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Hallo Taxi -- Ich denke über Jesus nach
Von Moritz Honert
Carlos «Charlie» Alberto Cruz Lopez, Tela, Honduras, ist 55 Jahre alt, hat vier Töchter und lebt seit 29 Jahren in wilder Ehe. Seine Hobbies sind Fussball und Baseball. Er fährt einen Toyota Corolla, Jahrgang 1992, Zählerstand 205 203 Kilometer. Die Stadt Tela hat rund 86 500 Einwohner und liegt im Departement Atlantida an der honduranischen Atlantikküste. Carlos Lopez verdient im Schnitt 6000 Lempiras pro Monat, das entspricht rund 400 Franken. Davon lebt die sechsköpfige Familie, die mietfrei in dem Haus wohnt, das Carlos Lopez Vater gebaut hat.
Wie viele Stunden pro Woche fahren Sie Taxi?
Exakt 84. Ich fange jeden Morgen um acht Uhr an und höre abends um acht Uhr wieder auf. 365 Mal im Jahr. Sogar an Weihnachten bin ich unterwegs.
Wann haben Sie das letzte Mal Ferien gemacht?
Ferien habe ich noch nie gehabt und werde ich wohl auch nie haben. Das Geld, das ich verdiene, brauche ich für den Lebensunterhalt meiner Familie.
Wie kam es, dass Sie Taxifahrer wurden?
Bis auf eine kurze Unterbrechung bin ich seit 1977 Taxifahrer. In den Jahren 1982 bis 1985 war ich Matrose, doch dann bekam ich Gastritis und musste zurück an Land. Da ich sonst nichts gelernt hatte, bin ich danach wieder ins Taxigeschäft eingestiegen.
Wären Sie nicht Taxifahrer, was wären Sie dann?
Ich wäre gern Mechaniker geworden, aber mein Vater konnte mir keine Ausbildung finanzieren. Taxifahren macht aber auch Spass und ist einfach.
Welches war Ihre längste Fahrt?
Letzten Monat habe ich jemanden zum Begräbnis seiner Mutter von Tela bis nach El Salvador gefahren. Allein der Hinweg hat neun Stunden gedauert.
Wie verhalten Sie sich im Stau?
Ich übe mich in Geduld. Ich warte und denke über Jesus nach. Manchmal ärgere ich mich natürlich, aber was bringt das?
Gibt es Fahrgäste, die Sie nie vergessen werden?
Ich habe schon so viele Menschen gefahren, dass ich mich an kaum einen bewusst erinnern kann. Ich erkenne Gesichter zwar wieder, wenn jemand zum zweiten Mal einsteigt, aber wenn die Leute aus dem Taxi sind, sind sie auch aus meinem Kopf.
Wie hoch war Ihr höchstes Trinkgeld?
Vielleicht 3 bis 6 Franken. Aber das ist selten. Touristen geben manchmal Trinkgeld, die Leute von hier nie.
Was blieb in Ihrem Taxi schon liegen?
Pakete, Koffer oder Einkaufstaschen. Ich hebe immer alles auf, damit die Leute ihre Sachen bei mir abholen können. Von den Einheimischen weiss jeder, wo er mich finden kann. Ich habe hier am Park seit 30 Jahren meinen Stammplatz.
Sprechen Sie mit Ihren Fahrgästen?
Ich richte mich da nach den Gästen. Wenn der Kunde reden möchte, dann reden wir, wenn nicht, dann nicht. Meistens dreht es sich eh nur ums Wetter.
Wie hoch war Ihre teuerste Busse?
In all den Jahren habe ich zwei Mal Bussgeld zahlen müssen. Einmal 3 Franken, einmal 6 Franken. Beide Male wollte ich abkürzen und fuhr in der falschen Richtung durch eine Einbahnstrasse.
Was macht einen guten Taxifahrer aus?
Nett sein, freundlich sein. Gute Manieren sind nie verkehrt, und wenn einem etwas nicht gehört, dann sollte man die Finger davon lassen.
Welcher ist der schönste Ort in Ihrer Stadt? Was kostet die Fahrt dorthin?
Der Strand. Inzwischen kann man da auch wieder hingehen. Noch vor sechs Jahren überfielen dort Jugendgangs die Badenden. Seit einiger Zeit hat die Polizei die Sache im Griff. Eine halbe Stunde von hier entfernt gibt es ausserdem noch einen Ort namens Colprosuma. Der ist auch sehr schön. Die Leute fahren am Wochenende zum Schwimmen und Picknicken dorthin. Die Fahrt kostet 5 Franken. Zum Strand kann man laufen.
Haben Sie Angst vor Überfällen?
Ja, Überfälle kommen immer wieder vor. Ich gucke mir allerdings meine Fahrgäste an, bevor ich sie einsteigen lasse. So ist mir noch nie etwas passiert.
Wie regeln Sie Ihre Altersversorgung?
Ich habe keine. Ich muss arbeiten, solange ich lebe. Wenn ich nicht mehr fahren kann, geben mir meine Töchter hoffentlich etwas zu essen. Ich habe aber vor, noch zwanzig Jahre zu arbeiten.
Was würden Sie tun, wenn Sie viel Geld hätten?
Ich kaufe jeden Monat ein Los. Würde ich Geld gewinnen, ginge ich nach Belize oder in die USA, um besser Englisch zu lernen. Mein Englisch habe ich ja nur von Matrosen gelernt. Ausserdem würde ich Leuten helfen, die weniger haben als ich.
Womit verwöhnen Sie sich?
Ich höre gerne den Bibelfunk im Radio, und ich mag Instrumentalmusik. Billy Vaughn gefällt mir und Klassik. Dabei schlafe ich gern ein. Die Musik von heute finde ich nicht so gut, sie macht die Menschen nur brutal und aggressiv.
Taxameter Gibt es nicht. Eine Fahrt im Stadtgebiet kostet rund 1 Franken, der Transport in die nahe gelegenen Orte San Juan, La Ensenada oder Triunfo de la Cruz kostet rund 5 Franken. Bei längeren Fahrten werden 6 Franken 70 pro Stunde berechnet.
Honduras Einwohner: 7 483 763 BIP pro Kopf: CHF 1533 Benzin: 1 l CHF 1.09 Milch: 1 l CHF 0.80 Brot: 1 kg CHF 2.53 Reis: 1 kg CHF 0.86 Coca-Cola: 1 l CHF 1.– Kinobillett: CHF 2.68 Zigaretten: CHF 1.67 Bananen: 1 kg CHF 0.49
Moritz Honert ist freier Journalist; er lebt in Berlin.
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