|
|
Zerlegt -- Einfach, reizlos, bio
© Patrick Rohner, Zürich
|
| Tunika-T-Shirt, Biobaumwolle, Globus, 59 Franken 90. |
|
 |
Die grüne Welle hat auch unsere Kleider erfasst: Nachhaltig produzierte Biobaumwolle ist zunehmend gefragt – auch wenn Biomode noch einige Wünsche offenlässt.
Von Jeroen van Rooijen
Organic-Mode ist im Trend. Laut der Organisation Organic Cotton Exchange in den USA hat sich der Jahresumsatz mit Biotextilien in den letzten fünf Jahren vervierfacht und dürfte 2010 die Grenze von 5 Milliarden Dollar überschreiten. Das Bewusstsein für fair und nachhaltig produzierte Kleidung wächst – das ist die gute Nachricht. Mit Biobaumwolle ist es aber auch ein wenig wie mit Kaschmir: Es wird auf dem Weltmarkt der Textilien seit geraumer Zeit mehr davon angeboten, als tatsächlich produziert wird.
Das heisst: Es wird gelogen und getrickst. Das Echo war also gross, als Anfang 2010 in Deutschland ein Betrügerring aufgedeckt wurde, der falsch deklarierte Baumwolle im grossen Stil verkauft haben soll, unter anderem an die Grossverteiler H & M, C & A und Tchibo. 30 Prozent der in Bremerhaven getesteten indischen Biobaumwolle waren genetisch verändert worden. Vermutlich war dies nur die Spitze des Eisbergs, wenn man bedenkt, dass zwei Drittel der Biobaumwolle derzeit aus Indien kommen.
Das zum Migros-Konzern gehörende Schweizer Premium-Kaufhaus Globus, das unlängst das Thema Nachhaltigkeit in seinem Leitbild verankert hat und deshalb dieses Frühjahr eine eigene Organic-Kollektion lanciert, betritt also vermintes Gelände. Aber man sei gut vorbereitet, sagt Globus-Sprecher Jürg Welti: «Die Baumwolle der Organic-Linie kommt aus der Türkei, Indien und den USA. Und unser Lieferant in Indien prüft die Rohbaumwolle auf genetisch manipulierte Fasern, um sicherzustellen, dass nur Baumwolle verarbeitet wird, die der Bioverordnung entspricht.»
Genau das wollen die Kunden heute hören: klare Bekenntnisse. Der Anbau der Baumwolle werde nach der EU-Bioverordnung (2092/91/EG) überprüft, Transaktionszertifikate belegten jeden Schritt des Warenflusses, sagt Globus. Auch der verwendete Farbstoff entspreche den Standards für Biobekleidung und sei frei von verbotenen Aminen, Schwermetallen oder Allergien auslösenden Stoffen.
Genäht wird in Indien. Materiell scheint alles wasserdicht zu sein. Doch muss die Vorsicht, mit der Globus die heikle Ökomode angepackt hat, auch auf die modische Ambition abgefärbt haben, denn die neue Organic-Linie ist kein gewagter Wurf. Die Teile sind einfach bis sehr schlicht konstruiert – «Basics» nennt man diese zeit-, aber auch reizlosen Grundschnitte.
Das hier zerlegte Tunika-Shirt in einem schwer definierbaren Lila-Farbton ist ein einfaches, kastig geschnittenes Rundhals-T-Shirt, dessen Rumpfteil zum Hals hin durch ein halbes Dutzend abgenähter Fältchen etwas körpernaher ausfällt. Damit ist das Innovationspotential der Kreation aber schon ausgeschöpft: Weder feine Verarbeitungsdetails an den Nähten noch raffinierte Kantenlösungen sind auszumachen. Globus wollte offenbar für den ersten Schritt in Richtung Nachhaltigkeit erst einmal materiell alles richtig machen. Und hat dabei vergessen, dass Mode auch immer Begehren wecken muss.
Jeroen van Rooijen ist Moderedaktor bei der NZZ am Sonntag.
Teilen
Für 94 Franken pro Jahr gibt es NZZ Folio auch im Abonnement. Näheres hier.
Urheberrecht gilt auch im Internet: Verlinken erlaubt, Kopieren verboten.
|
|
|