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NZZ Folio 03/10 - Thema: Alles öko!   Inhaltsverzeichnis

Editorial -- Spätes Erwachen

© Yuriko Nakao/Reuters
Alles öko? Unterirdische Tomatenplantage in Tokyo. Linktext
Die Ökobewegung ist nicht mehr aufzuhalten. Was vor vierzig Jahren noch belächelt wurde, ist heute «in».

Von Gudrun Sachse

Es begann mit Vollbärten, Latzhosen und fröhlichen «Atomkraft? Nein danke»-Aufklebern auf roten Deux-Chevaux. Das Benzin war damals noch verbleit und öko zu sein nicht wirklich cool.

Dann kamen das Ozonloch, die Globalisierung, das Waldsterben, der Feinstaub und der Rinderwahn – und langsam schlich sich der Gedanke, dass da irgend­etwas schieflaufen könnte, in unser Bewusstsein. Heute essen wir biozertifizierte Äpfel ohne Angst vor Maden, und Hollywood lässt seine Helden mit dem Hybridauto vorfahren und Sprüche gegen spritfressende Hummer klopfen. Die Allgemeinheit hat sich der Ökologie bemächtigt. Öko ist «in» und damit alles, was Öko im Namen trägt: vom Ökomarketing über Ökoferien bis zum Ökotaxi.

Nach dem griechischen Wortsinn bedeutet Ökologie die Lehre vom Haus oder Haushalt. Es geht dabei um die Beziehungen der Lebewesen zu ihrer Umwelt, um ein kompliziertes Geflecht von Beziehungen, ein System gegenseitiger Abhängigkeiten, in dem die Welt als Behausung dient, die aus vielen Räumen besteht, die alle zusammen die menschliche Umwelt ausmachen. Der englische Ökologe Sir Frank Fraser Darling hoffte, dass der Mensch als beherrschendes, kluges Säugetier sich verpflichtet fühle, der niederen Kreatur zu dienen, die Welt sauberzuhalten und der Nachwelt etwas zu hinterlassen, dessen wir uns nicht zu schämen brauchten.

Die Zeiten, in denen man bedenkenlos aus dem Vollen schöpfte, sind vorbei. Was heute zählt, ist der ökologische Fussabdruck, nicht, dass man auf möglichst grossem Fusse lebt. Emissionshandel, Cradle to Cradle, Ökostrom – unter dem Leitbegriff der Nachhaltigkeit geht es darum, unseren Umgang mit der Umwelt zu verändern. Für dieses Heft haben wir einige Orte besucht, wo man sich darum bemüht, zu diesem neuen Umgang zu finden.

Gudrun Sachse ist NZZ-Folio-Redaktorin.




Leserbriefe:

Zu Editorial -- Spätes Erwachen - NZZ-Folio Alles öko! (03/10)

Zum Leserbrief von Urs Springer und seiner Aussage, Kohle und Atomstrom seien nützlicher, weil Windturbinen nur dann Strom lieferten, wenn der Wind bläst:
Doch Kohle- und Atomkraftwerke können genauso wenig den momentanen Stombedarf decken wie Wind und Sonnekraftwerke. Sie alle können nur Strom in ein Netz einspeisen, welches via Speicherwerke den Ausgleich zwischen Produktion und Verbrauch schafft. Eine in der ganzen Diskussion kaum beachtete Tatsache.
Markus Thüer, Rheinfelden



Zu Editorial -- Spätes Erwachen - NZZ-Folio Alles öko! (03/10)

Ich kann sie nur beglückwünschen zu Ihrem Mut, den Öko-Götzen in humoristischer Weise vom Altar der allgemeinen Dummheit gekickt und zurück an seinen Platz im Schrank der Ammenmärchen gestellt zu haben! Denn die Öko-Welle entpuppt sich jetzt als das, was sie ist: eine Modeströmung, die kam, überschwemmte, und jetzt langsam wieder verebbt. An den grundlegenden Problemen der Menschheit hat jedoch auch sie nicht viel verändert. Nun, vielleicht hat sie die Bevölkerung etwas mehr für die "globale Haushaltslehre" (= Ökologie auf gut deutsch) sensibilisiert und qua Kleidung und etwas Abwechslung gebracht (auch ich finde die T-Shirt und Pulli-Mode praktisch). Die Probleme der Praxis jedoch werden auch post-ökologisch nach wie vor von den Wissenschaftern und Ingenieuren gelöst, die mit Fachkenntnis und in harter Knochenarbeit (probieren geht über studieren) an der Überwindung erkannter Nachteile arbeiten. Wenn wir heute die globalen Material- und Energie-Zyklen besser verstehen und die Möglichkeit haben, sie nach und nach zu schliessen, so müssen wir dafür Wissenschaft und Technik ein Kränzchen winden; geben Sie ihnen doch auch wieder einmal die Ehre in Ihrem Folio.
Edgar Müller, Fribourg



Zu Editorial -- Spätes Erwachen - NZZ-Folio Alles öko! (03/10)

Besten Dank für das grüne Folio! Die Beiträge haben wunderbar gezeigt, wie trendy "öko" heute ist und wie vielfältig und manchmal heikel die Umsetzung von Lösungsideen ist. Vermisst habe ich in diesem Reigen die Darstellung eines Verbandes, der seit nunmehr 21 Jahren beharrlich und zielstrebig Schweizer Unternehmen auf den Pfad der Nachhaltigkeit führt: Öbu, das Netzwerk für nachhaltiges Wirtschaften ist gemäss meinem Kenntnisstand die grösste, älteste und immer noch innovativste Organisation für Ökologie in der Wirtschaft. Öbu leistet einen unschätzbaren Beitrag für die Wettbewerbsfähigkeit ihrer 360 Firmen-Mitglieder.
Boris Grell, Zürich




Zu Editorial -- Spätes Erwachen - NZZ-Folio Alles öko! (03/10)

Paul K. Driessen hat zum Thema Oeko-Imperialismus ein lesenswertes Buch verfasst, welches die Problematik der herrschenden Oeko-Welle aufzeigt. Bio-Landwirte und Grossverteiler werden nicht müde, die Vorteile von Bioprodukten anzupreisen. Die höheren Preise dieser Erzeugnisse mögen wegen des Mehraufwandes oder kleinerer Erträge begründet sein. Was mich an der Sache stört ist die Absicht, Bioprodukte generell als gesünder oder hochwertiger darzustellen oder erscheinen zu lassen als normale nach dem strengen Schweizerischen Lebensmittelrecht erzeugte Nahrung. Unsere Lebensmittel waren noch nie so gut wie heute! Fehler und Täuschungen werden leider unabhängig von der Produktionsweise immer wieder vorkommen. Noch am Ende des 19. Jahrhunderts erfolgte die landwirtschaftliche Produktion weitgehend ohne Kunstdünger und Pestizide. War das der Idealzustand? Nur war damals die Nahrungsmittelversorgung einer viel kleineren Bevölkerung unsicher. Teuerung und Hunger waren bekannte Erscheinungen. Ich glaube nicht daran, dass wir jene Zustände, so idyllisch sie uns heute scheinen mögen, wieder zurückwünschen. Ohne modernes leistungsfähiges Saatgut, Kunstdünger und Pflanzenschutzmittel inklusive Gentechnolgie lässt sich der wachsende Nahrungsmittelbedarf der Menschheit nicht befriedigen.
Hans Jordi, Braunau




Zu Editorial -- Spätes Erwachen - NZZ-Folio Alles öko! (03/10)

Ich habe Ihr Heft bisher immer mit Freude gelesen und mich über die gute Qualität gefreut. Nun kommt eine Ausgabe zu einem Thema, mit dem ich mich seit 10 Jahren beruflich beschäftige - und enttäuscht mich schwer: Ihre Journalisten schreiben einseitig, falsch und reisserisch (Beispiele folgen).
Beispiel 1: Unter Strom, S. 28 Gemäss Herrn Schenk bringt sein Wechsel zu Ökostrom in Zürich nur den Fischen etwas, aber dem Klima nichts. Wer aber in Bern oder Aarau auf Ökostrom wechselt, so der Autor, kann mehr für die Umwelt bewirken. Nun ist es aber so, dass nicht nur in Bern oder Aarau ein Grossteil des Stroms aus Kernkraft stammt, sondern auch in Zürich. Damit bringt der Wechsel zu Ökostrom auch in Bern oder Aarau nur den Fischen etwas (und natürlich den Elektrizitätswerken, die in Ihrem Heft so fleissig inserieren). Zu erwähnen wäre noch, dass Atomstrom zwar Sicherheitsrisiken bei Betrieb und Entsorgung birgt, aber dem Klima eben auch überhaupt nicht schadet: Die CO2-Emissionen beim Abbau von Uran sind nämlich verschwindend gering im Vergleich zu den Emissionen aus dem Betrieb von Gas- und Kohlekraftwerken.
Beispiel 2: Unter Strom, S. 30 In Deutschland liefern Windturbinen 8 Prozent des Stroms, in Spanien schon 14 Prozent. Der Rückstand der Schweiz lasse sich nicht mit dem Wetter erklären, der Grund sei ein politischer, schreibt der Autor. Das ist natürlich Unsinn. In Deutschland und Spanien stehen die Windparks an der Küste, wo etwa doppelt so viele Windstunden gezählt werden wie an guten Standorten in der Schweiz. Die Gründe für den Boom in Deutschland und Spanien sind eben sowohl die dortigen Windverhältnisse als auch die politisch gewollte Förderung. Interessant wäre in diesem Zusammenhang, dass Atom- oder Kohlestrom wesentlich nützlicher sind als Windstrom, weil Windturbinen nur dann die Versorgung sichern, wenn der Wind auch bläst.
Beispiel 3: Klimahandel Marcel Hänggi stellt den zugegebenermassen komplizierten Emissionshandel korrekt und anschaulich dar. Aber er vergisst bei aller Detailkritik, auf den Hauptvorteil und einzigen Daseinszweck des Emissionshandels hinzuweisen: Dank dem Emissionshandel in der EU hat CO2 heute einen Preis! Man kann getrost der Ansicht sein, CO2-Steuern seien das bessere Instrument, aber wo in der Welt gibt es sie denn heute (und woher weiss der Staat, wie hoch die CO2-Abgabe sein soll)? Dank dem EU-Emissionshandelssystem fahren seit 5 Jahren Unternehmen wie das SW Bremen ihre Kraftwerke herunter, wenn ein effizienteres Kraftwerk den gleichen Strom billiger und mit weniger CO2-Emissionen erzeugen kann. Auf der letzten Seite dann die grössten Fehler: Theoretisch sollte der Emissionshandel irgendwann von allein schrumpfen, schreibt Hänggi. Das stimmt wohl, aber erst, wenn niemand mehr eine Tonne CO2 ausstösst -- dann hat sich das Instrument selber überflüssig gemacht. Es wird aber sicher nicht passieren, weil sich die Grenz(vermeidungs)kosten annähern; das steht so sicher in keinem Lehrbuch. Der Hinweis auf die vermeintlich nächste Blase ist, mit Verlaub, reiner Populismus. Die Quelle, Rolling Stone Magazine, ist auch nicht gerade bekannt für Wirtschaftsjournalismus.
Urs Springer, per E-Mail




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