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NZZ Folio 02/10 - Thema: Das Ehrenamt   Inhaltsverzeichnis

Bei uns läuft was!

© Marc Renaud, Basel
«Eine Schussfahrt vom Start bis ins Ziel traue ich mir nicht mehr zu»: Seit 40 Jahren ist Niklaus Gertsch als ehrenamtlicher Torrichter am Lauberhorn im Einsatz. Linktext
Ohne ein Heer freiwilliger Helfer könnten die 27 000 Sportvereine der Schweiz nicht funktionieren – und Grossanlässe wie die Lauberhornabfahrt wären undenkbar.

Von Remo Geisser

Wenn am Lauberhornrennen der letzte Abfahrer im Ziel ist, saust Niklaus Gertsch auf den Ski in die Tiefe. Der Chef der Torrichter sammelt fliegend die Protokolle seiner Mitarbeiter ein. Diese haben die vorbeirasenden Athleten abgehakt und allfällige Torfehler vermerkt, nun halten sie weisungsgemäss ihre Zettel in die Höhe. Gertsch braust heran, stellt seine Ski kurz quer, schnappt sich die Papiere und ist schon weiter, während die Hände der Richter leer in der Luft hängen. Die Zeit drängt, denn erst wenn die Protokolle von der Jury begutachtet sind, ist das Resultat des Rennens offiziell.

Der Hundschopf, die Minschkante, das Brügg­li-S: Gertsch hat alle Schlüsselstellen ungezählte Male durchfahren. Aber den grossen Traum, einmal im vollen Tempo über die ganze Strecke zu brettern, konnte er sich nie erfüllen. Die Arbeit hatte immer Vorrang. Jetzt ist der Funktionär Niklaus Gertsch 59 und sagt: «Eine Schussfahrt vom Start bis ins Ziel traue ich mir nicht mehr zu.»

Seit mehr als vierzig Jahren ist Niklaus Gertsch als freiwilliger Helfer am Lauberhorn im Einsatz. Seine Karriere begann, als er an der Dorfschule Wengen in die Ober­stufe übertrat. Damals versammelte der Rennleiter Fredy Fuchs alle Schulkinder ab der 7. Klasse auf dem Pausenplatz und sagte ihnen: «Eure Eltern konnten euch für nur 40 Franken ein Saisonabonnement kaufen. Jetzt erwarten wir eine Gegenleistung.» Der moralische Druck wäre jedoch gar nicht nötig gewesen, die Mädchen und Buben von Wengen waren gern als kleine Helfer beim Rennen dabei.

Meist mussten sie als Kuriere abends Protokolle in die Teamhotels tragen. Aber wer Glück hatte, durfte mit einem Kanister auf dem Rücken Ovomaltine an die Helfer an der Strecke verteilen oder am Zielsprung ins Jagdhorn blasen, wenn sich ein Fahrer näherte.

Das war einmal. Inzwischen gibt es in Wengen keine Sekundarschule mehr, und auch die Realschule steht mit nur noch sieben Schülern vor der Auflösung. Zum Glück ist das Wengener Organisationskomitee nicht mehr auf die schulpflichtigen Helfer angewiesen. Aus der ganzen Schweiz kommen inzwischen die Leute, die bereit sind, für einen Skipass und ein Lunchpäckli ihre Freizeit herzugeben. 400 Freiwillige machen das jährliche Spektakel auf der längsten Abfahrtspiste der Welt erst möglich.

Was für den Grossanlass gilt, stimmt für den Vereinssport erst recht. Er könnte ohne unentgeltliche Hilfe nicht existieren. Markus Lamprecht und Hanspeter Stamm haben für Swiss Olympic die Bedeutung der Vereinsarbeit untersucht und dabei Erstaunliches gefunden: Die 27 000 Sportvereine, die es in der Schweiz gibt, beschäftigen 300 000 ehrenamtliche Mitarbeiter. Die Leistung der Freiwilligen entspricht 24 000 Vollzeitstellen mit einem Marktwert von 2 Milliarden Franken. Das ist doppelt so viel, wie die öffentliche Hand jährlich in den Sport investiert.

Die Untersuchung von Lamp­recht und Stamm wurde in der zweiten Hälfte der 1990er Jahre in Auftrag gegeben, als landauf, landab vom Vereinssterben die Rede war. Aber die Befürchtung, dass der Sportclub ein Auslaufmodell sei, bestätigte sich nicht. Zwar klagten die meisten Verantwortlichen, es werde immer schwieriger, Leute für ein Amt zu gewinnen. Doch diese Klage ist laut Markus Lamprecht nicht neu. Sie findet sich schon in Vereinsannalen aus dem 19. Jahrhundert.

Man muss die Schwierigkeiten bei der Rekrutierung von Freiwilligen auch im Zusammenhang mit der Vereinsdichte sehen. In einer durchschnittlichen Schweizer Gemeinde von 5000 Einwohnern gibt es 25 Sportclubs. Bei ihnen ist im Vergleich mit anderen Vereinen und Organisationen die Bereitschaft zum Engagement am grössten. Laut dem jüngsten «Freiwilligen-Monitor» sind 13 Prozent der Bevölkerung in Sportclubs als Freiwillige tätig.

Grossanlässe wie das Lauberhornrennen sind in diesen Zahlen nicht explizit enthalten. Doch Isabelle Stadelmann-Steffen, die am «Freiwilligen-Monitor» mitarbeitet, sagt, die Bereitschaft, sich kurzfristig zu engagieren, sei besonders gross: «Events sind im Trend.» Das bestätigt sich am Lauberhorn, wo es nicht mehr nötig ist, Druck auf die Einheimischen auszuüben, weil die Auswärtigen noch so gerne helfen.

In Wengen wurde aus dem Schüler Niklaus Gertsch ein Lehrer. Als er an die Dorfschule zurückkehrte, trug man ihm den Posten eines Torrichters an. «Das war eine Ehre, da musste ich doch mitmachen», sagt Gertsch. Dass man einen Lehrer als Freiwilligen gewinnt, ist kein Zufall. Laut Studien werden typischerweise Leute mit höherem Bildungsabschluss und Berufsstatus rekrutiert. Das ist heute, da der Sport immer professioneller wird, besonders wichtig. Am Lauberhorn hat jeder Helfer eine präzis definierte Funktion. Torrichter schauen bloss noch, ob die Fahrer bei ihnen korrekt vorbeirasen. Sie werden nicht mehr zum Schneeschaufeln oder Pistenstampfen aufgeboten, ja sie müssen nicht einmal mehr die Torstangen einsetzen, wenn diese aus dem Schnee gerissen werden. Auch dafür gibt es spezielle Helfer.

Heute ist es unvorstellbar, dass – wie in den Urzeiten der Lauberhornabfahrt – Zuschauer eine Abkürzung präparieren, vor die sie sich dann stellen, um sie erst freizugeben, wenn ein Schweizer heranrast. Wo das TV-Auge wacht, ist kein Platz mehr für Improvisation. Die Show wird nach einem Plan inszeniert, und die Helfer sollen möglichst unsichtbar sein. Ihre Nähe zu den Stars ist denn auch relativ. «Roland Collombin, Hermann Maier, Bode Miller – ich habe sie alle vorbeifahren sehen, mehr nicht», sagt der Cheftorrichter Gertsch.

Platz für Romantik hat es am ehesten noch in kleinen Vereinen. Im Trainingsraum des Boxclubs St. Gal­len hängen die Sandsäcke wie überreife Früchte von der Decke. Darunter liegen die Sportler auf dem kalten Linoleum. Die Trainerin Geraldine Brot gibt die Kraftübungen vor, und während die Muskeln der Sportler pumpen, zählt reihum einer nach dem anderen bis zehn. Schier endlos dauert dieses Programm, unter den Körpern bilden sich Schweisslachen. Doch wer nachlässt, wird scharf zurechtgewiesen.

Geraldine Brot ist buchstäblich in den Verein hineingewachsen. Ihr Vater Hugo Brot war ein in über 400 Kämpfen gestählter Amateur. Nach seiner Aktivzeit führte er während Jahrzehnten den Verein unter dem Motto: «Der Boxclub bin ich.» Die Tochter trainierte mit, musste aber die meisten ihrer Kämpfe ohne Wertung austragen, weil sie mit 16 schon 1,80 m gross war und es in ihrer Gewichtsklasse keine Gegnerinnen gab. Sie wurde die erste Punktrichterin der Schweiz, später die erste Boxtrainerin. Als der Vater mit zunehmendem Alter an Grenzen stiess mit der Administration des Vereins, übernahm die Tochter das Präsidium. Heute ist Hugo Brot 81, aber noch immer sagt die 35jährige Tochter zu ihm: «Der Chef bist du.»

Als Präsidentin, Trainerin und Organisatorin investiert Geraldine Brot rund 20 Stunden pro Woche in den Verein. Dabei geht es ihr weniger um Spitzenresultate als um die erzieherische Funktion des Boxens. 70 Aktivmitglieder zählt der Verein, nur eine Handvoll Athleten steigen ab und zu in den Ring. Die anderen kämpfen um Fitness, Selbstvertrauen, Integration. Im Training fällt auf, wie viele Sportler verwaschene T-Shirts und einfache Turnschuhe tragen. Wenn sie reden, rollen sie das R. Die meisten St. Galler Boxer haben ausländische Wurzeln. Sie alle unterwerfen sich den strikten Regeln ihres Sports.

«Boxen hat auch eine erzieherische Komponente», sagt Geraldine Brot. Als Stadtpolizistin begegnet sie ihren Vereinsmitgliedern oft auch auf der Strasse. Wer trainiert, um sich im Ausgang zu prügeln, hat jedoch im Boxclub keine Zukunft. «Jeder erhält hier eine zweite Chance – aber dann ist fertig», sagt Geraldine Brot. Das Training könne auch schwierigen Typen helfen, sich besser zu kontrollieren. Beim Boxen lerne man Disziplin und Verantwortung. «Und wer sich im Konditionstraining fast bis zum Erbrechen quält, hat es nicht ­nötig, sich in einer Schlägerei zu be­weisen.»

Geraldine Brot gehört als Frau zu einer Minderheit im Sport. Frauen sind in diesen Vereinen nicht nur als Aktive untervertreten, sondern auch als Helferinnen. Weniger als ein Drittel der Vereinsfunktionäre sind weiblich. Das hat laut dem Sozialforscher Markus Lamprecht vor allem damit zu tun, dass die Vereine die aktiven Frauen viel früher verlieren als die Männer. Diejenigen, die blieben, engagierten sich aber stark. Das könnte durchaus Signalwirkung haben. Lamprecht sagt: «Wahrscheinlich wird das Ehrenamt in Zukunft weiblicher.»

Meinrad Graf würde ihm recht geben. Wenn der 68jährige einen Fortbildungskurs des Schweizerischen Turnverbandes besucht, ist er meistens der einzige Mann unter Dutzenden von Frauen. Vor 15 Jahren sei das noch anders ­gewesen, da habe man aus politischer Korrektheit eine Quotenfrau in den Vorstand gewählt, und das war’s dann. Jetzt seien die Frauen sehr engagiert. «Die haben eine unglaubliche Power entwickelt.» Graf sieht das positiv. Die Übungen, die er in den Kursen lerne, seien zwar auf Frauen ausgerichtet, aber das sei auch für seine alten Turnkameraden recht. «Ich kann das eins zu eins übernehmen.»

Graf hat sein ganzes Leben lang Freiwilligenarbeit geleistet. Für ihn sei das eine Frage des Prinzips. «Jeder sollte einen Teil seiner Zeit zur Verfügung stellen.» Er entschied sich für den Sport, obwohl er selbst stets ausserhalb von Clubs aktiv war. Er besuchte das Fitnesscenter oder ging joggen. In den 1970er Jahren trat er dem Schwimmclub Arbon bei, obwohl er bloss leidlich brustschwimmen konnte. Wenn er ein Training gab, liess er sich zuvor von einem Fachmann erklären, worauf er da zu achten habe.

Zum Turner wurde der frühere Finanzchef eines Elektrizitätswerks erst nach der vorzeitigen Pensionierung. «Bei uns läuft was!» sagten Kollegen. Und bald stand Graf jeden Mittwochnachmittag in der Turnhalle. Ohne jemanden zu informieren, schrieb er sich irgendwann für einen Leiterkurs ein, doch weil er dabei seine Mitgliedsnummer angeben musste, landete die Rechnung statt bei ihm beim STV Arbon. Als er den zweiten Kursteil absolviert hatte, war Graf bereits in Abwesenheit zum Vorturner gewählt.

Das ist eine etwas eigenwillige Art, jemanden für ein Amt zu gewinnen, erklärt sich aber wohl mit einem typischen Rekrutierungsproblem. Interessanterweise ist im Pensionsalter die Bereitschaft zur Freiwilligenarbeit ziemlich klein. Die Menschen engagieren sich laut diversen Untersuchungen in jener Lebensphase am stärksten, in der auch die Belastung durch Beruf und Familie am grössten ist. Auch Graf hat zurückgeschraubt. Was er da als Vorturner mache, stehe in keinem Vergleich zu dem, was er einst für den Schwimmclub geleistet habe. Als ihm von den Turnern auch noch der Job des Präsidenten angetragen wurde, sagte er dankend Nein.

In der Turnhalle hat Graf seinen eigenen Stil eingeführt. «Im Halbkreis daher!» ruft er zu Beginn der Stunde ins Mikrophon, und die Senioren gehorchen. Die hätten alle noch Wehrdienst geleistet und schätzten Disziplin, sagt Graf. 30 bis 40 Männer hören sich seine Informationen an, dann wird geturnt. Der Vorturner zeigt die Übungen, die Teilnehmer machen sie nach. Fast alles geschieht an Ort, weil es sonst mit so vielen Turnern ein Durcheinander gäbe. Circuittraining oder Spiele? «Da ist der Nachmittag vorbei, bevor alle begriffen haben, worum es geht», sagt der Vorturner. Wichtig ist nicht die Action, sondern die ­Aktivität. Kraft, Beweglichkeit und Kondition tragen auch im hohen Alter zur Lebensqualität bei. Einzelne Turner sind über 80. Graf mahnt sie immer wieder: «Macht nur, so viel ihr könnt – was wehtut, ist nicht gut.»

Die meisten begreifen das. Im Seniorenturnen ist die Geselligkeit mindestens so wichtig wie der Sport. Die einen klinken sich nach einer Stunde aus, die anderen gehen direkt in die Beiz. Wenn die zweistündige Lektion vorbei ist, setzt sich auch Meinrad Graf zu den alten Sportskameraden. Man bechert, jasst und erzählt sich gegenseitig von Zipperlein und Gebresten. Wer da an den Tischen sitzt, gehört dazu.

Das Zusammengehörigkeitsgefühl spielt in Vereinen eine zentrale Rolle. Und fragt man, warum Leute wie Niklaus Gertsch, Geraldine Brot oder Meinrad Graf sich engagieren, so sind die Antworten einfach. Laut der Studie «Sport Schweiz 2000» begründen 46 Prozent der ehrenamtlichen Mitarbeiter ihren Einsatz damit, dass sie etwas für ihren Verein und die Kollegen tun möchten. Im «Freiwilligen-Monitor» sagten über 80 Prozent der Befragten: «Es macht mir Spass.» Was will man mehr?

Remo Geisser ist Mitglied der Sportredaktion der NZZ.

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