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NZZ Folio 08/10 - Thema: Patriotismus Inhaltsverzeichnis
Seitenblick -- Der kleine Unterschied
© Fabienne Boldt
Ob Bestsellerliste oder Parfumführer: Wir neigen zu Klassifizierungen. Aber wahre Grösse ist nicht quantifizierbar.
Von Luca Turin
Ich entsinne mich eines Plakats voller Fische, ich glaube aus dem Nordatlantik, das ich studierte, während ich in den Seminarpausen in einem kleinen Restaurant am Meer auf das Essen wartete. Es war eines jener in Plastic eingeschweissten Poster, auf dem etwa hundert Fischsorten zu sehen waren, allesamt nach links ausgerichtet. Die meisten gehörten zur kriegsschiffgrauen Flotte der Thunfische, so effizient und unspektakulär wie Minensuchboote.
Doch mir hatte es ein kleiner Fisch angetan, ein schlangengleicher, elegant geschwungener Körper mit einer kleinen roten Tiara auf dem Kopf und offenem Mund, als habe er, während man ihn fing, gerade eine Ansprache gehalten. Der Fisch hiess König der Sardinen und sah so aus: ein seltenes Exemplar, grösser als seine Untertanen, stattlicher, unverkennbar durch die Insignien ererbter Überlegenheit. Ich stellte mir vor, dass die Fischer ihn ins Meer zurückwarfen in der Hoffnung, später einmal von einem mysteriösen Schwarm silberner Meeresgeschöpfe vor dem Ertrinken bewahrt zu werden.
Unser Hang, Dinge zu klassifizieren, wird von einer Religion zu einem Hobby zurückgestuft, je erwachsener wir werden. Er überlebt jedoch in der Leichtathletik, bei Fussballweltmeisterschaften, Bestsellerlisten und in den Sternbewertungen von Parfumführern. Eine Klassifizierung, die mich jedes Mal aufs neue fasziniert, findet sich auf den Thermostaten von Bügeleisen. Zuunterst stehen Nylon und andere Synthetics, schlampige, flattrige, degenerierte Kreaturen; dann kommen in aufsteigender Folge Wolle, Seide und Baumwolle bis hin zur höchsten Stufe: Leinen. Den Leinenkönig stelle ich mir vor wie Jean Marais, ebenso nobel wie rustikal, als sei er gerade aus tausendjährigem Schlaf erwacht und habe den Kittel von James Mason aus «Prisoner of Zenda» übergezogen. Und Sie dachten, es ginge hier nur um Temperatur?
Oft stufen wir auch uns selbst ein. Als ich schreiben lernte – mit einer metallenen Feder, die ich in ein ins Pult eingelassenes Porzellantintenfass tauchte –, malte mir der Lehrer in roter Tinte wunderschöne Buchstaben an den Anfang jeder Zeile, die ich dann mit schwarzen Nachkommen füllte. Zuerst kamen meine Lettern dem Vorbild noch recht nahe, doch allmählich wurden sie, wie die römischen Kaiser nach Augustus, von Generation zu Generation immer schräger. In der Mitte der Zeile kritzelte ich bereits Caligulas und begann zu zweifeln, ob ich jemals erwachsen werden würde.
Wahre Grösse ist nicht quantifizierbar. Vor Jahren versuchte mir ein Freund das Buch «Différence et répétition» von Gilles Deleuze zu erklären, damit ich es nicht selbst lesen musste. Ich habe es für mich auf die Formel gebracht: Alle Dinge sind wie Schokoladen- oder Mocca-Eclairs – im Prinzip gleich, aber doch verschieden. Eclairs sind hochentwickelte Geschöpfe, durch Anamorphose von Windbeuteln abgeleitet wie Seegurken von Seeigeln. Die Schoko- und die Kaffeeversion haben identische Proportionen, dieselbe Konsistenz und Herstellungsweise. Der Geschmack ist bei beiden sehr komplex, im Mittelpunkt steht das Aroma gerösteter Bohnen. In der Pâtisserie bewohnen sie meist dieselbe Ablage. Dennoch erscheint mir das Mocca-Eclair ein wenig unnahbarer, aristokratischer, raffinierter, blutleerer als sein schokoladiger Verwandter. Um es einfach auszudrücken: Schon als Kind fühlte ich, dass ich mich zwar in Mocca verlieben, aber am Ende doch Chocolat heiraten und für den Rest meiner Tage glücklich sein würde.
Luca Turin ist Duftforscher bei MIT; er lebt in Boston.
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