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NZZ Folio 08/08 - Thema: Was wäre wenn . . . Inhaltsverzeichnis
Was wäre, wenn Mohammed früher gestorben wäre
Von Andreas Tunger-Zanetti
«Nachdem die Muslime von ihrer Deckung entblösst waren, fügte ihnen der Feind grosse Verluste zu. (…) Schliesslich drangen die Feinde bis in die Nähe des Propheten vor. Er wurde von einem Stein getroffen und fiel auf die Seite. Dabei verlor er einen seiner Schneidezähne und wurde im Gesicht und an der Lippe verletzt.» Dies berichtet Ibn Ishak über die Geschehnisse am Samstag in der Mitte des Monats Schawwal im Jahre 3 nach der Auswanderung Mohammeds von Mekka nach Medina (März 625 n. Chr.). Die Schlacht beim Berg Uhud in der Nähe von Medina ging als «Tag der Heimsuchung» in die islamische Geschichte ein. Gegen siebzig Muslime starben, der Prophet überlebte. Was, wenn der Stein ihn getötet hätte?
Die neue Religion, die sich doch nur als bereinigte Neuauflage des jüdischen und des christlichen Eingottglaubens verstand, war bereits gestiftet, wesentliche Teile des Korans waren dem Propheten bereits offenbart und von seinen Anhängern verinnerlicht worden. Die nächsten Jahre wären dennoch anders verlaufen: Der Prophet ist tot, gestorben «auf dem Wege Gottes», im Kampf für die Verteidigung des rechten Glaubens. Eine Auferstehung ist nicht vorgesehen, «Sohn Gottes» wollte der arabische Gottsucher nie sein. Aber nach Mekka hatte er gewollt, um die Verehrung des wahren Gottes auch in seiner Heimatstadt wieder einzupflanzen, von wo sie aus seiner Sicht vom Dienst an vielen Nebengöttern und am Mammon verdrängt worden war. Daraus wird nichts. Es gibt keine «Abschiedswallfahrt», die die Riten fixiert, nach denen heute noch jedes Jahr eine bis zwei Millionen Menschen durch und um Mekka pilgern.
Die Gemeinde in Medina bleibt ein bunter Haufen: Auswanderer aus Mekka, notdürftig versöhnte Stämme aus Medinas Einzelflecken. Die neue Religion bricht nicht sofort zusammen, zu viel hat Mohammed schon in Bewegung gesetzt. Doch seine charismatische Persönlichkeit fehlt als Kristallisationspunkt des politischen Gebildes. Die Anhänger des Islam, des Glaubens an den einen, gerecht richtenden und barmherzigen Gott, werden zu einer jener religiösen Sekten, von denen die Wüsten und Gebirge Westasiens im Laufe der Geschichte unzählige beherbergt haben. Vierzehn Jahrhunderte später kennen nur noch Spezialisten das Wort Islam.
Es findet keine arabische Expansion statt – oder nur eine kleine –, denn Amr ibn al-As und Chalid ibn al-Walid, zwei wichtige Widersacher, können sich nicht mehr von der Prophetenschaft Mohammeds überzeugen lassen und so zu den wichtigsten Feldherren der neuen politischen Kraft werden. Es entsteht kein islamisches Grossreich, in dem von Andalusien bis nach Iran Arabisch als Lingua franca verwendet wird. Zwar wird gehandelt, aber ohne den Dirham und den Dinar, dafür mit dem byzantinischen Solidus, der iranisch-sassanidischen Drachme und den Währungen all der Kleinfürsten, die sich ein Stück der beiden zerfallenden Grossreiche abschneiden konnten. Zwar bewahren Wissenschafter in Ägypten und Syrien die griechischen Schriften von Philosophen wie Aristoteles, Medizinern wie Galen und Geographen wie Ptolemäus. Aber kein Kalif von Bagdad lässt dieses Erbe von christlichen und jüdischen Spezialisten systematisch in die Sprache des Korans übersetzen. Kaum ein Gelehrter widmet sich mehr der Astronomie – wer muss schon von jedem Punkt der Erde aus fürs Gebet die Richtung kennen, in der Mekka liegt?
Die Folgen: Über das Mittelmeer hinweg wogen andere Kämpfe, vermutlich unter Christen. Die Händler sprechen nicht vom Risiko und rechnen ohne die arabischen Ziffern und die indische Null, sie benutzen keines der arabischen Wörter, die hier kursiv stehen. Und heute hätten wir weder Algorithmus noch Safran noch Satin, weder Koffer noch Fanfare. Die Dinge gäbe es gleichwohl, aber ihre Namen wären im Westen kaum heimisch geworden. Oder erst Jahrhunderte später.
Im 12. und 13. Jahrhundert fand leise ein bedeutender Technologietransfer statt: Sowohl im noch muslimischen Andalusien als auch am Hofe Friedrichs II. auf Sizilien begannen sich die Abendländer wieder für die alten Griechen zu interessieren, die östliche Gelehrte auf arabisch treu bewahrt und kommentiert hatten. Im nachhinein erwies sich dieses Interesse als eine Vitaminspritze, mit der Europa nun seinerseits zu neuen Horizonten aufbrechen konnte.
Andreas Tunger-Zanetti ist Islamwissenschafter an den Universitäten Zürich und Luzern; er lebt in Adligenswil.
Leserbriefe:
Zu Was wäre, wenn Mohammed früher gestorben wäre - NZZ-Folio Was wäre wenn . . . (08/08)
Der Islamgelehrte, der darüber spekuliert, was wäre, wenn Mohammed früher gestorben wäre, hat eine hübsche Spekulation geschrieben. Bei seinen geschichtlichen Tatsachen hat er allerdings etwas daneben gegriffen. Weder Risiko, noch Koffer, noch Satin sind dem Islam zu verdanken. Wikipedia kommt mit diesen Herleitungen, aber ein Blick in ein Geschichtsbuch oder in den Kluge genügt, die behauptete islamische Herkunft als Falscheinschätzung zu erkennen. Des weiteren wurde das Dezimalsystem, das "Zahlensystem der Hindu" vom syrischen Bischof (!) Sebokt beschrieben, im Jahr 662. Bischöfe haben die Eigenart, dass sie Christen sind, nicht Muslime. Auch unter islamischer Besatzung war die Intelligentsia noch Jahrhunderte christlich und jüdisch. Was die Übersetzungen betrifft: Der Westen hatte Kontakt zu Byzanz und damit Zugang zu den griechischen Originalen, und Aristoteles wurde schon übersetzt, bevor Averroes geboren war. In der vom Autor genannten Zeit wurde übrigens in Süditalien fleissig Griechisch gesprochen. Schliesslich war das nominal noch byzantinisches Gebiet. Offensichtlich hat der Autor auch verpasst, dass der Westen während Jahrhunderten ein Schulsystem auf der Basis von Boethius' Konzept aufbaute und allmählich die wissenschaftliche Diskussion förderte, was dann zu einem immer grösseren Interesse an Aristoteles führte, zu den Übersetzungen aus den Originalen aus Byzanz, zum Interesse an den Kommentaren aus dem arabisch schreibenden Raum, zu den eigenständigen philosphischen Entwicklungen bis zum modernen Diskurs (sic et non), damit zu den modernen Natur-Wissenschaften, den Universitäten (= Körperschaft mit eigenem Rechtsstatus, unbekannt im Islam), und letztlich zur Aufklärung und den Staaten im modernen Sinn. Die hochgelobten Madrassen im islamischen Bereich blieben aber das, was sie immer schon waren: Koranschulen. Wissenschaft, das ist dort die Beschäftigung mit dem Koran, vom Auswendiglernen bis zum Konstruieren von neuen Verhaltensanweisungen und der islamisch wissenschaftlichen, also koranbasierten Entscheidung, ob die Erde rund oder flach sei. Das hatte Folgen. Wäre Mohammed früher gestorben und die Ausbreitung seiner Lehre gestoppt, dann wäre der Nahe Osten heute womöglich hochtechnologisiert - so wie Israel, eigenständig und im fröhlichen Austausch mit dem Westen. So aber verschob sich der Schwerpunkt der Wissenschaft erst gegen Byzanz, dann in den Westen, das Unternehmertum verkümmerte und die Produktion z. B. von feinen Stoffen wurde in die italienischen Städte verlagert, wo sich später Leonardo da Vinci bei den Webmaschinen austoben konnte, während die Industrie die Ware fleissig in den Nahen Osten exportierte, so ihren Aufschwung nahm und in der Folge heute in Ferraris und Maseratis ihren Ausdruck findet. Das akademische Leben in islamischen Landen hingegen verkümmerte, nachdem der Aufklärungsversuch der Mutazili abgewürgt war. Was alles verloren ging, welche Chancen vergeben wurden, kann man abschätzen, wenn man sich mit dem Mechanismus von Antikythera beschäftigt. Von hochkomplexen Mechaniken am byzantinischen Hof berichteten noch die Emissäre von Karl dem Grossen, aber von den islamischen Höfen ist nichts Derartiges bekannt. Laurenz Hüsler, Egg
Stellungnahme des Autors: Die Etymologie der im Folio-Text kursiv gesetzten Wörter (nicht nur für Risiko, Koffer und Satin) ist nachgewiesen in: Nabil Osman: Kleines Lexikon deutscher Wörter arabischer Herkunft, München (C.H. Beck) 1982 (und später). Im Literaturverzeichnis dieses Werkes ist übrigens das etymologische Wörterbuch von Friedrich Kluge aufgeführt; der Autor Nabil Osman dürfte es also konsultiert haben. Ein syrischer Bischof kann die indische Null sehr wohl im Jahre 662 beschreiben. Im Folio-Text behauptet wird lediglich, dass sich diese Erfindung im Kulturgrossraum, der durch die islamische Expansion entstand, auch nachhaltig verbreiten konnte. Tatsächlich verdankt die islamische Kultur gerade in den allerersten Jahrhunderten jüdischen und christlichen Gelehrten, Übersetzern und Verwaltungsfachleuten viel. Man mag darin wahlweise eher kühlen Pragmatismus oder aber grossherzige Toleranz sehen. Allerdings bildete sich schon bald auch eine wissenschaftliche muslimische Elite heraus. Wenn L.H. jedoch behauptet: „Auch unter islamischer Besatzung war die Intelligentsia noch Jahrhunderte christlich und jüdisch", so ist dies erstens in dieser Ausschliesslichkeit („die Intelligentsia") nicht richtig, und verkennt zweitens die Tatsache, dass sich die nicht-muslimischen Untertanen längst nicht überall als „unter islamischer Besatzung" lebend empfanden; in manchen Gebieten waren die Eroberer von der Bevölkerung, die des byzantinisch-sassanidischen Ringens und der Verfolgung nicht staatstreuer christlicher Bekenntnisse müde war, freudig empfangen worden! Die vom Leser angeführten Überlegungen zur Rezeption des griechischen Erbes widersprechen den im Folio gemachten Angaben nicht, sie suggerieren lediglich eine andere Bewertung. Tatsache bleibt indes, dass die Europäer das griechische Erbe massgeblich auf dem (Um-)Weg über die arabische Sprache bzw. den islamischen Kulturraum wiederentdeckt haben, mag es auch theoretisch früher und anders zugänglich gewesen und danach wieder aus der Originalsprache übersetzt worden sein. Manche Werke sind allerdings im griechischen Original für immer verloren gegangen und nur arabisch überliefert. Die Vitalität des hoch- und spätmittelalterlichen Schulwesens wird durch all dies nicht in Frage gestellt. Die islamischen Medressen im Gegenzug herunterzumachen, ist jedoch verfehlt. Erstens kommen sie im Folio-Text weder „hochgelobt" noch sonst irgendwie vor, weitens waren sie durchaus mehr als blosse Koranschulen, und im übrigen haben die islamischen Länder auch noch in Zeiten, die bereits allgemein als „erstarrt" gelten, hochkarätige, originelle Wissenschaftler hervorgebracht. Richtig ist lediglich, dass es die Wissenschaften in den islamischen Ländern nach dem Abwürgen der Mu’tazila aus vielschichtigen (nicht nur wissenschaftspolitischen) Gründen nicht mehr zur nötigen Vitalität gebracht hat.Wenn nun der Leser spekuliert, der hypothetisch vorverlegte Tod Mohammeds hätte aus dem Nahen Osten womöglich eine prosperierende Region gemacht (war sie es denn faktisch nicht eine gewisse Zeit lang?), so ist dies zu kurz geschlossen. Die Voraussetzungen dafür mögen im 7. Jahrhundert bestenfalls in verschütteter Form vorhanden gewesen sein. Das westliche Interesse an den alten Griechen kam eben in der revolutionär wirkenden Form erst im Hoch- nicht schon im Frühmittelalter, angetrieben massgeblich durch ein Bündel von Faktoren: freie Städte, Handel und im übrigen sogar eine warme Periode des Erdklimas (Bevölkerungswachstum, Expansionsdrang). Dass anstelle des Islams eine andere Kraft für ein paar Jahrhunderte einen grossen Kulturraum mit Einigungswirkung hätte schaffen können, ist denkbar, bleibt aber pure Mutmassung. Byzanz hat zwar noch diverse Blütezeiten erlebt, hatte die wissenschaftliche Vormacht aber nie für sich allein gepachtet; sonst hätte es daraus wohl etwas mehr machtpolitisches Kapital schlagen können müssen. Andreas Tunger-Zanetti
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