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NZZ Folio 07/10 - Thema: Grandios gescheitert Inhaltsverzeichnis
Nur noch einmal in den Ring
© Todd Warnock, New York.
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| Gay Talese, 78, ist einer der Grossen in der Zunft der Journalisten. Er gilt als Gründer des «New Journalism». Seine Portraits und Reportagen sind in «The New York Times», «Vanity Fair» und «Esquire» erschienen. Sehr oft sind sie aber auch abgelehnt worden. |
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Der amerikanische Reporter Gay Talese hat ein Leben lang Verlierer porträtiert. Oder Gewinner, in dem Moment, da sie verloren. Bis er sich über die Recherchen fast selber verlor.
Von Peter Haffner
Seine Frau, sagt er, habe mehrmals davonlaufen wollen und es einmal auch getan, als er für «Thy Neighbor’s Wife» recherchierte.
Gay Talese bittet um Nachsicht, falls das Telefon klingelt. Er wird abnehmen müssen. Es wird der «New Yorker» sein mit der Antwort, ob der bestellte Text, den er eben per Fax geschickt hat, genehm ist. Dessen ist sich Talese nicht sicher, und er lässt die pastellgelbe Aktenhülle mit dem Manuskript auf das Tischchen mit den Plasticrosen fallen wie ein Spieler seine letzte Karte. «Es ist ein Artikel über ‹Gino›», sagt er. «Für die Rubrik ‹Talk of the Town›.»
«Gino» ist Taleses Lieblingsrestaurant. Es liegt an der Lexington Avenue nahe der 61st Street, wo er seit einem halben Jahrhundert wohnt. Das Menu hat sich seit 1945 so wenig geändert wie die Sitte, keine Reservationen, Kreditkarten oder Kellner mit Ohrringen zu akzeptieren. Nun wird das Lokal schliessen, und eine Ära geht zu Ende, deren Chronist Gay Talese war; ein Mann, der sich täglich mehrmals umkleidet und sein Wohnzimmer nie ohne blankpolierte Schuhe, massgeschneidertes Jackett und assortierte Krawatte betritt.
Talese besitzt ein vierstöckiges weisses Townhouse nahe der Park Avenue in Manhattans Upper East Side. In der Nachbarschaft von New Yorks Wolkenkratzern macht es sich schmal aus, doch drinnen überrascht es mit Ausmassen, als gucke man umgekehrt durch ein Fernglas. Der Salon in Beige, von leicht verkommener Eleganz, hat einen Hauch von Lunapark mit Objekten wie einem Messinghirsch, dessen Geweih als Kerzenständer dient. Die italienische Abstammung des Hausherrn verrät sich darin wie in den Sofas und Sesseln mit Leselampen seine Passion für Bücher, die er mit seiner Gattin Nan, einer Verlegerin, teilt.
Gay Talese hat sich einen Namen gemacht mit Portraits von Berühmtheiten im Frühherbst ihres Lebens. Boxer wie Floyd Patterson, der nur noch verlor, Joe Louis und Muhammad Ali, die nicht mehr im Ring standen, der einstige Baseballstar Joe DiMaggio, der immer noch Marilyn Monroe nachtrauert. Mit Reportagen wie «Frank Sinatra Has a Cold», dem Blick auf den Star aus der Perspektive seiner Entourage, glückte Talese, was wenigen vergönnt ist: Er bildete einen Stil und wurde zum Lehrmeister von Grössen wie Tom Wolfe, der ihn als Begründer des «New Journalism» rühmt, der Einführung literarischer Mittel in die Nonfiction. «Ich selber habe das nie als etwas Neues betrachtet», sagt Talese, der F. Scott Fitzgeralds Kurzgeschichte «Winter Dreams» einmal Wort für Wort abschrieb, um zu verstehen, warum sie so gut ist.
«The art of hanging out» nennt er seine Kunst, das Herumhängen mit Menschen, bis er sie so gut kennt, dass er innere Monologe schreiben kann. Die Verlierer, die Gescheiterten, die Sportler, die ein langes Leben mit einem nie wiederkehrenden Ruhm leben müssen, hatten Zeit für ihn. Und er für sie, mit wachsendem Ruhm immer mehr. Taleses Bücher wie «Honor Thy Father» über den Niedergang einer Mafia-Familie oder «Thy Neighbor’s Wife» über die Propheten der freien Liebe sind eine dokumentarische Comédie humaine, die in jahrelanger Gesellschaft mit Mafiosi, Masseusen und Swingern entstanden ist. Beides Bestseller, trugen sie ihm die Mittel ein, in neue Projekte noch mehr Zeit zu investieren. Doch die scheiterten aus Gründen, die Talese schwer verwinden kann. «Ich bin ein fleissiger Autor von unveröffentlichten Manuskripten», sagt er mit Blick auf das Telefon, das stumm bleibt.
Gay Talese würde eine negative Antwort des «New Yorker» nicht überraschen. Vor Jahren hat er für die Zeitschrift eine Reportage über den Fall Bobbitt geschrieben, die Frau, die ihren Mann mit dem Küchenmesser kastrierte und seinen Penis auf der Flucht aus dem Autofenster warf. Der Text, Resultat einer sechsmonatigen Recherche, wurde abgelehnt von der Auftraggeberin, der damaligen Chefredaktorin Tina Brown.
«Down and Out in America», das geplante Buch über die Bobbitts, ist ebenso wenig zustande gekommen wie «The Building», das Buch über ein Spukhaus nahe dem seinen, oder «Liu Ying», die Geschichte der chinesischen Fussballerin, die im Final der Weltmeisterschaft 1999 den entscheidenden Elfmeter gegen die USA verschoss. Gay Talese, zu dem Reporter aufschauen als dem Meister, dem alles gelang, fühlt sich nicht als solcher.
Mit seinen 78 Jahren ist der Tennisspieler und Fahrer eines weissen 1957er Triumph TR 3 eine beneidenswerte Erscheinung. Schlank, grossgewachsen und nie ohne Hut, fällt Talese selbst im Jahrmarkt der Eitelkeiten New Yorks so auf, dass Passanten sich nach ihm umdrehen. Sein einnehmendes Wesen täuscht über eine Hartnäckigkeit hinweg, die zwei lange, Mund und Nase wie in Klammern haltende Falten nur andeuten. Talese ist geübt, Menschen zum Reden zu bringen, seit er Sportreporter der High School für den «Ocean City Sentinel Ledger» war und im Umkleideraum Schulkollegen weinen sah, weil sie ein Spiel vermasselt hatten. Er hörte ihnen zu, wie sie sich rechtfertigten, wie sie in sich gingen, ihren Fehlschlag wieder und wieder rekapitulierten. «Lernen tut man von den Gescheiterten», sagt Talese und greift nach dem mit Wasser gefüllten Weinglas. «Die Glücklichen brauchen sich nicht zu erklären.»
Wenn Talese morgens in seinen «Bunker» geht, die fensterlose Schreibklause im Untergeschoss, macht er sich fein für die paar Stufen der Aussentreppe, doch arbeiten tut er im Sweater. Als Sohn eines Schneiders hat er seine Artikel stets als Produkte gesehen, deren Label, sein Name, wie Vaters handgenähte Anzüge von einer Qualität zeugen soll, die Moden überdauert. «Ich stellte mir vor, ich sei ein Mönch, der das ‹Book of Kells› illuminiert», sagt Talese. «Ich dachte nie, es ist bloss Journalismus und am nächsten Tag im Abfall.»
So unangestrengt seine Texte scheinen, er produziere sie «mit der Leichtigkeit eines Patienten, der Nierensteine löst», sagt er von sich. Er greift nach der Aktenhülle neben dem Telefon, fingert die Manuskriptseiten für den «New Yorker» heraus und zählt mit anschwellender Stimme: «Eins, zwei, drei, vier… Ziemlich grosse Schrift, Vierzehnpunkt… Dafür habe ich vier Tage gebraucht, nein fünf! Fünf Tage, um dies zu schreiben, ein Stück für den ‹Talk of the Town›!» Dann wirft er die Aktenhülle zurück und sagt: «Ein Tagesjournalist hätte das in einer Stunde.»
Floyd Patterson, dem Boxer, der nie aufgab, hat Talese eines seiner schönsten Portraits gewidmet. Es erschien im Monatsmagazin «Esquire», nach mehr als dreissig Berichten, die er für die «New York Times» über Patterson geschrieben hatte. Patterson verlor seinen Schwergewichtstitel 1959 an den Schweden Ingemar Johansson in einem Kampf, in dem er siebenmal zu Boden ging. Er holte ihn noch einmal zurück und verlor ihn für immer, als Sonny Liston ihn in der ersten Runde k. o. schlug. Patterson, 27jährig und gesund, konnte nicht glauben, dass es mit ihm zu Ende sei, dass er sich nie mehr einem Gegner würde stellen können ohne falschen Bart und dunkle Sonnenbrille im Koffer, um unerkannt aus dem Stadion zu kommen. «Wenn man siegt, kann man alles tun», sagte Patterson damals zu Talese. «Es ist die Niederlage, in der ein Mann sich verrät.»
Auf die Frage, warum er nicht aufhöre zu boxen, hatte Patterson mit der Gegenfrage geantwortet, warum er, Talese, nicht aufhöre zu schreiben nach einem Misserfolg. Geplagt vom schlechten Gewissen, dass die Redaktion dem Portrait den Titel «The Loser» gegeben hatte, blieb Talese Patterson freundschaftlich verbunden, beeindruckt von seiner Weisheit. «Für mich war er kein Verlierer», sagt er. «Was wirklich zählt im Leben, ist Beharrlichkeit.»
1992, nach der Publikation von «Unto the Sons», schloss Talese einen Vertrag für den zweiten Teil seiner Autobiographie. Sieben Jahre später hatte er 54 Seiten und eine halbe zu Papier gebracht. Er hatte andere Bücher begonnen und keines beendet, als er am Fernsehen sah, wie die 25jährige Liu Ying China um den Weltmeistertitel im Frauenfussball brachte. Er roch eine Story, die wie seine grossen Stories in einer Person eine ganze Welt erfassen würde; China gegen die USA, die Rivalen im Kampf um den Schwergewichtstitel in der Politik. «Lius verpatzter Penalty war bedeutsamer und herzergreifender als die erniedrigende Tracht Prügel, die Floyd Patterson Jahrzehnte zuvor von Muhammad Ali einstecken musste», schreibt er in «A Writer’s Life», dem Buch, das 2006 als Fortsetzung seiner Lebensgeschichte erschien.
Es ist das Buch der ungeschriebenen Bücher Taleses. Talese verfolgt Liu Yings Schicksal über Jahre, reist ihr nach um die halbe Welt, ohne jemanden für die Geschichte interessieren zu können. Er nimmt an der zweiten Gerichtsverhandlung im Fall Bobbitt teil, nachdem seine Reportage über die erste vom «New Yorker» bereits abgelehnt ist. Er trifft sich mit dem Gastwirt und dem Personal des letzten der Restaurants, die eines nach dem anderen pleitegingen im Spukhaus 206 East 63rd Street, als ihm sein Lektor bereits mitgeteilt hat, er wolle das Buch nicht.
«Oh, das ist lange her», sagt Talese, wenn man ihn an seine legendären Portraits und Bücher erinnert, deren Glanz den Blick auf den heutigen Autor blendet. «Ich hatte ein paar grosse Hits, die mein Leben als Berufsrechercheur finanzierten.» Kaum merklich zeigt sein Gesicht Enttäuschung, als er von der Mühseligkeit seiner jüngsten Recherchen redet, die er in «A Writer’s Life» protokolliert wie einer, der vom Wald erzählen möchte, indem er einen Baum nach dem anderen beschreibt.
Welche Form hätte er diesen Stoffen gegeben, wären es eigenständige Bücher geworden? Talese reagiert mit Unwillen. «‹A Writer’s Life› ist, was es ist – das Leben eines Schriftstellers!» sagt er etwas zu laut. «Es ist kein Buch über den Erfolg, es ist eines über das Scheitern.»
Von Kurzgeschichten, die daraus hätten werden können, will Talese nichts wissen. Er wollte in Liu Ying die Welt des 21. Jahrhunderts porträtieren, aber die Sportlerin, die sich bei ihrem Heimflug nach Peking gewünscht hatte, «das Flugzeug würde für immer in der Luft bleiben», wurde in China nicht geschmäht, wie Talese erwartet hatte, sondern getröstet sogar von Präsident Jang Zemin. «Machen Sie sich keine Sorgen», sagte der zu ihr. «Ein anderer Tag wird kommen, und Sie werden eine neue Chance haben.»
Er würde, hatte Floyd Patterson einst Talese gesagt, alles darum geben, noch einmal gegen Sonny Liston antreten zu können, nur um die erste Runde zu überstehen. Der Boxer hatte vom «guten Gefühl der Trunkenheit» geredet, wenn man k. o. geschlagen ist, von der Ernüchterung, sobald man realisiert, was geschehen ist, und von der Schmach, «aus dem Ring gehen und all diesen Leuten ins Gesicht sehen zu müssen». Der Totalverriss der «New York Times» von «A Writer’s Life» hat Talese, wie eine gute Freundin sagt, so aufgebracht, dass er den verantwortlichen Redaktor zur Rede stellte.
Talese sieht, dass es einfacher war früher, als er für jede Story einen Auftrag und eine Deadline hatte. Seither ist er sich, wie er im Buch notiert, immer wieder «im Unklaren, worüber ich eigentlich schreibe», fürchtet, «die Perspektive zu verlieren im uferlosen Sammeln von Informationen», und sucht Trost darin, dass es nicht anders war bei seinen Bestsellern, als er «wahllos Unmengen unbedeutender Details zusammentrug und sie später sorgfältig aussortierte». Er erwägt, über seinen «Zustand der Unschlüssigkeit und des Missbehagens hinwegzukommen», indem er über die «Unzufriedenheit und Verzweiflung anderer» schreibt – ein Buch über Leute mit dem «einzigartigen Talent zu verlieren» unter dem Titel «Profiles in Discouragement» oder «The Loser’s Guide to Living», ein Gegenstück zu den epidemischen Aufmunterungsfibeln eines Landes, in dem das «Streben nach Glück» Bürgerpflicht ist.
Im Restaurant Gino nehmen die wie immer schwarz gekleideten Neapolitaner Michele Miele und Salvatore Doria, beide um die siebzig, die Bestellungen und Beileidsbekundungen der für immer letzten Gäste entgegen. Die Tapete in Tomatenrot mit den dreihundertvierzehn springenden Zebras, die Talese eines Abends nach ein paar Gläsern Sambuca abgezählt hat, wird heruntergerissen werden, und niemand wird sich mehr fragen, warum bei der Hälfte der Tiere ein Streifen fehlt. Talese weiss es, es steht in seinem Artikel für den «New Yorker».
Geduld hat Gay Talese von seiner Mutter gelernt, deren Talent es war, korpulente Kundinnen im «Talese Town Shop», ihrem Kleidergeschäft in Ocean City, New Jersey, gut aussehen und sich gut fühlen zu lassen. Er lauschte den Gesprächen, als er noch kaum über den Ladentisch sehen konnte. «Pausen, Ausflüchte, die sie machten, plötzliche Themenwechsel deuteten auf das hin, was sie in Verlegenheit brachte», schreibt er im Essay «Origins of a Nonfiction Writer». «Daraus habe ich gelernt, nie zu unterbrechen, wenn jemand Schwierigkeiten hat, sich zu erklären.»
Es seien alles nichtkommerzielle Themen gewesen, sagt er über seine gescheiterten Bücher und Reportagen, die er einfach habe machen wollen. «Hätte ich einen Verleger gefunden… Ich konnte nicht… Niemand wollte es…», setzt er an und meint dann, heute sei Aktuelles gefragt, Portraits von Erfolgreichen, Personen im Rampenlicht. Und dass es schwer sei, über das eigene Scheitern zu schreiben, weshalb es ihn gereizt habe. «Schriftstellerkollegen sagen mir, ‹A Writer’s life› sei keine Story, die jemanden ermutige, den Beruf zu ergreifen. Es war auch kein Verkaufserfolg.»
Dann redet er vom Stolz, Journalist zu sein, einem der wenigen ehrbaren Gewerbe anzugehören, in dem Lügner entlarvt und entlassen würden, nicht wie bei den Priestern, die einander deckten, den Bankern, die sich betrügerisch bereicherten, den Politikern mit Nasen, länger als jene Pinocchios. Er redet vom Berufsstolz, den Journalisten haben sollten, und dass man sich «für eine Story in Schale werfen» sollte wie für eine Hochzeit oder Bestattungsfeier.
Talese sieht sich nicht als einen mit frühem Erfolg Verwöhnten. Redaktoren hätten viele seiner Artikel abgelehnt, sagt er, weil sie die literarische Form nicht mochten. Er verweist auf seinen Vater, der die «wundervollsten Anzüge» gefertigt habe und bankrottgegangen sei, und er weiss noch genau, wie wenig er selber wann und womit verdiente und wie hoch die Miete für das erste Appartement des Hauses war. «Ich habe überhaupt kein Geld gehabt», sagt er und nennt die Honorare für jedes seiner Bücher. Zweieinhalb Millionen Dollar allein für die Filmrechte von «Thy Neighbor’s Wife». «Das war mein grosses Ding», sagt er.
«Ich habe mir gesagt, wenn ich schon Geld habe, wofür spare ich es? Für später, wenn ich im Spital im Rollstuhl herumgekarrt werde?» Liu Ying, das Spukhaus, all die Recherchen gingen auf eigene Rechnung. «Wenn ich so erfolgreich wäre, wie manche glauben, warum hat dann kein Redaktor gesagt: Los, machen Sie’s?» Er erinnert an den «New Yorker», die gekillte Bobbitt-Story von 1993, den letzten nennenswerten Auftrag bis heute, dieses «Talk of the Town»-Artikelchen, und wirft einen Blick auf die Uhr. Noch immer keine Nachricht von der Redaktorin, bald ist Büroschluss.
Manchmal, sagt Talese, sei der Anlass aktuell, etwas zu schreiben, wie die Schliessung von «Gino», dem Restaurant. Aber er möchte, dass auch dieser Text über den Tag hinaus gilt, man ihn lesen kann noch Jahre später wie die Sportkolumnen, die er als Teenager schrieb und die im Herbst als Buch herauskommen werden, zusammen mit jüngeren Arbeiten, unter dem Titel «The Silent Season of a Hero». Das freut ihn. «Ich sage nicht, es sei poetische Prosa, aber vielleicht… Maupassant, James Joyce… Nein, Joyce nicht, das klingt ja hochgestochen… Ich meine einfach wie Fiction, die nicht veraltet.»
Nun ist er am dritten Teil seiner Autobiographie mit dem – nicht von ihm stammenden – Arbeitstitel «A Nonfiction Marriage». Seine Verbindung mit Nan, der Verlagsleiterin von Nan A. Talese / Doubleday, ist das Thema. Die Bühne ist das Haus, in dem das Paar lebt, die Personen sind die Gäste und Freunde, die darin verkehrten. Erfolgsautoren wie Philip Roth sind darunter, der Schriftsteller, von dem er alles liest und der ihm seine Druckfahnen schickt und den er um seine literarischen Freiheiten beneidet.
Ihre Ehe, Herr Talese, ist doch eine Erfolgsgeschichte?
«Warum?» sagt er. «Weil sie schon mehr als fünfzig Jahre dauert?» Seine Frau, sagt er, habe mehrmals davonlaufen wollen und es einmal auch getan, als er für «Thy Neighbor’s Wife» recherchierte, in einer Sexkommune lebte, die Massagesalons Manhattans abklapperte und selber einen betrieb, zwei Jahre lang, um in die Gedankenwelt seiner Beobachtungsobjekte eindringen zu können. «Middle Earth», wie er hiess, lag um die Ecke von Nans Büro. Seine Einladung, einmal reinzuschauen, hat sie abgelehnt; es war ihr schon genug, wenn er sie von irgendwo anrief, er sei nackt und sehe gerade Dr. Alex Comfort zu, wie er Cunnilingus an einer Balletttänzerin praktiziere.
Floyd Patterson wollte wissen, was im Kern seiner Niederlagen steckte, was ihn wirklich zu Boden brachte und was, wie er fühlte, mehr als die Faust von Sonny Liston war. Talese will wissen, was seine Ehe aufrechterhielt. «Es wird ein Buch über die Beharrlichkeit, die Frage, wie viel Stress eine Beziehung erträgt», sagt er. Was sie zusammengehalten habe, sei weder Sex noch Liebe gewesen, sagt er, sondern Respekt. «Wenn man keinen hat, hat man gar nichts.»
In seinem «Bunker» hat Talese das Material für das Buch ausgebreitet, von dem er nicht sagen mag, wann es fertig sein soll. Fotos von Frau und Freunden in Sandwich-Plasticbeuteln, Hemdenkartons aus der chemischen Reinigung mit den Notizen über jeden Tag seines Lebens, wo und mit wem er war, was er gemacht und wie er sich gefühlt hat. Für unterwegs schneidet Talese die Kartons in vier Stücke, deren Ecken er mit der Schere abrundet, damit sie sich bequem in die Innentasche des Jacketts stecken lassen. Ganze Kartons spannt er quer in die elektrische Schreibmaschine; eingeteilt in Kolonnen, dienen sie als Agenda. «Hier: Gestern war ich bei ‹Gino› essen», sagt er und tippt mit dem Finger auf den Eintrag. «Mit meiner Tochter.»
Talese hat sein Leben dokumentiert, damit eine Geschichte daraus wird. Alles sammle er, sagt er, weil man nie wisse, ob es sich nicht einmal lohne, darüber zu schreiben. Er hat Buch geführt über jeden Ehestreit, festgehalten, was ihn auslöste, wie er endete. «Für mich hat Bedeutung, was scheinbar bedeutungslos ist», sagt er. «So viel in der Fiction gründet auf sehr wenig Handlung.»
In braunen Schachteln, die sich bis unter die Decke stapeln, sind die Unterlagen all seiner Artikel, Reportagen und Bücher archiviert, Entwürfe auf Hemdenkartons, Schriftgemälde in allen Farben, in roten Versalien der Schlüsselsatz aus dem Portrait Frank Sinatras, dem Suchbild des Sängers, das Geschichte im Genre gemacht hat: «He has a cold!»
Nicht er, sagt Talese, sondern die Magazine hätten sich geändert, und dass sie heute die Sinatra-Reportage nicht mehr bringen würden. Er erzählt von der Schwierigkeit, die Reportage über die Begegnung Muhammad Alis mit Fidel Castro zu verkaufen, dieses erwartungsvolle Nichtereignis, wo der Boxer die ganze Zeit kein Wort sagt, Castro sich ins Leere redet und dann ein Foto bekommt mit Widmung, Autogramm und hingekritzeltem Herzchen, nebst einem Daumen aus Gummi, mit dem er nicht weiss, wohin.
Mehr als ein halbes Dutzend Zeitschriften zählt Talese auf, die «Ali in Havana» nicht haben wollten, bis «Esquire» 1996 den Text druckte, der im Jahr darauf in den Sammelband «Best American Essays» aufgenommen wurde. Er wollte dann für das Magazin noch einmal über den Schauspieler Peter O’Toole schreiben. «Ich bekam nicht einmal eine Antwort von der Redaktion», sagt er, die dunkelbraunen Augen auf einen gerichtet.
Ein leiser Ruck geht durch seinen Körper, als das Telefon klingelt, und Talese sagt, «Das ist vielleicht…» und greift zum Hörer und meldet sich und sagt «Hallo Susan» und lauscht eine Weile und sagt «grossartig» und lacht ein kehliges Lachen beim Besprechen der Frage, wie man den gefaxten Text digitalisieren soll, was er selber nicht kann; er hat weder E-Mail noch Internet.
«Sie hat ihn genommen!» sagt er, während er auflegt. «Das war der ‹New Yorker›!»
Die Woche darauf findet sich im «Talk of the Town» ein Feuilleton über das Restaurant Gino, mit der Oberzeile «Endangered Species» und dem Titel «Basta». Die Autorenangabe erfüllt Gay Talese mit lange vermisster Befriedigung.
Peter Haffner ist Reporter des «Tages-Anzeiger-Magazins»; er lebt in Kalifornien.
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