rochen. Die Chemiestudenten des MIT gehörten zu den ersten, die diese Technik zur Identifizierung und Etikettierung von Molekülen nutzten, indem sie Gerüche mit Melo­dien verknüpften. Mein Sohn roch in einem Hustenbonbon Wintergrün und sagte «Rauch und Minze». Als er und seine musikalisch veranlagte Schwester ans MIT kamen, hatten sie im Nu die Akkorde für Rauch und Minze isoliert und spielten sie in unterschiedlichen Tempi – arpeggiato hat sich als das beste erwiesen –, bis sie zu Wintergrün verschmolzen.

Mit zwanzig schloss der Junge sein Studium in Optogenetik ab. Seine Schwester bekam im dritten Jahr in der Kompositionsklasse der Juilliard School für darstellende Künste die Aufgabe gestellt, ein dreiminütiges Duftstück zu komponieren, das mit einem Cluster-Akkord aus nassem Hund beginnt und durch sukzessives Entfernen aller dissonanten Noten in einem pianissimo gespielten Jicky endet.

Wenn Sie einen Duft riechen möchten, sprayen Sie sich eine Lösung von 200 verschiedenen harmlosen Viren in die Nase. Jedes Virus infiziert eine andere Sorte von olfaktorischen Rezeptoren und veranlasst diese zur Produktion eines Proteins, das unter dem Einfluss einer bestimmten Lichtfarbe elektrische Ladungen durch die Zellmembran sendet. Nach 18 bis 24 Stunden sind die Proteine einsatzbereit. Dann führen Sie einen kleinen Lichtwellenleiter in das Nasenloch ein, der mit einem Dutzend steuerbarer Laser und mit einem kleinen Gerät verbunden ist, das Dateiformate wie .olf, .noz sowie .mp7 auf Ihrem Notebook in Lichtstrahlen übersetzt.

Ich kaufte mir einen der Prototypen und verbrachte einige Monate damit, die Tonleiter der molekularen Schwingungen auf- und abzuklimpern und auf einem iPad Midi Keyboard endlos Vince Guaraldis «Cast Your Fate to the Wind» zu spielen. Das ist schon eine ganze Weile her. Längst hat iTunes eine Abteilung mit Riechbüchern, und auch die Osmothek können Sie im Internet besuchen.

Aber das Beste ist wie immer das Neuste: Die sonderbaren Harmoniegesetze zwischen den grossen Gerüchen werden inzwischen von einer Generation von «Sniffern» erforscht, einer Bewegung, die etwa 2020 in Paris begann und die inzwischen die ganze Welt erobert hat. Ihre Arbeiten sind so bekannt, dass ich nicht näher darauf eingehen muss. Ich wusste, was von diesen Leuten zu erwarten sein würde, als ich an einem Stück von Calice Beckers Enkelin roch, das bereits im Eröffnungstakt von Brot über ­Nagellack bis zu Curry reichte. Soeben schnüffle ich an ihrem zweiten Album . . .

Luca Turin ist Duftforscher bei MIT; er lebt in Boston.




Leserbriefe:

Zu Duftnoten -- Die letzte - NZZ-Folio Grandios gescheitert (07/10)

Lieber Herr Turin, vielen Dank für Ihre aufschlussreichen und interessanten "Duftnoten". Ich habe mal ein Stück mit so einem Titel getanzt und dabei Brötchen gebacken... Duft- und Tanzkomposition - eine flüchtige Kunst! Eigentlich habe ich gehofft, dass Sie uns im nächsten Folio verraten, ob und wo es gute Parfumeure in Sizilien gibt...
Rebekka Schaefer, Düsseldorf D



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Wer ist Luca Turin?

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Interview mit Luca Turin

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