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NZZ Folio 07/10 - Thema: Grandios gescheitert Inhaltsverzeichnis
Das Experiment -- Die Geburt der Marsmenschen
© Royal Astronomical Society/Sci...
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| Ein Schüler zeichnete das Bild des Mars (links) aus 7 Metern Distanz ab. Aus Flüssen und Punkten wurden bei ihm Geraden (rechts). War eine solche optische Täuschung der Ursprung der Entdeckung von Kanälen auf dem Mars? |
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Ende 19. Jahrhundert glaubten viele Wissenschafter, es gebe intelligentes Leben auf dem Mars. Der Astronom Walter Maunder wollte sie mit einem einfachen Versuch vom Gegenteil überzeugen.
Von Reto U. Schneider
Als der britische Astronom E. Walter Maunder am 1. Juli 1902 einer Klasse 13jähriger den Auftrag erteilte, eine Kreisscheibe mit ein paar Flecken aus unterschiedlichen Distanzen abzuzeichnen, wollte er damit den explosivsten Streit in der Wissenschaft seiner Zeit beenden. Die Schüler wussten nicht, dass die Scheibe den Mars darstellte und die Zeichnungen als Waffe im Konflikt um ausserirdisches Leben dienen sollten.
Begonnen hatte alles damit, dass der italienische Astronom Giovanni Schiaparelli 1877 durch sein 20-Zentimeter-Spiegelteleskop auf dem Mars «canali» gesehen haben wollte. Canali kann im Italienischen für Rinnen oder Furchen stehen, aber auch für Kanäle, und als Kanäle wurde es ins Englische übersetzt, wo der Begriff den Beigeschmack intelligenter Planung verbreitete. Bereits Schiaparelli deutete an, es könnte sich bei seiner Entdeckung um das Werk von Marsbewohnern handeln, aber es war der Amerikaner Percival Lowell, ein begüterter Hobbyastronom, der in den 1890er Jahren den Mars als Heimat höherer Intelligenz populär machte.
Ein Bewässerungssystem?
Von da an tobte ein Streit, für dessen Langlebigkeit es zwei Gründe gab: Selbst wenn der Mars der Erde am nächsten kam, erschien er am Himmel zehntausend Mal kleiner als der Vollmond; die Teleskope konnten kein eindeutiges Bild von einem so weit entfernten Objekt zeigen. Hinzu kam, dass die Fotografie zuerst gar keine und später nur zweideutige Bilder des Planeten lieferte.
Es stand viel auf dem Spiel. Es ging um die Frage der Einzigartigkeit des Menschen und um die grösste Entdeckung aller Zeiten. Auf der einen Seite standen Astronomen, die wie Lowell glaubten, es sei unwahrscheinlich, dass die Kanäle natürlichen Ursprungs seien, vielmehr handle es sich bei ihnen um ein Bewässerungssystem, das Wasser von den Polkappen in trockene Gebiete leite. Lowell sah in der Regelmässigkeit der Kanäle einen unzweideutigen Hinweis auf intelligente Lebewesen. Womit er zweifellos recht gehabt habe, schrieb der amerikanische Astronom Carl Sagan 1980 in «Unser Kosmos», es frage sich nur, auf welcher Seite des Teleskops. Sagan wies auch darauf hin, dass Lowell «leider einer der schlechtesten Zeichner war, die sich je hinter ein Teleskop gesetzt hatten».
Lowells Gegner hielten die Kanäle für das Resultat einer Mischung aus optischer Täuschung und romantischem Wunschdenken. Wie sonst konnte es sein, dass Schiaparelli die Kanäle mit seinem kleinen Teleskop gesehen hatte, ein anderer Forscher mit einem dreimal grösseren Gerät aber nicht. Auch Walter Maunder war überzeugt, dass es einen einfachen Grund gab für die Kanäle: das visuelle System des Menschen, das bei schlecht erkennbaren Objekten dazu neige, Dinge zu sehen, die nicht da seien.
Die Bilder des Mars, die Maunder die Schüler von der Royal Hospital School in Greenwich während verschiedener Versuche abzeichnen liess, stammten zum Teil aus den Büchern von Schiaparelli. Maunder entfernte die Kanäle daraus und fügte zufällig einige mäandrierende Flüsse und ein paar Punkte hinzu. Und siehe da: Bei vielen der Schüler wurden aus Punkten und Schlangenlinien Geraden – Kanäle! Maunder ging mit seinen Kontrahenten allerdings nicht zu hart ins Gericht. Die Leute hätten gezeichnet, was sie gesehen hätten, bloss habe ihr Gehirn Punkte zu Geraden zusammengefasst.
Damit war die Kontroverse allerdings nicht beendet. Lowell hielt an seiner Meinung fest und machte eigene Experimente zur visuellen Wahrnehmung, die die Existenz der Kanäle stützten. Tatsächlich zeigten Maunders Versuche nur, dass eine Sinnestäuschung für die Kanäle verantwortlich sein kann, nicht, dass sie dafür verantwortlich ist.
Der Streit ging weiter. Nachdem die «New York Times» am 30.?Dezember 1909 unter dem Titel «Marskanäle bestritten» einen Artikel über ein Treffen der British Astronomical Association gedruckt hatte, publizierte sie am nächsten Tag einen Nachtrag mit der Überschrift «Glaube an die Marskanäle». Offenbar waren sich die englischen Astronomen nicht einig.
Zu den feindlichen Voten an dieser Konferenz sagte Lowell der Zeitung: «Die Meinung der British Astronomical Association interessiert mich zu wenig, als dass ich sie diskutieren möchte. Die Leute tun mir jedoch sehr leid.» Er hatte mittlerweile über 500 Kanäle kartiert.
Bessere Teleskope und Raumsonden zeigten schliesslich, dass es keine Kanäle auf dem Mars gibt. Doch das Erbe der Debatte verfolgt uns bis heute. Sie ist der Grund dafür, dass der Marsmensch in unzähligen Science-Fiction-Werken zum Prototyp des Ausserirdischen wurde.
Reto U. Schneider ist stellvertretender Redaktionsleiter von NZZ Folio.
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