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NZZ Folio 08/08 - Thema: Was wäre wenn . . . Inhaltsverzeichnis
Duftnote - Lob des Rauchens
© Fabienne Boldt
Von Luca Turin
Eines ruhigen, sonnigen Morgens, es ist vielleicht drei Wochen her, bemerkte ich beim Warten an der Bushaltestelle, dass neben mir eine für die heruntergekommene Gegend viel zu feine ältere Dame eine Zigarette rauchte, die sie zwischen den Fingerspitzen hielt, die Hand leicht gewölbt, wie in einer Anzeige aus den 1950ern. Sie trug ein Jackett mit Hahnentrittmuster und ein süsses, pudriges, erwachsen wirkendes Parfum, vielleicht war es das alte Dioressence. Plötzlich vermischte ein Windstoss die Rauchschwaden der Zigarette mit ihrem Parfum, und mir wurde gewahr, wie sehr ich den Rauch an öffentlichen Orten vermisse.
Jetzt, wo er definitiv der Vergangenheit angehört, begreift man, dass der Rauch die Sprache des Geruchs war, der ausgehauchte Begleiter aller Worte. Er war das olfaktorische Äquivalent eines Tischgesprächs, dem man entweder zuhören oder das man als Hintergrundlärm betrachten konnte. Er sagte einem, dass man nicht allein war und sich – sei es mit Worten oder mit seinem Parfum – an seinen Nachbarn wenden konnte, ohne überall gehört zu werden. Wenn man heute in eine Kneipe geht, fühlt sich die klare Luft sonderbar schweigsam an. Die Gerüche der Speisen oder Parfums ragen nackt und scharf umrissen hervor, wie auf klinischen Fotografien.
Das Herausfiltern der Details rundet die Kanten der Dinge und lässt uns auf die Struktur, die Melodie, das Wesentliche achten. Inzwischen speist man Hintergrundgeräusche in die Grossraumbüros ein, damit sich die Mitarbeiter weniger exponiert fühlen. Kunstmaler treten einen Schritt von ihrem Werk zurück und kneifen die Augen zu, um ihre Arbeit zu betrachten. Und wer hätte je am Klirren der Gläser in einem Jazzclub Anstoss genommen? Aber es ist nicht nur das. Manche Parfums jener Zeit scheinen geradezu im Gedanken an Zigarettenrauch entworfen, mit dem sie, wie Gin und Tonic, zu einem Ambiente verschmelzen. Als brauche der wohlkomponierte Duft ein Publikum: Das Parfum gab die Musik, der Rauch das Raunen der Menge.
Wahrscheinlich ist es kein Zufall, dass einige der grössten lebenden Parfumeure unverbesserliche Raucher sind. Man sieht sie auf der Strasse im Parfumviertel in Midtown Manhattan, Duftstreifen in der einen Hand, Zigarette in der anderen, während sie zuschauen, wie die Bauarbeiter die Strasse aufreissen. Ich war stets der Überzeugung, dass Rauch ihre Kunst beflügelt. Natürlich weint niemand dem Lungenkrebs eine Träne nach, und die rituelle postkoitale Zigarette hat längst den Rückzug angetreten (wodurch wird sie ersetzt?). Aber das sicherste Anzeichen einer neuen Morgenröte stammt von einem jungen Parfumeur, Antoine Maisondieu, der für Etat Libre d’Orange arbeitet. Er hat ein Parfum komponiert, das das Problem beim Namen nennt: Jasmin et Cigarette.
Luca Turin ist Forschungsleiter bei Flexitral Inc.; er lebt in London.
Leserbriefe:
Zu Duftnote - Lob des Rauchens - NZZ-Folio Was wäre wenn . . . (08/08)
Normalerweise interessieren mich Düfte und vor allem Parfums überhaupt nicht, aber Luca Turin hat es geschafft, ein Interesse dafür zu wecken und seine Artikel sind spitzenmässig!!! Ich hoffe sehr, er bleibt mit seinem Highlight dem Folio noch lange treu !!! Schade wegen Herbert Cerrutti, die Artikel waren auch immer spitze. Vielen Dank noch und ich bin gespannt, wie diese Lücke nun gefüllt wird. Allg. grosses Lob für das Folio, es macht immer viel Spass, es zu lesen! Birgit Kessler, Horn
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Interview mit Luca Turin
NZZ-Format, das Fernsehmagazin der NZZ, hat im November 2006 einen Special zum Thema Parfum ausgestrahlt. Die Sendung ist auf DVD erhältlich und enthält als Bonusmaterial unter anderem ein Interview mit Luca Turin (in Englisch).
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Der Parfumführer von Luca Turin.
Soeben ist im Viking-Verlag "Perfumes. The Guide" erschienen. Der NZZ-Folio-Duftkolumnist Luca Turin hat zusammen mit der Parfumkritikerin Tania Sanchez fast 1500 Parfums getestet und in pointierten Kurzkritiken beurteilt.
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