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NZZ Folio 02/10 - Thema: Das Ehrenamt   Inhaltsverzeichnis

Die Erfindung der Nettigkeit

© John Giustina Veer/Getty Image...
Ist das die ursprünglichste Form der Freiwilligenarbeit? Ehrenamtliches Lausen. In Wirklichkeit gehorcht das Verhalten dieser Schimpansen dem sogenannten reziproken Altruismus: Nur wer andere laust, wird selbst gelaust. Linktext
Warum helfen Menschen einander, ohne eine Gegenleistung zu erwarten? Die Wissenschaft steht vor einem Rätsel.

Von Reto U. Schneider

War Mutter Teresa eine Egoistin? Die Frage ist weniger absurd, als sie scheint, schliesslich hat die Friedensnobelpreisträgerin selbst gesagt: «Das Wunder ist nicht, dass wir unsere Arbeit tun, sondern, dass wir glücklich sind, sie zu tun.» Mutter Teresa tat offenbar, was sie glücklich machte, ein typischer Wesenszug von Egoisten, bloss dass es in ihrem Fall nicht der Kauf eines Maseratis war, sondern den Armen zu helfen.

Die Herkunft selbstlosen Handelns zu ergründen erweist sich als überraschend schwierig. Viele grosse Denker haben sich daran versucht. Für Nietzsche zum Beispiel hat Selbstlosigkeit ihren Ursprung im Streben nach Genuss und im Vermeiden von Schmerz, ist also egoistisch. Und natürlich hat auch die Religion etwas dazu zu sagen: «Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan», heisst es bei Matthäus.

Sie mögen nicht Mutter Teresa sein, aber auch in Ihnen steckt dieser seltsame Wesenszug, Dinge ohne erkennbare Gegenleistung zu tun. Wenn Sie heute Morgen einer Kollegin ehrenamtlich die Tür aufgehalten haben, müssen Sie wissen, dass die Wissenschaft bisher keine Antwort darauf gefunden hat, warum Sie es taten. Einem Fremden den Weg weisen, beim Schützenfest den Verkehr regeln, die Kasse des Turnvereins führen: Die alltägliche Selbstlosigkeit erscheint uns so normal, dass wir gar nicht erkennen, wie abwegig dieses Benehmen eigentlich ist: Warum tun wir etwas für nichts?

In der Wissenschaft heisst dieses Verhalten Altruismus: etwas tun, bei dem weniger für einen herausschaut, als man hineinsteckt. Natürlich kann man die Leute fragen, warum sie sich altruistisch verhalten. Sie sagen dann Dinge wie, «aus Spass an der Tätigkeit» oder «wegen der Anerkennung». Das scheinen vernünftige Gründe zu sein, bis man die Frage stellt, warum es sich eigentlich gut anfühlt, sich anzustrengen und dafür nichts zu bekommen. Unsere Emotionen sind schliesslich nicht einfach vom Himmel gefallen, sondern entstehen in einem Gehirn, das die Evolution in Millionen von Jahren geformt hat. Doch Altruismus mit der Evolution zu erklären ist wie mit einem Korkenzieher eine Büchse zu öffnen: Es geht schlecht oder gar nicht.

Auf den ersten Blick basiert die Evolution ja gerade auf dem Egoismus des Individuums. Der Stärkere, Schlauere, Rücksichtslosere zeugt mehr Nachkommen, die Schlauheit, Stärke und Rücksichtslosigkeit erben und deshalb wiederum mehr Kinder kriegen. Die Anzahl überlebensfähiger Nachkommen ist die einzige Währung, die bei der Evolution zählt. Bei diesem kruden Verständnis unserer Herkunft geht es einzig um das Überleben des Stärkeren.

Auch Charles Darwin trieb der Altruismus die Sorgenfalten auf die Stirn. Er beschrieb ihn als «besondere Schwierigkeit, die zuerst unüberwindbar schien und verhängnisvoll für meine ganze Theorie». Darwin war klar, dass «die natürliche Auslese in einem Lebewesen niemals eine Struktur erzeugen wird, die diesem Wesen mehr schadet als nützt». Nach dieser Logik sollten es Tiere und mit ihnen Menschen möglichst vermeiden, grosszügig zu sein. Die mit Nettigkeiten vergeudete Energie fehlt bei der Nahrungssuche und der Paarung, was weniger Nachkommen zur Folge hat; die betreffenden Gene verschwinden. Die Evolution ist offenbar keine Umgebung, in der Selbstlosigkeit gedeihen kann.

Und trotzdem scheinen wir dazu geboren, zu helfen. Schon Säuglinge sind hilfsbereit, lange bevor die Eltern es ihnen predigen konnten. Zudem gibt es selbstloses Verhalten in allen Kulturen. Beides Tatsachen, die für biologische Wurzeln des Altruismus sprechen. Und auch dass wir uns gut fühlen, wenn wir geholfen haben, ist ein Indiz. Starke Gefühle sind im Laufe der Evolution immer mit Handlungen gekoppelt worden, die für unser Überleben von Vorteil waren. Hunger lässt uns Nahrung suchen, Angst flüchten.

Erst in den 1960er Jahren konnten Wissenschafter das Rätsel des Altruismus zumindest teilweise lösen. Der Biologe William Hamilton erkannte, dass bei der Evolution gar nicht das Überleben des Individuums im Zentrum steht, sondern das Fortbestehen der Gene. Es gibt nämlich zwei Möglichkeiten, wie es zur Verbreitung eines bestimmten Gens kommen kann: Entweder das Gen sorgt für eine Eigenschaft, die dem Körper, in dem es sitzt, zu einem langen Leben und viel Nachkommen verhilft, oder es führt zu einem Verhalten, das anderen Menschen dazu verhilft, in denen das gleiche Gen sitzt. Der Biologe Richard Dawkins hat dafür die Metapher des «egoistischen Gens» geprägt.

Natürlich hat ein Gen kein Bewusstsein und kann also nicht egoistisch sein. Mit dem «egoistischen Gen» ist vielmehr Folgendes gemeint: Der Mechanismus der Evolution sorgt ganz von selbst dafür, dass Gene so funktionieren, dass möglichst viele Kopien von ihnen in der nächsten Generation landen, ganz egal, in welchem Individuum sie sitzen. Unsere Gene bauen also Gehirne, die nicht nur den eigenen Körper am Leben erhalten wollen, sondern auch andere Körper, in denen sie Kopien ihrer selbst «vermuten». Und die finden sich natürlich mit grösster Wahrscheinlichkeit in Familienangehörigen. Wenn ein Gen ein Gehirn baut, das seinen Besitzer veranlasst, seinen Verwandten zu helfen, trägt es so zu seiner Vervielfachung ausserhalb des eigenen Körpers bei. Blut ist dicker als Wasser.

Dieser Mechanismus erklärt allerdings nur den Altruismus unter Verwandten. Für den Altruismus ausserhalb der Familie schlug der Biologe Robert Trivers in den 1970er Jahren eine andere Theorie vor, den sogenannten reziproken Altruismus. Ein Affe laust zum Beispiel einen anderen in der Erwartung, dass dieser ihm zu einem späteren Zeitpunkt denselben Dienst erweisen wird. Dieser Vorgang, den man bei Tieren tatsächlich beobachtet hat, setzt allerdings ein gutes Gedächtnis und einen sogenannten Schummeldetektor voraus: Die Affen müssen merken, wenn einer seine Pflicht nicht erfüllt, und ihn ausschliessen, sonst wird die Gemeinschaft bald von Betrügern unterwandert, und die Gene für reziproken Altruismus verschwinden.

In einer dritten Theorie dienen selbstlose Akte dazu, potentielle Partner auf die eigenen Qualitäten aufmerksam zu machen. Wie ein Pfau, der seine Gesundheit demonstriert, indem er viel Energie in den Bau von absolut nutzlosen Schwanzfedern steckt, signalisiere der Mensch mit selbstlosen Taten, dass er gut dran sei. Schaut her, ich kann meine Zeit mit Bachbettputzen vertrödeln und sogar einen halben Liter Blut spenden.

Aber können diese Theorien wirklich erklären, warum Sie einer alten Frau über die Strasse helfen? Die Frau ist ja weder mit Ihnen verwandt, noch erwarten Sie, bei nächster Gelegenheit von ihr über die Strasse geführt zu werden. Und heiraten wollen Sie sie auch nicht. Wenn es um Selbstlosigkeit gegenüber Fremden geht, begeben sich die Wissenschafter ins Reich der Spekulationen.

Eine davon erklärt Ihre gute Tat so: Als sich die Gene für das selbstlose Verhalten gegenüber Familienmitgliedern und den reziproken Altruismus verbreiteten, gab es gar keine Fremden. Die Menschen lebten als Jäger und Sammler in kleinen Gruppen. Wem immer man half, der war ­Familie oder würde sich bei nächster Gelegenheit revanchieren. Man musste nicht zwischen Fremden und Gruppenmitgliedern unterscheiden können. Dieses Erbe aus der Steinzeit stecke immer noch in uns und mache unsere Selbstlosigkeit zu einem Relikt aus einer Zeit, in der jede alte Frau, der wir begegneten, mindestens eine Grosstante war. Trivers hält es für möglich, dass die Selbstlosigkeit gegenüber Fremden nichts anderes als eine Fehlanpassung ist.

Doch diese Erklärung ist zunehmend umstritten. Ernst Fehr von der Universität Zürich zum Beispiel bezweifelt, dass die frühen Menschen keinen Kontakt mit Fremden hatten. Fehr ist überzeugt, dass sich viele Verhalten nicht mittels der Evolution alleine erklären lassen, sondern dass auch kulturelle Faktoren eine Rolle spielen. ­Mathematische Modelle zeigen, dass es grundsätzlich möglich ist, in einer Gruppe selbstloses Verhalten aufrechtzuerhalten, wenn einige Mitglieder bereit dazu sind, andere zu bestrafen, ohne selbst davon zu profitieren.

Und wo bleibt bei all diesen Theorien die ehrenamtliche Krankenpflegerin? Hat sie ein egoistisches Gen? Und der Kassier des Briefmarkenvereins Rüsselsheim? Ein Irrläufer der Evolution? Vielen Leuten widerstreben die mechanistischen Erklärungsversuche der Selbstlosigkeit, und tatsächlich spielen bei der Entscheidung, der freiwilligen Feuerwehr beizutreten, mehr Faktoren mit, als Laborversuche oder Feldstudien erfassen können. Pflichtbewusstsein und Schuldgefühle, der Wunsch nach Ansehen, die Freude an Geselligkeit oder der Glaube sind nur ein kleiner Teil davon. Die Motive sind so komplex, dass sie sich selten einer einzigen Theorie ergeben. Es wird auch befürchtet, wissenschaftliche Erklärungsversuche entwerteten die Selbstlosigkeit. Tatsächlich hat jeder Versuch, die Herkunft unserer Gefühle zu ergründen, etwas Ketzerisches. So etwas Grossartiges wie die Liebe als Resultat der natürlichen Auslese zu beschreiben ist schon fast blasphemisch. Dabei geht oft vergessen, dass die Gefühle nicht weniger real werden, wenn man sie erklärt. Was wir spüren, wenn wir jemandem helfen oder wenn uns geholfen wurde, bleibt dasselbe, ganz egal ob wir wissen, wie es zustande kommt oder nicht.

Mutter Teresa soll an ihre Zimmerwand diesen Spruch geschrieben haben: «Wenn du nett bist, werden dir die Leute egoistische Motive unterschieben. Sei trotzdem nett.»

Reto U. Schneider ist stellvertretender Redaktionsleiter von NZZ Folio.



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