NZZ Folio 02/10 - Thema: Das Ehrenamt   Inhaltsverzeichnis

Freiwillige vor!

© Marc Renaud, Basel
«Wir sind kein klassischer Frauenverein mit Sockenstricken und Kaffeekränzchen»: Uschi Eichenberger ist Mitglied im rührigen Frauenverein Muttenz. Linktext
Eine gewisse Selbstlosigkeit braucht es bei den meisten Ehrenämtern. Die meisten tun es aber aus Spass und weil sie gern mit andern Leuten zusammen sind.

Von Andreas Heller

Gutes tun tut gut. Bei der Freiwilligenarbeit ist zwar kein Geld zu verdienen. Dafür erschliesst sich der Sinn der Tätigkeit fast von selbst.

Auf Paula Lampart, Hans Dossenbach und Monika Schwingruber ist Verlass. Durch stockdicken Nebel sind sie nach Egolzwil im Luzerner Hinterland gefahren, um mit einem Sozialarbeiter der Caritas Insassen der Strafanstalt Wauwilermoos einen Besuch abzustatten. Es ist der erste Montag im neuen Jahr, die ehrenamtlichen Gefangenenbesucher, alle drei im Pensionsalter, haben einen Dreikönigskuchen mitgebracht und freuen sich auf das Gespräch mit den Inhaftierten bei Kaffee, Gebäck und Mandarinen.

Besucher und Häftlinge begrüssen sich wie alte Bekannte mit dem Vornamen, das Gespräch kommt schnell in Gang. «Wie war das Weihnachtsessen?» erkundigt sich Paula Lampart. «Es gab Roastbeef, nicht schlecht, bloss war es viel zu dick geschnitten», meint der ältere Herr mit einer Golduhr am Handgelenk. Dann kommt man auf das Lawinenunglück im Diemtigtal zu sprechen. Die Häftlinge, die meisten wegen Vermögensdelikten verurteilt, interessieren sich dabei vor allem für die Frage des Risikos, das Berggänger eingehen. «Auch ich war mir des Risikos bewusst, als ich mein Ding drehte», sagt der Mann mit dem Spitzbart. «Ich wusste, welche Strafe mir drohte, wenn ich erwischt würde. Trotzdem habe ich es gemacht.» Die Besucher hingegen beschäftigt vor allem das Schicksal der verunglückten Rettungsleute: «Sie wollten helfen und bezahlten ihren Einsatz mit dem Leben, schrecklich.»

Paula Lampart macht seit zwanzig Jahren Gefangenenbesuche im «Möösli», wie die offene Anstalt im Volksmund genannt wird. Hans Dossenbach gehört seit bald zehn Jahren zum Team, und Monika Schwingruber ist zum vierten Mal dabei. Das Trio arbeitet ehrenamtlich für das von der Caritas Luzern betreute Projekt. «Primär wollen wir einfach zuhören und normal miteinander reden», sagt Hans Dossenbach. «Wir wollen den Insassen zeigen, dass es uns nicht egal ist, was im Strafvollzug läuft. Dass wir sie und ihre Probleme ernst nehmen.» Was während der zweimal im Monat stattfindenden Visite gesprochen wird, bleibt vertraulich.

Das Angebot wird zwar nur von einem verschwindend kleinen Teil der Insassen wahrgenommen. Die vier, die ­gekommen sind, schätzen jedoch das Gespräch mit den ehrenamtlichen Gefängnisbesuchern umso mehr. «Es tut einfach gut, wieder einmal andere Menschen zu treffen. Die Gespräche mit den Mitinsassen drehen sich meist um dasselbe, und mit der Zeit hat man das Gefühl, dass einem das Hirn schrumpft», sagt ein Inhaftierter. Und jener, der den ganzen Abend nichts gesagt hat, freut sich einfach über den Dreikönigskuchen und greift zum dritten Mal herzhaft zu.

Freiwilligenarbeit hat unzählige Facetten. Menschen engagieren sich in ihrer Freizeit für alles Erdenkliche, allein für Gottes Lohn. Sie fahren Behindertentaxi, wirken als Präsident eines Jodlervereins, sie stehen bei der Feuerwehr an der Spritze oder als Schiedsrichter im Regen, sie begleiten Sterbende, verwalten Vereinskassen, führen Protokolle, besuchen kranke Kinder im Spital, backen Kuchen für den Drittwelt-Basar, verteilen Flugblätter, sammeln Unterschriften. Es gibt kaum einen Lebensbereich – von der Politik über Sport bis zur Kultur –, der nicht von freiwillig tätigen Personen massgeblich mitgestaltet wird. Freiwilligenarbeit ist ein tragender Pfeiler unserer Gesellschaft; trotzdem ist sie für Medien und Politik nur selten ein Thema.

Immerhin beschäftigen sich ein paar Sozialwissenschafter und Institutionen wie die Schweizerische Gemeinnützige Gesellschaft oder das Migros-Kulturprozent mit dem Phänomen, weshalb es wenigstens nicht an statistischen Eckdaten fehlt. Gemäss dem «Freiwilligen-Monitor» aus dem Jahre 2007 engagieren sich etwa 1,5 Millionen Menschen, rund ein Viertel der Schweizer Bevölkerung, in einer Organisation, ohne dafür entlöhnt zu werden. Davon sind rund 700 000 Menschen in den Vorständen tätig – das klassische Ehrenamt. Weitere 37 Prozent der Bevölkerung leisten in einem informellen Rahmen Freiwilligenarbeit; sie helfen dem betagten Nachbarn, betreuen einen Mittagstisch oder pflegen einen kranken Verwandten.

Weit verbreitet ist die Freiwilligenarbeit vor allem in der Deutschschweiz, wo jede dritte Person in einem Verein engagiert ist; in der Romandie und im Tessin ist es nur jede fünfte beziehungsweise jede siebte Person. Auffallend auch: Ein Ehrenamt übernehmen nicht in erster Linie jene, die über relativ viel freie Zeit verfügen, sondern vor allem Personen, die aufgrund ihres Alters, ihrer Bildung und ihrer Familien- und Erwerbssituation gute Qualifikationen mitbringen. Die informelle Freiwilligenarbeit hingegen wird vor allem von jüngeren Pensionierten, Hausfrauen sowie Frauen mit Kindern geleistet.

Das freiwillige Engagement hat in den letzten 10 Jahren zwar um rund 3 Prozent abgenommen, dennoch ist das von den Volunteers geleistete Pensum immer noch enorm. Sie wenden durchschnittlich 13 Stunden pro Monat für institutionalisierte und 15,5 Stunden für informelle Freiwilligenarbeit auf. Dies ergibt ein geschätztes Gesamtvolumen von knapp 700 Millionen Stunden pro Jahr, beinahe gleich viel, wie im gesamten Gesundheits- und Sozialwesen gegen Bezahlung gearbeitet wird.

Gemeinnützige Motive spielen bei ehrenamtlichen Tätigkeiten eine zentrale Rolle. Noch wichtiger, so heisst es im «Freiwilligen-Monitor», sind jedoch «selbstbezogene Argumente wie das Zusammensein mit Freunden oder der Spass an der Tätigkeit». Gemeint ist damit der typische Vereinsmeier, der es mit seinen Kollegen einfach lustig haben will. Laut dem «Freiwilligen-Monitor» ist «Spass an der Tätigkeit» das häufigste Motiv für Freiwilligenarbeit – 80 Prozent nennen dies als Grund für ihre Tätigkeit in einer Organisation. Und 75 Prozent bekleiden ihr Ehrenamt, weil sie mit anderen etwas bewegen wollen.

Doris Müller ist eine Frohnatur und Präsidentin eines Vereins, in dem das Zusammensein besonders wichtig ist, des Velo-Moto-Clubs in Schupfart. «Unser Verein ist wie eine grosse Familie», sagt sie, «er sorgt dafür, dass in unserem Dorf immer etwas los ist.»

Schupfart ist ein kleines Bauerndorf zwischen Obermumpf und Wegenstetten im Fricktal. 750 Einwohner, 15 Vereine, doch keiner ist so populär wie der VMC Schupfart. Der bereits 1917 gegründete Verein war ursprünglich ein gewöhnlicher Veloclub, seit Jahrzehnten ist er auch als ­Organisator von Grossanlässen in der ganzen Region bekannt. Zunächst waren dies Motocrossrennen und Etappenankünfte von Velorennen wie Tour de Suisse und Tour de France. Seit 1983 ist es ein dreitägiges Rock-Country-Schlager-Festival, das mit bekannten Namen wie Deep Purple, Status Quo und Truck Stop 13 000 bis 15 000 ­Zuschauer anlockt und das ganze Dorf in eine einzige Festhütte verwandelt. Der Grossanlass wird von den Vereinsmitgliedern organisiert und durchgeführt – alles in Fron­arbeit: von der Verpflichtung der Bands über den Bau des Festzelts bis zur Verpflegung. «Alle packen an, von den 10jährigen bis zu den 75jährigen», sagt Doris Müller, «jeder der über hundert Helfer hat eine klare Aufgabe.»

Ihr Arbeitspensum für das Vereinspräsidium beziffert die 40jährige Hausfrau auf 20 bis 25 Prozent. Der Verein ist rührig, organisiert neben dem Festival auch Velotouren und Töffausfahrten, Kegelabende, Seniorenausfahrten und Autorallies. Er besitzt ausserdem ein eigenes Vereinslokal – die Wohnungen darüber sind vermietet – und ein Ferienhaus in Grindelwald. Das alles gebe schon einiges zu tun, aber dank ihrer kaufmännischen Ausbildung falle ihr die Büroarbeit nicht allzu schwer. Als sie angefragt wurde, ob sie das Präsidium annehmen wolle, musste sie nicht lange überlegen. Da könne man sich gar nicht wehren, meint sie lachend, als «Schupferter» wachse man da ganz automatisch hinein. Ihr Grossvater war bereits Präsident, ebenfalls aktiv im Verein sind der Schwiegervater, der Ehemann, die Schwägerin und die eigenen Kinder.

Während die meisten primär Spass haben wollen, sind 69 Prozent ehrenamtlich tätig, weil sie anderen helfen wollen, wobei sich eine gewisse Diskrepanz zwischen Frauen und Männern zeigt (75 Prozent gegenüber 61 Prozent).

Uschi Eichenberger ist eine aus dem Heer der vielen Frauen, meist fortgeschrittenen Alters, die sich sozial und kulturell engagieren. Die ehemalige Geschäftsfrau bekleidet im Baselbieter Städtchen Muttenz mehrere Chargen: Präsidentin des Frauenchors, Vorstandsmitglied der Interessengemeinschaft Ortsvereine Muttenz IGOM, Mitglied im Frauenverein. Der Frauenverein hat seinen Sitz mitten im Dorf und entwickelte sich in den letzten Jahren zu einem beliebten Begegnungs- und Dienstleistungszentrum. Im Gebäude befinden sich eine Brockenstube und eine Bibliothek; beide sind an diesem Nachmittag vor Weihnachten rege besucht. Im ersten Stock liegen die Büros und Besprechungszimmer. «Wir sind kein klassischer Frauenverein mit Sockenstricken und Kaffeekränzchen im Altersheim», erklärt Uschi Eichenberger. «Mit unserem Angebot versuchen wir die heutigen Familien anzusprechen, Familien in finanziellen Schwierigkeiten, mit Problemen bei der Kindererziehung.»

Im Frauenverein leitet die 64jährige Pfälzerin, selber vierfache Mutter und fünffache Grossmutter, die kostenlosen Beratungsstellen, Budget-, Mütter- und Väterberatung. Finanziert werden die Beratungsstellen aus den Erträgen der Brockenstube, aus Spenden und Gemeindebeiträgen. Man könne erstaunlich viel bewegen, hat sie festgestellt. Sich selbst sieht sie als Macherin: «Ich kenne mich in Finanzfragen aus, führe auch gerne Verhandlungen und weiss, wo Gelder eventuell zu bekommen sind. Das liegt mir – und ich kann die andern Frauen motivieren.»

Zu ihren Ehrenämtern ist die ehemalige stellvertretende Geschäftsleiterin eines mittelgrossen Unternehmens auf Umwegen gekommen. Auch in ihrem Leben gab es Brüche: Nach einem ersten Autounfall trennte sie sich von ihrem Ehemann. Nach einem zweiten orientierte sie sich auch beruflich neu. Sie fand eine Anstellung im psychosozialen Bereich, besuchte Schulungen und Kurse. «Ich suchte nach etwas, das mir mehr Befriedigung gab, ich wollte etwas ­Soziales tun.» Mit 56 entschied sie sich, nur noch ehrenamtlich tätig zu sein. «Obwohl ich heute noch an den Unfallfolgen leide, ist es mir in meinem Leben gutgegangen. Meine heutige Tätigkeit ist auch ein Ausdruck von Dankbarkeit und Freude.»

Das sagen fast alle, die im sozialen Bereich eine zweite Karriere starten. Sie wollen «etwas zurückgeben» und jene unterstützen, die mehr Mühe haben auf ihrem Lebensweg. Und so vielfältig wie ein Reisekatalog oder das Angebot der Migros-Klubschule sind die Offerten der Organisationen für Freiwilligenarbeit wie zum Beispiel Benevol. Im Mentoringprogramm Tandem helfen ehemalige Unternehmer mit ihrem Fachwissen und ihrem Beziehungsnetz Arbeitslosen bei der Stellensuche. Andere engagieren sich als «selbstlose Diener» in Serviceclubs wie Kiwanis oder Rotary gegen die Kinderlähmung, für Minenopfer und sauberes Wasser. Manch einer lanciert gar ein eigenes Hilfsprojekt.

Tani Töndury lernte 1970 als junger Assistenzarzt den König von Bhutan kennen, der im Zürcher Universitäts­spital behandelt wurde. Der König erzählte ihm, dass es in Bhutan, einem Land so gross wie die Schweiz, lediglich vier Ärzte gebe, und lud ihn zu einem Besuch ein. Der Bündner war begeistert von der Schönheit des Königreichs am Fuss des Himalayas und kam wieder. Schliesslich blieb er 15 Monate, um mit Hilfe der Bhutan-Stiftung ein erstes Spital aufzubauen. Nach der Ausbildung zum Facharzt arbeitete er als Gastroenterologe mit eigener Praxis in Zug. «Es war immer mein Plan, nach meiner Pensionierung etwas Ähnliches zu machen wie in meiner Jugend», erzählt ­Töndury.

2002 kehrte er nach Bhutan zurück, aber das Spital, das er mitaufgebaut hatte, funktionierte nicht mehr. Alles war verlottert, die Geräte kaputt. Trotzdem wollte er es nochmals versuchen, irgendwo in Asien. Nach verschiedenen Erkundungstouren entschied er sich schliesslich für Da Nang in Zentralvietnam. Ein Spital gab es dort bereits, doch lag vieles im Argen bezüglich Infrastruktur und Ausbildung. Und Magen-Darm-Krankheiten, Töndurys Spezialgebiet, sind in Vietnam äusserst häufig. Während seiner Laufbahn hatte er über 30 000 Magen- und Darmspiegelungen durchgeführt, nun wollte er seine Erfahrung weitergeben.

Um in Da Nang eine gastroenterologische Station aufzubauen und zu betreiben, gründete Töndury die Medical Da Nang Foundation MDN und trieb bei Stiftungen, Firmen und Freunden 150 000 Franken auf. Mit dem Geld konnten die notwendigen medizinischen Geräte gekauft werden. Er selber reist mit seiner Frau, die Pflegefachfrau ist, mehrmals pro Jahr nach Da Nang, um die lokalen Ärzte auszubilden. Er organisiert aber auch Ausbildungsprogramme für vietnamesische Ärzte in der Schweiz. Ins­gesamt hat er bis jetzt über 1500 Stunden für das Projekt aufgewendet, inklusive Administration. Bis 2012 soll die Abteilung ohne die Hilfe des Vereins funktionieren, aber bereits hat der 70jährige in Vietnam ein weiteres Projekt angeschoben. Es soll Halb- oder Vollwaisen unterstützen, die talentiert sind, aber kein Geld haben für ein Studium.

Nicht alle sind so selbstlos wie der Zuger Magen-Darm-Spezialist. Wie der «Freiwilligen-Monitor» zeigt, gibt es ­neben dem Spass noch weitere, durchaus eigennützige Motive. Rund 60 Prozent bekleiden ein Ehrenamt, weil sie dabei ihre eigenen Kenntnisse und Erfahrungen erweitern können. Das ist vor allem für Frauen wichtig, aber auch für junge Leute sind Vereine und Organisationen eine ideale Spielwiese, um Erfahrungen zu sammeln, von denen sie hoffen, dass sie ihnen später einmal im Beruf zugute ­kommen.

Michael Stöckli, Co-Präsident der Verbandsleitung von Jungwacht und Blauring, schätzt an seinem Amt, dass er die Zukunft des grössten katholischen Kinder- und Jugendverbandes mitgestalten kann. «Da kann ich etwas lernen, etwas mitnehmen für meine persönliche Zukunft», sagt der 29jährige. Zu seiner täglichen Arbeit im IT-Bereich ­einer mittelständischen Unternehmung gebe es da eigentlich keine Unterschiede. «Höchstens vielleicht, dass ein Fehler nicht so gravierende Folgen hat.» Er betrachtet sein Amt als ideale Führungsausbildung. Und schliesslich bringe ein Ehrenamt auch eine gewisse Anerkennung. Für 27 Prozent ist dies ein weiteres, nicht ganz uneigennütziges Motiv. Es geht auch um die Ehre, die dem Wort bereits ­innewohnt.

Franz K. von Meyenburg hat seine berufliche Karriere längst gemacht. Er arbeitete während Jahrzehnten als Investmentbanker, er sass in der Geschäftsleitung von Credit Suisse First Boston, dann wechselte er als Teilhaber in die Geschäftsleitung der Bank Sarasin. Mit 58 zog er sich aus dem operativen Geschäft zurück, um sich als Verwaltungsrat der Privatbank Maerki Baumann und als Vizepräsident im Aufsichtsgremium der Axa Winterthur strategischen Aufgaben zu widmen.

«Ich wollte mich entlasten, endlich wieder einmal selber über meine Agenda bestimmen können», sagt der heute 60jährige. Schon damals hatte er verschiedene Ehrenämter inne, in der Stiftung der Schulthess-Klinik, im Gönnerverein der Tonhalle. Nun wurde ihm auch noch das Amt des Zunftmeisters angetragen.

Der Zunft zur Meisen war der Spross eines alten Schaffhauser Geschlechts mit starken familiären Verbindungen zu Zürich von Kindsbeinen an verbunden. Er lief als Dreikäsehoch beim Kinderumzug vor dem Sechsläuten mit, als Jugendlicher wurde er bereits Mitglied. Beruflich war er oft unterwegs, er lebte in Los Angeles, London und Singapur und lernte dabei die Kameradschaft unter den «Zöiftern» umso mehr schätzen. Die Zunft zur Meisen ist eine der wohlhabendsten Zürcher Zünfte, unter ihren Mitgliedern finden sich zahlreiche Banker, Juristen und Professoren. Trotzdem, sagt von Meyenburg, habe er die Zunft nie als geschäftliches Netzwerk verstanden. Die Zunft ist für ihn eher «ein soziales Auffangnetz», in das man, egal was geschehe, immer wieder zurückkehren könne. «Die Zunft hat mir so viel gegeben an Freundschaft und Kollegialität, dass ich mich irgendwie verpflichtet und geehrt fühlte, dieses Amt zu übernehmen.»

Das Pensum bezeichnet er als «nahrhaft». Neben administrativen Aufgaben beinhaltet dieses Ehrenamt zahlreiche Repräsentationspflichten. Der Zunftmeister muss den Einladungen der andern Zünfte folgen, seine Zunft vertreten und dabei eine geistreiche, bisweilen auch polemische Rede halten. An den Veranstaltungen der eigenen Zunft, am Sechseläuten, am Martinimahl, am Ball, ist er es, der im Zunfthaus bei der Frau­münsterkirche durch den Abend führt. Eine längere Ansprache wird auch da von ihm erwartet. An einer solchen Rede, sagt von Meyenburg, feile er tagelang. Der Beifall seiner Kameraden ist für den ehemaligen Investmentbanker und heutigen Zunftmeister der höchste Lohn.

Man mag bisweilen schmunzeln, wofür sich Frauen und Männer in ihrer Freizeit engagieren – aber alle, so scheint es, sind mit grosser Begeisterung bei der Sache. Paula Lampart sagt: «Ich interessiere mich nun einmal für andere Menschen, und ein schöner Abend, der die Gefangenen für ein paar Stunden den Alltag in der Strafanstalt vergessen lässt, gibt mir einfach Befriedigung.» Doris Müller findet es einfach «das Grösste», wenn in «Schupfert» wieder einmal so richtig die Post abgeht. Und Tani Töndury sieht in seinem Hilfsprojekt in Vietnam einen sinnvollen Abschluss seiner Arztkarriere: «Ich bin nun einmal nicht der Typ, der seinen Ruhestand auf dem Golfplatz verbringt. Ich tue lieber etwas Sinnvolles.»

Gutes tun tut gut. Bei der Freiwilligenarbeit ist zwar kein Geld zu verdienen. Dafür erschliesst sich der Sinn der Tätigkeit – im Unterschied zur durchrationalisierten Arbeitswelt – fast von selbst. Auch wenn nur einer Danke sagt.

Andreas Heller ist NZZ-Folio-Redaktor.



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