Die Verhandlungen waren zäh, die Fronten festgefahren. Am Sitz des französischen Textilinstituts in Paris debattierten Experten und Interessenvertreter um die Einheit Europas. Es wurde gefeilscht um Worte und Kommastellen, und manch einer verlor sich in langfädigen Exkursen über Beinlängen, Bundweiten, die unendlichen Variationen menschlicher Körperformen im Allgemeinen und der weiblichen Rundungen im Speziellen. Aber dann war es geschafft: Das Technische Komitee CEN/TC 248 WG 10 bereinigte den Schlussentwurf prEN 13402-3, Teil drei des Normenwerks «Grössenbezeichnung von Bekleidung», Untertitel: «Masse und Sprungwerte». Eine weitere Hürde auf dem Weg zu einer einheitlichen Kennzeichnung der Kleidergrössen war genommen.
Fast alles, was auf dem europäischen Binnenmarkt an Waren und Dienstleistungen zirkuliert, hat mittlerweile seine Euronorm. Bloss dort, wo es jeden und jede hautnah betrifft, herrscht noch immer ein heilloses Durcheinander. Auf der Hose steht als Grössenbezeichnung 29, auf dem Pullover S, auf der Jacke 4. Die Bluse hat Grösse 38, die Unterwäsche Grösse M, die Strümpfe sind eine 9 1/2 und die Schuhe einmal eine 39 und dann wieder eine 6. Hartnäckig halten sich ausserdem nationale Unterschiede. Was sich in Deutschland Grösse 38 nennt, ist in Frankreich eine 40, in Italien eine 42, in Grossbritannien eine 36 oder eine 12 und in den USA eine 8. «Es herrscht Anarchie», echauffiert sich Rolf Langenegger vom Textilverband Schweiz. «Eine Vereinheitlichung ist angesichts der globalisierten Märkte längst überfällig.»
Seit bald 20 Jahren kämpft Langenegger, ein freundlicher, distinguierter Herr, für dieses Ziel, und er hat dabei gelernt: Normenarbeit braucht Nerven, Sitzleder und eisernen Willen. 1986 beauftragten ihn die schweizerischen Bekleidungsproduzenten, die Initiative für eine Standardisierung der Grössen zu ergreifen. Er gründete eine internationale Studiengruppe, die Empfehlungen für eine Vereinheitlichung der Kennmasse erarbeitete, die sogenannte Mondoform. Die Vorschläge, so Langenegger, stiessen bei Industrie und Handel der meisten Länder auf ein positives Echo. Widerstand kam jedoch von Italien, Frankreich und Grossbritannien. Von Ländern also, die von der Mode und Produktion her gesehen alles andere als unwichtig sind. Und so blieben die Empfehlungen denn auch weitgehend wirkungslos.
1 994 unternahm das Europäische Komitee für Normung (CEN) einen weiteren Anlauf. Es setzte innerhalb der Gruppe «Textilien und textile Produkte» (TC 248) die Untergruppe «Grössensystem» (WG 1 0) ein und beauftragte diese mit der Ausarbeitung einer vierteiligen Norm, die dem babylonischen Bezeichnungsgewirr definitiv ein Ende setzen sollte. Im Gremium, ursprünglich zwölf Experten, sind heute alle EU-Mitgliedländer sowie die Schweiz mit Abgesandten der Textilbranche versammelt, dazu Vertreter von Konsumentenorganisationen und nationalen Norminstituten.
Wie immer, wenn es um Normen geht, sind handfeste wirtschaftliche und politische Interessen im Spiel: Für einheitliche Grössen lobbyieren Handelsriesen wie H & M oder C & A, globale Produzenten wie Nike oder Boss und Versandhäuser wie Otto oder Neckermann, die es müde sind, dass Ware immer wieder retourniert werden muss, weil die Grössenbezeichnung verwirrend oder unpräzise ist. Die Gegner argumentieren derweil vor allem politisch: Sie befürchten eine Einschränkung der unternehmerischen Freiheit, unnötige Reglementierungen sowie die Beschneidung nationaler Hoheiten.
Als sich das Gremium vor sieben Jahren endlich an die Arbeit machte, definierte es zunächst Masseinheiten, Messverfahren sowie die relevanten Messstrecken wie die Arm- und Beinlänge, den Brust-, Hals- und Taillenumfang. Ein Brustumfang ist demnach der «grösste horizontale Umfang, gemessen während der normalen Atmung, wobei die Person aufrecht steht und das Massband über die Schulterblätter (scapulae) , unter den Achselhöhlen (axillae) und über den am weitesten vorstehenden Teil der Brust geführt wird».
Ebenso zu den beiden ersten Teilen der Euronorm gehört die Bestimmung der primären und der sekundären Kennmasse der Kleidungsstücke. Primäre Kennmasse für den Herrn sind der Brustumfang, die Taille, der Halsumfang, die Körperhöhe; bei der Dame der Brustumfang, die Taille, die Unterbrustweite und die Körperhöhe. Sie müssen auf der Kleideretikette angegeben werden. Sekundäre Kennmasse wie der Handumfang, der Kopfumfang und die Fusslänge sind dagegen fakultativ. Das gilt auch für das Gewicht (zu messen in Kilogramm und mit der Waage !), das bloss für die exakte Zuordnung einer Strumpfhose Erwähnung findet.
Normen sind bei der Bekleidung so kompliziert, weil sie weniger irgendwelche technischen Vorschriften umfassen als Grössen, die den Menschen gerecht werden sollen. Den Menschen, die ein passendes Kleidungsstück für sich suchen. Doch die sind nun einmal stets verschieden, mal kurz, mal lang, mal dick, mal dünn. Die heute geltenden Kleidergrössen haben nur wenig mit den verschiedenen Körperformen zu tun. Der Brustumfang geteilt durch zwei ergibt bereits die Kleidergrösse für den Mann, dasselbe minus sechs jene für die Frau. Ziel der neuen Norm, so Langenegger, sei deshalb nicht nur eine Vereinheitlichung der Grössensysteme, sondern eine bessere Passgenauigkeit. «Die Kleidergrössen sollen so bestimmt und systematisiert werden, dass sie den real existierenden Körpermassen möglichst gut entsprechen.»
Die wissenschaftlichen Daten dazu liefern die Reihenmessungen, die in verschiedenen Ländern durchgeführt werden. Sie zeigen, wie sich die Statur der Menschen in den letzten Jahrzehnten verändert hat und welche Grössen den grössten Marktanteil haben. Erfolgten solche Untersuchungen früher nach Schneiderart mit dem Messband, geschieht dies heute mit Hilfe von elektronischen Bodyscannern, die ein dreidimensionales Bild jedes einzelnen Menschen produzieren, das mit dem Computer exakt vermessen und statistisch ausgewertet werden kann.
Im grossen Stil erprobt ist dieses Bodyscanning etwa in Frankreich, wo seit 2003 mit mobilen Scannern über 10 000 Personen erfasst und ausgemessen worden sind. 60 Prozent der Daten sind inzwischen ausgewertet, und sie zeigen klar, dass die Franzosen nicht mehr die gleichen sind wie vor 30 Jahren. Sie sind grösser geworden: der Mann um 6 Zentimeter, die Frau um 3 Zentimeter. Sie sind schwerer geworden: der Mann um 4 Kilogramm, die Frau um 2 Kilogramm. Ein ähnliches Bild zeigen die Reihenmessungen in Grossbritannien, in Holland sowie Pilotversuche in Deutschland.
«Die Leute werden grösser und schwerer. Bei den Frauen gibt es ausserdem eine Tendenz zur Tonnenform», sagt Elfriede Kirchdörfer vom Hohensteiner Institut in Bönnigheim, das mit den deutschen Messungen beauftragt ist. Die zusätzlichen Pfunde sind nicht auf die ganze Körperlänge verteilt, sondern konzentrieren sich um die Taille, wo die Damen rund 10 Prozent zugelegt haben. Ebenfalls zugenommen, wenn auch weniger stark, haben die Oberweiten. Das zeigen Spezialuntersuchungen wie das Forschungsprojekt «Mieder»: Betrug der Anteil der Frauen mit Körbchengrösse Cup A im Jahr 1983 noch über 50 Prozent, so hat sich dieser in der neusten Messung auf knapp 21 Prozent verringert. Die meisten Frauen tragen jetzt Cup C.
Der in Paris verabschiedete Teil 3 der neuen europäischen Grössenbezeichnung stellt auf diese Erkenntnisse ab. Er ordnet die Körpermasse – Körperhöhe, Brust-, Taillen- oder Halsumfang – einem Raster von Kennmassen zu. Ein Brustumfang von 90 bis 94 Zentimetern beim Mann entspricht so dem Kennmass 92, ein Umfang von 94 bis 98 Zentimetern dem Kennmass 96. Die Differenz zwischen den Kennmassen ist der sogenannte Sprungwert, in diesem Fall 4 Zentimeter. Ab einem Umfang von 120 Zentimetern beträgt der Sprungwert bei den Brustumfängen dann 6 Zentimeter – je grösser der Mensch, desto weniger kann er also mit perfekt sitzender Konfektionsware rechnen.
Trotzdem verbessert das neue System die Passgenauigkeit, indem es verschiedene Massgrössen in umfangreichen Tabellen kombiniert. Für Damen- oder Herrenkleider zum Beispiel errechnet sich die neue Zauberformel aus Brust- und Taillenumfang sowie Körperhöhe, für ein Herrenhemd aus Halsumfang, Armlänge und Körperhöhe. Besonders komplex ist die Sache bei Büstenhaltern, deren Körbchengrösse sich aus der Differenz zwischen dem Brust- und Unterbrustumfang errechnet. 126 verschiedene Möglichkeiten listet die Tabelle auf, für jede der 9 Körbchengrössen (von AA bis H) 14 verschiedene Körpermassbereiche. Cup H zum Beispiel ist erreicht bei einer Oberweite von 86 bis 88 und bei einem Unterbrustumfang von 60. Bei einem Unterbrustumfang von 75 reicht bei derselben Oberweite dagegen Cup AA.
Dass dann möglicherweise die Träger etwas einschneiden, war nicht Gegenstand der Diskussion. Aber hart umkämpft war das System dennoch. Die eher kleingewachsenen Südländer verlangten hartnäckig noch kleinere Sprungwerte bei den kleinen Grössen. Die Franzosen betonten die besonderen Proportionen der französischen Frau, deren Figur eben ganz à la Brigitte Bardot sei (was die Reihenmessung allerdings nicht bestätigt), und forderten ebenfalls kleinere Sprungwerte für eine möglichst ideale Passform der Damenbekleidung. Immer wieder waren auch fundamentale Bedenken zu entkräften. Die Italiener fürchten um ihre kreative Freiheit, die Briten verteidigten ein weiteres Mal ihre Masseinheit der Inches.
Als das Papier, an dem man nicht weniger als vier Jahre lang gewerkelt hatte, im letzten November endlich verabschiedet werden konnte, waren dann aber alle zufrieden – wenigstens offiziell. Mit einigem Stolz kommentiert die Arbeitsgruppe: «Die in dieser europäischen Norm angegebenen Masstabellen stellen einen ersten Versuch einer auf die Bevölkerung Europas abgestimmten Einteilung der Körper grössen dar. Aus diesen Angaben sind Grössentabellen für Bekleidung ohne Schwierigkeiten zusammenzustellen.»
Aber noch ist die letzte Schlacht nicht geschlagen. Noch harrt der vierte Teil der Norm der Verabschiedung, das Dokument prEN 13402-4, das die künftige Codierung regelt. Jedem Kleidungsstück, so ist geplant, soll ein Piktogramm sowie ein dreistelliger Code angeheftet werden. «Im Prinzip ist alles bereit», sagt Langenegger. «Das Codierungssystem liegt fertig in der Schublade.» Bis es auch Realität wird, dürfte es jedoch ein Weilchen dauern. Der Vorschlag befindet sich derzeit in der Vernehmlassung, im Herbst 2005 wird dann die Arbeitsgruppe ein weiteres Mal tagen, diesmal in Vilnius. Schliesslich muss das Normenwerk auch noch vom Europäischen Komitee für Normung gutgeheissen werden.
Ohne die Zustimmung der seit je skeptisch eingestellten Briten und der Franzosen wird das nur schwer zu erreichen sein, sagt Langenegger. «Aber ich bin immer noch optimistisch. Wenn Europa imstande war, den Euro einzuführen, sollte es doch auch mit der einheitlichen Hemd- und Hosengrösse klappen !» Im Jahre 2007 vielleicht. Oder dann halt am Sankt-Nimmerleins-Tag.
Andreas Heller ist Mitglied der NZZ-Folio-Redaktion.