NEIN: MILLIARDEN, wie ihre Gegner behaupten, wird die Rechtschreibreform nicht kosten, und dass sie dem Ansehen der deutschen Sprache schade und das Dänken ärmer macht, ist ebenfalls übertrieben. Dänken? Nun ja - wir sollen ja in Zukunft aufwändig schreiben, um anschaulich zu machen, dass es von Aufwand komme, wie überschwänglich von Überschwang - warum also nicht sätzen vom Satz und dänken vom Gedanken her? Weil alle vier Schreibweisen gleichermassen Unsinn sind, die beiden vorgeschriebenen und die beiden hinzuerfundenen: aufwenden heisst das Wort, aus dem sich aufwendig ebenso wie der Aufwand ableitet, überschwingen ist die Wurzel von überschwenglich wie von Überschwang, und der Satz kommt vom Setzen und nicht umgekehrt.
Dass die Reformer germanistisch auf der Höhe wären, lässt sich also nicht behaupten; auch nicht, wenn sie uns für die unveränderte Aussprache «Pakeet» die Schreibweise Packet verordnen wollen oder uns das Quäntchen aufnötigen, weil es ein kleines Quantum sei; es ist aber ein Diminutiv zu Quent, dem fünften Teil. Und solche Leute fühlen sich stark genug, 95 von 100 Millionen Menschen deutscher Muttersprache eine dreifache Belästigung zuzumuten! Allen nämlich ausser den Analphabeten und jenen Schulkindern, die gerade schreiben lernen.
Belästigung 1: Ganz überwiegend sind wir Leser, nicht Schreiber, und Leser haben sich noch nie gewünscht, dass die vertrauten Wortbilder sich ändern. Ein Bordo würde uns nicht schmecken, einen Reno würden wir nicht fahren und in Co keine Ferien machen wollen, und auch Nichtrauchern ist das Schriftbild Zigarette lieber als die Zigarrette, die in Zukunft qualmen soll.
Belästigung 2: Alle Benutzer von Wörterbüchern, Lexika, Katalogen und Registern werden sich tausendfach schwarz ärgern über die Umstellungen im Alphabet. Schon in einem typischen Taschenwörterbuch ist der Stengel fünf Seiten später aufgeführt als der Stängel, der uns in Zukunft daran erinnern soll, dass er eine kleine Stange ist - korrekt; aber warum dann nicht Ältern, da die Eltern sich doch eben davon herleiten? Die oft erteilte Erlaubnis zu Doppelschreibweisen macht alles noch schlimmer: Hat mein Lexikon sich für die Chaussee auf Seite 91 oder für die Schaussee auf Seite 420 entschieden?
Belästigung 3: Alle ausser den Kindern der ersten Schuljahre müssen beim Schreiben umlernen. Mindestens die ältere Hälfte der Deutschsprachigen wird dies nicht mehr wollen, also sich jahrzehntelang eine unkorrekte Orthographie nachsagen lassen müssen. Wer in einem Büro seit dreissig Jahren hauptberuflich Texte in die Schreibmaschine oder den Computer tippt und sich nun umstellen soll, wird zappeln vor Ärger.
Damit man die Reform trotzdem ertragen könnte, müssten den drei Belästigungen mehrere bedeutende Vorzüge gegenüberstehen. Ist die deutsche Rechtschreibung besonders reformbedürftig? Überhaupt nicht - verglichen mit der englischen und der französischen. Soll man den Kindern nicht ein paar Vereinfachungen gönnen? Vielleicht. Nur dass die Reform in der Rechtschreibung überhaupt nichts vereinfacht; sie ersetzt die alten Eigenheiten durch neue Komplikationen.
Bei der Gross- und Kleinschreibung: Bisher schrieben wir Erste Hilfe und den kürzeren ziehen. Nun soll es «erste Hilfe» und «den Kürzeren ziehen» heissen. Wo ist die Vereinfachung? «Jenseits von gut und böse» soll neben «Gut und Böse unterscheiden» stehen - eine Haarspalterei so übel wie nur je eine im alten Duden.
Bei der Getrennt- und Zusammenschreibung wird tausendfach die Trennung des bisher Vereinten vorgeschrieben: sitzen bleiben, kennen lernen, eine allein stehende Frau. Ob sie alleinstehend ist oder allein am Bahnhof steht, wird nicht mehr unterschieden, und künftige Wörterbücher werden den Eintrag «alleinstehend» kaum noch enthalten können. Andrerseits sollen wir weiter bereitstellen und todtraurig schreiben, und diese Regeln wie auch die Ausnahmen von ihnen zu durchschauen ist höhere Wissenschaft.
Eine Erleichterung aber gibt es in der Tat: Die Zahl der Kommaregeln wird von 52 auf 9 reduziert, und überwiegend soll das Belieben regieren. «Er sah die Pistole in der Hand untätig zu» soll es heissen dürfen, und dass die zwei unterschlagenen Kommas eine vorzügliche Hilfe waren - nämlich uns hinderten, «Er sah die Pistole» zu lesen -, zählt nicht mehr. «Der Zug rammte den Elefanten, der auf den Schienen stand und entgleiste»: Wenn das Komma vor und beliebig wird, dann ist der Elefant entgleist und nicht der Zug. Auch hier also sollen, der Faulheit von Schreibern zuliebe, die Leser behelligt werden.
Und in Mannheim tagt längst eine Kommission, die die Unklarheiten der Reform beseitigen soll - 800 unterschiedliche Auslegungen der neuen Regeln in den beiden meistverkauften deutschen Wörterbüchern! Ein Pfusch das Ganze, eine Wichtigtuerei von unterbeschäftigten Germanisten, die uns einst die totale Kleinschreibung und den Mei aufzudrängen versuchten und, da sie dafür verspottet wurden, nun wenigstens ihre Fingerabdrücke auf der deutschen Sprache hinterlassen möchten.
Wer eigentlich hat sie gerufen? Warum hält die Ministerialbürokratie es für dringend, sich mit ihnen zu verbünden? Wie können wir, die 95 Millionen, die wir weder Siebenjährige noch Analphabeten sind, uns die Scherereien ersparen, die dieser Klüngel uns zu machen wünscht?